Tag: Ausstellung

Außenansicht der Uffizi Gallerie in Florenz zum Artikel Übersetzungsapps in Museen

Die Kunst der Sprache:
Übersetzungsapps in der Uffizi Galerie

Es ist August und wie jedes Jahr lockt die Toskana Touristenmassen aus aller Welt an. NeoAvantgarde war mit dabei und hat neben imposanter Kunst und leckerem Wein auch neue Übersetzungsapps entdecken können.

Ein Besuch in der Galerie der Uffizien

Es ist 8 Uhr, die Uffizi Galerie in Florenz soll in 15 Minuten öffnen. Der Innenhof ist bereits gefüllt mit zahlreichen Touristen aus aller Welt, Militär und einigen Mitarbeitern, die versuchen, schon mal etwas Ordnung zu bringen. Eine Sicherheitskontrolle und eineinhalb Stunden später bin ich drin. Gemeinsam mit den Massen ströme ich in die mit Gold verzierten Hallen der Galerie. Von ihren Wänden schauen die Ahnen der Medici-Familie auf einen herab. Los geht es im zweiten Stock, hier wird sich von oben nach unten gearbeitet. Die bekanntesten Künstler Italiens und der Welt hängen und stehen hier teilweise auf engstem Raum. Zu den Stars der Ausstellung gehören Botticelli’s Venus, der Medici-Liebling Michelangelo, Leonardo da Vinci und Caravaggio. Die Leute drängen sich mit ihren iPads, iPhones und Spiegelreflexkameras vor die Meisterwerke um diese festzuhalten: Für sich und ihre Facebook-Profile. Es ist fast eine Art Hobby von mir geworden, in Museen und Galerien nicht nur die Werke zu betrachten, sondern auch die Besucher zu beobachten. Neben einfarbig angezogenen Hipstern und Prada-Intellektuellen gab es auch einige asiatische Reisegruppen.

Übersetzungsapps in einem Museum – das neue Zeitalter der Kommunikation

Vor der besagten Venus von Botticelli konnte ich deshalb beobachten, wie eine Frau aus Korea ihr Smartphone zückte und es auf den Erklärungstext neben dem Bild hielt. Wir dachten zunächst, dass sie (wie erstaunlich viele Besucher) nun den Text abfotografiert. Dann bemerkte ich allerdings, wie sich der eingescannte Text auf dem Bildschirm ihres Smartphones, Zeile für Zeile in koreanische Schriftzeichen verwandelte. Am Ende eines jeden Satzes stellten sich die Satzzeichen dann in die (scheinbar) richtige Reihenfolge um. Sowas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Ich starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Die App erkennt die Wörter und kann sie dann sinngemäß umstellen und richtig übersetzen. Einen ähnlichen Moment hatte ich in Rio, wo mir die Google-Sprach-App gezeigt worden ist. Diese erkennt das gesprochene Wort und gibt es dann in der gewünschten Sprache durch den Lautsprecher wieder. So steht dem Turm zu Babel heute wohl nichts mehr im Wege.

Solltet ihr demnächst auch mal auf eine internationale künstlerische oder kulturelle Erkundungstour gehen, dann geben wir euch folgende Apps mit an die Hand:

Mehr als nur Übersetzungsapps

Korean Talking Translator

Es klingt zwar so, als würde die App Korean Talking Translator nur koreanisch übersetzen, tatsächlich erkennt sie aber über 30 (Fremd)Sprachen. Zwischen ihnen lässt sich intuitiv und schnell wechseln. Außerdem ist eine Spracherkennung und Grammatikkorrektur integriert. On top gibt es immer ein Wort des Tages, wobei einem täglich aus jeder Sprache ein neuer Begriff, inklusive Beispielsatz, vorgeschlagen wird. Trotz kleinerer Übersetzungsmängel bei einzelnen Worten, ist diese Anwendung alles in allem eine umfassende und praktische Möglichkeit, fremdsprachliche und besonders auch umfassende Texte schnell und einfach entziffern zu können.

Scanner- & Übersetzer-App

Die App Scanner & Übersetzer kommt bereits in ihrem Namen auf den Punkt: Sie scannt via Foto alle gedruckten Schriftstücke mit Textbausteinen. Dies können zum Beispiel Dokumente, Urkunden, Bücher, Schilder oder Anleitungen sein. Die Worte werden dann automatisch erkannt und je nach Wunsch in eine von 90 Sprachen übersetzt.

Wie speziell für Museen entwickelte Apps einen Galeriebesuch nicht nur erleichtern, sondern auch highlighten, könnt ihr in unserem Artikel „Galerie to go: Wenn Museen digital gehen“ nachlesen.

Die West Side Gallery Berlin:
Video- und Bildkunst auf 229 Metern Mauer

Die Berliner Mauer im August 2017: Auf der einen Seite Selfiestangen und hüpfende sowie posende Instagramfanaten vor bunten, aber gesellschaftskritischen Kunstwerken der East Side Gallery. Auf der anderen Seite: Eine angenehme Ruhe und ein paar Interessierte, die sich Zeit nehmen, die neue Open-Air Galerie zu bestaunen. Seit Sonntag bespielt der deutsch-amerikanische Künstler Stefan Roloff mit der Installation „Beyond the Wall – jenseits der Mauer“ die West Side Gallery.

Aufnahmen einer Kleinbildkamera im Mauer-Format

Roloff zeigt auf 229 Metern Mauer Szenen aus Filmaufnahmen des DDR-Grenzgebietes sowie Zeitzeugenberichte in reliefartigen Porträts. Dem rbb sagte Roloff: „Ich will keine historische Darstellung der DDR machen, sondern ich will zeigen, was es heißt, eine Mauer zu bauen, Menschen voneinander abzugrenzen und gegeneinander aufzuhetzen und einzusperren“. Die Sequenzen hat der Künstler im Jahr 1984 selbst gedreht. Damit sind sie einige der wenigen Aufnahmen, die, von der Westseite aus, den Todesstreifen im Osten dokumentieren. Ursprünglich wollte der Künstler mit einer einfachen Kamera Alltagsszenen an der Mauer festhalten: “Grenzer patrouillierten wie Raubtiere, Kinder hatten sich auf dem Schulweg verlaufen, ängstliche Rentner trauten sich nicht, sich der Mauer zu nähern“. Die Standbilder der damals qualitativ minderwertigen Kleinbildfilme sind in Originalgröße sehr klein. Die Videostills aus den 80ern wurden deshalb durch eine spezielle und eigens entwickelte Technik gigantisch vergrößert.

West Side Gallery: Schicksale gekonnt inszeniert

Zwischen den Szenen werden SED-Opfer in drei verschiedenen Sprachen zitiert, welche ihre Erfahrungen und Erlebnisse von Flucht und Verhaftung teilen. Darin geht es unter anderem um gescheiterte oder gelungene Fluchtversuche mit Ballon und Boot bei Wind und Wetter, eine Haft mit mehr als 20 Insassen in einer Zelle, darunter auch NS-Verbrecher und eine junge Frau erzählt, wie sie sich durch eine Langhaarfrisur verdächtig machte. Markante Aussagen wie “es hieß, ich hätte Damenunterwäsche geklaut. Zu fetischistischen Zwecken”, wurden dabei in Silhouetten der Zeitzeugen platziert. Die Installation verweist via Links auf die entsprechenden Videointerviews. Der Künstler kommentiert die Wirkung dieses Zusammenspiels von vergrößerten Aufnahmen und künstlerisch eingebetteten Umrissen: „Es entstand ein Effekt, der von Nahem malerisch, aus der Entfernung fotorealistisch erscheint.“

Eine Mauer, die auch heute noch zwei Seiten zeigt

So wie die Betonwand bereits damals Welten teilte, können Besucher interessanterweise auch heute einen Unterschied zwischen der Touristenattraktion East Side Gallery und der historischen und nachdenklich inszenierten Installation auf der Westseite wahrnehmen. Auf der einen Seite versperren zahlreiche Touris den Weg und posieren mit Selfiesticks und Co.. Der Bürgersteig ist selbst zur Mittagszeit so überlaufen, dass sich die Fotografen nicht nur gegenseitig im Wege, sondern auch im Bilde stehen. Auf der anderen Seite ist weniger los. Dafür bleiben die Leute stehen und halten inne. Sie lesen, nehmen wahr und beschäftigen sich mit den Inhalten.

Pionier der digitalen Foto- und Videokunst

Der Künstler Stefan Roloff hat an der Hochschule der Künste Malerei studiert und wird als Pionier der digitalen Foto- und Videokunst bezeichnet. In seinen Arbeiten nutzt er häufig Motive aus der deutschen Geschichte. Das Projekt wird noch bis zum 09. November gezeigt – natürlich for free.

Einen Vorgeschmack gibt es in unserer Galerie!

Die Installation „Beyond the Wall – jenseits der Mauer“ des Künstlers Künstler Stefan Roloff

Museen digital: Smartphone wird vor Gemälde gehalten

Galerie to go: Wenn Museen digital gehen

Verstaubt, langweilig, unnahbar und anspruchsvoll – so empfinden viele Menschen einen klassischen Museumsbesuch. Doch was passiert, wenn Galerien mit digitalen Erweiterungen arbeiten? Wenn sich Nutzer online zuschalten und historische Umgebungen virtuell betreten können? Immer mehr Museen und Kooperationspartner setzen auf neue digitale Erlebnismöglichkeiten. Sie bieten Apps, welche den Besuchern durch Bilderkennung, zusätzliche Infos, Videos und Interaktionen einen spielerischen Zugang zur Kunst eröffnen. Wir geben Euch Einblicke, wie Museen digital performen können.

Smartify – das Shazam für Museen und Kunstwerke

Museen digital: App auf dem Smartphone wird vor ein Kunstwerk im Raum gehalten
SMARTIFY ‘Black Shed Expanded’ by Nathaniel Rackowe, Sculpture in the City 2017

Die Anwendung Smartify funktioniert ähnlich wie die beliebte Musikerkennungs-App Shazam. Sie erkennt Kunstwerke auf Fotografien. Das funktioniert nicht nur im Museum. Wer auf der Straße ein interessantes künstlerisches Objekt entdeckt, vielleicht eine Statue oder eine Installation, der zückt die App und kann mehr erfahren. Die Software analysiert das geschossene Foto und liefert Zusatz-Informationen wie Größe, Jahr der Erstellung, Name, Details zum Autor, spannende Zusammenhänge, Audio- und Video-Kommentare der Museen und vieles mehr. Die Lieblings-Kunststücke können dann auf dem Smartphone in einer Art „Galerie to go“ gespeichert und bei Bedarf geteilt und kommentiert werden. Den Bewertungen einiger Nutzer zufolge, hapert es allerdings noch hier und da mit der technischen Funktionalität. Dies können wir bestätigen: Scan-Proben dauerten lange, oft ohne Ergebnis. Vielleicht liegt es daran, dass noch nicht viele Kunstwerke erfasst sind. Laut Hersteller will man zukünftig das künstlerische Netzwerk ausbauen und mit mehr Museen kooperieren. Vielleicht klappt dann auch die Bilderkennung besser.

Altes Handwerk und neuen „Homo Virtualis“ erleben

 

A post shared by Maria (@maria_che) on

Eine digitale Anwendung zur Bilderkennung gibt es jetzt auch in Russland. Die Tretyakov Gallery und das Pushkin Museum of Fine Arts integrieren eine neue App, welche die Kunstwerke digital erfasst und bei einem Besuch zusätzliche Infos liefert. Die Besonderheit hierbei ist es, den Entstehungsprozess der Werke virtuell zurückverfolgen zu können. So gibt es beispielsweise Vorher-/Nachher-Bilder von Restaurationen. An welcher Stelle des Werkes wurde Hand angelegt? Wo saß der erste Pinselstrich?

Im Pushkin Museum of Fine Arts widmet sich zur Zeit auch die Recycle Group der Digitalisierung unseres Lebens. “Homo Virtualis” heißt die Ausstellung, die dort noch bis zum 20.08. zu sehen ist. Die Künstler nutzen die Erweiterte Realität (augmented reality) und vollenden ihre Werke im Digitalen. In den Ausstellungsräumen sind Skulpturen zu sehen, die zunächst an die Werke alter Künstler erinnern. Jedoch bestehen die Objekte aus den modernen Materialien Polyurethane und Plastik. Sie sind sehr abstrakt, minimalistisch und meist einfarbig. Hält der Besucher die dazugehörige App vor das Werk, so verändert sich die Skulptur und wird virtuell erweitert. Körper werden komplettiert und beispielsweise im Stil einer Wärmebildkamera eingetönt. Der „homo virtualis“, ein digitales menschliches Gerüst, erscheint in typischer Smartphone-Pose. Mit der Verbindung von alten Darstellungsweisen und neuen Materialien sowie Techniken, wollen die Kuratoren zeigen “how art perception has been transformed in the age of mass media and social media”.

Städel Museum: Digitale Zeitreise in das Jahr 1878

Das Städel Museum in Frankfurt am Main ist, in Sachen digitaler Kunstgeschichte, ebenfalls ein Vorreiter. Auch hier besteht die Möglichkeit, sich den Museumsbesuch via App mit informativen und multimedialen Funktionen zu erleichtern. Favoriten können gespeichert und Themenlisten durchsucht werden. Das Museum sieht in der digitalen Erweiterung die Chance für „völlig neue Wege der Erforschung, Darstellung, Erzählung und Vermittlung von Kunst”. Für den Grimme Online Award nominiert ist der kostenlose Online-Kurs „Kunstgeschichte online – der Städel Kurs zur Moderne“ . Die Entwickler versprechen einen unterhaltsamen und neuartigen Einblick in die Kunstgeschichte. Er integriert Hintergrundinformationen zu Werken, Künstlern, Stilen, Filmen und historischen, kulturellen sowie politischen Zusammenhängen von 1750 bis heute.

Wie sah eine Galerie früher aus? Wie wirkte die Architektur auf die gezeigten Werke? Mit einer kostenlosen Virtual-Reality-Zeitreise- App, können Besucher außerdem die Museumsräume und ihre Vergangenheit erleben. Die historischen Sammlungsräume von 1878 sind via 3D Grafik und Virtual-Reality-Brille virtuell begehbar. Wenn Museen digital gehen, fehlt es oft noch an perfektionierter Technik und dadurch an virtueller Authentizität. Die Ideen machen aber Lust auf mehr.

Titelbild: @SMARTIFY  ‘The Laughing Cavalier’, The Wallace Collection

Pussy Riot Anhänger vor Gerichtsgebäude in bunte Kleidung verhüllt; Bild zum Artikel über immersives Theater - die Geschichte der Band

In ein russisches Gefängnis eintauchen:
Pussy Riot – Geschichte als immersives Theater

Sich für einen Moment in die Lage eines russischen Regimekritikers versetzen, in der Kirche vor einem Altar protestieren, vor Gericht angeklagt und in ein russisches Gefängnis eingesperrt werden – das alles könnten die Besucher durch ein geplantes immersives Theater bald hautnah miterleben. Die Kreml-kritische Punkband Pussy Riot möchte dem Publikum ihre Geschichte erlebbar machen und konzipierte ein immersives und experimentelles Theater-Projekt mit dem Titel „Inside Pussy Riot“.

Politische Kritik durch immersives Theater

Die Band ist für ihre regimekritischen Auftritte bekannt. Insbesondere das Punk-Gebet in einer Moskauer Kirche sorgte 2012 für weltweite Aufmerksamkeit. Pussy Riot protestierte dabei vor dem Altar gegen die Allianz von Kirche und Staat. Die Aktion kostete die Bandmitglieder zwei Jahre Haft. Die Frauen wurden jedoch vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Nach ihrer Inhaftierung kritisieren sie die dort vorhandenen schlechten Lebensbedingungen für Frauen und plädieren für einen humaneren russischen Strafvollzug. Mit einem immersiven Theaterstück möchte die Band nun zeigen, “was es bedeutet in Russland Regimekritiker zu sein“ – so Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa. Den Frauen ist es ein Anliegen zu verdeutlichen, warum es so wichtig ist, die eigenen Freiheiten zu schützen. Dies erzielen sie, indem sie ihre Erlebnisse mit den Zuschauern ungeschönt teilen: „Wir nehmen euch mit auf eine Reise, die vom Kirchenaltar bis in die Tiefen des Kremls selbst führt. Hoffentlich ist das eine Reise, die ihr nur einmal in eurem Leben machen müsst“.

Sich wie ein Angeklagter und Gefangener fühlen

Die Immersivität des Stückes, also die Partizipation des Publikums, wird weniger durch die Technik als durch eine Live-Performance erzeugt. Die in kleine Gruppen aufgeteilten Zuschauer werden in den nachgestellten Umgebungen, basierend auf den Erfahrungen der Band, wie russische Regimekritiker behandelt – inklusive Prozess im Gerichtssaal und Inhaftierungen in einsamen Gefängniszellen. Die Band erhofft sich durch die neue Plattform und die damit verbundene Abkehr von einer rein passiven Rezeption, ihre Anliegen in neue Dimensionen heben zu können:  “What if we combined the aesthetic effect of the immersive theater with our activist approach? Could it actually enhance our political agenda?”.

Auf, statt vor der Bühne

Inspiration holten sich die Mitglieder bei konzeptionellen Künstlern, wie Ilya und Emilia Kabakov, welche dem westlichen Publikum sowjetische, kommunale Lebensbedingungen aufzeigten. Auch der Künstler Ai Wei Wei und die Nachstellung seiner Gefangenschaft, gaben den russischen Musikerinnen Impulse für ein derartiges Projekt. Nicht zuletzt war das immersive Theaterstück ‚Sleep No More‘ aus New York eine große Inspirationsquelle. Bei dieser Aufführung fällt eine klassische 4-Wand-Raumaufteilung weg und der Zuschauer bewegt sich spielerisch in und mit den Kulissen.

Die interaktive Darstellung „Inside Pussy Riot“ soll gemeinsam mit der Theatergruppe Les Enfants Terribles entstehen und im November in der Saatchi Gallery in London aufgeführt werden. Das Projekt kann auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter unterstützt werden. Von den erhofften 60.000 Pfund, kamen bis jetzt 38.347 Pfund zusammen. Inwieweit die realen Bedingungen durch immersives Theater nachgestellt und nachempfunden werden können, bleibt abzuwarten. Die Idee klingt in jedem Fall spannend.

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017

Documenta 2017: Eine digitale Schachpartie
zwischen Athen und Kassel

Schachmatt – heißt es auf der Documenta 2017. Zum ersten Mal findet die Ausstellungsreihe in zwei Städten statt – Kassel und Athen. Wir berichteten bereits darüber. Der Künstler Bili Bidjocka thematisiert diese Aufteilung spielerisch in seinem Werk “The Chess Society”. Darin lässt er die Städte in einer Schachpartie gegeneinander antreten. Auch ihr könnt mitspielen, denn: Das Duell ist webbasiert.

Ein Flop unter dem Weihnachtsbaum

Bili Bidjocka ist ein zeitgenössischer Künstler, der für seine Skulpturen und Installationen bekannt ist. Geboren ist er in Kamerun, aufgewachsen in Frankreich – wo er auch heute noch arbeitet. Darüberhinaus hat es den Künstler nach Brüssel und New York verschlagen. Einige seiner Werke stellte er bereits im „New Museum of Contemporary Art“ aus. Bili Bidjocka kam schon früh und zunächst unfreiwillig mit dem Strategiespiel in Verbindung. Die Überraschung und Enttäuschung war groß, als er und sein Bruder in Kindertagen ein Schachspiel als Weihnachtsgeschenk erhielten. Sie kannten weder die Regeln, noch wussten sie so recht etwas anderes damit anzufangen. Doch die beiden freundeten sich zunehmend mit einem Match an und spielten hin und wieder eine Partie. Das digitale Schach-Kunstwerk widmet Bili Bidjocka seinem Bruder.

Die Installation einer virtuellen Schacharena

Den Eröffnungszug der Kunstausstellung, im Rahmen der Documenta 2017, durfte Athen setzen. Dort ist die Installation mittlerweile beendet. In Deutschland kann das Duell nach wie vor in einer Industriehalle auf dem Gelände der Universität Kassel bestaunt werden. Die Installation setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Auf einem Vorhang aus Fäden ist zu lesen: “J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage“ (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann). Hinter dem Schleier verbirgt sich ein abgedunkelter Raum mit einem tiefschwarzen Wasserbecken. In dessen Mitte wird ein gigantisches Schachspiel projiziert. Es scheint, als würde das Brett auf der Wasseroberfläche schweben. Wer den Prozess live vor Ort nicht nur beobachten, sondern selbst in den Genuss einer Partie kommen möchte, kann sich in einem abgetrennten Bereich an echte Schachbretter setzen.

Documenta 2017: Online-Demokratie am Zug

Das digitale Spielfeld speist sich aus den virtuellen Zügen, die Nutzer aus Athen und Kassel, beziehungsweise Griechenland und Deutschland, auf der Website von “The Chess Society” bestimmen. Alle 24 Stunden hat man die Möglichkeit, den nächsten Zug anzubieten. Die finale Handlung richtet sich dann – ganz demokratisch – nach der Mehrheit der Vorschläge. Die bisherigen Sätze und Ergebnisse sind ebenfalls im Internet einsehbar. Zusätzlich können sich die Nutzer austauschen und das Spiel in einem Chat kommentieren. Runde eins hat Athen gewonnen. Das zweite Match endet heute. Also haltet Euch ran und entscheidet die aktuelle Partie für Kassel.

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017
Bili Bidjocka, The Chess Society J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke

 

Installation The Chess Society Schachbrett in Bonn
Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage
(Ich glaube, es gibt eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen Schwarzen, der putzt), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA) – Pireos-Straße („Nikos-Kessanlis“-Ausstellungshalle), documenta 14 © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Stathis MamalakisBead curtain, chess board, chess tables, chairs, chess pieces and clocks, web-based game

 

Titelbild: @Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke

Lichterkette-Berlin-Events

Die Top 5 Berlin Events im August

Die Tage werden wieder kürzer, draußen herrscht Dauerregen und ehe man sich versieht ist  der Spätsommer am Start. Als sei dies noch nicht genug, befinden wir uns mitten im berühmten Sommerloch. Was treiben wir jetzt, wo Theater und Co. eine Pause einlegen? Keine Zeit zum Trübsal blasen: Wir haben Euch die besten Berlin Events in Sachen Kunst und Kultur im August zusammengetragen – gute Laune garantiert!

Tanz im August: TALOS

TANZ IM AUGUST ist ein Internationales Festival des zeitgenössischen Tanzes, welches vom 12. August bis zum 4. September stattfindet. Das umfangreiche Programm spielt sich auf zahlreichen Bühnen in unterschiedlichen Locations ab.

Im Rahmen des Festivals wird das Solo TALOS uraufgeführt. Darin beschäftigt sich der israelische Choreograf Arkadi Zaides mit Migrationsbewegungen, sowie der Zukunft der Grenzen. Die Darstellung bezieht sich auf das EU-geförderte Technologieprojekt “TALOS”. Dies ist ein mobiles Robotersystem, das einen illegalen Grenzübertritt erkennen und verhindern soll. Der Choreograf und sein interdisziplinäres Team verdeutlichen mithilfe von Interviews, Filmmaterial und Dokumenten die Auswirkungen des Konzeptes und werfen dabei ethische Fragen auf.

Wann? 30. August – 02. September Wo? Haus der Berliner Festspiele

Zum Facebook-Event

Das Pop-Kultur Festival

Bei dem internationalen Pop-Kultur Festival, einem Projekt der Musicboard Berlin GmbH, ist der Name Programm. In der Kulturbrauerei werden über 70 Konzerte, DJ-Sets, Ausstellungen, Installationen, Talks und Filme rund um die Themen Popkultur und Popmusik stattfinden. Den Veranstaltern ist es wichtig, neue experimentelle Produktions-, Arbeits- und Aufführungspraktiken sowie Performances zu integrieren. Unter den Künstlern befinden sich auch viele Newcomer.

Wo? Berlin Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin 

Wann? 23. August – 25. August; 18:00 Uhr – 06:00 Uhr 

Wer? u.a. Alexis Taylor (Hot Chip), Komponistin Anna Meredith, Entertainer Erobique, Liars, Newcomerin Ilgen-Nur, Grime-Queen Lady Leshurr, Mercury-Music-Prize-Träger Young Fathers

Zum Facebook-Event

Klunkerkranich: Berlin Sessions X

In der Hoffnung auf eine laue Sommernacht, veranstaltet Klunkerkranich die sechste Fortsetzung der musikalischen Reihe Berlin Sessions X. Mit einem Drink in der Hand und guter Musik im Ohr kann der Ausblick über die Hauptstadt genossen werden. Voraussetzung: Das herbeigesehnte Ende der Berliner Sintflut-Tage sowie Sommer, Sonne,  Sonnenschein!

Wo? Klunkerkranich, Karl-Marx-Str. 66, 12053 Berlin

Wann? 23. – 24. August, 16:00 Uhr – 02:00 Uhr 

Wer? Lion Sphere, Unknown Neighbour and Påla

Zum Facebook-Event

20 Jahre Lange Nacht der Museen

80 Museen, 800 Events, 1 Ticket – die lange Nacht der Museen ist jedes Jahr aufs Neue ein Highlight des Berliner Kultursommers. Auch in anderen Städten und Ländern öffnen sich für eine Nacht die Türen dieser kulturellen Orte – inklusive spannender Aktionen, Führungen, Darbietungen sowie musikalischer Untermalung. Und wo wurde die Idee vor 20 Jahren erfunden? Na klar, in Berlin. Anlässlich dieses Jubiläums steht die Veranstaltung 2017, vom 19. – 20. August, unter dem Motto „Made in Berlin“. Passend dazu ist das Programm in diesem Jahr von berühmten Berliner Persönlichkeiten sowie Erfindungen geprägt und zeigt den Facettenreichtum der Stadt. Die Initiatoren versprechen Eindrücke “von Karl Friedrich Schinkel bis Käthe Kollwitz, von Marlene Dietrich bis Uli Richter, von KPM bis Currywurst”. Für Filmliebhaber lohnt sich außerdem ein Besuch der Open-Air-Filmreihe mit Künstlerporträts im schönen Hof des Podewils in Berlin-Mitte.

Die Anfahrtswege dürften ebenfalls kein Problem darstellen: Nachtschwärmer können mit dem Eintrittsticket alle öffentlichen Verkehrsmittel, inklusive extra eingesetzter Shuttles, nutzen. Die Website der Langen Nacht hilft bei der Vorbereitung eines Besuches. Dort kann nach Zeiten, Veranstaltungen, Museen, Themen und vielem mehr gefiltert und so eine persönliche Route zusammengestellt werden. Die Tickets sind seit kurzem erhältlich. Bis zum 07. August gibt es das Ticket sogar zum Sparpreis.

Zur Website – Lange Nacht der Museen

Die UFA Filmnächte

“Kinogeschichte unter freiem Himmel mit Live-Musik” heißt es bei den UFA Filmnächten im August 2017. Zum siebten Mal zeigen Bertelsmann und UFA vom 22. bis zum 25. August 2017 teils rekonstruierte und digitalisierte Kino-Klassiker der Stummfilmzeit mit musikalischer Live-Begleitung – inklusive Orchesterbühne, DJ und Großleinwand. Eingebettet in den historischen Veranstaltungsort, dem Kolonnadenhof des Weltkulturerbes Museumsinsel, wird die Filmnacht so zu einem ganz besonderen kulturellen Ereignis. Anlässlich des 100sten Jubiläums der UFA wird außerdem der neuere Kinoerfolg “Der Medicus” von 2013 vom Neuen Kammerorchester Potsdam bespielt. Jeder Film wird von einem prominenten Paten aus der Branche eingeführt. Der Ticketvorverkauf läuft bereits. Wer am Eröffnungsabend nicht dabei sein kann, hat die Möglichkeit, das Event live und online auf arte zu verfolgen.

Wo? Kolonnadenhof der Museumsinsel Berlin Wann? 22. – 25. August, Einlass jeweils um 20:30 Uhr

Bild der Selfie Ausstellung London

Von Rembrandt bis Kardashian:
Eine Selfie Ausstellung

Selfies umgeben uns tagtäglich. Selbst wenn wir keine schießen, sehen wir zumindest an jeder Ecke immer wieder einen Smartphone-Besitzer in typischer Selfie-Pose. Umso verwunderlicher, dass ein Museum in London nun die weltweit erste Ausstellung über das Selfie initiiert hat. Angefangen von den Selbstporträts der alten und ebenso berühmten Maler, über Alltags-Aufnahmen und Fotografien zeitgenössischer Künstler, bis hin zu den Promi-Selfies à la Kim Kardashian – die Ausstellung „From Selfie to Self-Expression“, gibt einen spannenden Einblick in die Geschichte des Selbst- und Fremdbildes.

Gab es das Selfie schon immer?

Einer der bedeutendsten und berühmtesten Maler des Barocks, Rembrandt van Rijn, fertigte zahlreiche Selbstporträts an – mit unterschiedlichen Gesten, Gesichtsausdrücken, Kulissen, Rollen und Farben. Mal als Radierung, mal als Zeichnung. Warum tat er das? Wahrscheinlich hatte er eine ähnliche Intention wie die meisten Smartphone-Nutzer des 21. Jahrhunderts, die dem Selfie zwar zunehmend kritisch gegenüber stehen, aber am Ende doch nicht die Finger davon lassen können: Sich selbst inszenieren, ein Denkmal setzen, Erinnerungen festhalten, der Außenwelt das Selbstbild präsentieren oder es gar abändern und so die eigene Wahrnehmung der Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Vielleicht aber auch einfach nur, um sich selbst zu finden?

From Selfie to Self-Expression

Jeden Tag werden ca. 93 Millionen Selfies geschossen. Damit sind die Smartphone-Bilder fester Bestandteil unserer visuellen Landschaft. In London präsentiert nun die Saatchi Gallery, eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst, die erste Ausstellung weltweit, welche sich mit der Geschichte des Selfies befasst. Mit der Expression „From Selfie to Self-Expression“ hebt die Galerie Smartphone-Fotografien damit in künstlerische Sphären. Aufgrund des großen Besucherandranges und der vielen Interessenten, wurde die Schau bereits zum zweiten Mal verlängert. Noch bis zum 06. September kann auf zwei Etagen kostenlos die Welt der Selbstinszenierung bestaunt werden. Außerdem wird auf die medialen Effekte in den Bereichen Gesellschaft, Politik und Konsum eingegangen.

Die Ausstellung zeigt sowohl die alten Werke berühmter Künstler wie Frida Kahlo, als auch zeitgenössische Selfie-Kunstwerke. Die Art der Präsentation zieht sich wie ein roter Faden durch die Räume. Jede Abbildung ist in den typischen schwarzen Instagram-Rahmen, inklusive Like-Button eingebettet. Diesen kann der Besucher, wie im virtuellen Raum auch, je nach Geschmack betätigen. Bei den Gefällt mir Angaben lag Frida Kahlos „Selbstporträt. Gewidmet Dr. Eloesser“ von 1940 zeitweise ganz vorne. Die Ausstellung macht den Facettenreichtum von Selbstbildnissen sichtbar und begegnet diesen ganz offen. Von ironischen, ernsthaften oder waghalsigen Bildern, bis hin zu durch die Presse gejagten Promi-Gruppenselfies ist alles dabei. Ähnlich wie bei Rembrandt variieren auch hier die Darstellungsformen: Es wird mit zahlreichen Video-Installationen, Statuen, Porträts und natürlich Fotografien gearbeitet. Indem Nutzer ihre Selfies mit zahlreichen Filtern und Bearbeitungen überoptimieren, werden diese zunehmend zu einem Konstrukt und einem Werk. Einer der Unterschiede zu den alten Gemälden liegt darin, dass sich die Selbstdarstellungen massenhaft reproduzieren und teilen lassen. Christopher Bakers Installation „Hello World! Or: How I Learned To Top Listening And Love The Noise“ zeigt tausende von Online-Video-Tagebüchern, verteilt über drei gewaltige Leinwände, die die Bilderflut 2.0 unterstreichen. Die Ausstellung zeigt, dass Selfies in ihrer Grundform nicht unbedingt etwas Neues sind. Die Menschen porträtieren ihr eigenes Ich schon seit Jahrhunderten.

Durch einen Wettbewerb zum Galeristen werden

Im Jahre 2017 kann im Prinzip jeder Smartphone Besitzer zu einem Selfie-Kreateur werden. Diesem Motto folgend, startete die Galerie gemeinsam mit dem Sponsor der Ausstellung Huawei den Wettbewerb „#SelfExpression“. Im Rahmen dessen wurden insgesamt ca. 14.000 Smartphone-Bilder aus 113 Ländern eingereicht und die besten 10 künstlerischen Smartphone-Bilder ausgewählt. Der Gewinner hat die Aussicht auf eine eigene Ausstellung in der Saatchi Gallery. Dies entspricht dem Leitgedanken des Museums: Die Kunst einer breiten Masse zugänglich machen. Das Rennen machte Dawn Woolley aus Cambridge. Der Künstler fotografierte sich selbst im Bikini, reproduzierte sich und legte sich mit dem Ausschnitt seiner selbst in anziehender Pose auf eine Wiese. Diesen Moment hielt er wiederum auf dem Sieger-Selfie fest. Dawn beschreibt seine Arbeit und die Idee dahinter: “In the work I create a photographic copy of myself and place it in the real world instead of me. By creating artwork that establishes me as an object it could be argued that I produce photographs that reinforce stereotypical images of the female body, but with apparent exhibitionism. I create a substitute that renders my real body invisible”.

Mit sich selbst führt man die längste Beziehung

Selfies – gab es es sie nicht schon immer? Sind die alten Porträt-Malereien berühmter Künstler nicht auch irgendwo Selfies? Können Smartphone-Bilder Kunst sein? Und kann eine Selbstpromotion Kunst sein? Oder sind Selbstdarstellungen am Ende immer nur kommerzialisierte und das Ego polierende Profilierungen? Darauf gibt die Ausstellung keine direkten Antworten. Viel mehr regt sie zu weiteren Fragen an. Zumindest haben die Self-Expression-Selfies der Smartphones und die Selbstporträts der alten Meister einen gemeinsamen Nenner: Sie drehen sich um das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, dem Umgang mit der eigenen Identität und der ewigen Suche nach Antworten auf die Fragen: Wer bin ich und wer will ich sein?

Titelbild:

Juno Calypso
Honeymoon Suite
2015
Archival Pigment Print
52 x 102 cm
Edition of 5 + 2 AP
Image courtesy of the artist
and TJ Boulting Gallery

Das war der UdK Rundgang 2017

Jedes Jahr öffnet die Universität der Künste, pünktlich zum Kultursommer Berlins, ihre Türen und lädt zum Rundgang. So konnten Kunstinteressierte auch am vergangenen Wochenende, vom 21. bis 23 Juli, wieder die Werkstätten, Ateliers, Studios und Proberäume der vier Fakultäten Bildende Kunst, Musik, Gestaltung und Darstellende Kunst sowie des Berlin Career College besichtigen. Das UdK Rundgang Motiv wurde in diesem Jahr von der Grafik- und Kommunikationsdesign-Studentin Lena Drießen entworfen. Es ist geprägt von blauen Tapes, welche sich in verschiedensten Klebevarianten durch die Gebäude ziehen, Kunstwerke verbinden und so “für eine gelebte Vielfalt des künstlerischen Schaffens an der Universität” stehen. Von dieser bunten Mischung konnten wir uns bei unserem Besuch selbst überzeugen. Zwar war die Präsentation digitaler Kunstwerke recht übersichtlich, digitale Elemente waren jedoch an jeder Ecke zu finden.

UdK-Rundgang-2017
UdK Tag der offenen Tür 2017 – Informationsstand mit Rundgang-Plakaten

Installation “Great Days” – wie leben wir?  

Great Days: Installation Vorderseite

In ihrer Installation “Great Days”, welche aus drei Videoarbeiten besteht, beschäftigt sich Tingwei Li mit Fragen wie: “Are we getting ready for the great days or are we living in the great days, or would the great days never come back again”? Die Künstlerin verweist in ihrem Werk auf eine Welt mit schier endlosen Möglichkeiten, in der der Mensch zunehmend zur Ware und Informationen massenhaft vervielfältigt werden. Auf einem Mac zeigt sie sechs verschiedene Video-Episoden. Darüber der Schriftzug “Come and choose your very own narratives”. Besucher können eines der Videos anklicken. Es erscheinen Alltagsaufnahmen. Im Hintergrund sind eigene Gedanken zu den besagten Themen zu hören. Ein Beispiel:

“Actually life can produce its own without external force. Your life seems like taking your chance. Progress extending far into the future. Dams and aqueducts. The amazing strength. Organizing our deepest wishes as a mother foresightedly visits a store that will be closed tomorrow. Contemporary life is so good. Glitches in the system as yet unapprehended. People can brainwash themselves. The greatest days are waiting for us. For I do not deny that I am a little out of temper.

Die Rückseite der dahinterstehenden weißen Wand ist grün gestrichen. An ihr ist ein Smartphone befestigt. Auf dem Display spielt eine Animation, in welcher ein grüner Apfel geschält wird, von dem am Ende eine graue Hülle übrig bleibt. Hinter der Trennwand befinden sich auch die entsprechenden Schäler, welche selbst mit Hilfe eines 3D-Druckers entstanden sind. Zu dem Werk gehören außerdem vier Plakate mit Apfelscheiben und Apfelschäler im Werbestil. Auf einem der Plakate ist die Frucht in den Schäler geklemmt und bereit zur Verarbeitung. Darunter steht: “Forward moving”. Als ergänzendes Element ist ein Video zu sehen, in welchem die Künstlerin mit dem Smartphone durch die Stadt läuft. Der Bildschirm bleibt dabei konstant grün.

1 + 1 = 1

Video-Installation „Putri Ayu Lestari vs. DWARPHS. If you don’t know ayu now you do“, Liesel Burisch

In der Werkstatt für digitale Medien präsentiert Liesel Burisch ihre Abschlussarbeit: eine Video-Installation mit Live-Performance. Auf zwei Leinwänden werden separat, aber nebeneinander, gleichzeitig zwei Filme abgespielt. Der Raum wurde abgedunkelt und mit zahlreichen Lautsprechern versehen. Auf dem rechten Video ist ein Pärchen auf einem durch Gassen, Städten und Landschaften fahrenden Moped zu beobachten. Auf der linken Seite bespielt eine Band mit lautem Sound und tiefen Bässen das erste Video. Mit vollem Körpereinsatz beobachten die Musiker das Video und erzeugen durch die musikalische Unterlegung neue Dynamiken des rechten Videos. Den Künstlern bei diesem Prozess zuzusehen, ist ebenfalls interessant zu beobachten.

Handyfotos vom Winde verweht

„Mein Vater“, Handyaufnahme 2017, Agrina Vllasaliu

Agrina Vllasaliu kombiniert die neue mit der älteren Technik und erzeugt so einen eigenen Charme. An der Wand ist ein alter Videoprojektor angebracht. Dieser wirft verschiedene Bilder, die die Künstlerin mit dem Handy geschossen hat, auf eine dünne milchige Folie. Das A5-Blatt hängt von der Decke und bewegt sich mit dem Wind. Dadurch widerfährt den projizierten Bildern eine immer neue Darstellungsweise: Mal sieht man sie ganz, mal etwas verzerrt, mal nur halb, schwächer oder stärker. Unterstreicht dies die Flüchtigkeit im Universum der tausenden von Smartphone-Bildern?

Broken Google Earth 3D

Maike Gerten macht aus Google Earth (3D) Kunst, indem sie die Oberflächen von derartigen Darstellungen durchbricht. In dem Video “Space in between” spaltet sie den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA auf, dekonstruiert ihn und lässt eine Kamera durch eben diese Linie fahren, die dem Grenzverlauf folgt. Gerten: “Wird diese Oberfläche durchbrochen, befindet man sich innerhalb des konstruierten Objekts, das von innen durchsichtig ist”.

„Boder Line“ (Video auf Tablet, lackierter Tisch), Maike Gerten

In einem weiteren Video “Border Line” zieht Maike Gerten eine digitale Grenzlinie per Hand. Die Künstlerin sagt zur Entstehung: “Die Grenzziehung fand vor dem Set eines Greenscreens statt, sodass die Linie auf verschiedenen Orten gezogen werden kann. Der grüne Tisch, auf dem das Video gezeigt wird, verweist auf dessen Entstehung”.

Konsumkultur vs. Realität

Video-Installation, Svenja Grothusen

Auf zwei Screens stellt die Künstlerin Svenja Grothusen der scheinbar perfekten, in Wirklichkeit aber optimierten und bearbeiteten, Welt der Konsumbranche die Bilder der Wirklichkeit gegenüber. So ist beispielsweise neben Werbe- und Musikvideo-Ausschnitten, neben einer sich räkelnden Jennifer Lopez, eine junge Frau vor dem Wandspiegel eines Badezimmers zu sehen. Etwas überspitzt dargestellt, versucht sie sich Haarteile mehr oder weniger gekonnt um den Kopf zu wickeln.

Eine schlafende Frau im Bett, eine sowjetische Tischkultur-Ecke, ein Tampon-Vorhang, Kupferstich, Lithografiewerkstatt und vieles mehr findet ihr in unserer Galerie zum UdK Rundgang.

UdK Rundgang: Bereich Kunst im Kontext; Installation mit Fotostreifen; Projekt mit Bernauer Schülern; "Ver(sch)wende deine Zeit! Fotografie, Narration und Theater der Unterdrückten" - Katrina Blach

 

Titelbild: Kennet Lekko

Zerbrochenes Glas zum Artikel Wie ein Selfie Kunst zerstört

Säule für Säule, Krone für Krone:
Wenn ein Selfie Kunst zerstört

Eine junge Frau schaut sich in Los Angeles die Ausstellung “Hypercaine” des Designers Simon Birch an und verwüstet dort mit einem Selfie Kunst. Doch von vorn: Zum Andenken ihres Besuches bittet das Mädchen eine Freundin, ein Foto von sich vor den Exponaten zu schießen. Als Hintergrund wählt sie ein Werk, welches sich aus zahlreichen Säulen zusammensetzt, auf denen jeweils eine Krone liegt. Während sie sich in Position bringt, passiert es: Die junge Frau stößt mit dem Rücken an die erste Säule und löst so einen unaufhaltsamen Dominoeffekt aus. Säule für Säule, Krone für Krone, kippen die edlen Stücke um. Wie sich herausstellt, war das ein sündhaft teures Missgeschick. Der Schaden beläuft sich auf ca. 200.000 US-Dollar (ca. 175.000 Euro). Das Ganze wurde auf einer Überwachungskamera festgehalten und ging nun viral.

Verschwörungstheoretiker: Mutwillige Zerstörung!

Das Netz wäre nicht das Netz, wenn es nicht andere Erklärungen für den Vorfall finden würde. Nach der Theorie einiger Nutzer könnte dies die Aktion einer Viral-Kampagne gewesen sein. Nicht ganz abwegig, wenn die Organisatoren der Ausstellung kommentieren:  „Besucht die ’14th Factory‘, bevor sie Ende Juli schließt oder noch mehr Ausstellungsstücke zu Bruch gehen“. Vielleicht haben die Initiatoren aber auch nur aus der Not eine Tugend gemacht und wussten den Schreck gut zu verarbeiten. Was die Vermutung der User allerdings unterstützt ist die Tatsache, dass der Künstler als Teil seiner Schau bereits einen Ferrari 308 im Wert von 40.000 Euro zerstörte.

Dem Video nach zu urteilen, wusste das arme Mädchen jedenfalls von nichts. Sympathisch, dass sie im Nachhinein noch versucht die Säulen wieder herzurichten – so als wäre nichts passiert.

Wenn ein Museum digital Kunstwerke verschickt, sind vor allem Herzen gefragt.

Ein Museum digital erleben:
Kunstwerke per SMS

Im Archiv des Museum of Modern Art in San Francisco (SFMOMA) schlummern mehr als 34.000 wahre Schätze. Umso trauriger, dass die Besucher von der Kunstwerksammlung bisher nur etwa fünf Prozent zu sehen bekamen. Die Ausstellungsräume bieten einfach nicht genügend Platz. Mit dem Projekt „Send Me SFMOMA” wollen die Verantwortlichen diesen Umstand ändern. Die Idee ist es, das Museum digital erlebbar zu machen, indem Kunstwerke per SMS verschickt werden. Gleichzeitig möchte man auf eine „lustige, neue und sehr persönliche Art” den Zugang zur Archiv-Kunst ermöglichen.

Send me sunshine!

Wer in den USA eine SMS mit dem Stichwort „send me” sowie einem Schlagwort, einer Farbe oder einem Emoji versendet, der erhält ein Foto eines dazu passenden Kunstwerks aus der Museumssammlung direkt auf das eigene Smartphone. Die SMS-Antwort auf ein rotes Herz kann beispielsweise ein herzförmiges Werk des US-Pop-Art-Künstlers Jim Dine sein. Einen “Kaffee” gefällig? Die Antwort: Die Fotografie “Where we come from (Marie-Therese)” von Emily Jacir. Die Abbildung zeigt eine gesellige Kaffeerunde. Auf die Kurznachricht „Schick mir deutsche Kunst“, wird mit einem Poster des Grafikdesigners Otl Aicher von der Münchner Olympiade reagiert. Selbst bei einer Nachricht wie “send me something pink” lässt sich ein Kunstwerk mit pinken Einflüssen finden. Zum Großteil erhält das Museum Anfragen rund um positive Themen wie Liebe und Glück. In Sachen Emoticons sind vor allem Tiere, Regenbögen, Blumensträuße und Roboter vertreten.

Als das Museum digital ging, wurde es zum SMS-Hit

Die Kunstaktion, welche vor wenigen Wochen startete, ist erfolgreicher als von den Initiatoren zunächst angenommen. Bereits in den ersten vier Tagen gingen etwa 12.000 SMS ein. Mittlerweile hat das Museum mehr als zwei Millionen Kunstwerke digital verschickt. Ziel sei es nicht, jeder Person jedes einzelne Werk vorzustellen. Vielmehr geht es bei der Kunstidee darum, unentdeckte Werke spielerisch zu verbreiten und neue Netzwerke entstehen zu lassen: “What we have seen, and hope to continue to see, are thousands of people connecting with artwork in fun, new, and very personal ways“.

Unikate von Unikaten

Dass jede SMS somit etwas Besonderes, fast ein Unikat ist, beschreibt das Museum auf der Projektseite: “When you say ‘Send me a landscape’ you won’t get 791 landscapes, you’ll get a landscape chosen just for you. You may one day be able to visit your landscape in SFMOMA’s galleries, or you may be the only person to see it for years to come”.

Keine Außerirdischen im Museum of Modern Art

Doch die Suche ist nicht immer erfolgreich. Eine SMS mit dem Inhalt „Wir konnten nichts Passendes finden” erhält man sogar bei Künstlernamen wie Picasso – obwohl sich seine Werke in der Museumssammlung befinden. Und auch ein Alien-Emoticon kann nicht zugeordnet werden. Doch dazu gibt es tatsächlich nichts Geeignetes im Universum des Museums of Modern Art: „Wir haben buchstäblich keine Außerirdischen in unserer Kunstsammlung”, sagte der Mitarbeiter Winesmith der „New York Times”. Trotzdem: Dass das Museum digital agiert, ist modern, bringt frischen Wind in die Museumslandschaft und erzeugt Aufmerksamkeit.

Web: sfmoma.org
Bild: @pixabay