Category: Gesellschaft

Mattresses of Berlin:
Interview mit Andreas Gebhard

Na, habt ihr am World Mattress Day auch euren Matratzen gedacht? Nein? Solltet ihr aber, findet Andreas Gebhard. Er ist nicht nur Mitbegründer der Internetkonferenz re:publica, sondern hat auch den Weltmatratzentag erfunden, der immer am 9. Juni stattfindet. Warum Matratzen im öffentlichen Raum sein Interesse geweckt haben und einen Instagram-Account verdienen, hat er uns in diesem Interview erklärt.

Wie kamen Sie auf die Idee, den World Mattress Day ins Leben zu rufen?

Vor einigen Jahren sah ich in Neukölln eine gebrauchte, zurückgelassene Matratze auf der Straße auf der “Half Ghost” geschrieben stand. Das hat mich damals fasziniert – denn entweder ganz oder gar nicht Geist. Deshalb habe ich von dieser Matratze ein Bild gemacht. Später vielen mir immer mehr Matratzen im öffentlichen Raum auf. Von diesen hab ich dann immer Fotos gemacht. Irgendwann kam die Idee die auch online zu posten.
 
Danach habe ich viel über Matratzen nachgedacht. Warum werfen Menschen diese einfach auf die Straße? Wie kann es sein, dass man das Ding, mit dem man die meiste Zeit seines Lebens verbringt, so achtlos wegwerfen kann. Warum baut man zu diesem Gegenstand keine persönliche Beziehung auf? Mit meinem Lieblingspulli würde ich das ja auch nicht machen. Ich finde, dass ist schon eine eher grundsätzliche Frage. Parallel dazu habe ich auf Instagram weitere Accounts gefunden, die Matratzen im öffentlichen Raum zeigen. Wirklich richtig viele. Mittlerweile kenne ich weltweit bestimmt 200 oder mehr! Ein globales Phänomen!
 
Als ich dann nachgeschaut habe ob es denn nicht einen jährlichen Tag der Matratze gibt – schließlich gibt es ja für alles so einen Tag – habe ich keinen gefunden. Dann hab ich den kurzerhand ausgerufen im Jahr 2017 am 09. Juni.

Was ist das Ziel des World Mattress Day?

Erst mal ist es eine interessante Frage, warum wir uns so wenig mit diesem sehr persönlichen und intimen Möbelstück identifizieren. Es gibt in dem Bezug extrem viele Aspekte über die man nachdenken kann. Im Jahr 2015 gab es dazu auch eine Tagung in Bremen aus der ein Buch entstanden ist.
Irgendwie wurde das Thema immer größer für mich. Der World Mattress Day ist aber eher ein kleines Projekt. Ich nehme das zum Anlass jedes Jahr zum 9. Juni eine Ausstellung mit den Bildern zu machen, die ich auf diesem Instagram-Account veröffentliche. Diese Bilder werden mir mittlerweile von ganz vielen Leuten zugeschickt. Es entstand eine kleine Community. Wer einmal über eine Matratze im öffentlichen Raum nachgedacht hat, sieht dann überall welche.

Was ist das Besondere an Matratze im im öffentlichen Raum?

Der intimste Ort (über Jahre) wird von einem Tag auf den anderen in die Öffentlichkeit gezogen. Wird dadurch anonym. Ich finde diesen Sprung spannend!

Inwiefern sehen Sie die Matratze als Kommunikationsmittel?

Matratzen fungieren als diverses Kommunikationsmittel, ob verbal oder nonverbal. Wir kommunizieren und tauschen innige Erfahrungen auf ihnen aus. Durch diese Intimität animieren Matratzen uns auch zu lockeren Gesprächen und schaffen eine Aura der ungefährdeten, gleichberechtigten Begegnung mit anderen. Gleichzeitig können Matratzen auch als aktives Mittel zur Blockade und zur Besetzung von Räumen und Orten verstanden werden. Und nicht zuletzt als Argumentationsgrundlage in Bezug auf das Aufzeigen von Mängeln im öffentlichen urbanen Raum. Die Funktionalität, Art und Weise sowie die Nutzung und Benutzung von Matratzen ist so vielfältig und kann individuell gestaltet werden. Es gibt viele Leute, die auf Matratzen im öffentlichen Raum etwas malen, schreiben oder dieser durch eigenen kreativen Aktivismus eine neue Bedeutung geben. Sie dient also als Leinwand. Leute bleiben stehen und bewunderten das, woran sie zuvor einfach vorbeigegangen wären. Auch wieder ein interessantes urbanes Phänomen.

Wie entsorgen Sie ihre alten Matratzen?

Mit der BSR.

Wenn Ihre Matratze sprechen könnte, was denken sie, würde Sie erzählen?

Das müsst ihr sie selber fragen. Aber, nein, ich glaube nicht, dass ich ihr die Erlaubnis für ein Interview geben würde.

 
Und so sehen die “Mattresses of Berlin” unter anderem aus – folgen lohnt sich!
 

Danke Ralf! #Berlin #Matratze #mattress #worldmattressday

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Kreuzberg. Merci @mareicares #Matratze #mattress #worldmattressday #Berlin

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Danke Rio!

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ey alter

Die Ausstellung EY ALTER – Du kannst dich mal kennenlernen:
Impressionen & Interview

Fühle ich mich jung oder alt heute?

Bevor ich die Ausstellung EY ALTER betreten darf, habe ich bereits die Qual der Wahl: Wie fühle ich mich heute – alt oder jung? Ich stehe vor zwei Eingängen, die mich beide in die Ausstellung führen können. Ich entscheide mich für jung – und werde prompt beim Durchlaufen mit Vorurteilen bombadiert: “Chaot!”, “Dir fehlt die Erfahrung” und “Nee, La Traviata ist nicht von Beyoncé” ertönt es von links und rechts. Na, hat der ein oder andere von euch sowas nicht auch schon zu hören bekommen?

Kollektiv senil oder lebenslang mobil?

Es ist nicht zu bestreiten, dass wir uns gerne davor drücken, über das Alter(n) zu sprechen. Zwar kommt es unweigerlich auf uns zu, doch bis es soweit ist, schieben wir das Thema gemütlich vor uns her. Ein Fehler, dachte sich Mercedes-Benz – und entschied sich, eine Ausstellung rund um das Thema ins Leben zu rufen. Diese soll den Defizitmodellen des Alters entgegenwirken, wissenschaftliche Fakten klären und für Altersdimensionen sensibilisieren.

 

“EY ALTER!” ist der Titel der Ausstellung, die mit einem Augenzwinkern den demographischen Wandel anspricht und Impulse zum Alter, Alltag und zur Arbeitswelt gibt. Denn der Altersbegriff ist so individuell wie wir selbst und trägt vielfältige Chancen mit sich. EY ALTER verdeutlicht eindrücklich, dass wir nie zu alt oder zu jung sind zum lernen – und dass es die Aufgabe der ganzen Gesellschaft ist, den Paradigmenwechsel voranzutreiben.

Ey Alter, kennst du dich überhaupt?

Die Hauptattraktion von EY ALTER ist das Spiel:  20 Mitmachstationen, die sich in die vier Bereiche “Alles Kopfsache”, “Dein Alter”, “Dein Potenzial” und “Dein Team” unterteilen lassen, helfen einem dabei, sich spielerisch selbst besser kennenzulernen. Daher bekommt der Gast beim Eintritt auch eine Karte, auf der er seine besten Ergebnisse speichern kann und zum Schluss sogar in einer Urkunde zusammengefasst bekommt. Von der Reaktionsfähigkeit, der Lebenserwartung, der Wahrnehmung komplexer Signale bis zur geistigen Denkfähigkeit kommt hier die Wahrheit ans Licht – und die unterschiedlichen Altersdimensionen, die wir alle in uns tragen.
 

Vor allem in dem Bereich “Dein Potenzial” kann man zupacken: Hier kann man messen, wie fest der eigene Händedruck ist, wie hoch man springen kann und wie gut die Reaktionszeit und der Gleichgewichtssinn sind. Mein persönliches Highlight war die “Aufmerksamkeitsübung”: Mit einem Stirnband werden die Strömungen im Gehirn gemessen, durch die man einen Ball eine Linie entlang führen soll. Je intensiver man sich auf den Ball konzentriert, desto stärker sind die Strömungen und der Ball bewegt sich tatsächlich in die gewollte Richtung! 
 

Im Gespräch mit Frank Weber

Frank Weber ist Mitarbeiter im Team Strategisches Resource Management bei Mercedes-Benz und Berater von Führungskräften zum Thema Alter und Demographischer Wandel. Mit ihm habe ich über die Vorteile im Alter, Unsterblichkeit und die Digitalisierung gesprochen.

Es gibt ja das Sprichwort “Age is just a number”. Stimmen Sie dem zu?

Vollkommen! Das Alter sagt nichts über einen aus – weder über seine Stärken, Talente, Verfassung oder auch Begeisterung. Age is just a number – yes.

Defizitmodelle des Alters sind weit verbreitet. Was können wir Ihrer Meinung im Alter besser als in den jungen Jahren?

Im Alter lässt sich eine sogenannte Alters-Gelassenheit erkennen – die nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat – jedoch dafür sorgt, dass man nicht gleich in Panik gerät, wenn außergewöhnliche, unvorhersehbare Dinge passieren. Das ist eine Ruhe, die ältere Herrschaften haben und für junge Menschen oftmals schwer zu erreichen ist, sich jedoch als unglaublicher Vorteil darstellt. Auch das Thema Erfahrung baut darauf auf: Dinge betrachten zu können, ohne sie im einzelnen analysieren zu müssen, jedoch zu 70 – 80% zu wissen, wo es so grob langgeht. Das erfährt man nun mal erst, wenn man erfahren ist.

Unsere Gesellschaft ist sehr jugend-fixiert und die Wissenschaft beschäftigt sich weiterhin viel mit lebensverlängernden Mitteln oder gar der Unsterblichkeit. Wären Sie gerne unsterblich?

Nein, niemals. Ich mag auch gar nicht so denken, denn wenn ich plötzlich unsterblich wäre, würde ich einige schöne Dinge verpassen – vor allem die, die ich erst im Alter erfahren kann. Wenn ich das, was Leben ausmacht – von der Geburt bis ins hohe Alter, bis letztendlich zum Tod – gar nicht mehr erfahren könnte, weil es es nicht mehr gäbe, dann würde mir aus der heutigen Anschauung, was ich hinter mir und vor mir habe, gar nicht mehr so viel Freude bereiten.

Welche Vorteile kann die Digitalisierung Ihrer Meinung nach haben, wenn wir immer länger erwerbstätig sein müssen oder werden?

Digitalisierung gehört zu den Megatrendthemen des 21. Jahrhunderts. Wer sich nicht darum kümmert – bald kümmert – wird auf jeden Fall im Nachteil sein. Digitalisierung im Zusammenhang mit Alter ist sehr wichtig, wir haben das im Zuge der Industrialisierung schon erfahren, dass vieles dem Menschen erleichtert wurde: So wurden das Fließband und Hebehilfen eingeführt. Roboter waren im Zuge der Industrialisierung sehr umstritten, weil man Angst hatte, dass sie uns die Arbeitsplätze klauen. Letztendlich haben wir heute viel mehr Arbeitsplätze als damals, trotz Roboter. In der Montage bei Mercedes haben wir auch eine Mensch-Roboter-Kooperation auf engstem Raum, sodass der Roboter ergonomisch schwierige und auf Dauer ungesunde Aufgaben übernimmt und der Mensch das macht, wo er seinen Geist einsetzt. Ich denke, da liegt die Chance der Digitalisierung. Wir sind in erster Linie geistige Wesen und genau diesen Vorteil können wir in Zukunft besser nutzen, wenn die harte körperliche Arbeit nicht mehr getan werden muss.

Nun könnte man natürlich auch sagen, dass die künstliche Intelligenz irgendwann unsere kognitiven Fähigkeiten ersetzen wird – viele Philosophen gehen auch soweit zu behaupten, dass es irgendwann keine Jobs mehr geben wird und wir ein bedingungsloses Grundeinkommen benötigen. Stimmen Sie dem zu oder sehen Sie dies eher als Schwarzmalerei?

Das ist schwierig – da ist man schnell am vermuten und philosophieren. Das Thema wird auf jeden Fall auf uns zukommen, auch viele negative Auswirkungen – dennoch glaube ich, dass es genauso wie im Alter Chancen gibt. Wenn wir die wenigen Regeln, die wir haben, gut machen und es dann internationale Standards dafür gibt, kann man das Thema sicher beherrschen.

In Unternehmen prallen ja auch oft Generationen aufeinander. Was ist Ihr Vorschlag, wie man es in Unternehmen schaffen kann, dass diese Mitarbeiter möglichst viel voneinander lernen?

Das ist die Aufgabe von Führungskräften: Zum Beispiel wenn ein älterer Kollege noch mit Karteikarten hantiert und gefühlt niemals den Rechner anbekommt, dann ist das die Aufgabe der verantwortliche Führungskraft, das mitzubekommen. Dann muss sie – insbesondere wenn sie weiß, was die Wissenschaft bereitstellt – intervenieren. Das heißt, dass sie die Mitarbeiter motivieren muss, sich gegenseitig zu helfen und sie aktiv zusammen bringen muss. Das fängt schon bei der Sitzordnung an: Warum sollen die ewig Gestrigen aus der Sicht der Jungen, hinten rechts sitzen und die jungen Bullen sitzen hinten links? Man muss Begegnungsstätten in den Arbeitsstätten schaffen und die Menschen erfahren lassen, dass sie gemeinsam erfolgreicher sind, als wenn man alles altersbegrenzt lässt. Man muss also dafür werben, sensibilisieren und Vorbild sein.

Eine letzte Frage, Herr Weber:  Wie alt fühlen Sie sich?

Heute Anfang 40. Das sind schon mal zehn Jahre weniger als mein biologisches Alter!

 

Und wie siehst du dich selbst, in deinem Alter? Bis zum 19. Januar 2019 hast du täglich die Chance, die Ausstellung im Gasometer zu besuchen!

 

WG Zimmer in Berlin

Interview mit WOVIVI:
Mit einem Video-Portrait das richtige WG Zimmer in Berlin finden

Es scheint schon ewig her zu sein, als Berlin als Mietparadies betitelt werden konnte. Denn die Suche nach einem WG Zimmer in Berlin gleicht mittlerweile einem nervenaufreibenden Bewerbungsgespräch (wenn man denn eingeladen wird): Man muss sich nicht nur von seiner besten Seite zeigen, sondern auch von den anderen Bewerbern absetzen, um dann einer Antwort entgegen zu zittern – so läuft das Spiel. Nach dem Statistikportal statista liegt Berlin derzeit im ersten Quartal des Jahres 2018 auf Platz 8 der teuersten Mieten – auf den ersten drei Plätzen reihen sich noch München, Frankfurt und Stuttgart.
 
Schlechtere Nachrichten sind jedoch zu befürchten, denn nach einer Studie des “Global Residential Cities Index” sind in keiner Stadt weltweit (!) die Preise für Immobilien so krass gestiegen wie in Berlin: Unter den 150 untersuchten Städte ist Berlin die einzige, in der Angebotspreise für Wohnimmobilien mehr als 20 Prozent über denen des Vorjahres liegen. Na dann, Halleluja.

I’ve been looking for a room, I’ve been looking so long

Desireé und Anne (Image by Sophie Werche)

Doch wenn die Freunde schon scherzhaft Fragen, welche Brücke es denn heute wird und die Eltern vorschlagen, wieder nach Hause zu ziehen, sollte man wirklich kreativ werden. Denn die Suche kann erwiesenermaßen von ein paar Tagen bis zu ein paar Monaten dauern.
 
Kreativ waren auch Desireé und Anne als sie ihr Startup “WOVIVI” gründeten. Hier muss man keine ellenlangen Texte über sich verfassen, sondern darf sich direkt mit einem Lächeln vorstellen.

Was ist an der WG Suche über euer Startup anders?

WG-Suchende bekommen bei uns die Chance, einen echten ersten Eindruck von sich zu vermitteln. Es werden keine selbstbeschreibenden Bewerbungstexte verfasst und per ,,copy-and-paste’’ an jede nur annährend passende WG verschickt, sondern es wird mit einem knackigen Video-Portrait gepunktet. Ohne Vorbereitung beantworten die WG-Suchenden hierfür Fragen zu ihrer Person – die auch mal ganz aus dem Kontext gerissen sein können und bei denen dann vielmehr die Reaktion des WG-Suchenden entscheidend ist.

Wie seid ihr auf die Idee eures Startups gekommen?

Wir waren selbst auf Wohnungs-Suche in Berlin, um gemeinsam eine WG zu gründen. Nachdem viel Zeit ins Land gezogen ist, wollten wir es anders machen. Wir kamen auf die Idee eine Videobewerbung zu drehen, bei der wir von Anfang an mit unserer Persönlichkeit punkten können. Bei einem Gläschen Wein haben wir uns später gefragt, warum wir es nicht für Jedermann da draußen möglich machen, sich mit einem Video für seine zukünftige Wohnung oder WG zu bewerben!

Welche Zielgruppe wollt Ihr mit eurem Startup ansprechen und wer ist Eure größte Konkurenz?

Unsere Zielgruppe sind vor allem junge und junggebliebene Menschen, denen es wichtig ist, sich in ihrer WG Zuhause zu fühlen. Und unsere größte Konkurrenz ist WG-Gesucht – der bisherige Marktführer, was die Vermittlung von WG-Zimmern angeht. Wir sind die persönlichere Alternative dazu.

Welche Erfolge konntet Ihr seit eurer Gründung verzeichnen und wie viele Suchende konnten seitdem eine Bleibe finden?

Echte Dankbarkeit von den Menschen zu spüren, die über uns ihre passende WG gefunden haben, ist der größte Erfolg! Und von unseren 19 portraitierten WG-Suchenden sind bereits 11 vermittelt.

Was ist euer Tipp für Leute, die neu in Berlin sind und ein WG Zimmer in Berlin suchen?

Nutzt Eure Persönlichkeit für die Suche nach der passenden WG und stellt Euch in einem Video-Portrait vor! Somit wird die passende WG dann auf Euch zukommen.

Berliner Haus und Bewohner, zum Artikel: In der Fremde: Fotograf zeigt Facetten der Berliner Nacht

In der Fremde:
Fotograf zeigt die Facetten der Berliner Nacht

Die Hauptstadt schläft nie. Das beweisen die Fotografien von Romeo Alaeff. Statt auf Hochglanz polierte Stock-Photos, zeigt der New Yorker Künstler in einer ganz besonderen Bilderreihe „In der Fremde“ die wahren Momentaufnahmen Berliner Nächte zwischen Parkanlagen, U-Bahnhöfen und Nebenstraßen. Es sind Momente, die zwar fast jeder von uns kennt, die aber in der Hektik des Alltags oft untergehen. Romeo Alaeff hält an dieser Stelle inne und zückt seine Kamera. Was dabei herauskommt, sind neue und besondere Sichtweisen auf scheinbar alltägliche Nächte. Dadurch macht der Fotograf die Schönheit und Mystik des Profanen sichtbar. Taucht mit uns ein in die Geisterstunde Berlins:

Kleiner Mann, große Geste! Oder doch nicht?

© Romeo Alaeff

Ein kleiner Junge kniet unter dem Dach einer Bushaltestelle und streckt einer Dame die Hand entgegen. Es wirkt als wolle der Junge ihr die Hand reichen. Vielleicht ist sie seine Mutter? In Wiklichkeit ist alles ganz anders: Wie der Fotograf erst später bemerkte, wollte der Junge die Frau wohl bestehlen und der Mann neben ihm war sein Aufpasser. Dies zeigt, wie konträr Perspektiven wirken können und, dass selten etwas wirklich so ist, wie es scheint.

In der Fremde. Oder doch Zuhause?

Romeo Alaeff behandelt in seinen Bildern Themen wie Zugehörigkeit, Migration und ein Gefühl von Heimat – etwas, das uns alle auf verschiedene Art und Weise betrifft und berührt. Auch hinter vielen anderen Fotografien stecken sehr wahrscheinlich komplexe Geschichten und Biografien. Das Faszinierende daran ist für den Betrachter der Reiz des Unergründlichen. Wo sind wir? Was geschah dort? Wer ist das? Und welche Gedanken schweben im Raum? Unscheinbare Orte, unbekannte Blickwinkel und eben diese “lost in translation”-Momente interessieren den Fotografen sehr.

Es lebe der Leichtsinn

© Romeo Alaeff

Bitte aussteigen: Kampf in der U-Bahn

© Romeo Alaeff

Berlin, let me entertain you…

© Romeo Alaeff

Undercover: Nächtliche Sprachnachricht

© Romeo Alaeff

In der Einfahrt von Hausnummer 2

© Romeo Alaeff

Die Ästhetik eines U-Bahn-Schachtes

© Romeo Alaeff

Neue Perspektiven: Kein Schatten ohne Licht

© Romeo Alaeff

 

Weitere tolle Fotos von Romeo Alaeff findet ihr auf seiner Website und bei InstagramFlickr und Twitter.

Titelbild: @Romeo Alaeff, In der Fremde

Interview über die re:publica 18:
Highlights, Veränderungen und Ausblick

Es ist schon fast einen Monat her, jedoch nie zu spät, um an das größte Klassentreffen der digitalen Gesellschaft in Berlin zu erinnern: Unter dem Motto “POP” waren bei der re:publica in diesem Jahr neben Platzhirschen, Bloggern und Wissenschaftlern auch eine Whistleblowerin dabei. Wir haben uns mit Carolin Heim unterhalten, die in den letzten zwei Jahren für die re:publica schon bei unzähligen PR-Terminen dabei war und dieses Jahr das Partnermanagement des Netzfestes betreut hat.

Eine Frage vorweg: Wie gefällt es dir, Teil der digitalen Gesellschaft zu sein?

Der digitalen Gesellschaft kann man sich heutzutage kaum entziehen – auch ich bin mit ihr aufgewachsen. Das Netz ist mittlerweile eine fester Bestandteil unserer Alltags und wir alle sind Teil des Netzes. Dies kann einerseits sehr nützlich sein, indem es vieles vereinfacht und man sich weltweit vernetzten, organisieren und austauschen kann (z.B. über den Arabischen Frühling). Für andere ist es eine Notwendigkeit und Teil ihrer Lebenswirklichkeit zur digitalen Gesellschaft dazu zu gehören. Dieser Umstand kann auch für politischen Aktionismus, Fake News oder Schnellschüsse missbraucht werden. Es ist somit eine Medaille mit zwei Seiten. Ich persönlich ziehe in meinem Alltag die reale Welt, also den direkten Kontakt, der digitalen Welt im Netz vor.

Was war für dich dieses Jahr das Highlight der re:publica?

Eine absolutes Highlight und etwas ganz Besonderes für mich war das Gespräch “Opening Fireside Chat” mit Chelsea E. Manning und meinen lieben Kolleginnen Geraldine de Bastion (re:publica) und Theresa Züger (MediaConvention). Auch die Vorfreude auf Chelsea Manning war bei allen – Publikum, Journalisten, Fotografen – spürbar: Es klatschten tausend Paar Hände als die Moderatoren sich bei Manning für ihren Besuch bedankten. Sie sagten damit: Danke für deinen Mut, für deinen Idealismus und moralische Verantwortung und dafür, dass du die Welt ein kleines bisschen besser machst und auf die Missstände, die Verschlusssache waren, aufmerksam gemacht hast. Womöglich veränderte sie den Lauf der Geschichte, als sie hunderttausende von Regierungsdokumenten leakte. Die Atmosphäre war atemberaubend und es war ein ganz besonderer Moment, den ich live erleben durfte. Manning erzählte auf der re:publica neben aktuellen Entwicklungen der digitalen Gesellschaft auch über ihr neues Leben als freier Mensch, den zivilen Ungehorsam, die radikale Politik und diskutierte über die Folgen einer unkontrollierbaren Staatsmacht. Ich fand das alles sehr spannend, aber gleichzeitig auch beunruhigend, wenn man das Netz aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
 
Darüber hinaus gab es für mich viele weitere große und kleine persönliche Highlights: z.B. die Session über “Reconquista Internet” mit Rank Anders (Journalist, Armes Deutschland), Patrick Stegmann (Journalist, Filmemacher Kooperative Berlin und Regisseur bei “Lösch Dich”), Jan Böhmermann (Moderator, Neo Magazin Royale) und Sibel E. (Filmemacherin, Trollerin). Im April veröffentlichte funk und das Neo Magazin Royale ihre Recherchen zum rechtsextremen Troll-Server Reconquista Germanica. In der Session berichtet Jan Böhmermann von seinem eigenen Discord-Server, Reconquista Internet, den er als Reaktion auf die rechten Netzaktivisten gründete und der bereits mehr als 40.000 Mitglieder verzeichnet. Aus dem funk-Recherche-Team berichten außerdem Rayk Anders, Patrick Stegemann und Sibel von ihrer einjährigen Undercover-Recherche für die Doku “Lösch dich: So organisiert ist der Hass im Netz.” Die Session fand ich sehr unterhaltsam, aber auch inhaltlich sehr spannend, das Thema wurde kritisch sehr gut beleuchtet. Was ebenfalls sehr unterhaltsam war und für eine sehr gute Stimmung in der Mittagssonne sorgte, war der Auftritt von Dr. Motte am zweiten Veranstaltungstag im Innenhof. Fast wie damals auf der Loveparade.

Du warst die letzten Jahre ja auch schon bei der re:epublica dabei. Welche Veränderungen sind dir dabei aufgefallen?

Für mich war es  bereits das dritte Jahr bei der re:publica. Besonders toll finde ich, wie die re:publica mit dem Feedback aus der Community umgeht und direkt in die Veranstaltung mit einfließen lässt. Dies wird bei den GründerInnen und dem Team der re:publica sehr ernst genommen. Neben inhaltlichen Veränderungen und Erweiterungen im Programm ist eine große Veränderung der letzten zwei Jahre die Internationalisierung der re:publica in andere Städte mit re:connecting EUROPE. Ich selber war letztes Jahr in Thessaloniki dabei und konnte mich von der tollen Stimmung vor Ort und dem Wunsch nach regelmäßigen Austausch mit anderen aus der digitalen Gesellschaft – auch außerhalb von Berlin- überzeugen.
 
Eine weitere große Veränderung ist, dass sich die re:publica dieses Jahr mit dem “Netzfest” zum ersten Mal für das Massenpublikum geöffnet hat. Das erste digitale Volksfest war gratis, draußen und für alle zugänglich. Mit Workshops, spannenden Vorträgen und Mitmach-Aktionen rund um digitale Themen, Live-Musik und vielem mehr machte die re:publica das Netz für alle erlebbar. Das Programm richtete sich an die BerlinerInnen – ob jung oder alt – mit digitalem Grundwissen. Die GründerInnen der re:publica möchten damit die digitale Entwicklungen auf eine leicht verständliche Art und Weise näherbringen und die BürgerInnen wortwörtlich „netzfest“ machen.

Welche Themen würdest du dir für die nächste Republica wünschen?

Ich wünsche mir, dass sich die re:publica weiterhin in Themen engagiert, wie sie es bereits die letzten zwei Jahre mit re:learn, sub:marine, re:health, #fashiontech LAB, sciene:lab, re:cord musicday oder wie in diesem Jahr mit den Fachkonferenzen der dfv Gruppe getan hat. Das Symposium bietet ein einzigartiges Setting, um sich branchenintern in den Bereichen experience marketing, digital food, digital retail und woman in fintech auszutauschen. Spannend ist sicherlich auch etwas in Richtung digitale Kunst, sprich visual/ 3D arts zu machen – wer weiß, vielleicht ist das ein Thema für 2019.
 
Foto von Gregor Fischer/re:publica (CC0 Public Domain)