Interview mit Falk Richter:
Wie digital ist das Theater?

Schauspieler vor digitaler Leinwand zum Artikel: Das Digitale im Theater: Interview mit Falk Richter

Falk Richter, einer der bekanntesten deutschen Regisseure und Autoren, beschäftigt sich in seinen Inszenierungen zunehmend mit den Fragen unserer Zeit, mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, Unsicherheiten und Problemen. Ist Europa angesichts der aktuellen Herausforderungen noch ein sicherer Ort? Ist eine offene Gesellschaft überlebensfähig? Wie gefährlich ist die Hinwendung zum Völkisch-Nationalen?  Falk Richters neues Buch “ICH BIN EUROPA” sucht Antworten auf derartige Fragen und bündelt seine neuesten fünf Stücke (Lesung:  am 18.01. , Maxim Gorki Theater). In seinen Inszenierungen spielen die Medien eine große Rolle und das nicht nur thematisch gesehen:  Auch in der Darstellung setzt Falk Richter immer wieder gezielt digitale Elemente ein. Mit uns spricht er über die Transformation des Theaters durch den Einsatz von Video, Internet, Leinwand und Co. .

Dass das Theater sich immer stärker der digitalen Welt öffnet, ist eindeutig – bisher geschieht das aber in erster Linie mit Kameras auf der Bühne sowie mit Videoelementen. Was halten Sie davon, Theater live zu übertragen und ins Netz zu bringen? Wäre das überhaupt noch Theater?

Theater lebt von der Nähe zwischen Zuschauer und Schauspieler bzw Tänzer oder Performer. Es ist einer der letzten öffentlichen Räume, in denen der Zuschauer sich ohne Ablenkung für eine bestimmte Zeit mit voller Aufmerksamkeit auf ein Ereignis einlassen kann. Wichtig für das Theater ist auch immer die Totale: Der Blick auf die Bühne ist immer eine Totale, nicht wie im Film ein Ausschnitt. Selbstverständlich ist es möglich, Theaterinszenierungen ins Netz zu stellen, aber, wenn es sich dabei nur um abgefilmte Theaterinszenierungen handelt, finde ich das persönlich uninteressanter als das Original-Ereignis. Das Erlebnis im Theater zu sitzen mit anderen Zuschauern und live und unmittelbar Zeuge des nicht mehr weiter medial bearbeiteten Materials zu sein, ist sehr viel stärker, als Zuhause auf seinem Laptop irgendwo eine abgefilmte Aufführung zu sehen. Interessanter wäre es dann, wenn man das Medium des Internets nutzt und direkt dort im Internet inszeniert. Also eine Inszenierung nur für Internetuser macht. Eine Inszenierung, die auf das Medium und seine ihm innewohnenden besonderen Strukturen eingeht und damit arbeitet.

Haben Sie selbst schon darüber schon nachgedacht, ein Theaterstück mit einer Übertragung ins Netz als fester Bestandteil aufzuführen?

Mein erstes Theaterstück „Gott ist ein DJ“, das ich 1999 geschrieben habe, setzt sich ganz stark mit der Frage auseinander, was passiert, wenn Menschen vor Kameras agieren, wenn sie ihr Leben ins Netz stellen und der Frage, wie sehr die Anwesenheit einer Kamera die Verhaltensweisen von Menschen beeinflusst und jede Interaktion zur Inszenierung macht. In „Gott ist ein DJ“ sind wir als Zuschauer gemeinsam anwesend in einem Studio mit einem jungen DJ und einer Fernsehmoderatorin, die ihr Privatleben, ihre Beziehung und ihre künstlerische Arbeiten ständig online zur Verfügung stellen. Als ich den Text schrieb, hatte ich mir vorgestellt, dass die Live-Inszenierung in einer Kunsthalle stattfinden würde und tatsächlich auch gestreamt würde und Zuschauer – sowohl Theaterzuschauer also auch Online-Zuschauer – mit Anregungen und Fragen, mit direkter Interaktion also – in das Geschehen eingreifen und das Spiel beeinflussen sowie weitertreiben könnten. Damals gab es allerdings noch nicht die technischen Mittel dazu wie Apps und soziale Plattformen. Es wäre also denkbar, dass das Stück heute wieder, aber erweitert durch die neuen, weiter entwickelten technischen Mitteln, zur Aufführung kommen würde.

Kann sich Theater durch einen Digitalisierungsprozess neue Möglichkeiten eröffnen?

Theater ist eine Kunstform, die mehr als 2000 Jahre alt ist, aber sich seitdem ständig weiterentwickelt und sich durch alle technischen und künstlerischen Strömungen und Entwicklungen inspirieren lassen hat und diese aufnehmen und weiterdenken kann. Video, Livecam und Film sind mittlerweile wichtige Bestandteile vieler Theater-Inszenierungen – auch meiner. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten werden dadurch vielseitiger, die Art, wie wir im Theater auf die Wirklichkeit reagieren, wird mehrdimensionaler. Wir leben in einer Welt, in der wir fast alles nur noch über Medien vermittelt erfahren: Wir sehen Bilder im Fernsehen, Film und im Netz. Wir verbringen einen erheblich großen Teil unseres Leben mit produzierten Bildern oder kleinen Filmchen, die wir auf Bildschirmen verfolgen. Das Theater kann das wiederum thematisieren, indem es zeigt, wie Bilder inszeniert werden, wie Wirklichkeitswahrnehmung gelenkt wird. Das wiederum ermöglicht einen analytisch- kritischen Blick auf die Produktion von Realitäten und Scheinrealitäten.

 

Viel diskutiert ist Ihr Stück “FEAR“ an der Schaubühne. Hier arbeiten Sie in vielen Szenen mit einem Bildschirm und Videos als Hintergrundbild. Als Zuschauer wirken gerade die ersten Szenen sehr intensiv, fast sind sie schwer auszuhalten, was gut zur Thematik passt. Im Anschluss gibt es einen Bruch, als die Blumen auf die Bühne getragen werden und Gitarrenmusik gespielt wird. Hier ist kein Videoelement zu sehen. Warum haben Sie Bewegtbild in diesem ersten Teil eingesetzt und im darauffolgenden Teil nicht? 

Der erste Teil von FEAR setzt sich mit einer Gruppe junger eher unpolitischer Großstädter auseinander, auf die der rasant zunehmende Rechtspopulismus in Deutschland und Europa wie ein Alptraum wirkt. Ihnen ist dieses rechtsnationale Denken und die reaktionären Slogans, die plötzlich überall in den Medien auftauchen und der ganze Hass in den Internetforen fremd, suspekt und er wirkt auf sie so, als seien sie unvermittelt in eine HBO- oder Netflix-Horrorserie geraten. Daher kommt in dem Teil des Abends sehr viel Video zum Einsatz. Es ist wie ein Overkill an überfordernden Bildern der Angst. Das Video zeigt zum einen eine Google Recherche über rechtsnationale Politiker, die mit Angstszenarien von einer angeblichen Überfremdung und mit Terrorangst eine paranoide Stimmung in der Bevölkerung anheizen – von Viktor Orban über Björn Höcke bis Marine Le Pen. Diese Politikerbilder werden mit alptraumartigen Szenarien vermischt. Alles wirkt unheimlich. Später verlassen die Hauptfiguren in meinem Stück diesen Alptraum. Sie ziehen sich zurück in eine für sie ideal erscheinende Urban Gardening Welt, in der sie von all der rechtsnationalen Politpropaganda nichts mehr mitbekommen. Der mediale Overkill ist wie ausgeschaltet. Sie singen Songs von Sufjan Stevens und versuchen eine andere Art zu leben für sich auszuprobieren: Zarter, ruhiger, voller Respekt im Umgang miteinander. In FEAR habe ich also das Medium Video eingesetzt, um die Überforderung darzustellen, die es bedeuten kann, ständig Informationen ausgesetzt zu sein. Wo man nicht weiß, ob sie wahr sind oder fake news, und ständig Angstszenarien ausgesetzt ist, die unentwegt medial kursieren. Eine Art Informationskrieg.

Können digitale Elemente auch von der Schauspielkunst ablenken?

In meinen Inszenierungen stelle ich in vielen Momenten Tanz, Text, Musik, Bühne, Kostüm und Video gleichberechtigt und gleichwertig auf die Bühne. Das heißt, das zentrale Ereignis ist nicht „die Schauspielkunst“, der sich alles andere unterzuordnen hat und, die nicht „gestört“ werden darf. Ich suche nach einem Zusammenspiel unterschiedlicher theatraler Ausdrucksmittel. Dabei kann es auch zu mehrfachen komplexen Überlagerungen von Text, Musik und Video kommen. Der Zuschauer kann sich auf alle Spuren gleichzeitig einlassen.

 

Inszenierung von Falk Richter auf Bühne mit digitalen Elementen

Nimmt der Einsatz digitaler Elemente zu? Wie sieht die Zukunft des digitalen Theaters aus?

In meinen Inszenierungen war der Einsatz digitaler Medien oft sehr entscheidend. Ich habe oft mit Video gearbeitet. Hin und wieder habe ich mich auch bewusst dagegen entschieden, um Theater pur zu haben. Aber grundsätzlich nutze ich sehr viel Video. Die Dramaturgien meiner Inszenierungen folgen auch oft digitalen Medien – die Stücke haben keinen klassischen Aufbau, sondern folgen eher der Struktur einer Youtube-Nacht, in der man sich rauschartig von einem Clip zum nächsten bewegt. In meiner letzten Inszenierung AM KÖNIGSWEG in Hamburg, hat der Videokünstler Michel Auder viele seiner Filme, die er für die Inszenierung produziert hat, mit dem Iphone aufgenommen und mit bestimmten Apps geschnitten. Eine spannende Zukunft des Digitalen im Theater generell sehe ich darin, dass immer mehr digitale Möglichkeiten direkt für die Inszenierung genutzt werden: Dass Zuschauer über Apps durch öffentliche Räume der Stadt geführt werden, dass sie eventuell schon über Apps mit den handelnden Figuren kommunizieren oder in die Handlung eingreifen können – der Aspekt des Interaktiven wird sicher zunehmen. Aber das Theater, das sich dem Digitalen versperrt, um eine Art Schutzraum gegen die zunehmende Digitalisierung des Lebens zu behaupten, das wird es auch immer geben, davon bin ich überzeugt.

 

Vielen Dank an Falk Richter für die interessanten Einblicke!

 

Porträt von Falk Richter

 

Wir verlosen 2×2 Tickets für die Lesung von Falk Richter am 18.01. im Maxim Gorki Theater. Schickt uns einfach eine E-Mail mit Eurem Namen, der Anschrift und dem Betreff “Digitales Theater” an: redaktion@neoavantgarde.de

 

Teilnahmeschluss: 16.01.2018

Das Gewinnspiel ist beendet. Die Gewinner wurden benachrichtigt.

 

Titelbild: @Maxim Gorki Theater (ÇİĞDEM TEKE in “Verräter DIE LETZTEN TAGE”, EIN PROJEKT VON Falk Richter, REGIE Falk Richter, BÜHNE/KOSTÜME Katrin Hoffmann, MUSIK Nils Ostendorf, VIDEO, Aliocha Van Der Avoort, LICHT Carsten Sander, DRAMATURGIE Jens Hillje, Mazlum Nergiz)

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