Hochzeitskleid, garantiert ungetragen:
Sarah Khan über eBay-Geschichten

Litfaßsäule mit Plakaten und Anzeigen. In der Mitte das Cover des Buches Das Stammeln der Wahrsagerin über eBay-Geschichten

Der Verkauf eines ungebrauchten Brautkleides, einer Pferdebuchsammlung zur Absicherung der Rente, ein Designersofa, das lange Zeit nicht einmal jemand geschenkt haben will – auf eBay-Kleinanzeigen tummeln sich nicht nur Kauf-und Verkaufsangebote, sondern auch jede Menge Geschichten.  Sarah Khan hat ein Buch über die Storys hinter den Inseraten geschrieben – “Das Stammeln der Wahrsagerin: Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen”. NeoAvantgarde hat sich mit der Autorin getroffen.

Welche Arten von Geschichten beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich. Es sind nur acht Geschichten und es hat fast so ein bisschen den Charakter eines Plattenalbums. Jede Geschichte steht für eine eigene Idee. Das Buch fängt relativ heiter an, mit einer eher witzigen Geschichte, mit jemanden, der sein Designersofa aus den 90ern verschenken will, weil er seine Wohnung MidCentury original einrichten will. Es stört und dann fängt das Sofa auch noch an zu sprechen und erinnert ihn an seine soziale Verantwortung. Und dann muss er sich mit einem Interessenten abquälen, der sich nicht entscheiden kann. Das ist eher heiter, aber danach geht es ja gleich weiter. Da gibt es eine traurige Geschichte von einer Frau, die die Wohnung ihres verstorbenen Sohnes ausräumen muss. Von jedem einzelnen Gegenstand nimmt sie einzeln Abschied, schreibt über jeden Gegenstand einen Text und wohnt monatelang in dieser Wohnung bis alles verkauft ist. Das war eine Geschichte, die mir schwer gefallen ist zu schreiben.

Heißt das, Sie haben auch fiktive Elemente mit einfließen lassen?

Ja – wenn es geholfen hat ein bestimmtes Anliegen zu unterstreichen. Dass es zum Beispiel nicht so einfach ist, Sachen wegzugeben oder zu verschenken oder loszuwerden. Man kann das natürlich entsorgen oder entsorgen lassen. Das kostet Geld. Wenn man es verschenken will, kostet es Zeit. Viele Dinge haben ja auch ihren objektiven Wert. Aber viele Details sind immer super interessant und könnte ich mir nie ausdenken.

Sie haben ursprünglich selbst bei eBay-Kleinanzeigen Produkte für Ihr Wochenendhaus gesucht. An welcher Stelle wurde Ihnen bewusst, dass sich hinter den Anzeigen interessante Geschichten verbergen könnten?

Erst einmal bin ich auf die Sprache abgefahren. Ich habe gemerkt, dass viele Leute eine sehr volkstümliche Sprache pflegen. Das hat mich ziemlich begeistert. Das ist so ein rauer, raffer Ton, den es in der Literatur nicht mehr so viel gibt. Das waren dann für mich teilweise literarische Kleinoden, wie: “Bitte zu zweit kommen. Kein ‘Fass mal mit an’”. Das fand ich irgendwie faszinierend, dass die Leute dann auch einfach so ihre ganzen Befindlichkeiten anmerken: “Ich verkaufe zwei Edelsteintöpfe für zehn Euro. Der eine müsste noch geschruppt werden, aber wer keinen zusammenhängenden Satz schreiben kann, braucht sich gar nicht erst melden”. Da habe ich dann auch erst einmal versucht, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen und habe denen teilweise auch frech zurückgeschrieben und einfach nur sprachlich darauf reagiert – ohne gleich die Idee gehabt zu haben, die zu treffen,  zu begleiten oder über Monate sprechen zu wollen. Einfach nur: Was passiert wenn man denen schreibt? Die guten Geschichten waren nicht unbedingt da, wo die Dinge waren, die ich für mein Haus brauchte. Ich musste ganz viele Leute immer wieder anschreiben und kontaktieren.

Wie haben die Nutzer auf Ihre Anfrage reagiert?

Der Anbieter diktiert wie das läuft. Aber ich habe auch viele angefragt, die dann gesagt haben: „Nein ist nicht“. Und andere waren ganz begeistert und haben gleich etwas mit mir ausgemacht und haben mich auch zurückgerufen.

Wie gestaltete sich die persönliche Kommunikation mit den Personen – im Gegensatz zur Online-Kommunikation?

Komischerweise habe ich oft das Gefühl gehabt, dass mir Leute sehr schnell alles mögliche erzählen. Was mich jetzt fast ein bisschen ängstigt, weil man dann sehr viele Geheimnisse von anderen Menschen mit sich herum trägt. Berlin ist riesig groß, man findet immer Verbindungen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich selber geografische Zweige habe. Es war fast wie ein Orakel meines eigenen Lebens, wenn ich Leute über eBay-Kleinanzeigen kennengelernt habe, dass man doch irgendwo im Hintergrund gemeinsame Bekanntschaften hat oder gemeinsame Menschen kennt und so einen kleinen Einblick hat. Und dann weiß man teilweise auch Sachen, die man gar nicht wissen wollte.

Also offenbaren sich Beziehungsräume?

Es gibt sicher viele, die das sehr systematisch benutzen für jeden Aspekt ihres Lebens. Und ich habe auch gemerkt, ich selbst mache es auch sehr oft: wenn ich irgendetwas brauche oder ein Bedürfnis habe, dann gehe ich auf dieses Portal. Das ist total interessant. Man kann Menschen darüber kennen lernen, man kann ausmüllen, man kann verschenken und man kann tauschen. Aber das ist auch interessant: was verschenken die Leute, was gilt heute als verschenkt und welche komischen Bedingungen und Ruppigkeiten sind daran geknüpft? Oder wie gehen Leute mit illegalen Zwischenräumen um? Wenn die quasi gewerblich Sachen in ihrer Wohnung verkaufen: Was ist der Unterschied zu Jemanden, der einen Laden hat? Das merkt man auch: die Leute sind dann hochgradig nervös und wollen einem auch nicht viel erzählen. Die meisten sind aber sehr privat. In Berlin ist es ja eh immer alles ziemlich offen. Manche sind so: „Komm erstmal rein, trink einen Kaffee, zieh dir die Schuhe aus“.

Ein bisschen habe ich auch das Gefühl, das Buch handelt von den Problemen, die die Leute heute mit Geld und Arbeit haben. Viele sind ja heute freiberuflich, prekär, ziehen oft um, müssen Sachen wieder einrichten und aufgeben. Und eBay-Kleinanzeigen ist auch IKEA-Friedhof.

Die Plattform könnte als digitaler Trödelmarkt bezeichnet werden. Was glauben Sie, ist der Unterschied? Wie verhalten sich die Menschen im Gegensatz zum realen Marktbesuch? Dort hat man ja beispielsweise wenig Möglichkeiten der Rückversicherung oder Recherche.

Dass man ins Private geht, also die Auflösung. Die Industrialisierung hat gebracht, dass die Menschen nicht mehr Zuhause, im Gehöft oder in einem Hof gearbeitet haben. In der bürgerlichen Kultur gab es das Haus mit Bediensteten. Der Mann ging morgens in die Fabrik als Direktor oder als Arbeiter. Und die Frau war dann sozusagen einsam, fing an zu lesen, sich zu bilden und so weiter. Und jetzt gibt es ja seit einigen Jahrzehnten wieder dieses Homeoffice, Freiberuflichkeit, dass man das gar nicht mehr so richtig trennen kann, wo man arbeitet und, ob man gerade lebt oder arbeitet. Und jetzt werden auch die Wohnräume zu Geschäftsräumen. Man bringt völlig fremde Leute über eine Verabredung im Internet in sein Haus und verkauft alte Sachen von sich. Und dann gibt es sozusagen eine kurze Begegnung. Die meisten Leute sind ja auch nicht so wie ich, dass sie sich dann hinsetzen und sagen “erzähl mal”. Viele sind sehr knapp und distanziert. Das bin ich nicht, ich bin eine Autorin, ich will das alles hören. Es belastet mich teilweise auch oder wird mir zu viel oder denke mir, was soll der banale Kram. Aber letztendlich kann man in diesen banalen Geschichten oft interessante Sachen finden, das glaube ich zutiefst. Das ist eigentlich das Entscheidende. Früher gab es Künstler, die sich eine Ladenwohnung gemietet haben, in der sie lebten und den ganzen Tag war Verkaufsausstellung. Du konntest reingehen und sagen “komm lass uns ein Bier trinken und jetzt kaufe ich dir eine Kaffeekanne ab”. Oder es gab Boutiquen in London oder so, das waren einzelne Kunstwerke. Heute macht das jeder: Das Konzept, dass das eigene Haus nicht nur bei Airbnb ist, dass man diese Grenzen nicht mehr hat.

Was glauben Sie, warum sich die Nutzer dazu verleiten lassen, ihre persönlichen Geschichten anzudeuten? Bei eBay zählt ja eigentlich eher der schnelle und praktische Kauf und Verkauf.

Genau, aber man sagt eben auch, es ist kein Anbieten wie “Sauer-Bier”. Also es muss ja schon etwas Geliebtes sein. Es kommt aus einer anderen Zeit. Es steht für etwas und da reichen solche Kategorien wie neu oder alt gar nicht mehr, weil Dinge dann einen Wert aufladen können, wenn sie alt sind oder wenn sie gewisse Spuren haben oder aus einer bestimmten Mache kommen, die heute nicht mehr produziert wird. Aber man begibt sich immer häufiger auch in die Verkäufer-Perspektive. Was machen denn Verkäufer, wenn sie Dinge anpreisen? Sie schmeicheln, sie stellen die Dinge in das richtige Licht, sie erzählen auch irgendwo eine Geschichte. Diese Idee, dass man durch Dinge erst lebt, also durch den Besitz und die Ingebrauchnahme von Dingen. Das Problem ist nur, und das zeige ich ja auch an einer Geschichte, dass wenn da keiner ist, wenn man einsam ist: du kannst dir einen Tischgrill kaufen, aber du kannst dir nicht die Menschen kaufen, die mit dir Grillen.

Bei eBay ist es schon eher nüchtern und man kann nicht sofort hingehen. Dort ist es eher ein Einblick in viele Wohnzimmer. Wenn man irgendwo in Deutschland mal reist und man fährt an kleine Orte oder Städte: Ich finde das so interessant, sich dann die eBay-Kleinanzeigen aus dem Ort anzusehen. Dann sieht man so viele Wohnzimmer. Es sind sozusagen Museen des Alltags. Die Leute fotografieren Sachen, im Hintergrund sieht man das Fenster, sieht man die Straßen, man kann das teilweise total zuordnen, man sieht Garagen, man sieht ein Zimmer, man sieht wie Leute ihre Klamotten einräumen oder nicht einräumen und Haustiere. Man sieht sehr selten Menschen. Bei Hochzeitsfotos ist es oft so, dass die Gesichter ausgeschnitten sind. Ansonsten ist das einfach eine richtig interessante, kulturwissenschaftliche Quelle. Man kann sehr viele Bilder, Geschichten, Poesie und so weiter finden.

Könnte man Ihrer Meinung nach sagen, dass die Anonymität des Netzes unbewusst zu einer großen Intimität verleitet?

Man spricht erst einmal in einen Raum hinein. Wenn ich Sachen von meinen Kindern verkaufe, ertappe ich mich dabei, dass ich sage “meine Tochter hat das total gerne gespielt, das ist vollständig, das begeistert jede Fünfjährige“ oder so. Und auf einmal wird man so vertrauensselig, obwohl da gar keiner steht. Also wenn da einer stehen würde, mich anschaut, dann würde ich das wahrscheinlich nicht machen. Deshalb spricht einiges für diese Theorie. Es ist ein interessanter Effekt aus diesem Widerspruch heraus. Dazu kommt eben, dass außer der Privatheit eigentlich nichts anderes für die Dinge sprechen kann – außer das Anfüllen der Dinge mit der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen Emotionalität. Also wir beleben, wir beseelen diese Dinge mit unseren Empfehlungen und die Empfehlungen kommen aus unserer Ingebrauchnahme. Und die Gebrauchnahme ist natürlich so, dass sie fast keine Spuren hinterlassen hat, also fast wie neu ist, nur wenig getragen – aber gleichzeitig heiß geliebt: “Meine heiß geliebten Gummistiefel, die ich nur zwei Mal getragen habe, aber jetzt ziehe ich nach Südspanien, wo es nie regnet”. Solche Muster hat man ständig. Also es ist nichts Individuelles in dem Sinne oft zu finden, also selten. Und dann merkt man, dass es da eine Störung gibt. Und darauf habe ich am ehesten noch reagiert, dass es sozusagen manchmal Abweichungen von diesen Mustern gegeben hat.

Die von Ihnen gewählten Inserate haben einen gemeinsamen Nenner: Sie stammen von Berlinern. Haben sie den Eindruck, dass Berlin eine besondere Stadt mit besonderen Geschichten ist?

Ja – da bin ich mir ganz sicher, weil hier einfach eine enorm große und auch eine in ständigen Veränderungen befindliche Stadt ist und viele zuziehen, wegziehen, arm sind. Es betrifft ja nicht nur Arme, einfach, dass die Menschen hier sehr offen sind. Dass es sozusagen einen hohen Umschlag-Rhythmus gibt. Und gerade erben unheimlich viele Menschen Sachen, die man heute nicht mehr benutzt, riesige Schrankwände, Aquarien, solche Dinge, die zu einer ganz anderen, viel gefestigteren Lebensweise gehören, zu der alten Bundesrepublik oder zur DDR. Also wo die Leute wirklich mit 15, 20 ihr Leben durchplanen konnten. Und heute ist es nicht mehr so. Die ganzen schweren Möbel unserer vorherigen Generationen sind schon jetzt eine enorme Belastung für Menschen, weil sie gar nicht mehr so ein gesetteltes Leben führen können. Und nicht jedes Mal einen Schwertransport organisieren wollen. Wir haben viele Singles, wir haben viele Leute, die ziehen zusammen und trennen sich wieder, müssen Familien über zwei, drei Haushalte organisieren. Es sind heute einfach andere Bedingungen. Viele Leute sind so froh, nur dass sie die Sachen los sind, dass sie sie verschenken können. Und auf dem Land ist es nicht so. Man hat viel größere Wege, man möchte nicht, dass die Nachbarn zu viel sehen. Weil es ja auch wirklich, gerade im Bereich der Geheimnisse, zu Konflikten kommen könnte. Man möchte auch nicht zu nah sein, weil man dann auch abhängig oder ausgeliefert wäre. Denn Nähe bedeutet Information, bedeutet, es könnte Klatsch geben usw.. Man baut viel mehr an einem Bild von einem, was die anderen haben, weil sie einen sozusagen ständig spiegeln. In Berlin versendet es sich, es diffundiert, es löst sich viel stärker im allgemeinen Getöse auf. Das empfinden ja auch sehr viele als angenehm am städtischen Wohnen, dass man sich nicht so von den anderen beobachtet fühlen muss, wie man es im Dorf tut. Und entsprechend gehemmter sind die Menschen in den Dörfern und haben ja auch ganz andere historische Erfahrungen.

Im Netz ist es erstmal oberflächlich. In dem Moment, wo man sich trifft und begegnet, ist es wieder die ganz normale menschliche Begegnung und es gibt solche und solche. Das Portal ist nur eine Möglichkeit der absoluten Vernetzung mit Leuten.

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