Tag: #digitalisierung

Afrikanische Kunst GIF’s
als digitale Illustrationen

Mit seinen animierten und dynamischen Illustrationen schafft Vince Fraser unverwechselbare Werke. Der Künstler beschreibt seinen Instagram Account als ein “Diary of digital and sometimes analogue behaviours”. Fraser nimmt die statischen Bilder einzigartiger Fotografen und transformiert sie in bewegliche digitale Illustrationen. Indem er einzelne Bildelemente animiert, entstehen so hypnotisierende GIF’s.

Statischen Bildern wird Leben eingehaucht

 

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Bevor er sich der digitalen Kunst widmete, arbeitete der in London lebende Künstler im Interior Design. Beide Bereiche sind für ihn miteinander verknüpft.  Seine GIF’s wirken wie zusammen gepuzzelt und doch als Einheit. Auf die einzigartigen Illustrationen von Vince Fraser wurden bereits große Firmen wie British Airways, BBC, T-Mobile und Adidas  aufmerksam, welche die Designs im Werbe-, Lounge- und Immobolienbereich  integrierten. Auch Hugo Boss und Nike gestalten bereits mit ihm ihre Kampagnen.

Im Gespräch mit Konbini erklärt der Illustrator den sowohl farblich als auch inhaltlich einheitlichen Stil seiner Werke: “I’m very particular about which images I use as they need to have the correct balance of light, shadow, contrast and composition for it to work well together. Black and White is also very classic and timeless which can let the audience focus more on the subjects matter without colour distraction“.

Digitale Illustrationen erwecken Kultur zum Leben

Inspiration zieht Fraser nach eigenen Angaben aus der afrikanischen Kunst. Deren kulturelle Elemente sind ein fester Bestandteil seiner Motive: “I draw inspiration from everything around me focusing mainly on black art and culture. In particular, traditional African art, from wooden tribal face masks, figurative sculptures and other decorative objects from West and Central Africa“.

 

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GIF’s können mehr sein als witzige Animationen, die wir mit unseren Freunden im Chat teilen. Wir lieben die Kurzclips auch als Kunstwerke:  30 Jahre GIF-Kunst: Ein Bildformat schreibt Geschichte.

Titelbild: Photographer @LYRA OKO / Make up Artist @MDEIZIMAKEUP  / Model @ANJILILAURA

Die Ars Electronica besucht Berlin

Jetzt mal unter uns, so von Angesicht zu Angesicht: Was “wenn ich kein Mensch wäre? Sondern ein Roboter, ein Chatbot, oder ein selbstlernender Algorithmus?” Dies fragt uns auch die Ausstellung der Ars Electronica in Berlin. Ars Electronica ist ein internationales Festival für Medienkunst aus Linz. Ausgehend von der digitalen Revolution, ist der Ursprungsgedanke der Veranstalter, die Schnittstellen zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft zu erforschen. Die Veranstaltung erhält jedes Jahr auf’s Neue ein übergeordnetes Thema. In diesem Jahr findet sie vom 11. bis zum 19. September unter dem Motto „Artificial Intelligence – Das Andere Ich” statt.

Einen Vorgeschmack darauf, gibt es nun in der Export-Ausstellung in Berlin. Das Thema hier: “Begegnungen”. Ist es möglich, dass Mensch und Maschine ein gegenseitiges Vertrauen füreinander entwickeln? Inwieweit verschwimmen die Grenzen zwischen menschlicher Natur und Technik? Und welche Auswirkungen haben künstliche Intelligenzen oder robotische Implantate auf den Körper? Die Werke sind nicht immer komplex, haben aber eine umso größere Ausdruckskraft und schaffen vor allem ein Bewusstsein für die Entwicklungen unserer Zeit. NeoAvantgarde hat für euch ein paar Eindrücke festgehalten.

Spieglein, Spieglein an der Pinnwand

Nonfacial Mirror / Shinseungback Kimyonghun (Foto: Ars Electronica / Florian Voggeneder)

Es scheint, als würden die Besucher der Ausstellung von ihrem eigenen Spiegelbild begrüßt werden. Doch sobald man sich dem auf einem Podest befindlichen Standspiegel nähert, wendet sich dieser von einem ab. Der sogenannte “Nonfacial Mirror” meidet Gesichter mittels eines Gesichtserkennungsalgorithmus‘: Er dreht sich, sobald die integrierte Kamera die jeweilige Person erkennt. Nur wenn man sein Gesicht verdeckt, bleibt die Position unverändert. Im Prinzip kann man sich nur sehen, wenn man sich nicht sieht. Doch dann sieht man natürlich: NICHTS. Dementsprechend möchte der Künstler Shinseungback Kimyonghun in Anlehnung an künstliche Intelligenzen unsere Wahrnehmung hinterfragen: “Was ist wahrer: Das, was wir sehen, oder das, was die Maschine für uns sieht”?

Wenn Daten hörbar werden

CLOUD 2017 / Christina Kubisch (Foto: Christina Kubisch)

Kann man Cloud-Daten hören? Ja! Und wie klingt das dann? Nun ja: ganz oldschool wie eine Empfangsstörung im Radio – aber im Sound durchaus variabel. Die Klang-Installation “Cloud 2017” der Künstlerin Christina Kubisch ist ein großes herabhängendes Drahtgeflecht aus 1.500 Metern Kupferkabel. Die ausgesendeten Signale sind durch magnetische Kopfhörer sowie elektromagnetische Wellen wahrnehmbar. Der Klang stammt von elektromagnetischen Aufnahmen aus Rechenzentren, Server-Räumen und Umspannwerken, welche unter anderem in Europa, Kanada und den USA entstanden sind. Je näher der Besucher dem Geflecht dabei kommt, desto stärker und durchgehender werden diese Töne. Demnach können Töne auch gemischt werden. Wer eine kreative Ader hat und beweglich ist, kann sich ja mal als Daten-DJ versuchen.

Tanz durch 3D-Druck-Geflechte

toki- series_#03 / Akinori Goto (Foto: Akinori Goto)

Die “toki- series_#03” verzaubern. In einem tiefschwarzem Raum befinden sich drei rotierende Zeitskulpturen, die mittels 3D-Druck entstanden sind. Es handelt sich um weiße Geflechte, in denen menschliche Silhouetten zu erahnen sind. Verschiedene Lichtstrahlen und Bewegungen eröffnen dabei immer neue Perspektiven. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, wie kleine Figuren mittels Licht und Bewegung durch das Skelett tanzen, sich vermehren, um dann wieder zu verschwinden. Der Künstler Akinori Goto hat die zweidimensionalen Bewegungen von Videosequenzen in dreidimensionale Figuren übersetzt. Das japanische Wort Toki steht für „Zeit“ oder „Moment”. Der Künstler macht die Zeit sichtbar.

Mehr als ein Accessoire: Touchpoint Haut

Das Projekt “DuoSkin” hebt Bodyart in neue Sphären. Es handelt sich um einen technologischen Herstellungsprozess, der quasi die Haut digitalisiert. Mit Gold-Metall-Plättchen werden ästhetisch technologisierte Muster produziert, die wie ein Tattoo auf die Haut aufgetragen werden. Diese Art von individueller Körperkunst macht den menschlichen Körper zum Touchpoint: Sie ermöglicht die Steuerung externer Geräte durch Berührung der Haut und damit verbunden das Speichern und Anzeigen von Informationen.

Ist das Kunst?

Body Paint / Exonemo (Foto: Ars Electronica / Martin Hieslmair)

“Body Paint” besteht aus zwei bemalten Screens. Jeder von ihnen zeigt eine nackte und rasierte Person, die in der jeweils gleichen Farbe angestrichen ist. Dadurch verschwimmen die Grenzen: Es wirkt als handele es sich um zwei Kunstwerke auf Leinwand. Doch die porträtierten Figuren bewegen sich, da sich dahinter eben LCD-Bildschirme verbergen. Der Künstler Exonemo möchte die Existenz des Individuums in den Medien hinterfragen und spielt auf unsere permanente aber immaterielle Online-Präsenz an: ”Die Lebensdauer des menschlichen Körpers ist mehr oder weniger bekannt, aber das Fortleben von Daten, Farbe und Kunst ist nicht definiert. Die unterschiedlichen zeitlichen Rahmen für Körperkunst, figurative Malerei und Medienkunst verbinden sich jedoch in diesem Projekt miteinander, da die Arbeit einen gemeinsamen Nenner in der Gegenwart und der Existenz selbst sucht”.

In Berlin ist die kuratierte Export-Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017 geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos.

“Alles hängt von Ihnen ab. Um mitbestimmen zu können, in welche Richtung Sie sich selbst und unsere Welt verändern, brauchen Sie Offenheit und Neugierde. Wissen und Kritikfähigkeit. Mut und Optimismus. All das, was Sie eben zum Menschen macht” – so das Resümee der Kuratoren. Dem können wir uns nur anschließen.

 

Titelbild: @Florian Voggeneder

Wahlkampf 2017: Wenn Politiker chatten
und Merkel ihr Lieblings-Emoji verrät

Eine neue WhatsApp-Nachricht von Katrin Göring-Eckardt oder eine neue Facebook- Nachricht vom CSU-Chat-Bot Leo: Politiker setzen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit mal mehr und mal weniger auf Chatrooms. So auch im Wahlkampf 2017. Das Potential sozialer Netzwerke liegt in der Interaktion mit den potentiellen Wählern. Doch wird dieses auch wirklich ausgeschöpft? Heiß diskutiert wurde in dieser Woche außerdem das YouTube-Interview mit Angela Merkel, in welchem sie ihr Lieblings-Emoji verrät.

Wie interaktiv sind die Parteien auf sozialen Netzwerken im Wahlkampf 2017?

Schaut man sich die Social Media-Profile der Parteien an, so lässt sich feststellen, dass der Großteil von ihnen – bis auf einige Kommentar-Reaktionen – eher publiziert als interagiert. Dabei liegt genau darin der Mehrwert sozialer Medien, der somit ungenutzt bleibt: „Da haben die deutschen Parteien nicht verstanden, dass im Web 2.0 nicht einfach nur Platz für Pressemitteilungen ist, sondern, dass dort Gespräch stattfindet sollte“, sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler und Wahlkampf-Experte von der Universität Hohenheim. Natürlich ist klar, dass es Personal und Kosten erfordert, interaktiver zu werden. Es braucht große Teams, die sich mit den Fragen und Anregungen der Nutzer beschäftigen. Doch diese Investition könnte sich auszahlen.

Gute Ansätze, schwache Umsetzungen

Katrin und Cem als WhatsApp-Kontakte

Die Grünen rücken die Nummern von Katrin: +49 176 34365582 und Cem: +49 176 34345240 raus. Die potentiellen Wähler werden eingeladen, mit den Spitzenkandidaten per WhatsApp zu chatten, Fragen zu stellen und Anregungen zu hinterlassen. Wir haben es mal ausprobiert, Katrin in unser Telefonbuch eingespeichert und das Gespräch – wie angegeben – mit einem “Start” begonnen. Wir erhalten direkt eine Begrüßungsnachricht von ihrem Team zurück. Eher eine Art Newsletter? Auf Fragen um die Bedeutung der sozialen Medien für die Partei, wird aber leider nur auf das Programm verwiesen. Und Cem hat unsere Statement-Bitte bezüglich eines Digitalministers bislang noch nicht einmal gelesen. Die grauen Häkchen verraten es: Er ist die ganze Zeit online, aber schreibt nicht. Anlass genug, um beleidigt zu sein?

CSU-Leo im Facebook-Messenger-Chat

Dann unterhalten wir uns doch einfach mal mit dem Chat-Bot der CSU: Leo. Leo wird als kleiner blauer Roboter im Messenger Chat von Facebook vorgestellt – natürlich im gewohnt modernen “graphic-design-is-my-passion-Look”. Nutzer können ihm Fragen zur Partei stellen. Leider erkennt er aber die Wenigsten davon. Hinter dem Ganzen sitzt ein Team, welches im Vorfeld Antworten auf bestimmte Stichwörter programmiert. Irgendwie werden wir nicht warm miteinander. Um uns besser kennenzulernen, schlägt Leo mir ein Speedinterview vor. Na dann mal los. Auf mein Lieblingsessen folgt “I mog a g’scheite Schweinshaxn”, auf die Lieblingssendung ein “Also ich schaue am liebsten politische Talkshows, da geht’s immer richtig zur Sache 😉” und musikalisch gesehen kriege ich dann die Bayernhymne präsentiert. Kritik an der politischen Konkurrenz bleibt ebenfalls nicht aus: Fragt man nach einer anderen Partei, bekommt diese via Memes und GIF’s ihr Fett weg.

 

Durch stetiges Nachfragen, wird auch zu politisch relevanten Themen-Antworten geleitet. Die Reaktionen verweisen auch auf andere Accounts der Partei – wie zum Beispiel Instagram. Insgesamt eher eine vorgefertigte nette Spielerei als eine wirkliche Interaktion.

Die Technik steht in Sachen automatischer Antworten-Generierung aber auch noch am Anfang. Eine umfassende zukünftige Nutzung von Social Bots lehnen CSU und andere Parteien hingegen ab.

Neues Format: YouTuber fragen…die Kanzlerin

Am Mittwoch stellte sich Angela Merkel den Fragen von vier jungen YouTubern – live aus dem YouTube-Space in Berlin. MrWissen2Go, ItsColeslaw, Alexi Bexi und Ischtar Isik bringen darin Themen zur Sprache, die sowohl eine politische Relevanz haben als auch die eigenen Erfahrungen abdecken. Durch YouTube will die Kanzlerin mit der Jugend ins Gespräch kommen.

Man sprach über ernste Themen und zog eine Schnute:

Und über Smileys:

“Haben Sie einen Lieblings-Emoji?” Merkel lächelt: “Smiley! Wenn es mit Hut kommt, dann noch ein kleines Herzchen dran. Und wenn mal nicht sowas Gutes war, dann kann man auch eine Schnute nehmen”.

Steht gerade mal kein Treffen mit der Kanzlerin an,  dann geben die YouTuber in ihren Videos Shopping-, Lifestyle- oder Technik-Tipps. Wie Merkel diesen Job auffasst, wird in folgender Anmerkung deutlich. Eine Twitter-Nutzerin kommentiert das Ganze dann auf ihre Art:

 

Twitter-Reaktionen als Bestandteil des Interviews

Unter dem #DeineWahl konnte auf Twitter und YouTube fleißig mitdiskutiert werden. Zwischen den Gesprächen haben die Moderatoren ausgewählte und auch kritische Kommentare vorgelesen und stellten die Ergebnisse, der von den Projektinitiatoren veranlassten, Online-Umfragen vor. Diese wurden dann wiederum im Gespräch mit Merkel aufgegriffen.

Hier merkt eine Userin ebenfalls an, dass die Partei zwar neue Medien nutzt, um jüngere Generationen anzusprechen, aber dort keine wirklichen Inhalte platziert. Die Bundeskanzlerin bestätigt diese Zunahme und ermuntert dazu, sich auf Instagram oder Facebook zu melden, wenn Inhalte nicht ausreichen. Es kriegt fast jeder eine Antwort, der sich bei der Bundesregierung meldet, heißt es weiter.

„Deine Wahl“ zwischen Innovation und Kritik

Die Nutzerkommentare des YouTube-Interviews explodierten. In dem über 60-minütigen Video wurden allerdings nur wenige ausgewählte präsentiert. Bislang wurde das Video 1.175.103 Millionen mal aufgerufen. Das neue Format kommt bei einigen Nutzern gut an, wird allerdings vor allem von den Medien auch kritisiert. Bestand doch die Hoffnung, dass das Live-Event zu einem mutigen Kreuzverhör junger Menschen mutiert, so entpuppten sich die Fragen als Standardinhalte, die man auch tagtäglich im Fernsehen oder in der Zeitung zu sehen bekommt – so deren Fazit. Zwar ist das Format ähnlich innovativ, wie die von uns vorgestellte Gesprächsrunde „Frag selbst„, weil es User-Kommentare direkt mit einbezieht sowie Interview, Video-Kommentar und Meinung bündelt. Der Großteil der Fragestellungen sei aber bereits vielfach diskutiert worden und nichts Neues. Lieblings-Smiley und Lieblings-T-Shirt-Druck bildeten die Ausnahmen, waren aber eher unterhaltend als nützlich.

Und was sagt es uns, dass genau diese Fragen am meisten kommentiert wurden?

 

Außenansicht der Uffizi Gallerie in Florenz zum Artikel Übersetzungsapps in Museen

Die Kunst der Sprache:
Übersetzungsapps in der Uffizi Galerie

Es ist August und wie jedes Jahr lockt die Toskana Touristenmassen aus aller Welt an. NeoAvantgarde war mit dabei und hat neben imposanter Kunst und leckerem Wein auch neue Übersetzungsapps entdecken können.

Ein Besuch in der Galerie der Uffizien

Es ist 8 Uhr, die Uffizi Galerie in Florenz soll in 15 Minuten öffnen. Der Innenhof ist bereits gefüllt mit zahlreichen Touristen aus aller Welt, Militär und einigen Mitarbeitern, die versuchen, schon mal etwas Ordnung zu bringen. Eine Sicherheitskontrolle und eineinhalb Stunden später bin ich drin. Gemeinsam mit den Massen ströme ich in die mit Gold verzierten Hallen der Galerie. Von ihren Wänden schauen die Ahnen der Medici-Familie auf einen herab. Los geht es im zweiten Stock, hier wird sich von oben nach unten gearbeitet. Die bekanntesten Künstler Italiens und der Welt hängen und stehen hier teilweise auf engstem Raum. Zu den Stars der Ausstellung gehören Botticelli’s Venus, der Medici-Liebling Michelangelo, Leonardo da Vinci und Caravaggio. Die Leute drängen sich mit ihren iPads, iPhones und Spiegelreflexkameras vor die Meisterwerke um diese festzuhalten: Für sich und ihre Facebook-Profile. Es ist fast eine Art Hobby von mir geworden, in Museen und Galerien nicht nur die Werke zu betrachten, sondern auch die Besucher zu beobachten. Neben einfarbig angezogenen Hipstern und Prada-Intellektuellen gab es auch einige asiatische Reisegruppen.

Übersetzungsapps in einem Museum – das neue Zeitalter der Kommunikation

Vor der besagten Venus von Botticelli konnte ich deshalb beobachten, wie eine Frau aus Korea ihr Smartphone zückte und es auf den Erklärungstext neben dem Bild hielt. Wir dachten zunächst, dass sie (wie erstaunlich viele Besucher) nun den Text abfotografiert. Dann bemerkte ich allerdings, wie sich der eingescannte Text auf dem Bildschirm ihres Smartphones, Zeile für Zeile in koreanische Schriftzeichen verwandelte. Am Ende eines jeden Satzes stellten sich die Satzzeichen dann in die (scheinbar) richtige Reihenfolge um. Sowas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Ich starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Die App erkennt die Wörter und kann sie dann sinngemäß umstellen und richtig übersetzen. Einen ähnlichen Moment hatte ich in Rio, wo mir die Google-Sprach-App gezeigt worden ist. Diese erkennt das gesprochene Wort und gibt es dann in der gewünschten Sprache durch den Lautsprecher wieder. So steht dem Turm zu Babel heute wohl nichts mehr im Wege.

Solltet ihr demnächst auch mal auf eine internationale künstlerische oder kulturelle Erkundungstour gehen, dann geben wir euch folgende Apps mit an die Hand:

Mehr als nur Übersetzungsapps

Korean Talking Translator

Es klingt zwar so, als würde die App Korean Talking Translator nur koreanisch übersetzen, tatsächlich erkennt sie aber über 30 (Fremd)Sprachen. Zwischen ihnen lässt sich intuitiv und schnell wechseln. Außerdem ist eine Spracherkennung und Grammatikkorrektur integriert. On top gibt es immer ein Wort des Tages, wobei einem täglich aus jeder Sprache ein neuer Begriff, inklusive Beispielsatz, vorgeschlagen wird. Trotz kleinerer Übersetzungsmängel bei einzelnen Worten, ist diese Anwendung alles in allem eine umfassende und praktische Möglichkeit, fremdsprachliche und besonders auch umfassende Texte schnell und einfach entziffern zu können.

Scanner- & Übersetzer-App

Die App Scanner & Übersetzer kommt bereits in ihrem Namen auf den Punkt: Sie scannt via Foto alle gedruckten Schriftstücke mit Textbausteinen. Dies können zum Beispiel Dokumente, Urkunden, Bücher, Schilder oder Anleitungen sein. Die Worte werden dann automatisch erkannt und je nach Wunsch in eine von 90 Sprachen übersetzt.

Wie speziell für Museen entwickelte Apps einen Galeriebesuch nicht nur erleichtern, sondern auch highlighten, könnt ihr in unserem Artikel „Galerie to go: Wenn Museen digital gehen“ nachlesen.

Sound und Videokunst von Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, documenta 14

Documenta 17: Unbekannte Sprachen
in Schallwellen und Videokunst übersetzt

Mit “Lost and Found” präsentiert die Künstlerin Susan Hiller auf der documenta 14 in Kassel eine 20-minütige Videoinstallation. Darin setzt sie sich mit fast verschwundenen, vergessenen, gefährdeten, seltenen oder wiederbelebten Sprachen auseinander. Das akustisch Fremde wird durch sichtbare Schallwellen und Übersetzungen erlebbar gemacht – durch die Ansprache verschiedener Sinne vielleicht sogar vertraut?!

Neue alte Sprachen akustisch visuell entdecken

In der Videoinstallation “Lost and Found” auf der documenta 14 erklingen 23 unbekannte und besondere Sprachen. Die Redner entstammen der jeweiligen Kultur und erzählen von ihrer Herkunft, Familiengeschichte, der Sprache und ihrer Verbreitung. “Kaurna” ist zum Beispiel eine Sprache, die wiederentdeckt wurde. Der Redner heißt im Englischen Vincent Buckskin, in Kaurna wird er hingegen übersetzt “the Rock” genannt. So viel zum Hören. Sehen kann der Betrachter eine sich zum Sound bewegende Schallwelle auf einem schwarzen Bildschirm. Der grüne Graph eines Oszilloskop (elektronisches Gerät, das Spannung über einen zeitlichen Verlauf darstellt) folgt den Sound-Frequenzen durchgehend und schlägt entsprechend aus. Durch englische Untertitel wird dem Betrachter das Gesagte übersetzt.

Richard Grayson sieht in dem Werk eine “Technik, die die Stimmen der Toten vernehmbar macht. Werden sie gehört, so kehren sie unter die Lebenden zurück, um artikuliert zu werden, um die Kartierungen und Erfahrungen jener Welten zum Ausdruck zu bringen, die in diesen Sprachen enthalten und beschrieben sind”.

Videokunst: Screens des Kunstwerkes Lost and Found
Susan Hiller, Lost and Found (2016), Videoinstallation, Farbe, Ton, 20 min (Loop), © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, courtesy Susan Hiller und Lisson Gallery, London, New York, Milan

Susan Hiller verbindet Sound und Videokunst

Susan Hiller ist eine US-amerikanische Künstlerin. Sie widmet sich der Malerei, Objekt-Kunst, Installation sowie der Fotografie. In den Fokus ihres künstlerischen Schaffens gerieten zunehmend innovative Experimente mit audiovisuellen Techniken. Viele ihrer Arbeiten sind Multiscreen-Videos, die zahlreiche andere Künstler inspirieren. Thematisch beschäftigt sie sich vor allem mit den kulturellen Gegebenheiten und Veränderungen. Susan erforschte in ihrer Kunst unter anderem auch spirituelle und paranormale Aktivitäten. So zum Beispiel in der Audio-Skulptur “Witness”. Deren Gegenstand sind mündliche Aussagen von Menschen, die nach eigenen Angaben Außerirdischen begegnet sind und davon berichten. In der mehrkanaligen Videoinstallation “Channels” (bestehend aus 106 (Röhren-)Fernsehern, 9 Media Playern, 7 DVD-Playern u. A.) thematisiert sie im Flackern zahlreicher Medien Nahtoderfahrungen.

100 Protestsongs auf der documenta 13

Die Künstlerin war bereits 2012 auf der documenta vertreten. Dort zeigte sie das akustisch-optische Kunstwerk “Die Gedanken sind frei”. In der Installation war eine Musikbox mit einer persönlichen Zusammenstellung von Liedern integriert. Die Songtexte feiern die Freiheit und stellen einen Protest gegen das Vergessen und Aufgeben dar. Einer der Musiker: Johnny Cash, der für die unterdrückten Rechte der „American Indians“ singt.

Titelbild: @Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, Kassel, documenta 14, © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Liz Eve

Artur Kowallick fotografiert mit Camera Minutera; Artikel über analoge und digitale Fotografie

„Eine andere Magie“:
Artur Kowallick über analoge und digitale Fotografie

Bildermacher – so nennt sich der Fotograf Artur Kowallick, welchen wir Euch bereits in dem Artikel Die Top 5 Instagram Fotografen aus Berlin vorgestellt haben. Bei ihm ist der Name Programm: Er macht Bilder – mit der Camera Minutera, einem alten fotografischen Apparat. Sie ermöglicht die mobile Aufnahme von Porträts auf der Straße. Die Fotos können in wenigen Minuten entwickelt werden. Die entstandenen Werke veröffentlicht Artur unter anderem auf seinem Instagram-Account. Uns erzählt er von dem Zauber, den diese Kamera umgibt und was analoge und digitale Fotografie voneinander unterscheidet. Der Fotograf liebt sein iPad und spricht der Digitalfotografie ihre Daseinsberechtigung zu, sieht aber in den haptischen Bildern eine alte neue Wertigkeit.

Was ist die Camera Minutera und wofür wurde sie ursprünglich hergestellt?

Die Camera Minutera  ist über 100 Jahre alt. Seitlich sieht man die die Originalfotografien aus den 40er Jahren in Südfrankreich. Ursprünglich kommt sie aus dem indisch-afghanischen Raum. Die Kamera hat schon mindestens zwei Kriege erlebt. Was die auch schon an Menschen gesehen haben muss. Und das finde ich so schön, dass ich jetzt auch ein Teil dieser Geschichte bin. Und die Kamera nicht zum Beispiel bei einem Sammler gelandet ist, sondern ich sie dafür nutze, wirklich auf der Straße Bilder zu machen. Sie wird heute noch in Indien und Afghanistan verwendet, um Passfotos zu machen. Früher wurden zum Beispiel Touristen fotografiert. Man hat ganz gezielt Touristenattraktionen gesucht und die Leute dann dort fotografiert. Ich kenne auch einen Fotografen, der wohnt in Paris und der stellt sich beispielsweise vor das Centre Georges-Pompidou. In Berlin darfst du das aber nicht. Ich würde keine Genehmigung bekommen mit dieser Kamera in Berlin zu arbeiten, weil ich dann genauso unter Straßenhändler falle. Und das finde ich so absurd, weil ich glaube, das wäre so eine Bereicherung für das Stadtbild, wenn man sich vor das Brandenburger Tor stellt oder irgendwo anders und die Leute fotografiert. Das ist ja nicht Trash. Ich finde es schade. 

Ich wollte schon immer so eine Kamera haben. Ich fand einfach die Idee schön, zu sagen, ich kann jetzt hier auf der Straße stehen und ich kann Fotos machen, sie entwickeln und dir gleich geben, ich kann im Dschungel sein, ich kann in der Wüste sein. Am Anfang dachte ich mir so: “die Kamera ist der Star”, was sie immer noch ist. Und dann habe ich aber gemerkt, dass es mir auch keinen Spaß macht, nur nette Bilder zu machen. Es wird immer mehr zu meinem Projekt.

Wie kommen die Fotografien bei den Menschen an?

Über 90 Prozent der Leute sind total happy mit diesen Dingern. Was für eine Faszination das ist, das ist ganz komisch. Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, sind da teilweise Trauben von Leuten, die da rumstehen und gucken und etwas über die Kamera wissen wollen.

Manchmal habe ich auch Leute, die als Zuschauer stehen. Ich nehme immer eine Person, die ich for free als “face of the day” fotografiere. Wenn mir ein Gesicht einfach auffällt. Und das sind Sachen, die immer 100 Prozent klappen. Einmal hat mich sogar ein Mädchen gefragt “kann ich face of the day bei dir werden”? Ich finde das so niedlich und auch die Begeisterung der Leute für dieses Analoge. Und vor allem: Das findet ja in dieser Kamera statt. Das heißt, die Leute wissen eigentlich gar nicht genau, also wenn sie sich damit nicht auskennen, was dort eigentlich passiert. Und du holst dann nach so zweieinhalb Minuten plötzlich ein Negativ heraus. Das wird dann noch einmal abfotografiert. Und insgesamt 5 Minuten später ist dieses Bild fertig. Egal ob das Kinder sind, Erwachsene oder Jugendliche, das hat einfach eine ganz andere Magie, als wenn ich ich zum Beispiel mit dem Smartphone jetzt ein Foto von dir mache, dir das schicke und auf Instagram packe. Und das ist auch so ein unmittelbarer haptischer Vorgang. Ich selber fühle ja, gehe in die Chemikalien rein. Du riechst es ja auch.

Analoge vs. digitale Fotografie: Was macht für dich den Unterschied aus?

Ein Hauptargument dafür, dass die Bilder anders aussehen ist, dass ich zum Beispiel ganz bewusst möglichst lange Verschlusszeiten wähle. Bei den ersten Fotografien hatte man zwischen 15 und 30 Minuten Belichtungszeit. Das heißt du musstest eine Position einnehmen, die du halten kannst. Und ich mache das auch so , dass ich zwischen einer und  vielleicht sechs Sekunden belichte, den Leuten ganz klar sage, sie sollen nicht lächeln, sie sollen straight in die Kamera gucken und sich möglichst auch dessen bewusst sein, dass sie fotografiert werden. Ein Selbstbewusstsein in einem anderen Sinne, im Sinne von sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das ist ja etwas anderes, als wenn ich digital oder mit dem Handy knipse. Zwei Freunde fotografieren sich: Smiley machen, in die Kamera gucken und das ist nice. Wenn die Leute fragen, warum sie nicht lächeln dürfen, sage ich: “Wenn du so ein Foto möchtest, dann kannst du es mit deinem Handy machen”. Ich möchte ganz klar ein anderes Foto. Es macht ja keinen Sinn zu mir zu kommen und die selben Bilder zu machen, die ich selber eigentlich machen würde. Die Leute haben ja meistens auch eine Erwartung, ein Bild von sich wie sie glauben, auszusehen.  Und ich versuche da eigentlich ein bisschen gegen zu bürsten. Manche wissen im ersten Augenblick auch gar nicht so recht wie sie es finden. Dann sage ich: “gucke es dir Zuhause einfach mal in Ruhe an. Du wirst schon noch verstehen worum es geht”. Beim Digitalen ist es so, dass man viel zu viel macht, gerade was Instagram anbelangt: Es ist einfach inflationär. Wenn ich ein Bild betrachte oder poste, guck ich es mir – wenn überhaupt – fünf Sekunden an. In dem Augenblick habe ich schon wieder die nächsten 100 neuen Bilder, die kommen usw.. 

Du beschreibst, dass mit einem klassischen Fotoapparat oft mehr starke Bilder entstehen, als unter 1000 Digitalfotos zu finden sind. Woran liegt das?

Du hast in einem Film 36 Bilder, der auch was kostet. Das heißt du wirst dir, auch wenn du vielleicht nicht viel Geld hast, pro Monat beispielsweise vielleicht zwei Filme kaufen. Du weißt du musst mit diesen beiden Filmen klar kommen. Dann hast du ja immer noch zwischen jedem Bild dieses Transportieren. Das ist nicht nur einfach drauf los knipsen. Und dann ist der Film ja auch irgendwann einmal fertig und dann musst du, wenn du den abgibst, zwei, drei Tage warten oder du entwickelst es selber. Viele freuen sich so diebisch, dass sie warten müssen. Mir hat mal ein junges Mädchen gesagt: “Ich freue mich, dass ich wieder warten muss”. Die treffen sich ja teilweise zum Filme abholen und sind total happy, diese Papierbilder in der Hand zu haben. Das ist ja was anderes, wenn ich diese “real pictures” in der Hand halte, oder ob ich mich mit Freundinnen treffe und wir switchen jetzt mit dem iPad hin und her. Das kennt man auch von früher, von den Eltern zum Beispiel: Wenn man sich getroffen hat und Bilder angeguckt hat, wurden die Bilder so rumgereicht. Man kommt zusammen und sagt „hier guck mal da und dies und jenes“. Und du hast auch wirklich was in der Hand. Ich liebe auch mein iPad, aber das ist einfach was anderes. Was ich auch am Film mag, ist, dass du den ja entwickelst und dann machst du diese Dose auf und hast einfach ein Negativ in der Hand und nicht irgendeine Speicherkarte. Wenn man das Samsung-Handy aufschraubt, sind die Bilder ja nicht wirklich da. Solange du digitale Dateien nicht ausdruckst, ist das ja sowieso verloren, weil man das in so und so vielen Jahren wahrscheinlich gar nicht lesen wird. Ein Bekannter von mir, der auch Fotografie und digital unterrichtet, der rät: Gib jeden Monat 50 Euro aus und printe die Bilder aus. Mache wenigstens Ausdrucke daraus, sodass du wirklich was in der Hand hast, pack es in den Schuhkarton und vergiss es. 

Vielleicht bekomme ich nur zwei, drei Bilder, wenn überhaupt, vielleicht auch nur ein Bild. Und dann habe ich aber ein Bild, das meiner Meinung nach viel stärker sein wird, als wenn ich, was weiß ich, nicht wie viele Fotos mache. Weil es einfach wieder konzentrierter ist. Das heißt, du überlegst dir zwischen jeder Aufnahme: Drücke ich ab? Drücke ich nicht ab? Gerade die Beschränkung: Wenn du dir nur zwei Filme im Monat  leisten kannst, gehst du damit ganz anders um, weil das bekommt ja wieder einen Wert.

Denkst du, diese Art alte Fotografie zu nutzen, erlebt ihren zweiten Frühling?

Ja, es gibt einen ganz klaren Trend. Und wenn ich auch bedenke, wie viele, gerade auch junge Leute, wieder analog fotografieren. Zum Beispiel die Polaroid-Geschichte, aber auch mit normalen analogen Kameras, Mittelformatkameras, Kleinbildkameras. Es gibt auch sehr viele junge Leute, die das teilweise auf dem Flohmarkt kaufen, vom Opa oder Vater geschenkt bekommen und es einfach geil finden.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass die Fotografie eine lange Geschichte hat. Gut man kann sagen, das ist jetzt ein anderer Träger geworden. Aber es ist etwas anderes. Ich glaube, dass die das Gefühl haben, dass es so “real stuff” ist. Das ist wie wenn du mit einer Frau zusammen bist, die perfekt und schön aussieht oder eine Frau die natürlich ist. Ich würde mich nie in das Perfekte verlieben. Du hast eine Vorstellung, aber: Du lernst eine Frau kennen und dann denkst du dir irgendwie “die ist es”. Das ist dieses Authentische. Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, es ist alles nur noch light und politisch korrekt und so weiter. Und Film hat ja auch so eine bestimmte Ästhetik und das gehört auch dazu. Beim Digitalen ist es, finde ich persönlich, sehr glatt. Und was ich ganz absurd finde ist, wenn Leute versuchen, mit irgendwelchen Photoshop-Plugins die analogen Filme zu simulieren, also das Korn, die Farbe. Aber da frage ich mich: Warum nehmen die denn nicht den richtigen Film? Wenn ich es fake, ist es ja nicht das Richtige. Das versucht was zu imitieren, was es nicht ist. Mich hat einmal ein Bekannter gebeten, ob ich für ihn eine Belichtung machen kann, dass er eine graue Fläche fotografiert hat, dass er das Korn nehmen kann von dem Film, um es über seine digitalen Bilder zu legen. Ich habe gesagt: “Warum fotografierst du denn nicht auf Film?”. Da hat er keine Zeit. Ich finde, wenn es digital ist, dann kann es doch digital aussehen. Dann hat das einen bestimmten digitalen Look. Dann ist es ja auch okay. Das wäre genauso, wie wenn du anders herum versuchen würdest, analog digital zu imitieren. Das ist einfach nicht das Richtige. Es ist ja was Haptisches und im Labor riecht es nach Entwickler, nach Fixierer, du arbeitest bei so rotem Licht und entwickelst zum Beispiel deine Filme und nimmst sie aus der Spule raus und hast dann diese Negative. Ich mache das ja 30 Jahre, aber ich finde es immer noch magisch.

Ich habe auch die Serie “happy client”, worauf man ein wenig dieses vorher/nachher und den Vergleich zwischen digitalem und analogem Foto sieht. So sehen die Leute in real aus. Ich finde es auch schön, wenn ich diese Repro mache, dann hat man auch noch diesen Rahmen von den Repro-Stellen noch zu sehen. Das heißt, man hat praktisch so ein Bild im Bild. Und es ist dann auch wirklich nur mit dieser Kamera gemacht worden und nicht mit anderen. Dann hat es noch einmal sowas Einmaliges. Das Schöne bei den Kameras ist auch, dass sie nicht in Serie gebaut wurden. Das heißt, es gab dieses Modell wirklich nur einmal. Es gibt keine Marke.

Findest du auch, dass die Kamera bestimmte Charakterzüge herauskitzelt – obwohl sie nicht wie die hochauflösenden aktuellen Apparate arbeitet?

Ja, es bekommt eine ganz komische Tiefe finde ich. Ich bin oft wirklich baff, ehrlich gesagt. Ich weiß eigentlich vorher, ob es gut wird, aber wie es dann 100% konkret aussieht, lässt sich sehr schwer abschätzen. Es verstärkt so sehr Charaktere und wirkt fast so, als ob es gemeißelt wäre. Es hat so eine ganz andere Präsenz.  Beim Digitalen müsstest du das erst manipulieren oder nachträglich was rausholen. Ich finde es aber auch schön, dass du die Bilder nicht manipulieren kannst. Die kommen so raus wie sie rauskommen. Ich kann sie vielleicht ein bisschen heller oder dunkler machen, wenn ich will. In der Dunkelkammer kann ich aber nicht wie bei Photoshop einzelne Partien bearbeiten. Das Bild kommt so raus wie es ist. Bis zu einem gewissen Grad bin ich offen für Kritik, wenn jemand sagt es gefällt ihm nicht. Dann mache ich es auch noch einmal. Aber ab einem gewissen Punkt sage ich den Leuten “es ist so wie es ist”. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie man aussehen möchte, wo man sich gut fühlt, wo man seine Schokoladenseite hat.  Man möchte einfach einem Bild entsprechen, dass man von sich hat. Und ich sage häufig zu den Leuten, dass sie das möglichst als Bild, als eigenständige Fotografie sehen sollten und nicht unbedingt als Bild von sich selbst. Dann kriegst du glaube ich mehr Abstand zu dem, was du dort siehst und kannst es glaube ich auch eher annehmen. Ich habe einmal einen Mann fotografiert, der sich sein Foto angeguckt hat und meinte: “Sehe ich wirklich so aus?“ Also er sah auf dem Foto wirklich fertig aus. Er sah grundsätzlich fertig aus, aber auf dem Foto sah er noch 10 Jahre fertiger aus. Aber ich habe ihm auch gesagt “guck es dir Zuhause ab und zu mal an. Das Bild ist viel stärker als du”.

Und so ist es bei vielen dieser Fotos. Die Fotografien sind stärker. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Leute diese Präsenz im wirklichen Leben haben. Aber in diesem Moment bekommen sie mit dieser Kamera diese Präsenz, diese Kraft und diesen Ausdruck. Den müssen sie nicht zwangsläufig haben und das müssen sie auch gar nicht sein. Und das finde ich faszinierend, dass ich praktisch damit die Leute irgendwie überhöhe und zu etwas mache, was sie, wenn man es genau nimmt, eigentlich gar nicht sind. Das ist ganz eigenartig, aber es funktioniert irgendwie. Und das liebe ich.

Das ist das Interessante. Wenn man Fotos bekommt, so wie man aussieht: Das macht ja keinen Sinn, finde ich. Also wenn ich das als Fotograf mache. Wenn ich Schnappschüsse für meine Freundin oder meinen Freund mache, dann ist das ja auch gut. Dann muss es ja nicht mehr sein. Aber wenn du nachher auf den Bildern etwas siehst, was viel stärker ist als was du sonst glaubst. Irgendwo bist du das ja auch. Ich verstehe immer nicht wie das funktioniert, aber es ist so. Manchmal komme ich mir bei meiner eigenen Arbeit auch so vor, dass es eher mit Modellieren zu tun hat. Ich arbeite ja auch viel mit Tänzerinnen und Schauspielerinnen zusammen. Dadurch arbeitet man auch sehr körperlich. Ein Tänzer reagiert ganz anders als ein Normaler. Wenn man digitale Fotos machen würde, würdest du ständig alle paar Schüsse mit dem Modell auf das Display, den Rechner gucken und würdest gleich korrigieren usw.. Und so passiert es einfach. Man arbeitet drei, vier Stunden und hat erst einmal null Ergebnisse. Das heißt, du siehst gar nichts – außer, dass ich weiß, dass es im Kasten ist – aber auch wieder nicht. Und dann dauert die Entwicklung manchmal drei oder sechs Monate.

Es ist nicht das Eins zu Eins. Es geht darum, andere Ergebnisse zu bekommen.



Titelbild: @Andreas Waldeck

Bilder aus Emojis: Porträt von Rihanna aus Emoticons

Yung Jake bastelt Bilder aus Emojis.
Probiert selbst!

Wer künstlerisch aktiv ist und ein leeres Blatt füllen möchte, greift zu Stift, Pinsel, Feder und Co.. Doch habt ihr auch schon einmal mit Emoticons per Mausklick gemalt? Der amerikanische Künstler und Rapper Yung Jake macht es vor und gestaltet Starporträts komplett aus Emojis. Mit dabei sind unter anderem: Sängerin Rihanna, It-Girl Kim Kardashian, Rapper Wiz Khalifa und Comedian Jerry Seinfeld.

Miley Cyrus: Eine Ansammlung von Tieren, Nahrungsmitteln und Warnsymbolen

Jake sucht und platziert die kleinen Bildchen nicht zufällig, sondern mit Bedacht sowie hin und wieder mit einem zwinkerndem Auge. So besteht die Zunge von Miley Cyrus beispielsweise aus vielen kleinen Schweinen. Von süßen Tieren, über Cookies, bis hin zu Warnschildern und “vs.-Zeichen” nutzt er die Bandbreite der Emoticons, um dem Imagewandel der Sängerin und Skandalnudel gerecht zu werden.

Schon im 16. Jahrhundert gestaltete der Renaissancekünstler Giuseppe Arcimboldo seine Werke auf ähnliche Art und Weise. Die Bilder setzen sich aus Obst, Gemüse und Pflanzen zusammen. Bei Arcimboldo wird die Nase zur Kartoffel, bei Yung Jake zum Smiley.

Bilder aus Emojis online zeichnen

Jakes Werke entstehen mit Hilfe der Website Emoji.ink. Dort kann der Nutzer aus zahlreichen Piktogrammen und Symbolen wählen und drauf los basteln. Sogar die Größe kann individuell bestimmt werden. Nur im Internet Explorer funktioniert das Malprogramm leider nicht.

Wir von NeoAvantgarde haben es auch mal ausprobiert.

Bilder aus Emojis: neoavantgarde Logo aus Emojis mithilfe der Website Emoji.ink.

Die Emoji-Kunst von Yung Jake könnt Ihr auf Digg.com sowie auf seinem Twitter-Account bestaunen.
Titelbild: @Yung JAke

Scrabble Wort Like zum Artikel mit dem Thema: Neue Wörter im Duden 2017

Neue Wörter im Duden 2017:
berlinern und facebooken

Ketschup und Majonäse sind (in dieser Schreibweise) aus, jetzt gibt es Low Carb. Alle paar Jahre wird er aktualisiert, morgen ist es wieder soweit: Der neue Duden erscheint in der 27. Auflage. Das Nachschlagewerk wurde überarbeitet und um 5.000 neue Wörter erweitert. Diese drehen sich um die Gegenwartssprache, Veränderungen im Wortschatz sowie aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Vom “Selfiestick” über das “Kopfkino” bis hin zur “Flüchtlingskrise” und der “Filterblase” ist so einiges dabei. Für manche ist es, nach der Bibel, das wichtigste Buch, für andere einfach nur ein dicker Wälzer. Die Redaktionsleiterin Dr. Kathrin Kunkel-Razum sagt, dass man zeigen möchte, “was man mit Sprache alles machen kann – eben nicht nur relativ dröge Wörterbücher“.

“Besonders berlinisch”: Es ist nie zu spät für den Späti

Berlin erobert den Duden! Vielleicht liegt das auch ein wenig daran, dass die Redaktion des Nachschlagewerkes kürzlich von Mannheim in die Hauptstadt gezogen ist!? Wir Berliner und Brandenburger kennen ihn natürlich – unseren Späti. Doch für all diejenigen, die dabei an einen notorischen Zuspätkommer denken, denen erklärt der Duden nun gerne: Späti = eine Spätverkaufsstelle. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Kathrin Kunkel-Razum vom Dudenverlag ist ganz entzückt vom Berliner Wortschatz: „Das macht mir selber Spaß. Das gehört zu Berlin. Diese Abkürzung auf -i ist auch sehr schön, das klingt einfach nett“. Auch das das Wort “Icke” – nicht einfach nur irgendein dialektisches Personalpronomen, sondern Kult! Deshalb taucht auch diese Mundart nun im Duden-Verzeichnis auf. “Ick, betont oft icke (ugs., besonders berlinisch für ich)”, heißt es dort.

Neue Wörter im „Digi-Duden“: Die Reaktionen im Netz

Auch das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung kommt an der fortschreitenden Digitalisierung nicht vorbei – inklusive englisch-amerikanischer Bezeichnungen: Selfie, Selfiestick, Tablet, Social Bot, pixelig, Datenbrille, Emoji, Filterblase, liken, Cyberkrieg, facebooken, entfreunden, Livestream, Klickzahl und Darknet sind nur einige Beispiele.

Der Duden legt mit den Begriffen verpeilen, rumeiern, abgezockt, futschikato, Tüddelkram, runterwürgen, Honk und Ramschniveau auch zu einem lockeren Small-Talk auf. Die Netzgemeinde reagiert insgesamt gespalten auf Jumpsuit, Schmähgedicht, Veggie und Co.

Die einen finden es witzig…

Andere sind sogar überrascht…

Oder einfach nur erfreut…



Doch auch die „Hater“ bleiben nicht aus und sehen ihre „Work-Life-Balance“ gestört…




Dass die Begriffe im Duden nicht nur flüchtige Modewörter sind, weiß kaum jemand. Denn welche Wörter es in das Verzeichnis schaffen, liegt nicht in der Entscheidungsmacht einer Person und ist keine Frage des individuellen Geschmacks. Vielmehr bestimmt der alltägliche Sprachgebrauch die Auswahl: „Im Prinzip reden aber 80 Millionen Menschen mit“, so Kunkel-Razum. In eine elektronische Textsammlung werden unterschiedlichste Artikel, Gebrauchsanweisungen, Romane und anderes Material eingepflegt. Computerlinguisten filtern dann neue Begriffe heraus. Aus diesem Pool wiederum, bestimmen die Redakteure die finalen Kandidaten.

Duden – Die deutsche Rechtschreibung. 27. Auflage, 1264 Seiten. 26 Euro, ISBN 978-3-411-04017-9. Erstverkaufstag 9. August

P.S.: Neue Wörter gibt es natürlich auch online auf duden.de

Museen digital: Smartphone wird vor Gemälde gehalten

Galerie to go: Wenn Museen digital gehen

Verstaubt, langweilig, unnahbar und anspruchsvoll – so empfinden viele Menschen einen klassischen Museumsbesuch. Doch was passiert, wenn Galerien mit digitalen Erweiterungen arbeiten? Wenn sich Nutzer online zuschalten und historische Umgebungen virtuell betreten können? Immer mehr Museen und Kooperationspartner setzen auf neue digitale Erlebnismöglichkeiten. Sie bieten Apps, welche den Besuchern durch Bilderkennung, zusätzliche Infos, Videos und Interaktionen einen spielerischen Zugang zur Kunst eröffnen. Wir geben Euch Einblicke, wie Museen digital performen können.

Smartify – das Shazam für Museen und Kunstwerke

Museen digital: App auf dem Smartphone wird vor ein Kunstwerk im Raum gehalten
SMARTIFY ‘Black Shed Expanded’ by Nathaniel Rackowe, Sculpture in the City 2017

Die Anwendung Smartify funktioniert ähnlich wie die beliebte Musikerkennungs-App Shazam. Sie erkennt Kunstwerke auf Fotografien. Das funktioniert nicht nur im Museum. Wer auf der Straße ein interessantes künstlerisches Objekt entdeckt, vielleicht eine Statue oder eine Installation, der zückt die App und kann mehr erfahren. Die Software analysiert das geschossene Foto und liefert Zusatz-Informationen wie Größe, Jahr der Erstellung, Name, Details zum Autor, spannende Zusammenhänge, Audio- und Video-Kommentare der Museen und vieles mehr. Die Lieblings-Kunststücke können dann auf dem Smartphone in einer Art „Galerie to go“ gespeichert und bei Bedarf geteilt und kommentiert werden. Den Bewertungen einiger Nutzer zufolge, hapert es allerdings noch hier und da mit der technischen Funktionalität. Dies können wir bestätigen: Scan-Proben dauerten lange, oft ohne Ergebnis. Vielleicht liegt es daran, dass noch nicht viele Kunstwerke erfasst sind. Laut Hersteller will man zukünftig das künstlerische Netzwerk ausbauen und mit mehr Museen kooperieren. Vielleicht klappt dann auch die Bilderkennung besser.

Altes Handwerk und neuen „Homo Virtualis“ erleben

 

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Eine digitale Anwendung zur Bilderkennung gibt es jetzt auch in Russland. Die Tretyakov Gallery und das Pushkin Museum of Fine Arts integrieren eine neue App, welche die Kunstwerke digital erfasst und bei einem Besuch zusätzliche Infos liefert. Die Besonderheit hierbei ist es, den Entstehungsprozess der Werke virtuell zurückverfolgen zu können. So gibt es beispielsweise Vorher-/Nachher-Bilder von Restaurationen. An welcher Stelle des Werkes wurde Hand angelegt? Wo saß der erste Pinselstrich?

Im Pushkin Museum of Fine Arts widmet sich zur Zeit auch die Recycle Group der Digitalisierung unseres Lebens. “Homo Virtualis” heißt die Ausstellung, die dort noch bis zum 20.08. zu sehen ist. Die Künstler nutzen die Erweiterte Realität (augmented reality) und vollenden ihre Werke im Digitalen. In den Ausstellungsräumen sind Skulpturen zu sehen, die zunächst an die Werke alter Künstler erinnern. Jedoch bestehen die Objekte aus den modernen Materialien Polyurethane und Plastik. Sie sind sehr abstrakt, minimalistisch und meist einfarbig. Hält der Besucher die dazugehörige App vor das Werk, so verändert sich die Skulptur und wird virtuell erweitert. Körper werden komplettiert und beispielsweise im Stil einer Wärmebildkamera eingetönt. Der „homo virtualis“, ein digitales menschliches Gerüst, erscheint in typischer Smartphone-Pose. Mit der Verbindung von alten Darstellungsweisen und neuen Materialien sowie Techniken, wollen die Kuratoren zeigen “how art perception has been transformed in the age of mass media and social media”.

Städel Museum: Digitale Zeitreise in das Jahr 1878

Das Städel Museum in Frankfurt am Main ist, in Sachen digitaler Kunstgeschichte, ebenfalls ein Vorreiter. Auch hier besteht die Möglichkeit, sich den Museumsbesuch via App mit informativen und multimedialen Funktionen zu erleichtern. Favoriten können gespeichert und Themenlisten durchsucht werden. Das Museum sieht in der digitalen Erweiterung die Chance für „völlig neue Wege der Erforschung, Darstellung, Erzählung und Vermittlung von Kunst”. Für den Grimme Online Award nominiert ist der kostenlose Online-Kurs „Kunstgeschichte online – der Städel Kurs zur Moderne“ . Die Entwickler versprechen einen unterhaltsamen und neuartigen Einblick in die Kunstgeschichte. Er integriert Hintergrundinformationen zu Werken, Künstlern, Stilen, Filmen und historischen, kulturellen sowie politischen Zusammenhängen von 1750 bis heute.

Wie sah eine Galerie früher aus? Wie wirkte die Architektur auf die gezeigten Werke? Mit einer kostenlosen Virtual-Reality-Zeitreise- App, können Besucher außerdem die Museumsräume und ihre Vergangenheit erleben. Die historischen Sammlungsräume von 1878 sind via 3D Grafik und Virtual-Reality-Brille virtuell begehbar. Wenn Museen digital gehen, fehlt es oft noch an perfektionierter Technik und dadurch an virtueller Authentizität. Die Ideen machen aber Lust auf mehr.

Titelbild: @SMARTIFY  ‘The Laughing Cavalier’, The Wallace Collection

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017

Documenta 2017: Eine digitale Schachpartie
zwischen Athen und Kassel

Schachmatt – heißt es auf der Documenta 2017. Zum ersten Mal findet die Ausstellungsreihe in zwei Städten statt – Kassel und Athen. Wir berichteten bereits darüber. Der Künstler Bili Bidjocka thematisiert diese Aufteilung spielerisch in seinem Werk “The Chess Society”. Darin lässt er die Städte in einer Schachpartie gegeneinander antreten. Auch ihr könnt mitspielen, denn: Das Duell ist webbasiert.

Ein Flop unter dem Weihnachtsbaum

Bili Bidjocka ist ein zeitgenössischer Künstler, der für seine Skulpturen und Installationen bekannt ist. Geboren ist er in Kamerun, aufgewachsen in Frankreich – wo er auch heute noch arbeitet. Darüberhinaus hat es den Künstler nach Brüssel und New York verschlagen. Einige seiner Werke stellte er bereits im „New Museum of Contemporary Art“ aus. Bili Bidjocka kam schon früh und zunächst unfreiwillig mit dem Strategiespiel in Verbindung. Die Überraschung und Enttäuschung war groß, als er und sein Bruder in Kindertagen ein Schachspiel als Weihnachtsgeschenk erhielten. Sie kannten weder die Regeln, noch wussten sie so recht etwas anderes damit anzufangen. Doch die beiden freundeten sich zunehmend mit einem Match an und spielten hin und wieder eine Partie. Das digitale Schach-Kunstwerk widmet Bili Bidjocka seinem Bruder.

Die Installation einer virtuellen Schacharena

Den Eröffnungszug der Kunstausstellung, im Rahmen der Documenta 2017, durfte Athen setzen. Dort ist die Installation mittlerweile beendet. In Deutschland kann das Duell nach wie vor in einer Industriehalle auf dem Gelände der Universität Kassel bestaunt werden. Die Installation setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Auf einem Vorhang aus Fäden ist zu lesen: “J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage“ (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann). Hinter dem Schleier verbirgt sich ein abgedunkelter Raum mit einem tiefschwarzen Wasserbecken. In dessen Mitte wird ein gigantisches Schachspiel projiziert. Es scheint, als würde das Brett auf der Wasseroberfläche schweben. Wer den Prozess live vor Ort nicht nur beobachten, sondern selbst in den Genuss einer Partie kommen möchte, kann sich in einem abgetrennten Bereich an echte Schachbretter setzen.

Documenta 2017: Online-Demokratie am Zug

Das digitale Spielfeld speist sich aus den virtuellen Zügen, die Nutzer aus Athen und Kassel, beziehungsweise Griechenland und Deutschland, auf der Website von “The Chess Society” bestimmen. Alle 24 Stunden hat man die Möglichkeit, den nächsten Zug anzubieten. Die finale Handlung richtet sich dann – ganz demokratisch – nach der Mehrheit der Vorschläge. Die bisherigen Sätze und Ergebnisse sind ebenfalls im Internet einsehbar. Zusätzlich können sich die Nutzer austauschen und das Spiel in einem Chat kommentieren. Runde eins hat Athen gewonnen. Das zweite Match endet heute. Also haltet Euch ran und entscheidet die aktuelle Partie für Kassel.

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017
Bili Bidjocka, The Chess Society J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke

 

Installation The Chess Society Schachbrett in Bonn
Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage
(Ich glaube, es gibt eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen Schwarzen, der putzt), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA) – Pireos-Straße („Nikos-Kessanlis“-Ausstellungshalle), documenta 14 © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Stathis MamalakisBead curtain, chess board, chess tables, chairs, chess pieces and clocks, web-based game

 

Titelbild: @Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke