Category: Digitale Kunst

Digital Art:
Die neue alte Kunstbewegung

Bisher brachte nur die Einführung der Kamera eine solche dramatische Veränderung des künstlerischen Schaffens mit sich, doch seit dem Internet und dem Einzug digitaler Möglichkeiten hat auch Digital Art die Kunstszene aufgemischt. Digital Art schließt, im groben gesagt, alles künstlerische Schaffen ein, welches in irgendeiner Form digitale Technologien am Kreations- oder Präsentationsprozess beinhaltet. Auch wenn Digital Art keine klar abgegrenzte Kunstbewegung ist, findet sie dennoch in der modernen Gesellschaft immer mehr Beachtung, vermutlich nicht zuletzt, da Technologien und digitale Trends sich großer Beliebtheit erfreuen. Video, Internet, Social Media sind nicht mehr wegzudenken und sind in der konzeptionellen Kunst nicht wegzudenken. Arbeiten in der Richtung werden unter dem breiten Begriff „Medienkunst“ zusammengefasst.

 


 

Gastartikel von: Louisa Baumgärtel von Singulart

 


Digitale Technologien als neues Medium für Künstler

Egal ob Fernsehen, PC, Softwares oder das Internet: Die Kunstszene giert nach neuen, innovativen und kühnen Möglichkeiten, um ihrem Schaffen eine neue Stimme zu verleihen. Statt Pinsel, Acryl- und Ölfarbe konnten Künstler nun mithilfe elektronischer Technologien mit Licht, Ton und Pixeln malen. Digitale Collagen und dreidimensionale grafische Arbeiten konnten am Bildschirm geschaffen werden – ganz zu schweigen von multimedialen Projektionen. Aktuelle Beispiele aus der Kunstwelt zeigen, dass die Künstler nicht nur digitale Mittel beherrschen, sondern damit auch traditionelle Techniken optimieren und die Grenzen von Kunst neu definieren. Ein Beispiel ist der aufstrebende Künstler Albert Janzen, welcher digitale Zeichentools nutzt, um seine Linien trotz schneller und dynamischer Strichführung präzise zu setzen.

Digitale Kunst von Albert Janzen

Auch der internationale Künstler David Gomez Del Rio verwendet die neuen technologischen Möglichkeiten und lässt Fotografie, Textur- und Zeichenstudien mit Digital Art verschmelzen. Zunächst zeichnet er in einem ersten Schritt mit Kohlestift analog auf Papier und digitalisiert diese dann anschließend. Nach der digitalen Bearbeitung entstehen aus diesen Zeichnungen ganz neue Werke und so schafft Del Rio aus dem Analogen ein digitales Meisterwerk.
 

Digitale Kunst von David Gomez Del Rio

Ein weiteres Beispiel ist die deutsche Fotografin Margarete Schrüfer: Die Künstlerin bedient sich digital der jahrhundertealten Kunst des Origami. Ihre Blumenstilleben entstehen aus einer Vielzahl digital übereinander gelegter, transparenter Fotografien. Mit dieser Technik erreicht sie einen dreidimensionalen Effekt.

Digitale Kunst von Margarete Schrüfer

Ihre Künstlerkollegin Stefanie Reling schafft maschinell, strukturelle matrixartige Arbeiten und kombiniert beispielsweise Skripte oder Fehlermeldungen und kombiniert diese neu. Dabei entstehen unlösbare und unlesbare Formeln, Reihungen, Wiederholungen und Brüche. Eine Art Grafik oder Matrix wird kreiert, die eine bildhafte Komposition darstellt.

 

Ausstellung digitaler Kunst von Stefanie Reling

Doch die Künstler nutzen die Technologien nicht nur als neues Medium, sondern fordern den Betrachter oft dazu auf, sich über die Auswirkungen des Informationszeitalters auf die Gesellschaft insgesamt Gedanken zu machen: Das Digitale im und mit dem Digitalen hinterfragen.

“Go viral” – Öffnung der Kunst eines breiten Publikums

Digitale Kunst revolutionierte auch, wie Kunst verbreitet und gesehen werden kann. Während manche Werke wie Kunstinstallationen oder komplexe skulpturelle Bauteile einen traditionellen Veranstaltungsort wie Museen oder Galerien benötigen, so ermöglichen digitale Technologien, dass vor allem Medien wie Fotografie und Malerei leichter transportiert und vermittelt werden können. Da Technologien in das Leben aller eingezogen sind und in der Gesellschaft fest verankert sind, hat die alleinige digitale Komponente im Kunstwerk an Reiz eingebüßt. Digitale Technologien öffnen den Kunstmarkt jedoch auch für Kunstinteressierte und erlauben die spielerische und einfache Bedienung künstlerische Arbeitsweisen. Tutorials zu künstlerischen Praktiken sind an jeder Ecke zu finden und begeistern die Online-Community. Autodidakten finden im sozialen Netz Anerkennung und ein breites Publikum – und werden selber zum Künstler. Bisher bestehende Grenzen werden aufgeweicht, aber bereichern durchaus den künstlerischen Diskurs und bringen Kunst in die moderne Gesellschaft.

 

Tag für Tag werden neue Technologien entwickelt und sprengen die Vorstellungskraft des modernen Menschen. Medienkunst mit High-Tech-Software ist keine Seltenheit mehr und bereichert den künstlerischen Diskurs. Wir werden zweifellos weiterhin eine explosionsartigen Zuwachs an Medienkunst miterleben, während diese Reise weitergeht und sich noch ungenutzte Potenziale ergeben. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich die breitgefächerte, sich ständig verändernde digitale Landschaft künstlerisch weiterentwickelt und ob sich digitale Technologien als ernstzunehmende Alternative zu traditionellen Mitteln des künstlerischen Schaffens behaupten kann.

 

Gastartikel von: Louisa Baumgärtel von Singulart

 

Titelbild: @Albert Janzen

Mischa Leinkauf Maike Mia Höhne zum Artikelthema Berlinale Talents Talk: Meinung, Freiheit und Politik in der Kunst

Berlinale Talents Talk:
Meinung, Freiheit und Politik in der Kunst

Der Künstler Mischa Leinkauf spricht in einem Talk der Berlinale Talents über die Möglichkeiten in Berlin, künstlerische Freiheit und politische Meinungen. Eines seiner Projekte hat ihm nicht nur ein Einreiseverbot beschert, sondern hätte auch im Gefängnis enden können.

 

Hooligans und Bengalos

Grölende Fußballfans, laute Explosionen und dichter Nebel – mit diesen Bildern wird der Berlinale Talents Talk “Crossing Bridges: Reinventing You Art Form” mit Mischa Leinkauf eröffnet. Bei dem Video handelt es sich um die neueste Installation von Matthias Wermke und Mischa Leinkauf, namens “4. Halbzeit”. Darin thematisiert das Künstlerduo die zentrale Rolle von organisierten Fußballfans in sozialen Bewegungen. Wermkes und Leinkaufs  Repertoire reicht von Film über Performances bis zu Art Exhibition. Der Talk wurde von der Berlinale Shorts Kuratorin Maike Mia Höhne moderiert.

 

“Wer in Berlin aufgewachsen ist, hat so viele Möglichkeiten mit der Stadt und der Architektur umzugehen”

 

Schaukeln in Berlin

Zu Beginn erzählt Leinkauf von dem ersten Projekt, dass er zusammen mit Wermke im Jahr 2005 gestartet hat. In “Die neonorangene Kuh” ist ein Mann zu sehen, der an den verschiedensten Orten in Berlin, auf einer transportablen Schaukel schaukelt. Egal ob in der U-Bahn, dem Potsdamer Platz, dem BVG-Gebäude oder der Oberbaumbrücke – überall haben sie die Schaukel aufgehängt. “Wer in Berlin aufgewachsen ist, hat so viele Möglichkeiten, mit der Stadt und der Architektur umzugehen”, sagt Leinkauf. In all ihren Arbeiten ist Wermke der Mann vor der Kamera. Zu diesem Entschluss seien sie gekommen, da nur Leinkauf eine Kamera bedienen könne.

 

 

© Bettina Ausserhofer, Berlinale 2018

 

Luftige Höhen

2011 ist die Kanal-Installation “Entscheidungen” entstanden, in der sich Wermke in luftige Höhen begibt. Darin hängt er unter anderem an einem Kran und einer Brücke. Filme, Kunst und Installationen zu machen, gebe Leinkauf die Möglichkeit, eine Form der Freiheit zu behalten. Er gehe auch ohne Genehmigung an Orte, die nicht betreten werden dürfen. Dabei bestehe oft die Gefahr, festgenommen zu werden. Trotz “hohen Sicherheitsvorkehrungen” wird deutlich, dass Wermke und Leinkauf mit ihren Arbeiten Risiken eingehen und dabei auch politisch werden wollen. “Symbolic Threats” aus 2014 ist ein passendes Beispiel dafür.  

 

“Jeder hat uns gesagt: Macht hier in New York nicht die selben Sachen, die ihr in Berlin macht. Sie werden euch ins Gefängnis stecken oder auf euch schießen”

 

Terrorismus oder Kunst?

Die Idee zu “Symbolic Threats” sei bereits 2007 entstanden, als sie nach New York eingeladen wurden. “Jeder hat uns gesagt: Macht hier in New York nicht dieselben Sachen, die ihr in Berlin macht. Sie werden euch ins Gefängnis schicken oder auf euch schießen”. Diese Warnung hat die Künstler nicht davon abgehalten, die zwei Flaggen auf der Brooklyn Bridge durch weiße Exemplare auszutauschen. Ihnen sei nicht bewusst gewesen, was sie damit auslösen würden. Die amerikanischen Medien haben die Aktion als Akt der Provokation und als terroristische Bedrohung eingestuft. Plötzlich sind die medialen Reaktionen ungeplant zum Teil des Projekts geworden.

 

 

© Bettina Ausserhofer, Berlinale 2018

 

Kritik an amerikanischer Politik

Wären Wermke und Leinkauf nicht sofort wieder nach Berlin zurückgeflogen, hätte ihnen ein Jahr Gefängnis gedroht. Der Austausch der Flaggen sei offensichtlich Kritik an der amerikanischen Politik gewesen, erklärt Leinkauf. Ganz ungestraft sind sie dann doch nicht davon gekommen. Kurz nach ihrem Projekt folgte ein Einreiseverbot. “Die Überwachungskameras haben die Aktion besser aufgezeichnet als wir selbst”. Kunst solle nicht nur aus kommerziellen Zwecken genutzt werden, sondern eine starke Meinung ausdrücken und auf die Realität eingehen. Auch er müsse von etwas leben, aber Leinkauf hat sich dafür entschieden, mit Institutionen zusammenzuarbeiten, die seine Arbeit zu finanzieren.

 

 

Titelbild: © Bettina Ausserhofer, Berlinale 2018

Galaktisch:
Die stachelige Kunst von Dan Lam

Nicht von dieser Welt! Oder doch? Die Künstlerin Dan Lam erschafft einzigartige Skulpturen mit einer äußerst galaktischen Anmutung. Die neonfarbigen Objekte scheinen zu verlaufen, sind meist mit Stacheln übersät und springen einem dadurch direkt ins Auge. Nutzer können die undefinierbaren Werke auf Instagram in allen möglichen Varianten, Farben, Formen und an ganz verschiedenen Orten platziert bestaunen. Die Kosten sind allerdings ebenfalls galaktisch: Der Preis für ein Kunstwerk kann sich schonmal auf 7000 $ belaufen. Leisten können sich das Stars wie Miley Cyrus, Lily Aldridge oder Gigi Hadid.

Glitzernde Galaxien: Das habt ihr so noch nie gesehen

Je nach Form nennt Lam ihre Kreationen Squishes, Drips oder Blobs. Sie wirken wie Elemente einer Tropfsteinhöhle, als hätte jemand Farbkleckse heruntertropfen lassen und anschließend Stacheln darüber gestreut. Die spitzen Zacken machen den Eindruck, als würden sie die bewegliche Masse schützen wollen. Teilweise können die Skulpturen sogar eingedrückt werden. Grundlegend bestehen sie aus Montageschaum, welcher im Anschluss mehrfach beschichtet wird. Die Künstlerin möchte reizvolle Spannungen visualisieren und beschreibt die Bedeutung ihrer Werke mit der Untersuchung von “opposing ideas, such as that of attraction/repulsion and organic/inorganic. I’m interested in the space, tension, and balance that exists between opposing ideas. Currently, I am playing a lot with viewer experience and interaction with my work, especially since most people see my work through a digital format”.

Die Künstlerin Dan Lam auf den Spuren von…?

Wenn sich ein Squish, Drip oder Blob im Grand Canyon wiederfindet, wirkt es, als hätten außerirdische Wesen ihre Spuren in unserer irdischen Welt hinterlassen. Laut der Künstlerin kein Zufall: “A lot of my work is inspired by the natural world, though not in a direct way. I draw process ideas from nature (seeing geological formations, how the earth has eroded, etc.) as well. So taking my work into nature seemed like an interesting juxtaposition, but also natural”.

 

 

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bunte Farben zum Artikelthema Interview mit Andreas Fischer: Wie Digitalisierung den klassischen Kunstbegriff aufbricht

Interview mit Andreas Fischer:
Wie Digitalisierung den klassischen Kunstbegriff aufbricht

Andreas Fischer ist ein Künstler mit Sitz in Berlin, der sich auf digitale Kunst spezialisiert hat. In unserem Interview berichtet er über seine Zusammenarbeit mit Samsung für die IFA, wie eine Agentur seine Arbeit kopiert hat und warum der Trend zur Virtualisierung auch wieder zurückgehen wird.

 

Seit wann arbeitest du hauptberuflich als Künstler?

Ich würde sagen dass das ein langwieriger Prozess ist. Ich habe an der Universität der Künste Berlin studiert. In einer digitalen Klasse mit den Professoren Joachim Sauter und Jussi Ängeslevä. Das ist an sich ein Design Studium, beziehungsweise ein Teil von dem Grafikdesign Studium. Die haben eine Fachklasse mit Ausrichtung auf digitale Medien. Ich habe mich eigentlich gleich nach dem Studium selbstständig gemacht und angefangen zu freelancen. Gleichzeitig hatte ich eigene Arbeiten und Ausstellungen. Wobei ich am Anfang als Motion Designer gearbeitet habe. Es dauert ja auch eine Weile bis man eine Linie gefunden hat. Es wurde dann immer mehr eigene Projekte. Aber es hat schon ein paar Jahre gedauert.

 

 

Ilaria Nistri X ANF A/W 15/16 collection

 

Du hast schon mit vielen Marken wie zum Beispiel Samsung zusammengearbeitet und für eine Modedesignerin Stoffmuster entworfen. Wie sind diese Kooperationen entstanden?

Das meiste ist über das Internet gekommen weil Marken irgendwann meine Arbeiten finden und dann auf mich zukommen. Dann kommt man ins Gespräch und schaut was möglich ist. Ich mache kaum direkte Akquise oder sowas. Das heißt ich habe meine Online-Präsenz, meine Ausstellungen und Social Media aber ansonsten mache ich echt nichts. Die Kunden kommen eigentlich zu mir und das läuft ganz gut.

 

Was war das größte Projekt, das du gemacht hast?

Die Arbeit mit Samsung 2016 für die IFA war eins der Highlights und eines der größten Dinge, die ich gemacht habe. Da muss man dazu sagen, dass ich das nicht alleine gemacht habe. Sondern in Zusammenarbeit mit der Postproduktion und einem Designstudio. Ich war für einen Teil des Kreativen verantwortlich, also der Medienbespielung. Meine Aufgaben waren Konzeption und Art Direction, die Geschichte der visuellen Bespielung zu entwickeln und einen Teil der Produktion.

 

 

Photo by Christopher Bauder

 

Was steht bei dir in nächster Zeit Neues an?     

Über mein neues Projekt darf ich noch nicht so viel sagen. Ich arbeite mit einem Hersteller für Computerprozessoren zusammen, der auf künstliche Intelligenz spezialisiert ist. Die produzieren riesige Datensätze und es geht darum, diese in eine Form zu bringen und zu visualisieren.

 

Wie lange arbeitest du an einem Projekt?

Das kommt ganz drauf an. Es gibt kommerzielle Projekte, die nur ganz kurz sind. Bei eigenen Projekten verhält es sich meistens anders. Es kann sein, dass man in ein paar Tagen ein Konzept macht oder auch ein halbes Jahr an etwas arbeitet. Es gibt bestimmte Themen, die mich interessieren und Werkreihen, die ich immer weiter entwickle. Das hat keinen Anfang und auch kein Ende. Wofür ich mit am bekanntesten bin, sind diese generativen Zeichnungen und Videoinstallationen. Die Reihe heißt “Schwarm” und “V0ID” ist eine Weiterentwicklung davon. Ich habe vor zehn Jahren angefangen diese Software zu entwickeln. Einmal im Jahr oder wenn ich Lust darauf habe, setze ich mich hin, schreibe ein paar Sachen und produziere wieder neue Arbeiten. Im Moment mache ich viele Videos. Das Ganze basiert auf einer Software. Also ich filme, drehe und animiere nichts, sondern es ist eine rein textbasierte Software, die ich ablaufen lasse und mit der ich Videos erzeuge. In diesem Projekt ist die meiste Kontinuität drin. Das ist irgendwie ein Thema, das mich nicht so richtig los lässt oder wo ich immer wieder neue Facetten entdecke. Ich möchte eine andere visuelle Qualität aus dem gleichen System holen.

 

Was möchtest du mit deiner Kunst ausdrücken?

Das ist was womit ich mich immer ein bisschen schwer tue. Es gibt keinen konkreten Hintergrund. Was mich an meiner Arbeit fasziniert ist das, was man generatives System nennt. Da geht es nicht darum eine einzelne Arbeit zu machen, sondern darum ein System zu schaffen, das potenziell eine endlose Reihe an Arbeiten selber produzieren kann. Es ist ein Algorithmus, den ich vorgebe und innerhalb dieses Regelwerks hat die Software einen gewissen Entscheidungsfreiraum. Jeder Sekundenbruchteil wird ein kleiner Schalter umgelegt oder wird nicht umgelegt. Ich habe ein paar Millionen von diesen kleinen Schaltern und gebe eine Regel vor, wie die sich zu verhalten haben. Dadurch entsteht ein kohärentes Bild. Dieses Phänomen nennt man Emergenz. Das heißt, wenn man sich einen einzelnen Partikel angucken würde und der zeichnet eine Linie, dann sieht man halt eine Linie. Aber dadurch dass man eben so viele von diesen Partikeln hat, entsteht ein großes Ganzes. Das System wird dann erst sichtbar. Die Schwarm- und die V0ID-Reihe haben die gleiche Basis, die ich immer weiterentwickle. Ich nehme dann andere Farbkomponenten, neue Wege wie gezeichnet wird. Es ist nicht immer das gleiche aber eine Weiterentwicklung von dem Grundprinzip.

 

Könnten andere dieses Konzept kopieren?

Mich hat mal eine Agentur angefragt. Dann hat sie sich aus irgendeinem Grund dagegen entschieden mit mir zu arbeiten. Ein paar Monate später habe ich dann gesehen, dass sie meine Arbeit einfach kopiert haben. Man kann das System an sich nachprogrammieren aber was die Leute eben nicht schaffen, ist die gleiche visuelle Qualität zu erzeugen. Es ist ja auch sehr viel abhängig von der Farbgebung und welche Bilder man aus dem System auswählt. Also das kuratieren der eigenen Arbeit ist sehr wichtig. Das System spuckt sehr viel aus aber es hat nicht alles einen hohen ästhetischen Wert, was produziert wird. Ich suche aus was ich für gelungen halte – das ist dann die Arbeit an sich. Dafür bin ich in dieser Szene der digitalen Kunst letzten Endes auch bekannt. Aber diese Algorithmen sind nichts was ich erfunden habe, sondern es ist nur eine Variation und Weiterentwicklung davon.

 

 

V0ID V 02 by ANF

 

Ist man dann mehr Programmierer als Künstler? Was würdest du zu Leuten sagen, die meinen dass digitale Kunst keine Kunst ist?

Der Kunstbegriff ist eigentlich vollkommen aufgebrochen. Wenn man sich die zeitgenössische Kunst anschaut, geht es ja gar nicht mehr ums Handwerk. Das Handwerk machen andere. Natürlich gibt es noch Maler und Leute, die das alles selber machen aber da geht es eigentlich nicht mehr drum. Es geht um das Konzept und die Idee, die dahinter steckt und nicht mit welchem Werkzeug das jetzt erzeugt wurde. Video ist ein Thema, das stärker geworden ist in den letzten Jahren weil es mehr Displays und mehr Möglichkeiten gibt diese zu zeigen. Nicht nur Online sondern auch im Raum.             

 

Glaubst du digitale Kunst in ein Trend, der wieder abnimmt?

Durch die Digitalisierung ist man immer weiter von der Realität und dem Handwerklichen entfernt. Die meisten Leute verbringen den ganzen Tag damit auf den Display zu gucken, benutzten nur drei ihrer Sinne und gucken auf Sachen, die simuliert werden. Die sind natürlich in irgendeiner Form da, aber haben nichts mehr mit der physischen Realität zu tun. Dadurch entsteht bei den Menschen wieder das Bedürfnis zurück zum selbst machen, zum Erdigen und Natürlichen. Das kann ich beides nachvollziehen und das wird weiterhin parallel existieren. Die Virtualisierung greift weiter um sich und die Qualität der Simulation wird besser. Bis man irgendwann ein Implantat hat, das die Bilder direkt auf der Retina erzeugt und man kein Display mehr dafür braucht. Aber gleichzeitig haben wir noch unseren physischen Körper und unsere Sinne. Es ist ein biologisches Bedürfnis sich mit Menschen zu umgeben. Wenn man das nicht macht wird man unglücklich. Man ist immer noch ein Primat, zwar sehr hoch entwickelt aber nach wie vor durch Enzyme gesteuert. In jedem von uns steckt diese evolutionsbiologische Subroutine und die wird man nicht rausbekommen, auch nicht mit mehr Digitalisierung. Je weiter sie voranschreitet, desto mehr entfernen wir uns von dem Urzustand, auf den wir programmiert sind.   

 

 

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Hier gibt es weitere schöne Bilder

Menschen vor Mona Lisa-Gemälde zum Thema: Bilder allein zuhaus: Animierte Gemälde

Bilder allein zuhaus:
Lebendige Gemälde der Arte-Kurzfilmserie

Künstleragentur Media Talent, Bridget, guten Tag!? Hier ist Lisa! Lisa wer? Na Mona Lisa – die mit dem Lächeln. Kennst du noch eine andere? Die Dame auf dem berühmtesten Gemälde der Welt, ist heute etwas gestresst. Kein Wunder, immerhin musste sie Jahrhunderte lang still sitzen und freundlich schauen. Da kann es nun schon einmal vorkommen, dass die Nerven blank liegen und der Kiefer spannt. Laut eigenen Angaben käme sie sich schon vor wie ein Stofftier im Disneyland. Nun muss sie ihrem Ärger Luft machen! Es ist ein bisschen so wie in Harry Potters Zauberschule Hogwarts, wo Menschen durch Gemälde wandern: Die neue Kurzfilmserie von arte.tv, erweckt die Werke berühmter Künstler zum Leben. Als animerte Gemälde erscheinen die Bilder in einem ganz neuen Licht und stets mit einem Augenzwinkern.

Neue Kurzfilmserie zeigt lebendige Gemälde

Von René Magritte, über Grant Wood bis hin zu Norman Rockwell:
Die neue Dokuserie zeigt insgesamt zehn Gemälde berühmter Künstler der Malereigeschichte. Schauspieler wandeln uns bekannte Bilder in Bewegtbilder und Regisseure interpretieren humoristisch die Gefühlswelten der Abgebildeten. Dies ergibt durchaus lustige Storys. Eines der Meisterwerke ist Leonardo da Vincis weltberühmte Mona Lisa, aus der Zeit der italienischen Renaissance. 

Bilder allein zuhaus: Mona Lisa greift zum Smartphone

Wir als Zuschauer, sollten nun wirklich ein offenes Ohr für die junge Dame haben. So hat sie uns doch schon einige künstlerisch wertvolle Momente geschenkt. Doch niemand interessiert sich um ihr persönliches Wohlergehen. Immer perfekt aussehen und posieren – wer will das schon? Hinzu kommt: Sie ist völlig allein, im Bild leistet ihr niemand Gesellschaft. Jetzt reichts, denkt sie sich und ruft ihren Agenten an, um den Vertrag mit dem Louvre neu zu verhandeln. Doch den Ausreiseantrag in ein anderes Gemälde möchte ihr die Künstleragentur einfach nicht genehmigen. Das kann Lisa überhaupt nicht verstehen. Nicht einmal in Da Vincis Abendmahl darf sie wechseln – und das obwohl es doch der gleiche Künstlerverein ist. Dabei hätte sie da wenigstens jemanden zum Plaudern und sogar zum Flirten. “Was nützt es denn ein Megastar zu sein, wenn man sich nicht einmal wie einer aufführen darf”, kommentiert sie.

Ein Happy-End für die Kunst 

Letztlich kann Mona Lisa dann aber doch noch überzeugt werden, nicht in den Streik zu treten. Denn – oh Wunder – ihr wird eine Fortsetzung des Da Vinci Codes versprochen. Die Gute ist ein waschechtes Tom Hanks-Fangirl. Das zaubert ihr ein Lächeln zurück ins Gesicht. “Diesen Schauspielerinnen kann man aber auch alles erzählen und sie glauben es”, rutscht es dem Agenten am anderen Ende der Leitung noch heraus. Tja – zu früh gefreut. Dann also zurück zur Arbeit, in die von Leonardo da Vinci entworfene Mona- Lisa-Pose und Augen auf bei der Berufswahl!

 

 

Weitere lustige Storys von bewegten Gemälden sowie alle Sendetermine könnt ihr hier entdecken.

Nacht Tunnel Handy Arm

Augmented Reality App:
Ausstellung setzt auf digitale Elemente

Heutzutage darf das Handy bei keinem Museumsbesuch mehr fehlen. Diese Tatsache hat die Künstlerin Felice Grodin darin bestärkt, Augmented Reality in ihre Ausstellung „Invasive Species“ einzubauen. Dafür wurde eine App entwickelt, mit der das gesamte Museumsgebäude Teil eines Kunstwerks wird.

 

 

 

Digitale Ausstellung

Passend zum Start der internationalen Kunstmesse “Art Basel” und der “Miami Art Week”, eröffnet das Pérez Art Museum Miami, kurz PMM, eine neue Ausstellung names „Invasive Species“. Um den Kunstwerken Leben einzuhauchen, hat die Künstlerin Felice Grodin an einer Kombination aus Realität und Technik gearbeitet. Der Einsatz von Augmented Reality, zu Deutsch „erweiterte Realität“, verleiht der digitalen Ausstellung virtuell interaktive Elemente.

 

Augmented Reality App PAMM

Augmented Reality ist eine computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Mithilfe der Kamera von digitalen Geräten, wie Smartphones und Tablets, können zusätzliche virtuelle Informationen eingefügt werden. Um sich die digitalen Kunstwerke der Ausstellung anzusehen, müssen Besucher die kostenlose PAMM App herunterladen. Ziel der Macher ist es, die erweiterte Realität mit der Architektur und der Umgebung des Museums interagieren zu lassen. Was dabei herauskommt ist ein digitales Gesamtkunstwerk.

 

Gefahren für das Ökosystem

Mit dem virtuellen Ausstellungsstück „Terrafish“ vereint die Künstlerin von der Museumsdecke hängende Pflanzen an der Außenfassade mit einer tierischen Spezies. Sie sollen eine nicht heimische Quallenart aus den Gewässern Süd-Floridas darstellen. Grodin möchte auf die zukünftige Instabilität des Ökosystems aufmerksam machen, was eine Gefahr für den Klimawandel und invasive Tierarten ist. Die Ausstellung ist Teil eines Pilotprojekts, das die John S. und James L. Knight Stiftung finanziert. Damit soll der hohen Nachfrage nach digitaler Erlebbarkeit im Kunstbereich entgegengekommen werden.

 

David OReilly, „Everything“ (Screenshot) zum Artikel über die Konferenz der Berliner Festspiele

Berliner Festspiele:
Die Konferenz INTO WORLDS

Videokunst, Sound-Installationen, Virtual Reality Experiences, Projektionsumgebungen von Planetarien – das alles und noch viel mehr, ist Gegenstand der am kommenden Wochenende stattfindenden Konferenz “INTO WORLDS”, eine Veranstaltung der Berliner Festspiele. Im Martin-Gropius-Bau treffen sich Künstler und Wissenschaftler, um gemeinsam mit dem Publikum alte und neue immersive Welten zu entdecken. Mit dabei sind Bekanntheiten, wie der Berliner Journalist und Aktivist Markus Beckedahl, sowie Videokünstler, die Werke aus der Julia Stoschek Collection präsentieren. Besucher können außerdem das neue Musik-Video von Björk „Notget“ als VR-Experience erleben.

Berliner Festspiele: Kunst, Wissenschaft und Ihr!

Versprochen wird den Besuchern, laut den Veranstaltern der Berliner Festspiele, ein Ein- und Auftauchen in und aus immersiven spannenden Welten: “Handwerkliche Körpertechniken, spektakuläre Unterhaltungsformate von Jahrmarktsattraktionen bis zur Virtual Reality, sowie spirituelle Mentalpraktiken zwischen religiöser Versenkung und meditativer Selbstoptimierung. Immersion zeigt sich dabei als ambivalente Bewegung. Sie steht einerseits für Selbst- oder Medienvergessenheit, geistige Übung oder Ekstase, ist jedoch andererseits Anlass für Distanznahme und kritische Reflexion: Wie, von wem und wozu werden die verschiedenen Welten gebildet, an denen wir täglich partizipieren? In welche Rollen geraten wir dabei und wie tragen wir zur Bildung dieser Welten bei?”

 

Ihr möchtet Antworten durch eine kreative Entdeckungsreise finden?

 

Dann besucht die Konferenz der besonderen Art, welche vom 19. bis 21. Januar stattfindet. Der Eintritt kostet am Eröffnungsabend 6 Euro / ermäßigt 4 Euro, ein Tagesticket am Samstag oder Sonntag 10 Euro, ermäßigt 6 Euro. Für 21 Euro, oder 12 Euro ermäßigt, sichert ihr euch ein Gesamtticket für alle drei Tage. Tickets sind hier erhältlich.

 

Titelbild: @Berliner Festspiele; Künstler: David OReilly, „Everything“ (Screenshot)

weiße Wand schwarzes Geflecht zum Artikelthema Kunstausstellung Potsdam: Design trifft auf Politik

Kunstausstellung Potsdam:
Design trifft auf Politik

Der Kunstraum Potsdam beschäftigt sich in der Ausstellung “Politiken des Designs” mit dem Zusammenhang zwischen Design und Politik. In über 50 Werken thematisieren junge Gestalter unter anderem das Maß der  Einflussnahme und die Intentionen hinter dem Design.

 

Ausstellungsreihe “Made in Potsdam”

Im Kunstraum Potsdam dreht sich vom 11. bis zum 27.01.2018 alles um das Thema “Politiken des Designs”. Aufgrund der aktuellen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Situation wird es Zeit, eine kritische Positionsbestimmung vorzunehmen. Der gleichen Meinung ist auch der Design Fachbereich der Fachhochschule Potsdam. Über 50 Werke von Gestaltern können in der traditionellen Ausstellungsreihe “Made in Potsdam” betrachtet werden. Die heutige Eröffnung ist kostenlos und wird mit einer Rede von Oliver Gehrs eingeleitet.

 

Ist technologischer Fortschritt die Zukunft?

Der Kunstraum Potsdam wird zum Ort der Auseinandersetzung. Den zugehörigen Gesprächsstoff bieten neben der Ausstellung auch Rundgänge mit Führung, öffentliche Lehrangebote, spielerische Aktionen und Diskussionen mit Gästen. Besucher werden, innerhalb der Ausstellung, durch die politischen Räume Konsum, Grenze, privater Raum und Zukunftsproduktion geführt.  

 

Design als Instrument zur Einflussnahme

Design nimmt, in der Regel unbemerkt, großen Einfluss auf den Alltag und das Zusammenleben von uns Menschen. Weil diese Reichweite immer größer wird, müssen wir anfangen, uns die Frage zu stellen, aus welcher spezifischen Haltung heraus gehandelt wird. Ist es möglich, dass Design zum Instrument der Einflussnahme werden kann? Und ab wann ist Design politisch?

 

Kunstausstellung Potsdam erforscht gesellschaftlichen Tendenzen

Die Nachwuchs Designer versuchen darauf Antworten zu finden und tauchen dabei in Handlungsräume sowie Lebenswelten ein. Sie erforschen gesellschaftliche Tendenzen und initiieren Perspektivwechsel, indem sie uns in das “Internet der Anderen” eintauchen lassen. Grenzgänge werden sowohl im übertragenen Sinn als auch mit konkretem Bezug auf die USA und Mexiko beleuchtet. Außerdem entwerfen die Gestalter utopische Narrative und lenken ihren Blick auf die Konsumgewohnheiten der Gesellschaft.    

 

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Schauspieler vor digitaler Leinwand zum Artikel: Das Digitale im Theater: Interview mit Falk Richter

Interview mit Falk Richter:
Wie digital ist das Theater?

Falk Richter, einer der bekanntesten deutschen Regisseure und Autoren, beschäftigt sich in seinen Inszenierungen zunehmend mit den Fragen unserer Zeit, mit politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, Unsicherheiten und Problemen. Ist Europa angesichts der aktuellen Herausforderungen noch ein sicherer Ort? Ist eine offene Gesellschaft überlebensfähig? Wie gefährlich ist die Hinwendung zum Völkisch-Nationalen?  Falk Richters neues Buch “ICH BIN EUROPA” sucht Antworten auf derartige Fragen und bündelt seine neuesten fünf Stücke (Lesung:  am 18.01. , Maxim Gorki Theater). In seinen Inszenierungen spielen die Medien eine große Rolle und das nicht nur thematisch gesehen:  Auch in der Darstellung setzt Falk Richter immer wieder gezielt digitale Elemente ein. Mit uns spricht er über die Transformation des Theaters durch den Einsatz von Video, Internet, Leinwand und Co. .

Dass das Theater sich immer stärker der digitalen Welt öffnet, ist eindeutig – bisher geschieht das aber in erster Linie mit Kameras auf der Bühne sowie mit Videoelementen. Was halten Sie davon, Theater live zu übertragen und ins Netz zu bringen? Wäre das überhaupt noch Theater?

Theater lebt von der Nähe zwischen Zuschauer und Schauspieler bzw Tänzer oder Performer. Es ist einer der letzten öffentlichen Räume, in denen der Zuschauer sich ohne Ablenkung für eine bestimmte Zeit mit voller Aufmerksamkeit auf ein Ereignis einlassen kann. Wichtig für das Theater ist auch immer die Totale: Der Blick auf die Bühne ist immer eine Totale, nicht wie im Film ein Ausschnitt. Selbstverständlich ist es möglich, Theaterinszenierungen ins Netz zu stellen, aber, wenn es sich dabei nur um abgefilmte Theaterinszenierungen handelt, finde ich das persönlich uninteressanter als das Original-Ereignis. Das Erlebnis im Theater zu sitzen mit anderen Zuschauern und live und unmittelbar Zeuge des nicht mehr weiter medial bearbeiteten Materials zu sein, ist sehr viel stärker, als Zuhause auf seinem Laptop irgendwo eine abgefilmte Aufführung zu sehen. Interessanter wäre es dann, wenn man das Medium des Internets nutzt und direkt dort im Internet inszeniert. Also eine Inszenierung nur für Internetuser macht. Eine Inszenierung, die auf das Medium und seine ihm innewohnenden besonderen Strukturen eingeht und damit arbeitet.

Haben Sie selbst schon darüber schon nachgedacht, ein Theaterstück mit einer Übertragung ins Netz als fester Bestandteil aufzuführen?

Mein erstes Theaterstück „Gott ist ein DJ“, das ich 1999 geschrieben habe, setzt sich ganz stark mit der Frage auseinander, was passiert, wenn Menschen vor Kameras agieren, wenn sie ihr Leben ins Netz stellen und der Frage, wie sehr die Anwesenheit einer Kamera die Verhaltensweisen von Menschen beeinflusst und jede Interaktion zur Inszenierung macht. In „Gott ist ein DJ“ sind wir als Zuschauer gemeinsam anwesend in einem Studio mit einem jungen DJ und einer Fernsehmoderatorin, die ihr Privatleben, ihre Beziehung und ihre künstlerische Arbeiten ständig online zur Verfügung stellen. Als ich den Text schrieb, hatte ich mir vorgestellt, dass die Live-Inszenierung in einer Kunsthalle stattfinden würde und tatsächlich auch gestreamt würde und Zuschauer – sowohl Theaterzuschauer also auch Online-Zuschauer – mit Anregungen und Fragen, mit direkter Interaktion also – in das Geschehen eingreifen und das Spiel beeinflussen sowie weitertreiben könnten. Damals gab es allerdings noch nicht die technischen Mittel dazu wie Apps und soziale Plattformen. Es wäre also denkbar, dass das Stück heute wieder, aber erweitert durch die neuen, weiter entwickelten technischen Mitteln, zur Aufführung kommen würde.

Kann sich Theater durch einen Digitalisierungsprozess neue Möglichkeiten eröffnen?

Theater ist eine Kunstform, die mehr als 2000 Jahre alt ist, aber sich seitdem ständig weiterentwickelt und sich durch alle technischen und künstlerischen Strömungen und Entwicklungen inspirieren lassen hat und diese aufnehmen und weiterdenken kann. Video, Livecam und Film sind mittlerweile wichtige Bestandteile vieler Theater-Inszenierungen – auch meiner. Die Wahrnehmungsmöglichkeiten werden dadurch vielseitiger, die Art, wie wir im Theater auf die Wirklichkeit reagieren, wird mehrdimensionaler. Wir leben in einer Welt, in der wir fast alles nur noch über Medien vermittelt erfahren: Wir sehen Bilder im Fernsehen, Film und im Netz. Wir verbringen einen erheblich großen Teil unseres Leben mit produzierten Bildern oder kleinen Filmchen, die wir auf Bildschirmen verfolgen. Das Theater kann das wiederum thematisieren, indem es zeigt, wie Bilder inszeniert werden, wie Wirklichkeitswahrnehmung gelenkt wird. Das wiederum ermöglicht einen analytisch- kritischen Blick auf die Produktion von Realitäten und Scheinrealitäten.

 

Viel diskutiert ist Ihr Stück “FEAR“ an der Schaubühne. Hier arbeiten Sie in vielen Szenen mit einem Bildschirm und Videos als Hintergrundbild. Als Zuschauer wirken gerade die ersten Szenen sehr intensiv, fast sind sie schwer auszuhalten, was gut zur Thematik passt. Im Anschluss gibt es einen Bruch, als die Blumen auf die Bühne getragen werden und Gitarrenmusik gespielt wird. Hier ist kein Videoelement zu sehen. Warum haben Sie Bewegtbild in diesem ersten Teil eingesetzt und im darauffolgenden Teil nicht? 

Der erste Teil von FEAR setzt sich mit einer Gruppe junger eher unpolitischer Großstädter auseinander, auf die der rasant zunehmende Rechtspopulismus in Deutschland und Europa wie ein Alptraum wirkt. Ihnen ist dieses rechtsnationale Denken und die reaktionären Slogans, die plötzlich überall in den Medien auftauchen und der ganze Hass in den Internetforen fremd, suspekt und er wirkt auf sie so, als seien sie unvermittelt in eine HBO- oder Netflix-Horrorserie geraten. Daher kommt in dem Teil des Abends sehr viel Video zum Einsatz. Es ist wie ein Overkill an überfordernden Bildern der Angst. Das Video zeigt zum einen eine Google Recherche über rechtsnationale Politiker, die mit Angstszenarien von einer angeblichen Überfremdung und mit Terrorangst eine paranoide Stimmung in der Bevölkerung anheizen – von Viktor Orban über Björn Höcke bis Marine Le Pen. Diese Politikerbilder werden mit alptraumartigen Szenarien vermischt. Alles wirkt unheimlich. Später verlassen die Hauptfiguren in meinem Stück diesen Alptraum. Sie ziehen sich zurück in eine für sie ideal erscheinende Urban Gardening Welt, in der sie von all der rechtsnationalen Politpropaganda nichts mehr mitbekommen. Der mediale Overkill ist wie ausgeschaltet. Sie singen Songs von Sufjan Stevens und versuchen eine andere Art zu leben für sich auszuprobieren: Zarter, ruhiger, voller Respekt im Umgang miteinander. In FEAR habe ich also das Medium Video eingesetzt, um die Überforderung darzustellen, die es bedeuten kann, ständig Informationen ausgesetzt zu sein. Wo man nicht weiß, ob sie wahr sind oder fake news, und ständig Angstszenarien ausgesetzt ist, die unentwegt medial kursieren. Eine Art Informationskrieg.

Können digitale Elemente auch von der Schauspielkunst ablenken?

In meinen Inszenierungen stelle ich in vielen Momenten Tanz, Text, Musik, Bühne, Kostüm und Video gleichberechtigt und gleichwertig auf die Bühne. Das heißt, das zentrale Ereignis ist nicht „die Schauspielkunst“, der sich alles andere unterzuordnen hat und, die nicht „gestört“ werden darf. Ich suche nach einem Zusammenspiel unterschiedlicher theatraler Ausdrucksmittel. Dabei kann es auch zu mehrfachen komplexen Überlagerungen von Text, Musik und Video kommen. Der Zuschauer kann sich auf alle Spuren gleichzeitig einlassen.

 

Inszenierung von Falk Richter auf Bühne mit digitalen Elementen

Nimmt der Einsatz digitaler Elemente zu? Wie sieht die Zukunft des digitalen Theaters aus?

In meinen Inszenierungen war der Einsatz digitaler Medien oft sehr entscheidend. Ich habe oft mit Video gearbeitet. Hin und wieder habe ich mich auch bewusst dagegen entschieden, um Theater pur zu haben. Aber grundsätzlich nutze ich sehr viel Video. Die Dramaturgien meiner Inszenierungen folgen auch oft digitalen Medien – die Stücke haben keinen klassischen Aufbau, sondern folgen eher der Struktur einer Youtube-Nacht, in der man sich rauschartig von einem Clip zum nächsten bewegt. In meiner letzten Inszenierung AM KÖNIGSWEG in Hamburg, hat der Videokünstler Michel Auder viele seiner Filme, die er für die Inszenierung produziert hat, mit dem Iphone aufgenommen und mit bestimmten Apps geschnitten. Eine spannende Zukunft des Digitalen im Theater generell sehe ich darin, dass immer mehr digitale Möglichkeiten direkt für die Inszenierung genutzt werden: Dass Zuschauer über Apps durch öffentliche Räume der Stadt geführt werden, dass sie eventuell schon über Apps mit den handelnden Figuren kommunizieren oder in die Handlung eingreifen können – der Aspekt des Interaktiven wird sicher zunehmen. Aber das Theater, das sich dem Digitalen versperrt, um eine Art Schutzraum gegen die zunehmende Digitalisierung des Lebens zu behaupten, das wird es auch immer geben, davon bin ich überzeugt.

 

Vielen Dank an Falk Richter für die interessanten Einblicke!

 

Porträt von Falk Richter

 

Wir verlosen 2×2 Tickets für die Lesung von Falk Richter am 18.01. im Maxim Gorki Theater. Schickt uns einfach eine E-Mail mit Eurem Namen, der Anschrift und dem Betreff “Digitales Theater” an: redaktion@neoavantgarde.de

 

Teilnahmeschluss: 16.01.2018

Das Gewinnspiel ist beendet. Die Gewinner wurden benachrichtigt.

 

Titelbild: @Maxim Gorki Theater (ÇİĞDEM TEKE in “Verräter DIE LETZTEN TAGE”, EIN PROJEKT VON Falk Richter, REGIE Falk Richter, BÜHNE/KOSTÜME Katrin Hoffmann, MUSIK Nils Ostendorf, VIDEO, Aliocha Van Der Avoort, LICHT Carsten Sander, DRAMATURGIE Jens Hillje, Mazlum Nergiz)

Soundwave-Kette zum Artikel "Digitale Kunst: David Bizer verwandelt Töne in Schmuck"

Digitale Kunst:
David Bizer verwandelt Töne in Schmuck

Ob ein herzergreifendes Babylachen, eine lustige Sprachmemo von der letzten großen Sause, oder ein unerwartetes Liebesbekenntnis: Der Künstler David Bizer verwandelt deinen Sound via 3D-Druck in ein echtes Schmuckstück! Auf diese Weise werden Momentaufnahmen verewigt. Doch wie wird eine digitale Datei zu einem realen Accessoire? Im Interview verrät der Berliner, wie das Projekt Soundwave.love entstanden ist und warum ein Kunde bei ihm eine Sound-of-a-burp-Kette bestellte.

Was hat dich auf die Idee von Soundwave.love gebracht?

Ich habe Industriedesign studiert und mich in meiner Abschlussarbeit mit der digitalen Fabrikation, wie zum Beispiel 3D-Druck oder Lasercutting, beschäftigt. Ich habe darüber nachgedacht, wie die Entwicklung dieser Produktionstechniken neue Möglichkeiten für einen Designer bietet, individuelle Stücke zu schaffen. Mit einem digitalen Produktionsverfahren habe ich die Möglichkeit, aus einer File, die ich digital erstellt habe direkt on demand ein Produkt zu generieren. Besteht keine Nachfrage wird, außer der investierten Zeit, nichts verloren. In meiner theoretischen Arbeit wollte ich zeigen, wohin diese Entwicklung gehen kann.  Bisher wurde 3D-Druck hauptsächlich für Designmodelle oder Prothesen im Medizinbereich genutzt. 2008 war diese Produktionstechnik noch ziemlich teuer. Heute ist es deutlich günstiger. 

Warum wolltest du diese Techniken für die Herstellung von Schmuck nutzen?

Digitale Güter unterliegen den gleichen Gesetzen und Gefahren wie andere Güter. Meine Idee für diesen Produktbereich war ein individuelles Produkt, dass der, der es bestellt, theoretisch endlos vertreiben kann. Trotzdem bleibt es ein individuell angepasstes Produkt.  Dann habe ich verschiedene Beispielprojekte entwickelt. Eines davon waren diese Soundwave-Ketten. Schmuck war eine relativ logische Schlussfolgerung – auch wenn ich eigentlich keine große Affinität dazu hatte. Ein Schmuckstück aus Plastik kostet dann manchmal so viel, wie echtes Silber. Da muss man den Wert der Individualisierung sehen. Es ist ein Unikat. 

Wie wurde deine theoretische Arbeit dann Realität?

Meine ursprüngliche Idee in der Theorie-Arbeit war eher eine Online-Plattform zu schaffen, wo man verschiedene Designs sammelt und eine Produktion für unterschiedliche Designer anbietet. Ich habe dann aber relativ schnell entdeckt, dass es das im Bereich Lasercutting schon gab – eine australische Firma namens Ponoko. Bei denen habe ich dann mein Soundwave-Projekt hochgeladen. So konnte ich in meiner Präsentation zeigen, dass ich Produkte habe, die direkt schon bestellbar und verfügbar sind. Die Betreiber fanden die ganz cool und haben mich in ihrem Blog erwähnt. Da ist aber noch nicht viel passiert. Bis sich eine amerikanische Werbeagentur bei mir gemeldet hat, die mich für ein Projekt angefragt haben. Mit denen hatte ich dann aber noch einigen Ärger, weil die mich zunächst nicht als Designer erwähnt haben. Letztlich habe ich dadurch aber ein wenig Aufmerksamkeit erhalten.

Hat sich eine Produktion zu diesem Zeitpunkt schon rentiert?

Nein, mit konstanten Bestellungen ging es erst so richtig los, als ich bei einem Wettbewerb von Instructables mitgemacht habe. Das ist eine Website, wo man Do-It-Yourself-Tutorials reinstellen kann. Gewonnen habe ich leider nicht, aber die haben mich im Newsletter und auf der Website gefeautert, woraufhin ich dann plötzlich viel mehr Bestellungen und Seitenaufrufe an einem Tag hatte. Dann kamen plötzlich wieder so viele Bestellungen rein, dass es sich gelohnt hat. Durch die Anleitung konnten die Leute auch sehen, welche Schritte dahinter stecken und, dass sich der Preis rechtfertigt. Dadurch, dass es verschiedene Shops fast identisch verkaufen, muss ich mich aber auch durch ein höherwertiges Produkt absetzen.

Was für Audioaufnahmen erhälst du von deinen Kunden?

Meistens kommen die Leute nur einmal, weil man so ein Stück nur einmal verschenkt. Fast alle bestellen “I love you”. Als nächstes kommt dann sowas wie “Happy Birthday” , “Merry Christmas” oder Glückwünsche zum Muttertag. Manchmal ist ein Heiratsantrag dabei, aber meist sind es die Standards. Mein Favorit war ein Kunde, der für seine Freundin eine Kette bestellt hat mit “I love You” und darunter: “Actually I considering the sound of a burp”. Er hatte sich eigentlich überlegt zu rülpsen. Und zwei Jahre später hat er ihr dann als witziges Follow-up-Geschenk eine Original-Rülpskette geschenkt.

Vereinzelt bestellen die Leute auch Zitate von bekannten Persönlichkeiten oder aus der Bibel. Manchmal ist es ja auch ein Babylachen oder ein Herzschlag und keine Textnachricht. Musik geht eher schlecht, weil Musik meist gleich laut ist. Ein konstantes Level ist für die Verarbeitung eher ungünstig. Bei Background-Instrumenten sieht es dann wie ein Klotz aus. Sprache ist oft laut und leise. Was die interessanten Formen ausmacht, sind eigentlich genau diese Unterschiede. Wenn jemand nur a-Cappella singt, ergibt das eine schöne Form.

Wie läuft eine Bestellung ab? Was braucht es dafür?

Auf meinen Shop suchst du dir ein Modell sowie die Details aus. Zum Beispiel die Art der Riemen und, ob du ein Armband, oder eine Kette haben möchtest. Dann kommt immer eine Karte hinzu, die das Soundwave und eine Nachricht zeigt. Soll darunter stehen, was du gesagt hast oder möchtest du eine andere Nachricht drucken lassen? Auf der Rückseite befindet sich ein QR-Code. So kann die Nachricht immer wieder angehört werden. Auf der neuen Website gibt es eine direkte Vorschau, wie das Schmuckstück am Ende aussehen wird und, wo sich an welcher Stelle, welche Aussage befindet.  Die Top-Seller der Materialien sind Acryl und Holz. Insgesamt dauert die Herstellung ca. eine Woche. 

Wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Jetzt gerade bin ich bei dem Rebranding. Außerdem möchte ich gerne die Produktion weiter automatisieren und selbst ein wenig davon wegkommen. Im Moment mach ich noch alles selber. Einerseits ist es gemütlich. Da sitze ich dann vorm Rechner und fädele Ketten auf und kann Hörbücher und Podcast hören, aber es kostet mich auch zu viel Zeit. Ich habe den Plan, die Produktion eher auszulagern. Dafür arbeite ich mit einer Behindertenwerkstätte zusammen, die langsam damit anfangen die Produktion der Ketten, beziehungsweise Materialien zu übernehmen. Dann habe ich auch wieder mehr Luft für neue Projekte. Ich habe auch schon einige Ideen, die ich dann umsetzen kann. Zum Beispiel Edelhölzer zu verwenden.

 

"I love you" - Vorschau einer Soundwave-Kette zum Thema "Digitale Kunst: David Bizer verwandelt Töne in Schmuck"