Tag: Digitalisierung

Wenn ein Museum digital Kunstwerke verschickt, sind vor allem Herzen gefragt.

Ein Museum digital erleben:
Kunstwerke per SMS

Im Archiv des Museum of Modern Art in San Francisco (SFMOMA) schlummern mehr als 34.000 wahre Schätze. Umso trauriger, dass die Besucher von der Kunstwerksammlung bisher nur etwa fünf Prozent zu sehen bekamen. Die Ausstellungsräume bieten einfach nicht genügend Platz. Mit dem Projekt „Send Me SFMOMA” wollen die Verantwortlichen diesen Umstand ändern. Die Idee ist es, das Museum digital erlebbar zu machen, indem Kunstwerke per SMS verschickt werden. Gleichzeitig möchte man auf eine „lustige, neue und sehr persönliche Art” den Zugang zur Archiv-Kunst ermöglichen.

Send me sunshine!

Wer in den USA eine SMS mit dem Stichwort „send me” sowie einem Schlagwort, einer Farbe oder einem Emoji versendet, der erhält ein Foto eines dazu passenden Kunstwerks aus der Museumssammlung direkt auf das eigene Smartphone. Die SMS-Antwort auf ein rotes Herz kann beispielsweise ein herzförmiges Werk des US-Pop-Art-Künstlers Jim Dine sein. Einen “Kaffee” gefällig? Die Antwort: Die Fotografie “Where we come from (Marie-Therese)” von Emily Jacir. Die Abbildung zeigt eine gesellige Kaffeerunde. Auf die Kurznachricht „Schick mir deutsche Kunst“, wird mit einem Poster des Grafikdesigners Otl Aicher von der Münchner Olympiade reagiert. Selbst bei einer Nachricht wie “send me something pink” lässt sich ein Kunstwerk mit pinken Einflüssen finden. Zum Großteil erhält das Museum Anfragen rund um positive Themen wie Liebe und Glück. In Sachen Emoticons sind vor allem Tiere, Regenbögen, Blumensträuße und Roboter vertreten.

Als das Museum digital ging, wurde es zum SMS-Hit

Die Kunstaktion, welche vor wenigen Wochen startete, ist erfolgreicher als von den Initiatoren zunächst angenommen. Bereits in den ersten vier Tagen gingen etwa 12.000 SMS ein. Mittlerweile hat das Museum mehr als zwei Millionen Kunstwerke digital verschickt. Ziel sei es nicht, jeder Person jedes einzelne Werk vorzustellen. Vielmehr geht es bei der Kunstidee darum, unentdeckte Werke spielerisch zu verbreiten und neue Netzwerke entstehen zu lassen: “What we have seen, and hope to continue to see, are thousands of people connecting with artwork in fun, new, and very personal ways“.

Unikate von Unikaten

Dass jede SMS somit etwas Besonderes, fast ein Unikat ist, beschreibt das Museum auf der Projektseite: “When you say ‘Send me a landscape’ you won’t get 791 landscapes, you’ll get a landscape chosen just for you. You may one day be able to visit your landscape in SFMOMA’s galleries, or you may be the only person to see it for years to come”.

Keine Außerirdischen im Museum of Modern Art

Doch die Suche ist nicht immer erfolgreich. Eine SMS mit dem Inhalt „Wir konnten nichts Passendes finden” erhält man sogar bei Künstlernamen wie Picasso – obwohl sich seine Werke in der Museumssammlung befinden. Und auch ein Alien-Emoticon kann nicht zugeordnet werden. Doch dazu gibt es tatsächlich nichts Geeignetes im Universum des Museums of Modern Art: „Wir haben buchstäblich keine Außerirdischen in unserer Kunstsammlung”, sagte der Mitarbeiter Winesmith der „New York Times”. Trotzdem: Dass das Museum digital agiert, ist modern, bringt frischen Wind in die Museumslandschaft und erzeugt Aufmerksamkeit.

Web: sfmoma.org
Bild: @pixabay

blaue Rubbellose in einem Automat mit dem Gewinn von Followern zum Artikel Likes kaufen

Von einer Kunstaktion zur Realität:
Mit einem Automaten Likes kaufen

Hauptgewinn: 25.000 Follower. Der Künstler Dries Depoorter möchte Kritik am Selbstdarstellungswahn nehmen und kreierte einen Rubbellosautomaten, bei welchem man die Chance hat, Follower für seine Social-Media-Accounts abzusahnen. Eine Kunstaktion, die nun – etwas abgewandelt – bittere Realität geworden ist. In einem Moskauer Shoppingcenter steht ein Automat, mit dem man Follower und Likes erwerben kann. Die Einkaufsliste für das Wochenende: Bananen, Taschentücher, das hübsche Hemd aus dem Schaufenster, Salz, Zucker, eine Zahnbürste und . . . ein paar Herzen und Follower, per App zum Mitnehmen? Sich Ansehen und Beliebtheit quasi im Vorbeigehen erwerben zu können, ist erschreckend. Für die einen sind diese Mitbringsel eine gelungene Investition, für uns ein Fehlkauf.

Ausbleibende Bestätigung in Zeiten von Social Media

Location und Outfit sind gewählt, das Licht passt, das perfekte Foto ist geschossen, mit einem idealen Filter veredelt, dazu eine Prise Hashtags und eine schmissige Beschreibung. Das Ganze zur richtigen Uhrzeit “gegart”, hochgeladen – und fertig ist das Social Media optimierte Foto. Da kann es ja nur “Gefällt mir” – Angaben regnen. Vielleicht springen ja auch ein paar neue Follower dabei heraus. Nachdem einige Minuten, sogar Stunden, vergangen sind und die Likes ausbleiben, stellt sich bei dem ein oder anderen schnell ein leises Grummeln in der Magengegend ein. Der Social Media und Selfie-Optimierungswahn führt dazu, dass ausbleibende “Gefällt mir” – Angaben bereits reichen, um am Selbstwertgefühl der Nutzer zu kratzen.

Kunstaktion übt mit einem Rubbelllosautomaten Kritik

Automat mit dem man sich Rubbellose ziehen kann. Gewinn: Follower; zum Artikel über Likes kaufen

Einige User versuchen, dies zu kompensieren, indem sie sich Likes und Follower kaufen. Der Medienkünstler Dries Depoorter wollte diese Möglichkeit in das Bewusstsein der Menschen rufen und konzipierte dafür eine Follower-Maschine. An dem im Trademark kunstenfestival in Belgien aufgestellten „Scratch and be popular!“-Automaten können Rubbellose gekauft werden. Als Gewinn winken Follower für Twitter und Instagram.  Neben dem Hauptgewinn gibt es auch Preise die 100 oder 1000 Follower umfassen. Das Kunstwerk impliziert Kritik an der Kapitalisierung des Sozialen.

Mit Snatap-Automaten Follower und Likes kaufen

Was in Belgien als eine Kunstaktion begann, wurde in Russland nun erschreckende Realität: Ein Snatap-Automat, an dem man sich im Einkaufscenter Likes und Follower für Instagram und das russische Facebook-Pendant VKontakte erwerben kann. Ausgestattet mit einem 42-Zoll-Display gibt die Maschine einen Überblick über die eigenen Fotos und Posts auf den entsprechenden Plattformen.

Die Konditionen für die neuen Freundschaftsdienste: 150.000 Follower und 1500 Likes pro Post für 850 Dollar. 100 Likes sind somit schon für umgerechnet 77 Cent, 100 Follower für nur 1,50 Euro erhältlich. Die Ergebnisse können direkt nach der Transaktion begutachtet werden. Aufgestellt werden die Automaten von der gleichnamigen Firma Snatap. Laut Unternehmen stecken hinter den Accounts keine Fakes, sondern echte Menschen, welche dafür entweder Geld oder Likes als Gegenleistung erhalten. Die Entwickler gehen deshalb nicht davon aus, dass dies gegen die Nutzungsrichtlinien der Sozialen Plattformen verstößt.

Polaroid-Maschine und Werbemittel

Der Verkauf von Herzchen und Likes macht aber nur einen kleinen Teil der Einnahmen aus. Zusätzlich können Nutzer von Instagram und anderen Netzwerken mithilfe des Automaten Fotos im Polaroid-Stil ausdrucken und auf Magnettäfelchen produzieren lassen. Zum Geschäftsmodell von Snatap gehört es, die Automaten zu vermieten. Einerseits sollen sie als Verkaufsstandort, anderseits als Marketing-Instrument dienen. Laut Pedestrian Daily liegt der Haken für die Nutzer darin, dass nach Anmeldung die eigenen Freunde hinzugefügt und Anfragen verschickt werden.

Bald auch in Deutschland?

Nach Angaben des Unternehmens existieren in Russland bereits etwa 20 Snataps, drei in der Ukraine, einer in Ägypten und einer im kanadischen Toronto. Noch in diesem Jahr sollen je zwei Automaten in den USA, Polen und ja, auch bei uns in Deutschland folgen. Wo genau ist noch unbekannt und möchte das Unternehmen nicht mitteilen.

Kapitalismus at it’s best and beyond

Eigentlich wollen wir das auch gar nicht wissen. Der Ausdruck von Social-Media Fotos im angesagten Polaroid-Look mag ja noch ganz nett sein, aber der Handel mit Likes und Followern gibt zu denken. Es ist nicht verwunderlich, dass das Geschäft nun eine Debatte auslöst. Ist es wirklich erstrebenswert, sich Anerkennung und Selbstdarstellung zu erkaufen? Ist es nicht viel schöner, Herzen zu erhalten, die auch von Herzen kommen? Der Optimierungswahn wird gefördert, Selbst- und Fremdwahrnehmung verzerrt und der Geldbeutel geschmälert. Das Geschäft mit sozialer Zustimmung mag lukrativ sein, ethisch ist es aber ein Reinfall.

Der Erwerb von Likes und Followern ist eigentlich nichts Neues. Mit dem Aufstellen von Snatap-Automaten eröffnet sich jedoch eine weitere Dimension: Soziale Zustimmung kann in sekundenschnelle, zwischen Toilettenpapier und Smoothie, erkauft werden. Der Mensch und seine Beziehungen werden nach diesem Prinzip zur schnellen Ware. Der russische Journalist Wassily Sonkin beschreibt diese Entwicklung wie folgt: „Willkommen in einer neuen Phase des Kapitalismus”. Traurig, aber wahr.

Bilder: @Kristof Vrancken (Fotograf), @Dries Depoorter (Künstler)

Video: @Louise Matsakis (YouTube)

Kunstwerk auf der documenta in Kassel Videoprojektion auf großer Leinwand

Die documenta in Kassel:
Atlas Fractured – eine Videoprojektion

Hypnotisierende Klänge, diffuse Stimmen, zahlreiche Wortschnipsel und goldenes Licht begleiten die riesige Videoprojektion des Londoner Künstlers Theo Eshetu. Im Rahmen der documenta in Kassel zeigt er in der Neuen Galerie auf einer meterlangen Leinwand eine 35 minütige Videoprojektion mit zahlreichen Bild-Überlagerungen. In dem technischen Meisterwerk wird bedeckt, verhüllt, gemischt, gewischt und verwischt – mal langsam, mal schneller. Bei den Abbildungen handelt es sich in erster Linie um Gesichter. Der Künstler zieht dabei immer wieder ethnografische Bezüge. Damit setzt Eshetu dem Selfie-Optimierungswahn, der Fülle an Filteroptionen sowie der Bilderflut der sozialen Netzwerke, dem zunehmend Künstlichen, das Künstlerische entgegen.

Ein Bilderrausch der digitalen Kunst auf der documenta in Kassel

Die gewaltige und beeindruckende Leinwand kann sich selbst in der riesigen Halle der Neuen Galerie behaupten und setzt sich aus Werbebannern des Ethnologischen Museums Berlin zusammen. Der Künstler spielt damit auf ethnologische Stereotypen und koloniale Zusammenhänge an. Er gibt Raum für Interpretation und Diskussion und verweist auf die Geschichte der Kolonisation, in welcher die heiligen Kulturgüter der Völker in Museen verbannt wurden. Schicht um Schicht überlagern und überschneiden sich in der Videoprojektion kulturelle Figuren, Masken, Plastiken, Gemälde, Bildnisse von Göttern, Titanen und Ikonen mit filmischen Porträts und Bildnissen der Gegenwart. Statt als kleine Fragmente in den Weiten des Internets zu verkommen, geraten die Bilder und ihre Zusammenhänge in den Fokus. Aus Dahlemer Museen stammende Antik-Köpfe mischen sich mit Bildern lebender dunkelhäutiger Personen. Die ethnografischen Einflüsse und Vergleiche sind nicht zufällig – Der in London geborene Künstler hat holländische und äthiopische Wurzeln. Bereits in seinen ersten Videoarbeiten thematisierte er kulturelle Klischees und verarbeitete seine persönliche Sichtweise auf berühmte Bilder. Dies führt er hiermit auf der documenta in Kassel weiter.

Zwischen Göttern und Popstars

Atlas ist in der griechischen Mythologie ein Titan, der nach damaligen Ansichten unser Himmelsgewölbe stützte. Dieses trägt die mythologische Figur als Kugel auf den Schultern. Theo Eshetu überlagert das Abbild mit einem Foto unseres Planeten. Das Gewölbe transformiert sich im Anschluss in das dunkelhäutige Gesicht eines Mannes, welcher dem Betrachter direkt in die Augen schaut. In einer anderen Szene sieht der Besucher Hände, die ein Gesicht immer wieder wegwischen, bis irgendwann ein weiteres Gesicht zum Vorschein kommt. Augen vor, Augen in und Augen hinter Händen erzeugen neue Sichtweisen. An einem anderen Punkt taucht plötzlich der Popstar David Bowie auf. Das typische künstlerische Make-Up des Sängers mit weißer Schminke und dem markanten Blitz im Gesicht sticht hervor. Wer sind die bedeutenden Figuren unserer heutigen Zeit? Welche Bilder haben wir von Ikonen? Und wen bezeichnen wir überhaupt als eine Ikone?

Gedankliche Kettenreaktionen durch bildliche Zusammenhänge

Wie der Name “Atlas Fractured” bereits andeutet, geht es nicht nur um die kulturelle Vergangenheit, sondern um einen ganzen Atlas des Lebens und seiner menschlichen Bildnisse. Neben der kulturellen Vergangenheit handelt die Videoprojektion auch von den Bildern der heutigen Gesellschaft und vor allem von dem Dazwischen. Dem Künstler gelingt es, den Betrachter dazu zu bringen, Althergebrachtes und Bestehendes aus neuen Blickwinkeln heraus zu betrachten und zu hinterfragen. Theo Eshetu löst gedankliche Kettenreaktionen aus.

Wer sind wir? Wer sind wir als Menschen? Und: Wer wollen wir sein?
Welche Bilder haben wir in unseren Köpfen – von uns und von anderen?
Und was passiert, wenn sich die Bilder der Vergangenheit mit denen der Gegenwart überlagern?

Antworten kann jeder für sich selbst finden – bei einem Besuch der Neuen Galerie im Rahmen der documenta in Kassel.

Die documenta 14 findet in Deutschland noch bis zum 17. September 2017 statt.
Web: documenta 14

Bild: @Mathias Völzke (Fotograf); Künstler: Theo Eshetu; Werk: Atlas Fractured, 2017, auf Banner projiziertes Digitalvideo, Neue Neue Galerie (Neue Hauptpost), Kassel, documenta 14

Litfaßsäule mit Plakaten und Anzeigen. In der Mitte das Cover des Buches Das Stammeln der Wahrsagerin über eBay-Geschichten

Hochzeitskleid, garantiert ungetragen:
Sarah Khan über eBay-Geschichten

Der Verkauf eines ungebrauchten Brautkleides, einer Pferdebuchsammlung zur Absicherung der Rente, ein Designersofa, das lange Zeit nicht einmal jemand geschenkt haben will – auf eBay-Kleinanzeigen tummeln sich nicht nur Kauf-und Verkaufsangebote, sondern auch jede Menge Geschichten.  Sarah Khan hat ein Buch über die Storys hinter den Inseraten geschrieben – “Das Stammeln der Wahrsagerin: Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen”. NeoAvantgarde hat sich mit der Autorin getroffen.

Welche Arten von Geschichten beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich. Es sind nur acht Geschichten und es hat fast so ein bisschen den Charakter eines Plattenalbums. Jede Geschichte steht für eine eigene Idee. Das Buch fängt relativ heiter an, mit einer eher witzigen Geschichte, mit jemanden, der sein Designersofa aus den 90ern verschenken will, weil er seine Wohnung MidCentury original einrichten will. Es stört und dann fängt das Sofa auch noch an zu sprechen und erinnert ihn an seine soziale Verantwortung. Und dann muss er sich mit einem Interessenten abquälen, der sich nicht entscheiden kann. Das ist eher heiter, aber danach geht es ja gleich weiter. Da gibt es eine traurige Geschichte von einer Frau, die die Wohnung ihres verstorbenen Sohnes ausräumen muss. Von jedem einzelnen Gegenstand nimmt sie einzeln Abschied, schreibt über jeden Gegenstand einen Text und wohnt monatelang in dieser Wohnung bis alles verkauft ist. Das war eine Geschichte, die mir schwer gefallen ist zu schreiben.

Heißt das, Sie haben auch fiktive Elemente mit einfließen lassen?

Ja – wenn es geholfen hat ein bestimmtes Anliegen zu unterstreichen. Dass es zum Beispiel nicht so einfach ist, Sachen wegzugeben oder zu verschenken oder loszuwerden. Man kann das natürlich entsorgen oder entsorgen lassen. Das kostet Geld. Wenn man es verschenken will, kostet es Zeit. Viele Dinge haben ja auch ihren objektiven Wert. Aber viele Details sind immer super interessant und könnte ich mir nie ausdenken.

Sie haben ursprünglich selbst bei eBay-Kleinanzeigen Produkte für Ihr Wochenendhaus gesucht. An welcher Stelle wurde Ihnen bewusst, dass sich hinter den Anzeigen interessante Geschichten verbergen könnten?

Erst einmal bin ich auf die Sprache abgefahren. Ich habe gemerkt, dass viele Leute eine sehr volkstümliche Sprache pflegen. Das hat mich ziemlich begeistert. Das ist so ein rauer, raffer Ton, den es in der Literatur nicht mehr so viel gibt. Das waren dann für mich teilweise literarische Kleinoden, wie: “Bitte zu zweit kommen. Kein ‘Fass mal mit an’”. Das fand ich irgendwie faszinierend, dass die Leute dann auch einfach so ihre ganzen Befindlichkeiten anmerken: “Ich verkaufe zwei Edelsteintöpfe für zehn Euro. Der eine müsste noch geschruppt werden, aber wer keinen zusammenhängenden Satz schreiben kann, braucht sich gar nicht erst melden”. Da habe ich dann auch erst einmal versucht, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen und habe denen teilweise auch frech zurückgeschrieben und einfach nur sprachlich darauf reagiert – ohne gleich die Idee gehabt zu haben, die zu treffen,  zu begleiten oder über Monate sprechen zu wollen. Einfach nur: Was passiert wenn man denen schreibt? Die guten Geschichten waren nicht unbedingt da, wo die Dinge waren, die ich für mein Haus brauchte. Ich musste ganz viele Leute immer wieder anschreiben und kontaktieren.

Wie haben die Nutzer auf Ihre Anfrage reagiert?

Der Anbieter diktiert wie das läuft. Aber ich habe auch viele angefragt, die dann gesagt haben: „Nein ist nicht“. Und andere waren ganz begeistert und haben gleich etwas mit mir ausgemacht und haben mich auch zurückgerufen.

Wie gestaltete sich die persönliche Kommunikation mit den Personen – im Gegensatz zur Online-Kommunikation?

Komischerweise habe ich oft das Gefühl gehabt, dass mir Leute sehr schnell alles mögliche erzählen. Was mich jetzt fast ein bisschen ängstigt, weil man dann sehr viele Geheimnisse von anderen Menschen mit sich herum trägt. Berlin ist riesig groß, man findet immer Verbindungen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich selber geografische Zweige habe. Es war fast wie ein Orakel meines eigenen Lebens, wenn ich Leute über eBay-Kleinanzeigen kennengelernt habe, dass man doch irgendwo im Hintergrund gemeinsame Bekanntschaften hat oder gemeinsame Menschen kennt und so einen kleinen Einblick hat. Und dann weiß man teilweise auch Sachen, die man gar nicht wissen wollte.

Also offenbaren sich Beziehungsräume?

Es gibt sicher viele, die das sehr systematisch benutzen für jeden Aspekt ihres Lebens. Und ich habe auch gemerkt, ich selbst mache es auch sehr oft: wenn ich irgendetwas brauche oder ein Bedürfnis habe, dann gehe ich auf dieses Portal. Das ist total interessant. Man kann Menschen darüber kennen lernen, man kann ausmüllen, man kann verschenken und man kann tauschen. Aber das ist auch interessant: was verschenken die Leute, was gilt heute als verschenkt und welche komischen Bedingungen und Ruppigkeiten sind daran geknüpft? Oder wie gehen Leute mit illegalen Zwischenräumen um? Wenn die quasi gewerblich Sachen in ihrer Wohnung verkaufen: Was ist der Unterschied zu Jemanden, der einen Laden hat? Das merkt man auch: die Leute sind dann hochgradig nervös und wollen einem auch nicht viel erzählen. Die meisten sind aber sehr privat. In Berlin ist es ja eh immer alles ziemlich offen. Manche sind so: „Komm erstmal rein, trink einen Kaffee, zieh dir die Schuhe aus“.

Ein bisschen habe ich auch das Gefühl, das Buch handelt von den Problemen, die die Leute heute mit Geld und Arbeit haben. Viele sind ja heute freiberuflich, prekär, ziehen oft um, müssen Sachen wieder einrichten und aufgeben. Und eBay-Kleinanzeigen ist auch IKEA-Friedhof.

Die Plattform könnte als digitaler Trödelmarkt bezeichnet werden. Was glauben Sie, ist der Unterschied? Wie verhalten sich die Menschen im Gegensatz zum realen Marktbesuch? Dort hat man ja beispielsweise wenig Möglichkeiten der Rückversicherung oder Recherche.

Dass man ins Private geht, also die Auflösung. Die Industrialisierung hat gebracht, dass die Menschen nicht mehr Zuhause, im Gehöft oder in einem Hof gearbeitet haben. In der bürgerlichen Kultur gab es das Haus mit Bediensteten. Der Mann ging morgens in die Fabrik als Direktor oder als Arbeiter. Und die Frau war dann sozusagen einsam, fing an zu lesen, sich zu bilden und so weiter. Und jetzt gibt es ja seit einigen Jahrzehnten wieder dieses Homeoffice, Freiberuflichkeit, dass man das gar nicht mehr so richtig trennen kann, wo man arbeitet und, ob man gerade lebt oder arbeitet. Und jetzt werden auch die Wohnräume zu Geschäftsräumen. Man bringt völlig fremde Leute über eine Verabredung im Internet in sein Haus und verkauft alte Sachen von sich. Und dann gibt es sozusagen eine kurze Begegnung. Die meisten Leute sind ja auch nicht so wie ich, dass sie sich dann hinsetzen und sagen “erzähl mal”. Viele sind sehr knapp und distanziert. Das bin ich nicht, ich bin eine Autorin, ich will das alles hören. Es belastet mich teilweise auch oder wird mir zu viel oder denke mir, was soll der banale Kram. Aber letztendlich kann man in diesen banalen Geschichten oft interessante Sachen finden, das glaube ich zutiefst. Das ist eigentlich das Entscheidende. Früher gab es Künstler, die sich eine Ladenwohnung gemietet haben, in der sie lebten und den ganzen Tag war Verkaufsausstellung. Du konntest reingehen und sagen “komm lass uns ein Bier trinken und jetzt kaufe ich dir eine Kaffeekanne ab”. Oder es gab Boutiquen in London oder so, das waren einzelne Kunstwerke. Heute macht das jeder: Das Konzept, dass das eigene Haus nicht nur bei Airbnb ist, dass man diese Grenzen nicht mehr hat.

Was glauben Sie, warum sich die Nutzer dazu verleiten lassen, ihre persönlichen Geschichten anzudeuten? Bei eBay zählt ja eigentlich eher der schnelle und praktische Kauf und Verkauf.

Genau, aber man sagt eben auch, es ist kein Anbieten wie “Sauer-Bier”. Also es muss ja schon etwas Geliebtes sein. Es kommt aus einer anderen Zeit. Es steht für etwas und da reichen solche Kategorien wie neu oder alt gar nicht mehr, weil Dinge dann einen Wert aufladen können, wenn sie alt sind oder wenn sie gewisse Spuren haben oder aus einer bestimmten Mache kommen, die heute nicht mehr produziert wird. Aber man begibt sich immer häufiger auch in die Verkäufer-Perspektive. Was machen denn Verkäufer, wenn sie Dinge anpreisen? Sie schmeicheln, sie stellen die Dinge in das richtige Licht, sie erzählen auch irgendwo eine Geschichte. Diese Idee, dass man durch Dinge erst lebt, also durch den Besitz und die Ingebrauchnahme von Dingen. Das Problem ist nur, und das zeige ich ja auch an einer Geschichte, dass wenn da keiner ist, wenn man einsam ist: du kannst dir einen Tischgrill kaufen, aber du kannst dir nicht die Menschen kaufen, die mit dir Grillen.

Bei eBay ist es schon eher nüchtern und man kann nicht sofort hingehen. Dort ist es eher ein Einblick in viele Wohnzimmer. Wenn man irgendwo in Deutschland mal reist und man fährt an kleine Orte oder Städte: Ich finde das so interessant, sich dann die eBay-Kleinanzeigen aus dem Ort anzusehen. Dann sieht man so viele Wohnzimmer. Es sind sozusagen Museen des Alltags. Die Leute fotografieren Sachen, im Hintergrund sieht man das Fenster, sieht man die Straßen, man kann das teilweise total zuordnen, man sieht Garagen, man sieht ein Zimmer, man sieht wie Leute ihre Klamotten einräumen oder nicht einräumen und Haustiere. Man sieht sehr selten Menschen. Bei Hochzeitsfotos ist es oft so, dass die Gesichter ausgeschnitten sind. Ansonsten ist das einfach eine richtig interessante, kulturwissenschaftliche Quelle. Man kann sehr viele Bilder, Geschichten, Poesie und so weiter finden.

Könnte man Ihrer Meinung nach sagen, dass die Anonymität des Netzes unbewusst zu einer großen Intimität verleitet?

Man spricht erst einmal in einen Raum hinein. Wenn ich Sachen von meinen Kindern verkaufe, ertappe ich mich dabei, dass ich sage “meine Tochter hat das total gerne gespielt, das ist vollständig, das begeistert jede Fünfjährige“ oder so. Und auf einmal wird man so vertrauensselig, obwohl da gar keiner steht. Also wenn da einer stehen würde, mich anschaut, dann würde ich das wahrscheinlich nicht machen. Deshalb spricht einiges für diese Theorie. Es ist ein interessanter Effekt aus diesem Widerspruch heraus. Dazu kommt eben, dass außer der Privatheit eigentlich nichts anderes für die Dinge sprechen kann – außer das Anfüllen der Dinge mit der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen Emotionalität. Also wir beleben, wir beseelen diese Dinge mit unseren Empfehlungen und die Empfehlungen kommen aus unserer Ingebrauchnahme. Und die Gebrauchnahme ist natürlich so, dass sie fast keine Spuren hinterlassen hat, also fast wie neu ist, nur wenig getragen – aber gleichzeitig heiß geliebt: “Meine heiß geliebten Gummistiefel, die ich nur zwei Mal getragen habe, aber jetzt ziehe ich nach Südspanien, wo es nie regnet”. Solche Muster hat man ständig. Also es ist nichts Individuelles in dem Sinne oft zu finden, also selten. Und dann merkt man, dass es da eine Störung gibt. Und darauf habe ich am ehesten noch reagiert, dass es sozusagen manchmal Abweichungen von diesen Mustern gegeben hat.

Die von Ihnen gewählten Inserate haben einen gemeinsamen Nenner: Sie stammen von Berlinern. Haben sie den Eindruck, dass Berlin eine besondere Stadt mit besonderen Geschichten ist?

Ja – da bin ich mir ganz sicher, weil hier einfach eine enorm große und auch eine in ständigen Veränderungen befindliche Stadt ist und viele zuziehen, wegziehen, arm sind. Es betrifft ja nicht nur Arme, einfach, dass die Menschen hier sehr offen sind. Dass es sozusagen einen hohen Umschlag-Rhythmus gibt. Und gerade erben unheimlich viele Menschen Sachen, die man heute nicht mehr benutzt, riesige Schrankwände, Aquarien, solche Dinge, die zu einer ganz anderen, viel gefestigteren Lebensweise gehören, zu der alten Bundesrepublik oder zur DDR. Also wo die Leute wirklich mit 15, 20 ihr Leben durchplanen konnten. Und heute ist es nicht mehr so. Die ganzen schweren Möbel unserer vorherigen Generationen sind schon jetzt eine enorme Belastung für Menschen, weil sie gar nicht mehr so ein gesetteltes Leben führen können. Und nicht jedes Mal einen Schwertransport organisieren wollen. Wir haben viele Singles, wir haben viele Leute, die ziehen zusammen und trennen sich wieder, müssen Familien über zwei, drei Haushalte organisieren. Es sind heute einfach andere Bedingungen. Viele Leute sind so froh, nur dass sie die Sachen los sind, dass sie sie verschenken können. Und auf dem Land ist es nicht so. Man hat viel größere Wege, man möchte nicht, dass die Nachbarn zu viel sehen. Weil es ja auch wirklich, gerade im Bereich der Geheimnisse, zu Konflikten kommen könnte. Man möchte auch nicht zu nah sein, weil man dann auch abhängig oder ausgeliefert wäre. Denn Nähe bedeutet Information, bedeutet, es könnte Klatsch geben usw.. Man baut viel mehr an einem Bild von einem, was die anderen haben, weil sie einen sozusagen ständig spiegeln. In Berlin versendet es sich, es diffundiert, es löst sich viel stärker im allgemeinen Getöse auf. Das empfinden ja auch sehr viele als angenehm am städtischen Wohnen, dass man sich nicht so von den anderen beobachtet fühlen muss, wie man es im Dorf tut. Und entsprechend gehemmter sind die Menschen in den Dörfern und haben ja auch ganz andere historische Erfahrungen.

Im Netz ist es erstmal oberflächlich. In dem Moment, wo man sich trifft und begegnet, ist es wieder die ganz normale menschliche Begegnung und es gibt solche und solche. Das Portal ist nur eine Möglichkeit der absoluten Vernetzung mit Leuten.

Instagram Trend Foto von dem bunt bemalten Dorf in Indonesien

Das Regenbogendorf:
Ein Armenviertel wird zum Instagram Trend

Von Wänden, Dächern, Geländern, oder Treppen, bis hin zu den kleinsten Pflastersteinen – in dem indonesischen Dorf Kampung Pelangi erstrahlt alles in den buntesten Farben. Verschiedene Künstler bemalten die ganze Umgebung in Regenbogenfarben. So erhielt der Ort Gunung Brintik seinen Beinamen Kampung Pelangi, übersetzt: das Regenbogendorf. Hier entdecken Besucher in und an jeder noch so kleinsten Ecke neue Bildmotive und Farbkombinationen. Kunterbunte Töpfe, Stühle, Regenschirme, Girlanden, Ballons und Fahnen schmücken – mit viel Liebe zum Detail – zusätzlich die Straßen von Kampung Pelangi. Besucher halten ihre Eindrücke auf Fotos fest und lösen so einen Instagram Trend aus. Ein kleines Dorf erlangt Weltruhm.

Ein Slum als Touristenattraktion: Doppelmoral?

Auf dem zweiten Blick stellt sich die Frage, ob das alles wirklich so schön und heiter empfunden werden sollte. Denn es handelt sich um ein Slum.  Ein Armenviertel sollte nicht als Touristen-Attraktion und Sehenswürdigkeit herhalten müssen. Schließlich versuchen die Menschen vor Ort tagtäglich, mit den einfachsten Mitteln, über die Runden zu kommen. Folgt das Projekt einzig und allein dem Motto: “Ich mal mir die Welt, wie sie mir gefällt”? Nicht ganz. Die Intention dahinter ist eine andere: durch die Umgestaltung der tristen Umgebung, soll dringend benötigte Hilfe geleistet werden. Die Idee kam von dem Schuldirektor Slamet Widodo. Zu „The Jakarta Post“ sagte er: „Hoffentlich wird Kampung Pelangi einst die größte und farbenfrohste Stadt Indonesiens werden“. Die indonesische Regierung unterstützte das Vorhaben mit umgerechnet 200.000 Euro. Der Tourismus solle angekurbelt und dem Dorf, mit seinen verwahrlosten Häusern sowie seiner schlechten Infrastruktur, dadurch geholfen werden.

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Ein buntes Dorf als Instagram Trend

Und tatsächlich: das kleine Viertel wurde in seinem neuen Look bekannt “wie ein bunter Hund”. Unter dem Hashtag #kampungpelangi, verbreiten auf Instagram immer mehr Nutzer Fotos ihres Regenbogen-Dorf-Besuches. Diese sind echte Hingucker und machen neugierig auf mehr. Dank der großen Aufmerksamkeit als Instagram Trend, wurde das Dorf zu einem echten Besuchermagneten. Durch Unterkünfte, Souvenirs, Streetfood und Führungen, können die Dorfbewohner wichtige Einkünfte erzielen und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Regierung möchte nochmals rund 1 Million Euro in die Sanierung des Abwassersystems stecken.

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Demnach bleibt den Einwohnern des indonesischen Dorfes zu wünschen, dass der Besucherandrang anhält. Solange die Touristenströme keine neuen Probleme, wie eine Verschmutzung der Umgebung, Auflösung bestehender Kulturen und Traditionen, oder gar die Verdrängung von Einheimischen mit sich ziehen, gilt: mit Regenbögen Brücken bauen.

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Titelbild: @arieprakhman

Bilder:  @irfan_el_zayn, @dudisugandi, @nengpujii, @djoeraganlemak

Instagram-Video: @ady.sis

Wahlkampf 2017:
Auf die Plätze…

Zugegeben, das Battle der Parteien zur Bundestagswahl 2017 ist im Alltag der Wähler noch nicht ganz angekommen. Der digitale Raum bildet hier keine Ausnahme. Doch die etablierten Parteien befinden sich in den Startlöchern. Mittlerweile haben fast alle ihre Wahlprogramme veröffentlicht. Heute ist der 79. Tag vor der Wahl – der Stichtag zum endgültigen Beschluss darüber, welche Fraktionen teilnehmen dürfen. Wir haben uns auf den Online-Plattformen von SPD, CDU und Co. umgeschaut und den aktuellen Stand der Dinge festgehalten.

#Ehe für alle

DAS Thema der letzten Tage ist natürlich das “Ja” der Mehrheit des Bundestages zur “Ehe für alle”. Die Freude über diesen Beschluss wird von den meisten großen Parteien geteilt und auf den Kanälen zelebriert. Da gibt Martin Schulz zum Frühstück Kuchen aus, die FDP schmeißt mit Hashtags wie #LoveisLove, #EheFürAlle, #LoveWins um sich und den Grünen ist es nochmals ein Bedürfnis, mit einem Bilderalbum zu betonen, 20 Jahre lang für diese Entscheidung gekämpft zu haben. Nur CDU und CSU strichen das Thema von der Posting-Agenda. Weder auf Twitter, noch auf Facebook sind die Parteien darauf eingegangen.

Die Online Auftritte der Parteien im Wahlkampf 2017

CDU und CSU: ein gemeinsamer Konsens

Minimalistisch und konservativ – so könnte der Social-Media-Auftritt der Parteien CDU und CSU beschrieben werden. Die CSU postet tagtäglich im blauen Look. In Sachen Wahlkampf ist hier allerdings noch nicht viel los. Ein Posting zu einer regionalen Umfrage und ein Video mit einer fünf Sekunden langen Zusammenfassung der Programminhalte ist alles, was auf Facebook zur Bundestagswahl zu finden ist. Betont wird in CSU-Tweets allerdings die Erfüllung vergangener Versprechungen sowie das zukünftige Vorhaben zur Digitalisierung und Sicherheit. Gemeinsam mit der CDU will man hier neue Wege gehen. Die CDU ist hingegen aktiver und postet in regelmäßigen Abständen Videos, in denen über das Parteiprogramm berichtet wird und sich Parteimitglieder dazu aussprechen. Die Partei präsentiert sich im Gewand der deutschen Nationalfarben. Lead-Agentur der CDU-Kampagne “Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben” ist Jung von Matt. So weit, so gut. Doch aus dem Claim ergibt sich der Hashtag #fedidwgugl, welcher im Netz, vergleichbar mit Trumps #covfefe, für Belustigung sorgte.

Einen weiteren Rückschlag in Sachen Online-Wahlkampf musste die CDU aufgrund eines Tweets des CDU-Generalsekretärs Peter Tauber hinnehmen. Dieser löste durch seine Aussage im Netz einen Shitstorm aus. Hintergrund war eine Diskussion über das Wahlprogramm von CDU und CSU mit dem Versprechen auf Vollbeschäftigung bis 2025. Ein Nutzer fragte auf Twitter: “Heißt das jetzt 3 Minijobs für mich?”. Taubers Reaktion fiel unglücklich aus. Er twitterte: “Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs”. Die Netzgemeinde reagierte empört, warf ihm Ignoranz und Arroganz vor. So schreibt zum Beispiel @luna_in_munich: “Wie überheblich & realitätsfern ist ihre Aussage denn bitte schön? Dass Minijobs existieren, ist das Unding!”. Der User @MagisterSinist kontert: “Sympathisch @petertauber. Es gibt Leute mit abgeschlossener Ausbildung, die in richtigen Scheißjobs stecken. Zum Beispiel in der Gastro”.

Peter Tauber entschuldigte sich nachträglich und bedauerte in einem Tweet, dass es aufgrund seiner unglücklichen Formulierung zu einem Missverständnis gekommen sei. Dass der Tweet allerdings nicht nur bei potentiellen Wählern ein grummelndes Gefühl hinterließ, sondern auch der politischen Konkurrenz unmittelbar neuen Stoff lieferte, zeigt wie machtvoll in diesem Zusammenhang auch die Online-Kommunikation von einzelnen Personen sein kann.

SPD: modern und vielfältig

Die Partei bewirbt sich und ihr Programm sehr vielfältig. Auf den Kanälen wird mit Interviews, Bildern, GIF’s und Verlinkungen gearbeitet. Im Fokus steht dabei immer wieder der Kanzlerkandidat Martin Schulz, der auch während, nach oder gar zwischen den Terminen begleitet wird.

Um sich positiv abzugrenzen, werden häufig Vergleiche zur Regierungspartei und Kanzlerin Merkel gezogen. Beispielsweise wurden in einem Bild Zeitungsausschnitte negativer Schlagzeilen zum CDU/CSU-Programm, wie “ohne neue Ideen” oder  “Trägheitsmoment”, zusammengetragen.  Zwar kommen wichtige Programminhalte zur Sprache, doch die SPD zeigt durch Out-of-the-topic-Posts ebenfalls ihren Sinn für Humor und Modernität. So denkt man hier beispielsweise mit einem Kuss-GIF-Posting an den Tag des Kusses. Die Nutzerin Manuela Kossmann kommentiert daraufhin: “In der Öffentlichkeit küsst man nicht. Es ist proletarisch, unerzogen und unhöflich”. Die SPD reagiert mit einem “Dicken Schmatzer.” Einem anderen User fehlt eine Kussszene aus “vom Winde verweht”, die die SPD doch direkt in einem GIF nachliefert. Charme zeigt auch Heiko Maas, indem er mit seinen Händen die berühmte Raute-Handgeste von Merkel zum Herz formt und dabei in die Kamera zwinkert. Dieses bunte animierte Herz ist der SPD anlässlich der “Ehe für alle”, ein Posting wert: “Wir sind für’s Herz”.

Was zusätzlich auffällt ist, dass die SPD im digitalen Raum nicht nur Wähler, sondern auch Unterstützer anwirbt. Insbesondere junge Menschen werden auf eine frische Art und Weise angesprochen, sich dem SPD-Wahlkampf anzuschließen und der Partei beizutreten.

In ihren Videos setzt die Partei außerdem auf Fraktionsmitglieder, Prominente, den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder sowie Gespräche mit Bürgern.

Der eigens für das Wahlprogramm entwickelte Trailer setzt auf inhaltliche Keywords sowie emotionale Bilder.

DIE GRÜNEN: reaktionsfreudig und aktiv

Die Grünen sind natürlich auch online grün unterwegs. Es werden Videos, Infografiken, TV-Berichte und vor allem viele Bilder von Events und Demos geteilt.

Wie alle Fraktionen beziehen sie sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit auf ihre Konkurrenz. Und das auch mal mit einem zwinkernden Auge: “Liebe CDU, liebe SPD, wenn ihr alle grünen Ideen vor der Wahl abräumen wollt, haben wir da prinzipiell nichts gegen. Da wo die #ehefueralle her kommt, gibt es noch viele gute, grüne, mutige Ideen für unser Land und eine lebenswerte Zukunft! Die komplette Liste schicken wir Euch gerne zu.” Zu diesem Facebook-Post erscheint ein Bild mit einer Liste, die unter anderem Klimaschutz und Lohngleichheit beinhaltet. Es folgt ein Kommentar, der die Social-Media-Aktivität der Partei kritisiert: “Euer Social Media Fuzzi macht viel, leider auch viele Sachen schlecht. Wenn ihr schon die CDU & die SPD direkt via FB ansprechen wollt, dann verlinkt sie doch entsprechend. Und euer Hashtag bringt auch nur was wenn euer Konto mit Twitter verbunden ist – dies ist leider auch nicht der Fall. Mann Mann Mann. #LegalizeIT, aber Dalli.”

Auch die Grünen finden ein GIF sagt mehr als tausend Worte und reagieren auf den Vorwurf mit einer ironisch klatschenden Jennifer Aniston.

Der Trailer zum Wahlprogramm der Grünen fokussiert das Spitzenduo und präsentiert sich dynamisch sowie bunt und modern.

DIE LINKE: straight

Auf der Facebook-Seite der Linken wird viel mit Infografiken, Hashtags und Bildern gearbeitet. Meist sind dort jedoch nur Politiker oder Statements abgebildet. Es wird demnach weniger durch Fotografien als durch Inhalte emotionalisiert. Der inhaltliche Fokus zeigt sich auch in Reaktionen der Partei auf Kommentare. Hier wird anstatt mit einem GIF in Sätzen, mit Erklärungen und Verlinkungen kommentiert.

Der Trailer der Linken ist laut, offensiv und direkt.

FDP: zukunftsgerichtet

Die FDP kommt in einem neuen flippig-hippen Design daher: ein strahlendes Gelb, kombiniert mit knalligem Pink und Himmelsblau. Modernität sowie das Erreichen neuer Wähler sind gewünscht. Christian Lindner soll die Partei zu neuen Erfolgen führen. Dementsprechend präsent ist er mit seinen Aussagen auch auf den Online-Kanälen der Partei. Hier arbeitet man mit Videos, Hashtags und vor allem mit vielen Infografiken, Zitaten und inhaltlichen Statements im modernen Look. Dies spiegelt sich auch in dem Video “100 Tage” (vor der Bundestagswahl) zum Wahlprogramm der Partei wieder.


Die Partei hat sich laut eigenem Post dazu entschieden, voll durchzustarten: “Wir setzen auf eine echte Zukunftsagenda 2030 statt auf Vergangenheitsfixierung und beziehen Stellung für Fortschritt und Bürgerrechte. Wir sind die Alternative für die ungeduldige Mitte”. “Die anderen machen Sommerpause. Wir nehmen Anlauf” – heißt es in einem Facebook-Post vom 01.Juli 2017.

Und so verteilen sich die aktuellen Likes auf Facebook:

CDU: 135.866 Personen
CSU: 167.498 Personen
SPD: 144.158 Personen
DIE GRÜNEN: 143.920 Personen
DIE LINKE: 198.724 Personen
FDP:  96.549 Personen

Bild: @unsplash, Peter Hershey

Immersion: Tragen von Virtual Reality Brille

Theater und Immersion, Innen und Außen:
Neue Erlebniswelten

Wenn sich das immersive Theater mit dem virtuellen Raum verbindet, eröffnen sich neue Erlebniswelten. Am Mittwoch Abend besuchten wir in Berlin eine Diskussionsrunde zum Thema “Immersives Theater und virtuelle Räume”. Mit dabei waren Kay Voges (Intendant Schauspiel Dortmund), Kay Meseberg (Projektleiter ARTE 360/VR), Mona el Gammal (Szenografin) und Thomas Oberender (Intendant Berliner Festspiele). Gemeinsam wurde anhand von den aktuellen Virtual-Reality-Projekten „RHIZOMAT VR“ und „THE MEMORIES OF BORDERLINE“ versucht, einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der neuen Medien sowie ihren Einfluss auf das Theater zu werfen. Immersion im Theater beschreibt dabei eine partizipatorische Darstellungsform.

Rhizomat VR

Das Projekt „RHIZOMAT VR“ entstand in einer Zusammenarbeit von ARTE und den Berliner Festspielen. Der narrative Space basiert auf der Inszenierung “HAUS//NUMMER/NULL” der Szenografin Mona el Gammal. In der analogen Version hat das Projektteam in einem ehemaligen DDR-Fernmeldeamt ein “Institut für Methodik” (IFM) konstruiert. In dem erzählerischen Raum „RHIZOMAT” hat man die Welt eines monopolisierenden und über alles und jeden herrschenden Privatunternehmens inszeniert. Der Zuschauer kann die Zukunft einer überwachten und kontrollierten Gesellschaft erleben. Nach Anmeldung stellten die Berliner Festspiele ein Ticket mit einem Code zur Verfügung. Mit diesem konnte der Nutzer sich auf der IFM-Website anmelden, musste sich für eine “Standarduntersuchung” registrieren und sehr persönliche Fragen beantworten. Dann erhielt er vom IFM einen Code mit einer konkreten Zeitangabe, musste sich zu einer bestimmten Adresse begeben und hat 50 Minuten allein in diesem Gebäude in einer Geschichte verbracht. Im Verlauf bekam er einen handschriftlichen Code für den Zugang zu einem intrafiktionalen Forum. Dort konnte der Teilnehmende Informationen zum aktuellen Zustand der Gesellschaft einsehen sowie entsprechende Lösungsansätze finden.

360°-Virtual Reality-Film als neue Erzählform

Der narrative Ort wurde nun, zusammen mit ARTE, zusätzlich in den digitalen Raum verlängert. Dafür wurde gemeinsam mit INVR.SPACE ein 360° -Virtual Reality-Film produziert. Mittels der kostenlosen ARTE360-App sowie VR-Zubehör, kann der Zuschauer in das Experiment einer neuen filmischen Erzählweise eintauchen. Der Betrachter steht dem Stück nicht gegenüber, sondern tritt hinein. Auch wenn der Zuschauer viele Freiheiten hat, zum Beispiel individuelle Blickwinkel wählen kann, gibt es eine klare Regie. Diese ist allerdings als Live-Regie dem individuellen Tempo des Zuschauers angepasst. Denn jeder erlebt und bewegt sich anders. Jeder Zuschauer kommt mit einer eigenen Biografie und erlebt individuell. Es handelt sich demnach um einen Erfahrungs- und Konstruktionsraum.

Eine vollständige Immersion?

Das Problem ist laut Szenografin, dass im Gegensatz zur analogen Situation, Abstriche hinsichtlich der Sinneswahrnehmungen gemacht werden müssen. Es ist beispielsweise nicht klar und bestimmbar, was der Zuschauer riecht und fühlt. Ein weiteres Problem war, dass der Zuschauer sich nicht physisch im Raum bewegen konnte. Dies haben die Verantwortlichen gelöst, indem sich die Räume um den Besucher herum bewegen. Die VR-Brille wird sogar selbst zum Protagonisten. Es geht darum, die Brille abzunehmen, um wieder hinsehen zu können.

Der Projektleiter spricht von einem “Paradigmenwechsel. Weg vom Klassischen, eine Antenne und ganz viele Fernseher und die Leute sitzen davor, hin zu einer Reihe von Antennen mit verschiedenen Devices, Gegenständen und Bildschirmen, auf denen man das sieht. Und da wiederum ist VR und 360 Grad schon noch eine sehr exemplarische Technologie, weil das eigentlich das erste interaktive Medium ist, was auf verschiedenen Plattformen darstellbar und publizierbar ist”.

The Memories of Borderline

Ebenfalls zum Leben erweckt wird die Umgebung des VR-Theaterstückes „THE MEMORIES OF BORDERLINE“. Das Projekt wurde vom Schauspiel Dortmund in Kooperation mit CyberRäuber kreiert. Die Besucher können sich per Vive-Brille in einem visuell-akustischen 3D-Raum selbstbestimmt durch die Kulissen der Inszenierung “Die Borderline Prozession” von Kay Vogues bewegen. Das ursprüngliche Theaterstück zeichnet sich insbesondere durch seine runde, durch eine Betonwand getrennte, Bühne aus, um welche sich eine Kamera bewegt und immer wieder verschiedenste Blickwinkel auf die einzelnen Räume, auf das Innen und Außen, wirft. Die Bilder werden dabei über der Bühne mit Texten und anderen Elementen kombiniert und präsentiert. Für das VR-Werk kamen Laserscans des Bühnenbildes, eine volumetrische Aufzeichnung der Schauspieler, 360° und 180°-Filmaufnahmen sowie -Stills zum Einsatz. Bei diesem Projekt kann der Besucher auf und in die Bühne gehen und die Erzählregie selbst mitgestalten.

Die Zuschauer sind nicht mehr nur Zuschauer, die sich in ihrem Sessel zurücklehnen. Sie sind selbst Teil der dynamischen Inszenierung. Regisseure, Schauspieler und Publikum spielen gleichzeitig und mit einem direkten Live-Feedback. Die Initiatoren beider Projekte bezeichnen ihr Werk als unvollständig und in einem ständigen Prozess.

VR-Theater: Eine Revolution?

In dem Gespräch kommt das Thema der medialen Entwicklung auf. Kay Vogues vergleicht die aktuellen Entwicklungen mit der Revolution des Buchdruckes, oder der Fotografie. So führten diese zu Veränderungen verschiedenster Natur. Und immer gab es mehr oder weniger begründete Sorgen über mögliche Auswirkungen. Er führt fort: “Jetzt haben wir VR und wieder eine Sprache. Der Körper verabschiedet sich noch mehr. Er ist auf einmal wie herüber gebeamt in eine andere Welt, in eine andere Zeit und wieder ist es eine neue Sprache. Und das ist Pionierarbeit. Und ich habe das Gefühl, das ist so ein Moment wie beim Buchdruck. Jetzt sitzen wir da und fragen: Was ist die Möglichkeit, was kann diese VR geben, was wir nicht können”. Oft wird gefragt “wie nah eigentlich immer die Virtualität, der Traum und das Spiel so zusammenhängt und auf einmal hat man ein Medium gefunden, wo das zusammenkommt, was sehr nah am Theater ist”, so der Intendant.

Virtual Reality: Chance oder Risiko?

In der Diskussion fragen sich die Gäste, ob Virtual Reality demnach eine Chance oder ein Risiko darstellt. Mona el Gammal bezieht sich auf den aktuellen Hype, beschreibt, dass Künstler ihre Vorstellungswelten durch VR mehr denn je ausleben können. Sie gibt jedoch Bedenken hinsichtlich psychisch negativer Auswirkungen und/oder Missverständnisse. Dabei betont sie: “Ich möchte das Medium nicht einfach verteufeln, aber ich finde schon, dass Virtual Reality noch einmal ein anderer Schritt ist, weil mein Körper verschwindet, weil ich keine Referenz mehr habe. Da ist nicht mehr der Screen, ich bin nicht mehr im Raum, ich bin nicht mehr mit anderen Menschen da, ich bin da alleine, ich sitze da auch teilweise fest”. Die Technik ist im permanenten Wandel. Die Gäste überlegen: Noch erfordert der virtuelle Erlebnisraum eine Brille, irgendwann könnte auch sie für ein derartiges Erlebnis nicht mehr nötig sein. Momentan gibt es auf der Bühne Schauspieler, irgendwann könnten auch diese durch ein Hologramm ergänzt oder gar ersetzt werden. Ob das wünschenswert wäre ist allerdings fraglich.

Der Projektleiter von ARTE 360/VR, Kay Meseberg ist der Meinung, dass gerade die Ungewissheit und Neuartigkeit diese Immersion so interessant macht: “Wir schauen uns diese Technik an, solange sie interessant ist und solang man dieses Momentum hat, dabei zu sein, wenn da etwas entsteht. Wenn das irgendwann zum Standard oder einem Massenmedium wird, dann wird das wahrscheinlich irgendwann auch wieder uninteressanter sein. Bei VR ist sowieso die große Frage: In welcher Art und Weise wird sich das, was jetzt noch absolute Nische ist, überhaupt irgendwann einmal dahin entwickelt, dass man dort von einem Massenmarkt oder großen Markt sprechen kann”. Für ihn kann man Virtual Reality, aufgrund von fehlender Komfortabilität und fehlenden Inhalten, noch nicht auf eine Stufe mit Kino, Fernsehen, Game Industrie und Radio stellen.

Es bleibt ein spannender Prozess. Ein Blick in die Welt des Virtual Reality-Theaters lohnt in jedem Fall!

 

Bild: @unsplash, Andrew Robles

Videos: @arte, @Cyberräuber

Smartphone wird vor bunte Graffiti Wand gehalten, sodass Streetart online animiert wird

Streetart online:
Die App GIF-ITI Viewer macht’s möglich

GIF-ITI Viewer – eine App, mit der Straßenkunst zum Leben erweckt wird. Der Begriff „GIF-ITI“ wurde von INSA geprägt. Er ist einer der bekanntesten Graffiti- und GIF-Künstler aus Großbritannien. In der digitalen Kunstszene hat er sich mit seinen Animationen längst einen Namen gemacht. GIF-ITI umschreibt die Kombination aus Offline-Kunst und Online-Techniken. Denn INSA übermalt seine Kunstwerke immer wieder. Die einzelnen Etappen hält er auf Fotografien fest. Dadurch entstehen zahlreiche Schichten, welche dann zu einem GIF animiert werden.  Auf diese Weise verbreitet sich die Streetart online.

Streetart online als erweiterte Realität

Mit der GIF-ITI Viewer App (erhältlich für Android und iOS) können seine Kunstwerke nun gleichzeitig online und real als „augmented reality“ bestaunt werden. Der Begriff der „erweiterten Realität“ beschreibt die visuelle Ausweitung der Wirklichkeit durch computergestützte Funktionen. Demnach befindet sich der Nutzer in der realen Welt. Gleichzeitig ist er durch sein Smartphone oder eine entsprechende Brille virtuell unterwegs. Durch diese Vermischung entsteht demnach eine neue Wahrnehmung,  eine „erweiterte Realität“.

Die Graffitis sind in vielen Weltstädten wie Paris, Montreal oder Miami zu finden. Steht der Nutzer vor dem Streetart-Kunstwerk, erscheint dieses auf dem Smartphone-Display als finale Animation. Dadurch vermischen sich digitale und reale Räume unmittelbar. Wir hoffen, dass wir das Ganze bald auch in unserer Stadt Berlin anwenden können.  Zwar heißt es in der App, die Stadt sei mit auf der Liste, noch können wir Berliner-Streetart online aber noch nicht erweitern.

Doch keine Sorge, falls eure Stadt noch nicht mit dabei ist. In der App zeigen Videos beispielhaft, wie den Werken vor Ort Leben eingehaucht wird. Entsprechend groß ist die Vorfreude!

Bild: @pixabay,  BarbaraALane

Digitaler Wahlkampf: Analog-Kamera mit Facebook Logo und Live Aufschrift vor dem Hintergrund der Natur

Digitaler Wahlkampf: „Frag selbst“
– ein neues Social-Media-Format

Vielleicht könnt ihr euch noch an das Gespräch zwischen Sigmar Gabriel und der Reinigungskraft Susanne Neumann erinnern. Als frisch gebackenes Parteimitglied wurde sie damals von Gabriel zu einem Diskussionsgespräch zum Thema Gerechtigkeit, auf öffentlicher Bühne, eingeladen. Dabei hielt sie kein Blatt vor den Mund, erzählte offen und beherzt von Problemen aus ihrem Leben und stellte kritische sowie realitätsnahe Fragen. Die Netzgemeinde feierte sie dafür. Dies lag sicher nicht zuletzt daran, dass die Bevölkerung bis heute zunehmend das Gefühl hat, die Politik kümmere sich eher wenig um die wahren Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens. Ein digitaler Wahlkampf  spielt bei der Bundestagswahl  2017 für die Parteien eine große Rolle.  Und er kann durch die Nutzung von Social-Media dem beschriebenen Gefühl entgegenwirken.

Digitaler Wahlkampf: Ein Facebook-Live Dialog

Den Wähler in den Mittelpunkt stellen – dies möchte das neue Social-Media-Format “Frag selbst”, initiiert vom ARD Hauptstadtstudio sowie der tagesschau. Die Nutzer können ihre Fragen im Vorfeld per Mail einreichen oder live auf Facebook in die Kommentare schreiben. Diese werden dann von den wöchentlich wechselnden Spitzenpolitikern im Livestream beantwortet. Dabei werden laut Aussagen der Moderatorin diejenigen Fragen ausgewählt, welche die meisten Likes erhalten. Eine Aufforderung dazu gibt es allerdings nicht. Ebenfalls offen bleibt, wie die Redakteure die Mails selektieren. Für Abwechslung sorgen einige Einspieler, welche Meinungen von Menschen in Fußgängerzonen auffangen sowie 60 sekündliche Frage/Antwort-Sprints, die der jeweilige Politiker nur mit “Ja”oder “Nein” beantworten darf.

Katrin Göring-Eckardt im Gespräch

Den Startschuss gab am Sonntag der Dialog mit Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Einem Facebook Live-Video entsprechend, erschienen während der Übertragung von den Usern gewählte Emoticons als Reaktion auf die gezeigten Inhalte. Im Falle von Göring-Eckardt waren das in erster Linie Wut-Smileys, was wahrscheinlich generell der Stimmung im Netz gegenüber der Politik entspricht und erstmal nicht besorgniserregend ist.

Kommen Wähler tatsächlich zu Wort?

Das neue Format greift den aktuellen Zeitgeist auf und gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich durch persönlich relevante Fragen ein Bild über die politischen Haltungen und Vorhaben der jeweiligen Parteien zu machen. Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel, welche das Live-Gespräch führt, bestätigt dies:

„Diese Wahl ist anders. Es wird so viel über Politik diskutiert wie selten und gleichzeitig haben viele das Gefühl, nicht gehört zu werden. Hier bestimmen die User, was und wie gefragt wird und ob sie die Antworten überzeugend finden. Das macht den Reiz unseres neuen Formates aus“.

Die Fragen sind aus der Realität gegriffen, die Politik ist so “nah am Volk”. Gleichzeitig bietet sich den Parteien ein großer Vorteil, neue Wähler auf neuen Wegen zu gewinnen, insbesondere Digital Natives. Doch inwieweit die individuellen Anliegen wirklich Gehör finden können, bleibt fraglich – Selektion bleibt Selektion. Dennoch hilft es, einen relevanten und vielleicht sogar entscheidenden Einblick zu gewinnen.

Seht und fragt selbst!

Vergangene Sendungen können auch im Nachhinein in der Mediathek oder auf Facebook angeschaut werden. Ansonsten könnt ihr “Frag selbst” auf folgenden Kanälen verfolgen: im Livestream auf www.frag-selbst.de und www.tagesschau.de sowie bei Facebook auf den Kanälen von tagesschau, ARD-Hauptstadtstudio, Bericht aus Berlin und Das Erste. Tagesschau24 überträgt das Gespräch im Fernsehprogramm.

Alle Termine im Überblick:

  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli, 19:00 Uhr
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): 9. Juli
  • Peter Altmaier (CDU): 16. Juli
  • Frauke Petry (AfD): 13. August
  • Horst Seehofer (CSU): 20. August
  • Martin Schulz (SPD); 27. August 2017
  • Christian Lindner (FDP): Termin noch offen

Hier könnt ihr eure Fragen stellen:

  • live per Facebook-Kommentar
  • Webseite www.frag-selbst.de
  • via Video an frag-selbst@tagesschau.de
  • Facebook Messenger (Tagesschau)

Bild: @unsplashSticker Mule

GIF Kunst von Erdal Inci bewegte Massen

30 Jahre GIF-Kunst:
Ein Bildformat schreibt Geschichte

Ein GIF sagt mehr als 1000 Worte. Ob Wut, Hass, Liebe oder Ironie – GIFs liefern die passenden Emotionen und Reaktionen für jede (Online-)Lebenslage. Dieses Jahr feiern die kleinen und extrem kurzen Clips in Dauerschleife ihren 30. Geburtstag. Künstler auf der ganzen Welt sehen in den Animationen eine Möglichkeit, sich kreativ wie emotional auszudrücken. Wir haben uns die Welt der GIF-Kunst genauer angesehen.

GIFs: Entstanden durch eine glückliche Fügung

Steve Wilhite ist unser Mann: Er erfand das GIF (Graphics Interchange Format) vor 30 Jahren als er von dem Internetanbieter CompuServe den Auftrag erhielt, ein Bildformat zu entwickeln, dass Speicher spart und die Kompatibilität verbessert. Was dabei herauskam waren Fotos, denen ein transparenter Hintergrund verpasst werden konnte. Ein weiteres Feature: die Möglichkeit, sie hintereinander in einer Datei abzulegen. Je nach Browser zeigte sich so entweder ein normales Bild oder eine Abfolge von Fotos. Insbesondere, weil der damals gängige Browser Netscape letzteres ermöglichte, etablierte sich die berühmt berüchtigte Animation. Das erste GIF war angeblich ein Flugzeug:
via GIPHY

Von wegen Animationen im Web-Staub

Doch ihr Alter sieht man den aktuell im Netz kursierenden GIF’s gar nicht an. Mit blinkenden, bunten Überschriften und verpixelten Figürchen aus den Zeiten des Web 1.0 haben die heutigen Animationen nicht mehr viel zu tun. Heute benutzt sie fast jeder und wenn nicht, dann hat man sie bestimmt zumindest schon einmal gesehen. Sie sind aus der Online-Welt kaum mehr wegzudenken und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das Oxford Dictionary ernannte den Begriff GIF im Jahre 2012 sogar zum Wort des Jahres.

GIFs im Social Media Kontext

Die Mini-Videos leben durch Social-Media viral auf. Facebook nahm das Jubiläum zum Anlass, die Bewegtbilder auch in der Kommentarfunktion mittels eines eigenen GIF-Buttons bereitzustellen. Auch Twitter bietet eine integrierte Suche an. Nur auf Instagram lassen sich GIF’s als Bildformat nicht ganz so einfach einpflegen. Hier bleibt dem Nutzer nur der Upload einer mp4-Datei. Doch die kleinen Videos werden nicht nur plattformübergreifend in der Alltags-Kommunikation, im WhatsApp Chat, bei Facebook oder Twitter geteilt, sondern erhalten beispielsweise auch Einzug in die Werbe- und Kunstbranche. Die Firma GIPHY erkannte ebenfalls ein Potential und stellt den Nutzern eine eigene Suchmaschine, eine Art Bibliothek für GIF’s zur Verfügung. Dort kann auch jeder seine eigenen kurzen Clips erstellen und einpflegen. Professionelle GIF-Art Künstler sind ebenfalls vertreten.

 

Gemälde und GIF’s: Michelangelo 2.0


via GIPHY

Einige bedienen sich alter Gemälde, erwecken sie zum Leben, verändern, fügen hinzu, setzen sie in einen neuen Kontext und erzeugen so aus alter, neue Kunst. Der spanische GIF- und Animationsdesigner Rasalo (Ja – es gibt anscheinend sogar eine extra Berufsbezeichnung dafür) veränderte auf diese Weise einige Klassiker mit einem ironisch zwinkernden Auge. Da scheitert im Fresko von Michelangelo Gott plötzlich daran, Adam mit seinem Finger Leben einzuhauchen (und das obwohl dieser im GIF so schön mit den Augen klimpert). Da wird dem vitruvianischen Menschen, den jeder von uns zumindest von seiner Krankenkassenkarte her kennt, vor lauter Drehung schlecht.

 

GIF-Kunst als Tanz

Lichtspiel im Hierapolis Amphitheatre
Rasalos Hierapolis Amphitheatre

Die ganz besonders faszinierende, gar hypnotisierende, GIF-Reihe “Clones Project” stammt von dem Fotografen und Künstler Erdal Inci. Viele, der auf seiner Website veröffentlichten Darstellungen, erinnern durch ihre Lichtspiele und beweglichen Gruppierungen an kleine Tänze. Sie entstehen durch Klonen, Multiplikation und Wiederholung. Der zeitliche Aspekt spielt im kreativen Prozess des Projektes eine wichtige Rolle: „Mir ist aufgefallen, dass man eine Bewegung bis ins Unendliche duplizieren kann. So kann man alle einzelnen Zeitfenster derselben Performance sichtbar machen. Das gibt einem wiederum die Gelegenheit, wie ein Maler oder Choreograph zu denken und eine Masse zu formen. Dabei füllt man den Rahmen nicht mit Formen oder Farben, sondern mit Bewegung“, so der Künstler.
Da darf die Berliner Lichtergrenze, die temporäre Installation anlässlich des Mauerfalljubiläums, als GIF natürlich nicht fehlen. Ein Kunstwerk über ein Kunstwerk.

 

Nachdenkliche Animationen

Sozialkritische GIF Kunst des serbischen Künstlers Milos Rajkovic zeigen Obdachlosen auf einer Bank
Milos Rajkovics sozialkritisches GIF

Sozialkritisch und ernst wird es hingegen bei der GIF-Kunst des serbischen Künstlers Milos Rajkovic. Er thematisiert in seinen Animationen soziale Probleme sowie Missstände und zeigt, dass es manchmal keiner Worte bedarf.

 

Fotografien zum Leben erweckt

GIF Kunst von A. L. Crego. Roboter Graffiti auf einem Hochhaus bewegt sich
A. L. Cregos GIF zu Straßenkunstwerken; Graffiti von Phlegm, Bloop Festival in Ibiza

Wie Fotografien und im Speziellen Straßenkunstwerke digital erweitert werden können, zeigt der Fotograf und Motion Designer A. L. Crego in eindrucksvoller Weise. Er animiert die einzelnen Bildelemente und lässt sie mit ihrer Umgebung interagieren. So werden Zeichnungen und eingefrorene Momente zum Leben erweckt und durch die Erweiterung des Kontextes mit neuen Bedeutungen aufgeladen.

GIF: Eine Collage aus alt und neu

Die vorgestellten Arbeiten zeigen nur einen Bruchteil des Universums an GIF-Kunstwerken und den dahinterstehenden Künstlern. Sie erschaffen aus Filmsequenzen, Fotografien, eigenen Videoaufnahmen, Textelementen, Multiplikationen, digitalen Bearbeitungen und anderen Techniken, aus Altem und Neuem, aus Vorhandenem und noch nicht Bestehendem, digitale Kunst. Dass man diese wiederum theoretisch als Antwort auf eine Nachricht im Chat nutzen kann, zeigt, wie das kleine Bildformat eine kreative Verbindung schlägt – sowohl optisch als auch narrativ. So kann jeder GIF-Nutzer mit einer kreativen Antwort ebenfalls zum digitalen Künstler und Bastler werden. Und genau hier liegt eine Besonderheit: Die Videosequenzen in Endlosschleife können inhaltlich für sich selbst sprechen und kreativ, lustig, humorvoll, traurig oder einfach nur unterhaltsam sein. Doch sie leben davon, geteilt zu werden. Mit ihnen lassen sich kreative Antworten finden. Sie eröffnen in jeder Hinsicht erzählerische Spielräume.

“Jif” statt “giff”

Übrigens: Laut dem Erfinder sprechen die meisten Nutzer das Wort GIF falsch aus. In einem Interview mit der New York Times erklärt Wilhite: “The Oxford English Dictionary accepts both pronunciations. They are wrong. It is a soft ‘G,’ pronounced ‘jif.’ End of story”.

GIFs:
Titelbild und „GIF-Kunst als Tanz“: @Erdal Inci
„Gemälde und GIF’s: Michelangelo 2.0“: @Rasalo
„Nachdenkliche Animationen“: @Milos Rajkovik
Fotografien zum Leben erweckt: @A.L. Crego