Tag: #theater

Pussy Riot (Nadya Tolokonnikova)

Inside Pussy Riot:
Eine Theater-Revolution?

Die Saatchi Gallery zelebriert Hundert Jahre russische Revolution mit einem Theaterstück der besonderen Art. In „Inside Pussy Riot“ macht die russische Polit-Punk-Band dem Publikum ihre Geschichte hautnah erlebbar. Menschenrechte und Meinungsfreiheit sind die zentralen Themen, für die das Projekt eintritt. Gestartet haben die Initiatoren mit einer Crowdfunding-Kampagne. Nun wird das Konzept zur Realität: Denn heute ist der Auftakt für das immersive Theaterstück in der Saatchi Gallery. Den Projektinitiatoren stellt sich nur noch eine Frage: “Would you sacrifice everything for the sake of a punk prayer for a liberal world?”

Die nackte Wahrheit miterleben

Pussy Riot ist eine künstlerisch-rebellische Punk-Gruppe aus Moskau. Neben der Kirche kritisieren sie mit ihren Aktionen vor allem die russische Politik, Präsident Wladimir Putin und den Umgang mit Sexualität und Menschenrechten. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt die Band durch ihren inszenierten Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche im Jahr 2012. Die interaktive Darstellung „Inside Pussy Riot“ entstand in Zusammenarbeit mit der Theatergruppe Les Enfants Terribles und entführt uns in eine Welt zwischen Gefängniszellen und nackten Tatsachen. Über die wissenswerten Details berichteten wir bereits. Das Publikum ist nicht nur live dabei, sondern mittendrin – eine ungewöhnliche, vielleicht sogar revolutionäre Darstellungsweise?

 

Nadya Tolokonnikova, politische Aktivistin und Pussy Riot Mitglied, kommentiert das Projekt mit einem demokratischem Appell:

 

„Inside Pussy Riot shows you what prison, prosecution of political activists and police oppression looks like. It also reminds you what democracy, on the contrary, looks like. And when I say ‘democracy’, I mean real democracy, which is about direct participation of citizens. Inside Pussy Riot plunges you into the totality of an authoritarian system – if you do not choose real democracy and participation, authoritarianism chooses you.“

 

Inside Pussy Riot 

14. November – 24. Dezember 2017

Saatchi Gallery London

 

Members of the radical feminist punk group ‘Pussy Riot’ stage a protest against Vladimir Putin’s policies at the so-called Lobnoye Mesto (Forehead Place), long before used for announcing Russian tsars’ decrees and occasionally for carrying out public executions, in Red Square in Moscow.

 

70 Jahre
Komische Oper Berlin

Wie die Zeit vergeht! Die Komische Oper Berlin feiert mit einer Online Ausstellung ihr 70-jähriges Bestehen. Seit 1947 begeistert das Moderne Theater seine Zuschauer mit avantgardistischen Interpretationen von Opern, Tanzshows, Musicals und Vorträgen. Für die Macher der Online Ausstellung ist dieses Jubiläum aber nicht nur ein Blick in die Vergangenheit sondern vor allem ein Blick in die Zukunft.

 

Die Komische Oper Berlin blickt zurück

Die Komische Oper steht für allem für eins: echte Musiktheatertradition. Trotzdem ist es den Initiatoren der Institution ein wichtiges Anliegen, Tradition mit Zukunftsfähigkeit und Aktualität zu verbinden. Aus diesem Grund funktioniert die digitale Ausstellung “70 Jahre Zukunft Musiktheater” als ein Zusammenspiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alte Exponate werden im Internet veröffentlicht, sodass Menschen auf der ganzen Welt sie sehen können. Es gibt verschiedene digitale Räume, wie beispielsweise die Künstlergarderobe, die Bühne oder das Foyer, die Interessierte zum Durchstöbern einlädt.   

 

Einmal um die ganze Welt

In 70 Jahren ist die Komische Oper Berlin bereits in über 70 Städten und 33 Ländern aufgetreten. Mit der digitalen Weltkarte kann man sehen, wo genau die einzelnen Aufführungen stattgefunden haben. Die Künstlerinnen und Künstler führten bereits Schwanensee in Sydney, Ritter Blaubart in Budapest und die Zauberflöte in Peking auf. Seit der Gründung der Oper hat sich einiges verändert. Wie Plakate von damaligen Aufführungen aussahen, zeigt der digitale Raum “Schaukasten”. Dort kann man sich von traditionellem Theaterflair inspirieren lassen. Genauso wie mit Videozusammenschnitten aus früheren Inszenierungen unter dem Bereich “Bühne”.

 

Auf weitere 70 Jahre Komische Oper Berlin  

Die Slideshow, in der frühere Bilder des Theaters und das heutigen Gebäude nebeneinander gestellt werden, versetzt den Betrachter in Nostalgie. Ein bewegliches Namenskarussell gibt Aufschluss darüber, wer alles in der Komischen Oper gesungen, dirigiert und inszeniert hat. Der Kommentarbereich, in dem Zuschauer ihre Glückwünsche zum 70-jährigen Bestehen posten können, verleiht der Online Ausstellung eine persönliche Note. Die komische Oper ist bereits ein wichtiges Kulturgut in Berlin und die innovative Angehensweise aller Mitwirkenden ist ein Garant für ein erfolgreiches Bestehen in der Zukunft.

 

 

Hier geht’s zur Online Ausstellung

 

Titelbild: @Gunnar Geller

 

Top 10 Berlin Events
im November

Wir bewegen uns immer schneller auf die kalte Jahreszeit zu. Umso schöner ist es, sich (warme) Theateraufführungen, Kunstausstellungen oder Festivals anzusehen. Der November hat in Sachen Berlin Events nämlich einiges zu bieten: Egal ob Nachtflohmarkt, Märchenstunde oder Museumsbesuch im Dunkeln – hier werdet ihr sicher fündig!

 

Märchenhaftes Schauspiel: Berliner Märchentage

Die diesjährigen Berliner Märchentage verzaubern uns unter dem Motto “Die Liebe ist eine Himmelsmacht” mit Geschichten, die sich mit Liebe und Hass auseinandersetzen. Sie sollen verdeutlichen, dass vor allem das Thema Liebe in Zeiten von Völkerwanderungen, Unruhen und kriegerischen Auseinandersetzungen unverzichtbar ist. Die Märchen werden in Bibliotheken, Buchhandlungen, Schulen und vielen weiteren Orten stattfinden.

 

Wo: verschiedene Orte in Berlin

Wann: 09. – 26.11.2017

Zum Event 

 

3 Tage Kunst: Messe für Gegenwartskunst

Wie der Name der Messe schon verrät, stellen professionelle Künstlerinnen und Künstler, die im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf leben und arbeiten, für drei Tage ihre Werke aus. Dafür wurden 28 Kunstschaffende von einer unabhängigen Fachjury ausgewählt. Die Veranstaltung findet in der Kommunalen Galerie Berlin statt. Die Genres der Werke reichen von Fotografie über Druckgrafik bis zu Malerei. Der Eintritt ist frei.

 

Wo: Kommunale Galerie Berlin, Hohenzollerndamm 176, 10613 Berlin

Wann: 03.-05.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Schöneberger Art 2017 Galerierundgang & offene Ateliers

Dieses Jahr feiert der Galerierundgang und die zugehörigen offenen Ateliers ihr 10-jähriges Jubiläum mit 78 Künstlerinnen und Künstlern und 15 Galerien. Das Kunst-Event wurde 2008 mit dem Ziel gegründet, die Vielfalt und die Professionalität der Künstler in Schöneberg zu stärken. Gleichzeitig sollte die Kunst einem breiten Publikum nahe gebracht werden. Tatsächlich steigen jedes Jahr die Besucherzahlen und der Rundgang erfreut sich einer immer größer werdenden Bekanntheit.

Wo: Grunewaldstraße 79, 10823 Berlin

Wann: 04.-05.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Schnäppchen jagen bei Nacht: Yaam Nachtflohmarkt 

Shoppen, Tanzen, Schlemmen: das alles bietet der Yaam Nachtflohmarkt. Bei Mondschein kann alles ge- und verkauft werden, was sonst in Kellern oder Dachböden verstaubt. Außerdem erwarten einen verborgene Musikschätze aus der Perlentruhe und kulinarische Köstlichkeiten aus Brasilien oder der Karibik. Besonderes Highlight: die anschließende Aftershowparty!

 

Wo: An der Schillingbrücke 3, 10243 Berlin

Wann: 10.-11.11.2017

Zum Facebook-Event

 

LOST WORDS – Installation in der Nikolaikirche

Das Innere der Nikolaikirche wird dank der Rauminstallation von Künstlerin Chiharu Shiota in einen neuen Assoziations- und Denkraum verwandelt. Anlass des Events ist das 500-jährige Jubiläum der Reformation, zu deren Zentren auch die Berliner Nikolaikirche zählte. Schwarze Fäden, in die Bibelseiten in verschiedenen Sprachen eingewoben sind, symbolisieren die globale Verflochtenheit der Reformation und der biblischen Botschaft. Shiota spricht mit LOST WORDS aktuelle Debatten um Migration und Integration an.

 

Wo: Nikolaikirchplatz 1, 10178 Berlin

Wann: 18.10-19.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Insekten auf Leichen: Dr. Mark Benecke

Halloween ist dann zwar schon vorbei, aber wer sich weiter gruseln möchte, ist bei diesem Event genau richtig. Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke widmet sich skurrilen Fragen über die Existenz von den unterschiedlichsten Kriechtieren an Tatorten und wie diese dabei helfen können, Mörder zu entlarven. Ein spannender Einblick in das Leben eines Kriminalbiologen, dessen Job nicht der Tod sondern das Leben nach dem Tod ist.

 

Wo: Huxleys Neue Welt, Hasenheide 107, 10967 Berlin

Wann: 17.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Eröffnung: Ausstellung 2017 Sony World Photography Awards

Einer der größten Fotowettbewerbe der Welt bietet Besuchern zum dritten Mal eine unfassbare Vielfalt an Fotografien, die zum Lachen oder auch zum Nachdenken anregen. Egal ob ruhige Landschaftsbilder aus abgelegenen Regionen der Welt oder Fotoserien über das Leben von Sexarbeiterinnen in Indien – Diese Ausstellung ist für Fotografie Liebhaber ein Muss.

 

Wo: Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 140, 10963 Berlin

Wann: 07.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Taschenlampenführung für Erwachsene

Als ob ein 13 Meter großes Dinosaurierskelett nicht schon bei Tag furchteinflößend genug wäre, gibt’s das ganze jetzt auch im Dunkeln. Das Museum für Naturkunde Berlin lädt zu einer nächtlichen Tour durch die dunklen Museumsräume und die wissenschaftlichen Sammlungen ein. Teilnehmer können das Museum dabei auf eine ganz neue Weise erleben. Taschenlampe nicht vergessen!

 

Wo: Museum für Naturkunde Berlin, Invalidenstraße 43, 10115 Berlin  

Wann: 04.11.2017

Zum Event

 

interfilm Festival: Eject XX

Das kurioseste Filmfest des Jahres, oder auch Allerzeiten, findet erneut auf der Berliner Volksbühne statt. Während die Teilnehmer versuchen sich gegenseitig mit den verrücktesten Einreichungen zu übertrumpfen, hat am Ende allein das Publikum in der Hand wer den Sieg mit nach Hause nimmt.

 

Wo: Volksbühne Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin

Wann: 24.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Call for Performers Luftartistik Gala

Am 11. November führen Artisten eine atemberaubende Show in luftiger Höhe im Rahmen der Luftartistik Festspiele Berlin vor. Wer nicht nur zugucken sondern auch mitmachen will: Es werden regelmäßig Workshops angeboten, in denen man in die Welt der Luftartistik hineinschnuppern kann.   

 

Wo: Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176/Haus 15, 10119 Berlin

Wann: 11.11.2017

Zum Facebook-Event

 

Ed Atkins Installation

Old Food von Ed Atkins:
Über Digitalträume & Wirklichkeitsabzocke

Schauen wird in Kapital konvertiert. Youtube vergütet tausend Views mit etwa einem Dollar – im Fernsehen liegt der Wert viel höher. Die Schlingranken des Marketings wuchern via Mail, Tracking, setzen Cookies, streuen Krümel wie Hänsel und Gretel, um dir zu folgen. Atkins’ Ausstellung ist der Köder, dich in den Museumskörper zu locken, mit seinen Sälen, Magen und Verdauungstrakt, deren Wände dich still durchkneten, Laser, die dich wie Zilien forttragen und einfangen – Zitat Ende. 

Mit diesen Worten werden die Besucher der heute begonnenen Ausstellung „Old Food“ von Ed Atkins  im Martin-Gropius-Bau begrüßt. Und tatsächlich: Der Künstler schafft es, den Betrachter mit seiner bildgewaltigen Installation emotional einzufangen, nur um ihm anschließend gerade dadurch wieder ein mumliges Gefühl einzuverleiben.

Ed Atkins und seine spezifische Videoästhetik

Der gebürtige Brite lebt momentan in Berlin und ist mit seinen experimentellen, computergenerierten Filmen, Animationen und Bildwelten ein Star in der jungen Kunstszene. Atkins beschäftigt sich mit der Allgegenwärtigkeit digitaler Medien. Bekannt wurde er durch Videoinstallationen mit CGI-Avataren. Diese animierte er mittels Motion-Capture-Technik und versah sie mit der Stimme des Künstlers.

Old Food: Digital einbalsamiertes Gammel-Essen?

© Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome and dépendance, Brussels

Für den Martin-Gropius-Bau und das Programm Immersion kreierte der Künstler nun seine bisher größte Installation: „Old Food“ . Wer jetzt denkt es gehe dabei um vergammeltes Essen, der irrt. Vielmehr erforscht der Künstler weiterhin die neuen Medien und versetzt den Betrachter in Gemütlsagen zwischen Verträumtheit  und Desillusionierung, Ekel und Nüchternheit. 

Museumsräume erzeugen bizarre Gefühlswelten

© Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome and dépendance, Brussels

Die Ausstellungsräume umgibt hingegen sehr wohl eine bizarre  Stimmung. Größeren und kleineren Videoinstallationen stehen jeweils zahlreiche Kostüme aus dem Fundus der Deutschen Oper Berlin gegenüber: Von  Don Carlos bis hin zu Aida. Das können die Besucher übrigens vom ersten Augenblick und vom ersten Raum an „riechen“. Viel seltsamer mag es für die Betrachter jedoch sein, auf Bildwelten zu treffen, die zunächst sehr idyllisch anmuten. Da steht ein Klavier inmitten einer grünen Blumenwiese, in einer Berghütte knistert der Kamin vor sich hin und es blicken einen altertümliche Wesen und niedliche Kinderaugen an.

© Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome and dépendance, Brussels

Doch nun kommt es: Die Figuren weinen, wirken verzweifelt, ihre Haut scheint sich zu verflüssigen. Auf dem Klavier spielt eine Hand, die sich durch diverse Plessuren von der sich im Instrument spiegelenden Natur abhebt. Seine Figuren sind in einer ewig langen Leidensgeschichte gefangen – ohne Anfang, Spannungsbögen und ohne Ende. Zugleich verwirrt die akustische Komponente: Es erklingen Kompositionen von Jörg Frey, die so gar nicht den klassischen Harmonien entsprechen. Die Disharmonien in Dauerschleife tragen ebenfalls dazu bei, dass die scheinbare Idylle aufgehoben wird. Den Besuchern überkommt ein ähnlich unwohles Gefühl wie bei der Betrachtung von verschimmeltem Essen. Nur mit dem Zusatz, dass sie sich ihrer eigenen Rolle in den neuen Medien und einer kommerzialisierten Welt bewusst werden. 

Ed Atkins möchte genau dies mit seiner Installation zeigen. Er erzeugt künstliche Digital-Romantik, um sie im nächsten Moment wieder zu zerstören. Dabei bezieht er sich auf die Hoffnungen, die in die CGI-Technik gelegt werden. Mit ihrer Hilfe sollen unsere Träume „real“ werden. Täuschend echte Figuren wirken dann aber doch wieder deratig aalglatt, dass sie ihre Wirkung selbst aufheben. Der ultimative Burger und die perfekte Bikini-Figur: Mit der Realität haben schmackhaft kreierte Photoshop-Werbebilder oft wenig zutun. Ed Atkins entblößt das Streben nach Perfektionismus, indem er der digital erzeugten Romantik auf bizarre Weise die Romantik nimmt (die sie ja eigentlich nie war).

Die Ausstellung läuft noch bis zum 07. Januar 2018.

Titelbild: @Ed Atkins, “Old Food”, 2017, Installation view, Martin-Gropius-Bau, Berlin, Photo: Mark Blower. Courtesy the artist, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome and dépendance, Brussels

Vogelperspektive auf Berlin im Herbst, Straße des 17. Juni; zum Artikel Top 10 Berlin Events im Oktober

Top 10 Berlin Events im Oktober

Wilhelm Busch dichtete einst: “Der schöne Sommer ging von hinnen, der Herbst, der reiche, zog ins Land. Nun weben all die guten Spinnen so manches feines Festgewand.” Das Wetter hat uns in diesem Jahr tatsächlich des Öfteren im Stich gelassen. Auch wenn Hoffnung auf einen goldenen Herbst besteht, wird es Zeit für Indoor-Kultur im Festgewand. An dieser Stelle möchten wir euch Kunstleben Berlin empfehlen – ein Netzwerk von Kunstschaffenden, die kulturelle Higlights sowie aktuelle Events vorstellen. Hier lassen auch wir uns gerne inspirieren. Inspirierend sind allerdings auch die Berlin Events im Oktober.

Kürbis hier, Kürbis da, Kürbis-Tralala

Herbstzeit ist Kürbiszeit! Schöneberg huldigt das Gewächs mit einem Kürbisfest und hochwertigen Produkten.  Es mag zunächst an ein Dorfritual mit Kürbiskanone erinnern, hat jedoch echten Kiezcharakter. Kunsthandwerker, Designer, Händler und Gastronomen widmen sich mit einem vielfältigen Angebot, bestehend aus 12.000 Kürbissen in verschiedensten Sorten, voll und ganz den großen und kleinen Gewächsen. Es wird Kürbismarmelade, Kürbiskuchen, Kürbissuppe, Kürbissekt sowie Kürbislasagne geben – eben alles, was das Kürbisherz begehrt. Die Schlemmermeile wird zudem von Musik begleitet.

Wo?  Akazien und Belziger Straße, Berlin

Wann? 30. September – 01. Oktober

Zum Facebook-Event

Moralische Anstalt 2.0 – Theater trifft politische Bildung

Was passiert, wenn Theater auf Politik trifft? Mögliche Antworten lassen sich in dem Mobilize-Event “Moralische Anstalt 2.0” finden. Hier werden an insgesamt drei Abenden drei verschiedene Sichtweisen auf “die Potentiale des politisch involvierten Theaters” geworfen: Die politischen, pädagogischen und sozialen Effekte der Theaterkunst. Mit von der Partie sind unter anderem Kay Voges, (Intendant Schauspiel Dortmund), Dr. Ellen Ueberschär (Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung) sowie Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bühnenvereins).

Wo? Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin

Wann? 01. – 03. Oktober

Zum Facebook-Event

The Independent Photographer: Berlin Photo Exhibition

“The Independent Photographer” ist ein Online-Netzwerk von Fotografen, welches unter gleichem Namen die besten Fotografen mit einem Award kürt. Die Werke sollen internationale Aufmerksamkeit erfahren. In der Berliner Eigenheim Galerie, werden die Bilder der Talente des Jahres aus über 35 Ländern ausgestellt. Der Eintritt ist frei.

Wo? Galerie Eigenheim Weimar/Berlin, Linienstrasse 130, 10115 Berlin

Wann? 05. – 09. Oktober

Zum Facebook-Event

Berlins erster Spöti

Im Sissi und Franz-Gewand geht es mit Falco im Ohr und Mozartkugel als Proviant in das Schillerkiez nach Neukölln. Denn dort verwandelt sich vom 5. bis zum 7. Oktober der „Kiezladen“: Ein Späti wird dann zu einem “Spöti”. Neben Tabak, Bier und Zeitung, gibt es typisch österreichische Musik, Drinks und Snacks, feines Backwerk und Kaffee. Der temporäre Österreich-Hotspot verrät außerdem Insider-Tipps für Reisende und ergründet den durchaus einzigartigen österreichischen Wortschatz. Auf dem Programm steht unter anderem die Pöetry-Slam-Comedy-Show „The Ultimate Schnitzelfication / Oba sowas von Schnitzel!“. Hier geben die Comedians und Poetry Slammer Bastian Mayerhofer, Georg Kostron und Samson den Humor der Österreicher zum Besten. Am Freitagabend tritt dann um 20 Uhr „Holler my dear“ mit der österreichischen Sängerin Laura in einem exklusiven Spöti-Konzert auf. Ihre Musik ist eine Mischung aus Akustik-Pop, Swing und Funk. In den kommenden Tagen werden auf der Veranstaltungsseite weitere Veranstaltungsdetails veröffentlicht. Vielleicht ist ja am Ende sogar ein gscheider Abschiedsbusserl drin?

Wo? Schillerpromenade 28, 12049 Berlin

Wann? 05. -07. Oktober

Zum Facebook-Event

Stadtrundfahrt mit Jazzbrunch

Beim Bahnfahren aus dem Fenster gucken und den Ausblick genießen. Macht das heute eigentlich noch Jemand? Die meisten starren doch auf Smartphone, Tablet und Co. und sehen das Verkehrsmittel eben lediglich als Mittel zum Zweck. Ein Ausblick kann sich jedoch lohnen. Insbesondere bei der Sonderfahrt der historischen Diesellok 119 158. Diese wird sich am 07. Oktober das vorerst letzte Mal in Bewegung setzen. Bei einer Stadtrundfahrt quer durch Berlin und das Umland, lässt sich die Stadt neu entdecken. Nebenher gibt es ein Berliner Brunchbuffet sowie spannende Streckengeschichten. Uncool? Wir finden: kultig.

Wo? Berlin macht Dampf, Betriebsbahnhof Schöneweide, 12439 Berlin

Wann? 07. Oktober

Zum Facebook-Event

Songslam statt Poetryslam

Poetryslam war gestern, am 11. Oktober heißt es im Heimathafen Neukölln: Songslam! Denn auch Lieder können Poesie sein und sich einen musikalisch-literarischen Schlagabtausch geben. Im Heimathafen Neukölln stellen sich insgesamt neun Songwriter und Musiker dem Urteil einer Jury. Casting-Show-Charakter? Nein, laut den Veranstaltern “zählt nur der Vortragende mit seinem Instrument und seinem eigenen Werk: keine Begleitung vom Band, keine Showtänzer und erst recht kein Dieter Bohlen der nach jedem Vortrag noch einen dummen Spruch macht.”

Wo? Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin

Wann? 11. Oktober

Zum Facebook-Event

The Readymade Century 1917 – 2017

Readymades sind – wie das Wort bereits sagt -Alltagsgegenstände, die ihrem eigentlichen Kontext entnommen werden und dann wild  neu kombiniert werden. Geprägt wurde der Begriff von dem französischen Künstler Marcel Duchamp. Er wollte Werke schaffen, die keine Kunstwerke sind. Dafür trug er Gegenstände zusammen, die er ohne ästhetische Berücksichtigungen auswählte: „Ich schuf sie ohne Absicht, ohne jede andere Absicht, als Ideen abzustoßen. Jedes Readymade ist verschieden. Zwischen den […] Readymades findet man keinen gemeinsamen Nenner, außer daß sie manufakturierte Waren sind. Was das Aufspüren eines Leitgedankens betrifft: nein. Indifferenz. Indifferenz gegenüber dem Geschmack: Weder Geschmack im Sinne der fotografischen Reproduktion noch Geschmack im Sinn des gut gemachten Materials. Der gemeinsame Punkt ist Indifferenz.“ Demnach kommt es weniger auf den Gegenstand als auf die Idee dahinter an. Diese Ansichten nahmen viele weitere Künstler in ihrem Schaffen auf. Doch was bedeutet Ready-Made im Lichte der digitalen und globalen Veränderungen des 21. Jahrhunderts? Braucht es ein Update? Im Haus der Kulturen der Welt wird diesen und weiteren Fragen nachgegangen.

Wo? Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Wann? 12. – 13. Oktober

Zum Facebook-Event

The analogueNOW! Photo Weekend 2017

Die Fans der analogen Fotografie oder die, die es noch werden wollen, können sich im Oktober auf ein ganzes Analog-Wochenende freuen. analogueNOW! präsentiert Show & Tell-Runden, Workshops, Portfolio-Reviews, Netzwerktreffen und Konzerte. Für die meisten Programmpunkte ist eine vorherige und zumeist kostenpflichtige Anmeldung notwendig.

Wo? BLO-Ateliers, Kaskelstr. 55, 10317 Berlin

Wann? 13. – 15. Oktober

Zum Facebook-Event

Gaumenschmaus: Berlin Food Week

In der Woche vom 14. – 21. Oktober 2017 wandelt sich Berlin zur Food-Metropole. Da wird probiert, experimentiert und geschlemmt was das Zeug hält. Zur kulinarische Reise laden unter anderem Berliner Köche, Gastronomen, Food-Entrepreneure und Manufakturen mit verschiedenen Veranstaltungen. Beispielsweise wird es ein House of Food oder ein Stadtmenü mit Pilz-Parade geben.

Wo? In ganz Berlin verteilt

Wann? 14. – 21. Oktober

Zum Facebook-Event

Donald Trump als Schauspieler

Wusstet ihr, dass sich Donald Trump bereits einen Namen in der Filmbranche gemacht hat? Der amerikanische Präsident trat seit 1981 immerhin in 25 Film- und TV-Produktionen auf. Er gewann sogar einen Filmpreis. Der Haken an der ganzen Sache: Es handelt sich dabei um die Goldene Himbeere für die schlechteste männliche Nebenrolle. Der Filmwissenschaftler Urs Spörri analysiert in einem filmwissenschaftlichen Vortrag die schauspielerische Performance des mächtigsten Mannes der Welt. Im Anschluss zeigt das City Kino Wedding die Trump-Doku „Kings of Kallstadt“.

Wo? City Kino Wedding, Müllerstraße 74, 13349 Berlin

Wann? 18. Oktober

Zum Facebook-Event

Sitzreihen eines Theaters zum Start der Theaterspielzeit

Theaterspielzeit 2017/2018 in Berlin: Das erwartet uns

Endlich eröffnen sie langsam: Die Kassen der Berliner Theater. Höchste Zeit, denn der Sommer in Berlin war auch wirklich nicht leicht. Die ein oder andere Flut legte den Verkehr lahm, das Wetter war eher wechselhaft als sommerlich, die Touristen strömten in die Stadt, weil gefühlt jedes Bundesland immer wieder Feiertage hat – nur eben Berlin nicht. Jetzt kommt immerhin das Theater zurück, die Sommerpause ist überstanden! Was erwartet uns in der Theaterspielzeit 2017/2018? Hier eine kleine Auswahl der vielen Berliner Häuser.

Volksbühne Berlin – alles neu

Ja – so heißt sie jetzt, die Volksbühne. Zwar mag die Namensänderung nicht dramatisch sein, aber sie verdeutlicht noch einmal den Umschwung. Chris Dercon ist jetzt der neue Intendant der Volksbühne und startet die Theaterspielzeit mit einem Tanzmarathon am Tempelhofer Feld. An dem Flughafen soll auch eine mobile Bühne für die Volksbühne Berlin gebaut werden. Dercon sagt hierzu: „Ich wünsche mir die Volksbühne als einen öffentlichen, durchlässigen Ort, der Raum lässt für ganz verschiedene Formen von darstellender Kunst, wo Disziplinen aufeinander reagieren und interagieren können. Ein Stadttheater ohne Grenzen“ So kann zum Beispiel das Stück „Iphigenie“ am 30. September von dem syrischen Schriftsteller Mohammed Al Attar im „Hanger 5“ betrachtet werden. Unterstützt wird das Stück von einem Chor mit syrischen Frauen. Hier wird die aktuelle Bedeutung des Ortes als Unterkunft geflüchteter Menschen hervorgehoben und auf die Bühne gebracht.

Die Schaubühne – digitale Elemente auf der Bühne

In der Schaubühne wird wieder mit den Medien gespielt und auf digitale Elemente gesetzt. Zumindest hört es sich bei dem neuen Stück „Rückkehr nach Reims“ von Thomas Ostermeier so an: Es geht um den Dreh eines Films und um die gesellschaftliche Gegenwart. Die Bilder verraten, dass mit einem Bildschirm gearbeitet wird, der vermutlich live auf der Bühne mit Aufnahmen einer Kamera gefüllt wird. Inhaltlich geht es um die Auseinandersetzung eines Intellektuellen mit seiner Heimat. Das Bürgertum, die kommunistische Arbeiterklasse und die Rechtspopulisten sind Teile der Gesellschaft, die in dieser soziologischen Analyse betrachtet werden. Der Text wird übrigens erstmals auf Deutsch aufgeführt und stammt im Original von Didier Eribon. Wer die Verbindung von Theater, Schauspiel und digitalen Elementen sehen will, kann zur Premiere am 24. September gehen.

Das Deutsche Theater – „Welche Zukunft“ ist das Motto der Theaterspielzeit

„Welche Zukunft“ titelt das Deutsche Theater in dem Heft für die Spielzeit 2017/2018. Ulrich Khuon, Intendant des DT, beschreibt die Fragen, die das Motto stellt: „Wie können wir welche Zukunft gestalten? Wie könnte eine Zukunft aussehen, oder welche Zukunft wollen wir?“ Und da wir uns diese Fragen immer aus der Gegenwart heraus stellen, wie Khuon betont, kommt schnell die Figur Donald Trump ins Spiel. „It can’t happen here“ nach dem Roman von Sinclair Lews wird von Christopher Rüping inszeniert. Wie das Programmheft betont, schossen die Verkaufszahlen dieses Werkes nach der Wahl von Trump in die Höhe. Kein Wunder – es gibt unzählige Parallelen. Auch das Deutsche Theater führt das Stück unter dem Motto „Welche Zukunft“ auf. Die Premiere ist am 20. September.

Auf welche Stücke freut ihr euch in dieser Theaterspielzeit? Schreibt uns eure Tipps ins Kommentarfeld. Wir freuen uns!

Pussy Riot Anhänger vor Gerichtsgebäude in bunte Kleidung verhüllt; Bild zum Artikel über immersives Theater - die Geschichte der Band

In ein russisches Gefängnis eintauchen:
Pussy Riot – Geschichte als immersives Theater

Sich für einen Moment in die Lage eines russischen Regimekritikers versetzen, in der Kirche vor einem Altar protestieren, vor Gericht angeklagt und in ein russisches Gefängnis eingesperrt werden – das alles könnten die Besucher durch ein geplantes immersives Theater bald hautnah miterleben. Die Kreml-kritische Punkband Pussy Riot möchte dem Publikum ihre Geschichte erlebbar machen und konzipierte ein immersives und experimentelles Theater-Projekt mit dem Titel „Inside Pussy Riot“.

Politische Kritik durch immersives Theater

Die Band ist für ihre regimekritischen Auftritte bekannt. Insbesondere das Punk-Gebet in einer Moskauer Kirche sorgte 2012 für weltweite Aufmerksamkeit. Pussy Riot protestierte dabei vor dem Altar gegen die Allianz von Kirche und Staat. Die Aktion kostete die Bandmitglieder zwei Jahre Haft. Die Frauen wurden jedoch vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Nach ihrer Inhaftierung kritisieren sie die dort vorhandenen schlechten Lebensbedingungen für Frauen und plädieren für einen humaneren russischen Strafvollzug. Mit einem immersiven Theaterstück möchte die Band nun zeigen, “was es bedeutet in Russland Regimekritiker zu sein“ – so Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa. Den Frauen ist es ein Anliegen zu verdeutlichen, warum es so wichtig ist, die eigenen Freiheiten zu schützen. Dies erzielen sie, indem sie ihre Erlebnisse mit den Zuschauern ungeschönt teilen: „Wir nehmen euch mit auf eine Reise, die vom Kirchenaltar bis in die Tiefen des Kremls selbst führt. Hoffentlich ist das eine Reise, die ihr nur einmal in eurem Leben machen müsst“.

Sich wie ein Angeklagter und Gefangener fühlen

Die Immersivität des Stückes, also die Partizipation des Publikums, wird weniger durch die Technik als durch eine Live-Performance erzeugt. Die in kleine Gruppen aufgeteilten Zuschauer werden in den nachgestellten Umgebungen, basierend auf den Erfahrungen der Band, wie russische Regimekritiker behandelt – inklusive Prozess im Gerichtssaal und Inhaftierungen in einsamen Gefängniszellen. Die Band erhofft sich durch die neue Plattform und die damit verbundene Abkehr von einer rein passiven Rezeption, ihre Anliegen in neue Dimensionen heben zu können:  “What if we combined the aesthetic effect of the immersive theater with our activist approach? Could it actually enhance our political agenda?”.

Auf, statt vor der Bühne

Inspiration holten sich die Mitglieder bei konzeptionellen Künstlern, wie Ilya und Emilia Kabakov, welche dem westlichen Publikum sowjetische, kommunale Lebensbedingungen aufzeigten. Auch der Künstler Ai Wei Wei und die Nachstellung seiner Gefangenschaft, gaben den russischen Musikerinnen Impulse für ein derartiges Projekt. Nicht zuletzt war das immersive Theaterstück ‚Sleep No More‘ aus New York eine große Inspirationsquelle. Bei dieser Aufführung fällt eine klassische 4-Wand-Raumaufteilung weg und der Zuschauer bewegt sich spielerisch in und mit den Kulissen.

Die interaktive Darstellung „Inside Pussy Riot“ soll gemeinsam mit der Theatergruppe Les Enfants Terribles entstehen und im November in der Saatchi Gallery in London aufgeführt werden. Das Projekt kann auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter unterstützt werden. Von den erhofften 60.000 Pfund, kamen bis jetzt 38.347 Pfund zusammen. Inwieweit die realen Bedingungen durch immersives Theater nachgestellt und nachempfunden werden können, bleibt abzuwarten. Die Idee klingt in jedem Fall spannend.

Orgie in Love Hurts in Tinder Times von Patrick Wengenroth

Patrick Wengenroth:
„Love Hurts in Tinder Times“

Polyamorie, Polygamie, offene Beziehung, Monogamie, freie Beziehung. Noch nie schwirrten so viele Begriffe in unseren Köpfen, die beschreiben, wie wir mit unserer Partnerwahl grundsätzlich umgehen könnten. Eine große Freiheit, die wir genießen können und genau hier setzt die neuste Inszenierung der Berliner Schaubühne von Patrick Wengenroth an und fragt: Was macht diese Freiheit mit uns? Macht sie uns glücklicher?

Patrick Wengenroth bietet viel Farbe und eine Orgie

„Love Hurts in Tinder Times“ titelt das Stück und lässt den Zuschauer eine Analyse der weit verbreiteten Dating App erwarten. Was hat sich, seit die Onlinedating-Kultur unsere Herzen erobert hat, geändert ? Gegen diese Erwartung kommt das Stück aber weitgehend ohne das Thema Liebe im digitalen Zeitalter aus. Zu Beginn tritt der Regisseur als Frau verkleidet auf die Bühne und singt „Love is a Catastrophe“. Es scheint auch heute nicht besser geworden zu sein mit der Liebe. Das lässt zunächst nicht auf einen heiteren Abend hoffen. Melancholische Musik und Texte über Herzschmerz dominieren. Im Anschluss an den Eröffnungssong werden die drei Hauptdarsteller direkt mit Hilfe einer Orgie eingeführt. Keine Schonfrist für den Zuschauer. Die Schauspieler wälzen sich nackt in Farbe, berühren sich, legen sich übereinander, pressen ihre Körper im Anschluss auf eine „Leinwand“ und bestaunen den Abdruck von ihrem mit Farbe beschmierten Körperteil. Im Grunde machen sie also Portraits, oder, wie wir heute sagen würden, Selfies von sich. Das Ganze passiert aber ganz und gar analog.

Bitte keine Exklusivbeziehungen im digitalen Zeitalter!

Lise Risom Olsen und Mark Waschke kurz vor einem Kuss
Lise Risom Olsen und Mark Waschke in Love Hurts in Tinder Times

Exklusivbeziehungen, das wird bei „Love Hurts in Tinder Times“ klar, sind in unserem Zeitalter kaum möglich. In der Programmbeschreibung steht: „Zur Zeit kommen, auf jede befriedigende Liebesbeziehung, auf jede kurze Zeit der Bereicherung, zehn niederschmetternde Liebeserfahrungen“. Zwei der drei Schauspieler knutschen mitereinander, der Dritte erlebt Herzschmerz, dann wird getauscht, mal Mann und Frau, mal Mann und Mann, mal alle drei. Nichts scheint endgültig zu funktionieren.

Patrick Wengenroth erzählt Geschichten über Pizza und das Fremdgehen

Schauspieler als Band in Love Hurts in Tinder Times von Patrick Wengenroth
Popmusik in Love Hurts in Tinder Times

Dem Thema zum Trotz wird das Stück im Verlauf des Abends immer heiterer, was der Zuschauer zum einen der Ästhetik und zum anderen dem Schauspieler Mark Waschke zu verdanken hat. Stilistisch orientiert man sich an die 80er Jahre. Auf ästhetischer Ebene dominieren bunte Farben und musikalisch lassen bekannte Songs den Zuschauer beschwingt mit wippen. Und Mark Waschke? Er wird im Gegensatz zu den anderen Schauspielern eindeutig in den Vordergrund gestellt: Trotz der Gespräche über Herzschmerz, Eifersucht und Begierde, sind seine teils improvisierten Monologe über das Beziehungschaos sehr unterhaltsam. Er fragt sich zum Beispiel: Wann wird ein Stück Pizza zu Mark? Wenn ich es kaue? Oder wenn ich es herunterschlucke? Oder wenn ich es verdaue? Damit leitet Mark zu Beziehungen und Fremdgehen über: Ab wann ist man fremd gegangen? Beim Nachdenken darüber? Nein! Beim Berühren? Nein?! Schlussendlich lautet die Definition: Körperflüssigkeiten sind die Grenze. Streckenweise wurde Marks Selbstinszenierung vielleicht etwas zu lang. Da aber der Regisseur höchstpersönlich mit auf der Bühne war, hieß es einfach zwischendurch: Mark jetzt reicht’s, mach mal weiter. Es wird versucht, den Zeitplan zu retten.

Learning to love yourself is the greatest Love of all?

Wie kann dieses eigentlich so amüsante Stück mit schwerer Thematik zu einem Schluss kommen? Der letzte Satz lautet, gesungen nach Whitney Houston: ‚Learning to love yourself is the greatest Love of all‘. Etwas flach kommt die Aussage daher, sagen viele Kritiker. Doch das kann meiner Meinung nach verziehen werden, da sich das Stück selbst auch nicht allzu ernst nimmt. Als sich diese Aussage anbahnt, bricht Mark in Wut aus: Soll es das gewesen sein – nach zwei Stunden? Es mag keine neue Erkenntnis sein, der Abend hinterlässt aber immerhin einen Orientierungspunkt im Liebeschaos des digitalen Zeitalters. Beeindruckend sind der Humor, die scheinbare Leichtigkeit und die Energie der Darstellung. Und eins ist sicher: Bei meiner nächsten Pizza werde auch ich mich fragen, ab wann die Pizza noch Pizza ist und ab wann sie zu Marie wird.

Wo: Schaubühne Berlin
Wann: 13., 14., 15. und 16. Juli 2017
Web: schaubuehne.de

Bilder: @Schaubühne

Immersion: Tragen von Virtual Reality Brille

Theater und Immersion, Innen und Außen:
Neue Erlebniswelten

Wenn sich das immersive Theater mit dem virtuellen Raum verbindet, eröffnen sich neue Erlebniswelten. Am Mittwoch Abend besuchten wir in Berlin eine Diskussionsrunde zum Thema “Immersives Theater und virtuelle Räume”. Mit dabei waren Kay Voges (Intendant Schauspiel Dortmund), Kay Meseberg (Projektleiter ARTE 360/VR), Mona el Gammal (Szenografin) und Thomas Oberender (Intendant Berliner Festspiele). Gemeinsam wurde anhand von den aktuellen Virtual-Reality-Projekten „RHIZOMAT VR“ und „THE MEMORIES OF BORDERLINE“ versucht, einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der neuen Medien sowie ihren Einfluss auf das Theater zu werfen. Immersion im Theater beschreibt dabei eine partizipatorische Darstellungsform.

Rhizomat VR

Das Projekt „RHIZOMAT VR“ entstand in einer Zusammenarbeit von ARTE und den Berliner Festspielen. Der narrative Space basiert auf der Inszenierung “HAUS//NUMMER/NULL” der Szenografin Mona el Gammal. In der analogen Version hat das Projektteam in einem ehemaligen DDR-Fernmeldeamt ein “Institut für Methodik” (IFM) konstruiert. In dem erzählerischen Raum „RHIZOMAT” hat man die Welt eines monopolisierenden und über alles und jeden herrschenden Privatunternehmens inszeniert. Der Zuschauer kann die Zukunft einer überwachten und kontrollierten Gesellschaft erleben. Nach Anmeldung stellten die Berliner Festspiele ein Ticket mit einem Code zur Verfügung. Mit diesem konnte der Nutzer sich auf der IFM-Website anmelden, musste sich für eine “Standarduntersuchung” registrieren und sehr persönliche Fragen beantworten. Dann erhielt er vom IFM einen Code mit einer konkreten Zeitangabe, musste sich zu einer bestimmten Adresse begeben und hat 50 Minuten allein in diesem Gebäude in einer Geschichte verbracht. Im Verlauf bekam er einen handschriftlichen Code für den Zugang zu einem intrafiktionalen Forum. Dort konnte der Teilnehmende Informationen zum aktuellen Zustand der Gesellschaft einsehen sowie entsprechende Lösungsansätze finden.

360°-Virtual Reality-Film als neue Erzählform

Der narrative Ort wurde nun, zusammen mit ARTE, zusätzlich in den digitalen Raum verlängert. Dafür wurde gemeinsam mit INVR.SPACE ein 360° -Virtual Reality-Film produziert. Mittels der kostenlosen ARTE360-App sowie VR-Zubehör, kann der Zuschauer in das Experiment einer neuen filmischen Erzählweise eintauchen. Der Betrachter steht dem Stück nicht gegenüber, sondern tritt hinein. Auch wenn der Zuschauer viele Freiheiten hat, zum Beispiel individuelle Blickwinkel wählen kann, gibt es eine klare Regie. Diese ist allerdings als Live-Regie dem individuellen Tempo des Zuschauers angepasst. Denn jeder erlebt und bewegt sich anders. Jeder Zuschauer kommt mit einer eigenen Biografie und erlebt individuell. Es handelt sich demnach um einen Erfahrungs- und Konstruktionsraum.

Eine vollständige Immersion?

Das Problem ist laut Szenografin, dass im Gegensatz zur analogen Situation, Abstriche hinsichtlich der Sinneswahrnehmungen gemacht werden müssen. Es ist beispielsweise nicht klar und bestimmbar, was der Zuschauer riecht und fühlt. Ein weiteres Problem war, dass der Zuschauer sich nicht physisch im Raum bewegen konnte. Dies haben die Verantwortlichen gelöst, indem sich die Räume um den Besucher herum bewegen. Die VR-Brille wird sogar selbst zum Protagonisten. Es geht darum, die Brille abzunehmen, um wieder hinsehen zu können.

Der Projektleiter spricht von einem “Paradigmenwechsel. Weg vom Klassischen, eine Antenne und ganz viele Fernseher und die Leute sitzen davor, hin zu einer Reihe von Antennen mit verschiedenen Devices, Gegenständen und Bildschirmen, auf denen man das sieht. Und da wiederum ist VR und 360 Grad schon noch eine sehr exemplarische Technologie, weil das eigentlich das erste interaktive Medium ist, was auf verschiedenen Plattformen darstellbar und publizierbar ist”.

The Memories of Borderline

Ebenfalls zum Leben erweckt wird die Umgebung des VR-Theaterstückes „THE MEMORIES OF BORDERLINE“. Das Projekt wurde vom Schauspiel Dortmund in Kooperation mit CyberRäuber kreiert. Die Besucher können sich per Vive-Brille in einem visuell-akustischen 3D-Raum selbstbestimmt durch die Kulissen der Inszenierung “Die Borderline Prozession” von Kay Vogues bewegen. Das ursprüngliche Theaterstück zeichnet sich insbesondere durch seine runde, durch eine Betonwand getrennte, Bühne aus, um welche sich eine Kamera bewegt und immer wieder verschiedenste Blickwinkel auf die einzelnen Räume, auf das Innen und Außen, wirft. Die Bilder werden dabei über der Bühne mit Texten und anderen Elementen kombiniert und präsentiert. Für das VR-Werk kamen Laserscans des Bühnenbildes, eine volumetrische Aufzeichnung der Schauspieler, 360° und 180°-Filmaufnahmen sowie -Stills zum Einsatz. Bei diesem Projekt kann der Besucher auf und in die Bühne gehen und die Erzählregie selbst mitgestalten.

Die Zuschauer sind nicht mehr nur Zuschauer, die sich in ihrem Sessel zurücklehnen. Sie sind selbst Teil der dynamischen Inszenierung. Regisseure, Schauspieler und Publikum spielen gleichzeitig und mit einem direkten Live-Feedback. Die Initiatoren beider Projekte bezeichnen ihr Werk als unvollständig und in einem ständigen Prozess.

VR-Theater: Eine Revolution?

In dem Gespräch kommt das Thema der medialen Entwicklung auf. Kay Vogues vergleicht die aktuellen Entwicklungen mit der Revolution des Buchdruckes, oder der Fotografie. So führten diese zu Veränderungen verschiedenster Natur. Und immer gab es mehr oder weniger begründete Sorgen über mögliche Auswirkungen. Er führt fort: “Jetzt haben wir VR und wieder eine Sprache. Der Körper verabschiedet sich noch mehr. Er ist auf einmal wie herüber gebeamt in eine andere Welt, in eine andere Zeit und wieder ist es eine neue Sprache. Und das ist Pionierarbeit. Und ich habe das Gefühl, das ist so ein Moment wie beim Buchdruck. Jetzt sitzen wir da und fragen: Was ist die Möglichkeit, was kann diese VR geben, was wir nicht können”. Oft wird gefragt “wie nah eigentlich immer die Virtualität, der Traum und das Spiel so zusammenhängt und auf einmal hat man ein Medium gefunden, wo das zusammenkommt, was sehr nah am Theater ist”, so der Intendant.

Virtual Reality: Chance oder Risiko?

In der Diskussion fragen sich die Gäste, ob Virtual Reality demnach eine Chance oder ein Risiko darstellt. Mona el Gammal bezieht sich auf den aktuellen Hype, beschreibt, dass Künstler ihre Vorstellungswelten durch VR mehr denn je ausleben können. Sie gibt jedoch Bedenken hinsichtlich psychisch negativer Auswirkungen und/oder Missverständnisse. Dabei betont sie: “Ich möchte das Medium nicht einfach verteufeln, aber ich finde schon, dass Virtual Reality noch einmal ein anderer Schritt ist, weil mein Körper verschwindet, weil ich keine Referenz mehr habe. Da ist nicht mehr der Screen, ich bin nicht mehr im Raum, ich bin nicht mehr mit anderen Menschen da, ich bin da alleine, ich sitze da auch teilweise fest”. Die Technik ist im permanenten Wandel. Die Gäste überlegen: Noch erfordert der virtuelle Erlebnisraum eine Brille, irgendwann könnte auch sie für ein derartiges Erlebnis nicht mehr nötig sein. Momentan gibt es auf der Bühne Schauspieler, irgendwann könnten auch diese durch ein Hologramm ergänzt oder gar ersetzt werden. Ob das wünschenswert wäre ist allerdings fraglich.

Der Projektleiter von ARTE 360/VR, Kay Meseberg ist der Meinung, dass gerade die Ungewissheit und Neuartigkeit diese Immersion so interessant macht: “Wir schauen uns diese Technik an, solange sie interessant ist und solang man dieses Momentum hat, dabei zu sein, wenn da etwas entsteht. Wenn das irgendwann zum Standard oder einem Massenmedium wird, dann wird das wahrscheinlich irgendwann auch wieder uninteressanter sein. Bei VR ist sowieso die große Frage: In welcher Art und Weise wird sich das, was jetzt noch absolute Nische ist, überhaupt irgendwann einmal dahin entwickelt, dass man dort von einem Massenmarkt oder großen Markt sprechen kann”. Für ihn kann man Virtual Reality, aufgrund von fehlender Komfortabilität und fehlenden Inhalten, noch nicht auf eine Stufe mit Kino, Fernsehen, Game Industrie und Radio stellen.

Es bleibt ein spannender Prozess. Ein Blick in die Welt des Virtual Reality-Theaters lohnt in jedem Fall!

 

Bild: @unsplash, Andrew Robles

Videos: @arte, @Cyberräuber

Online Theater Live Logo mit Cursor neon grün schwarzer Hintergrund

Onlinetheater:
Eine Bühne zwischen Virtualität und Realität

Wir waren im Theater … und eigentlich auch wieder nicht. Denn es handelte sich um keine gewöhnliche Vorstellung. Gespielt wurde nicht etwa auf einer klassischen Bühne, sondern ortsunabhängig, online, in einem Livestream des World Wide Web. Theater 2.0, das Web als neue Bühne, funktioniert das?

Online-Theater.live – so nennt sich das Projekt, welches von den Schauspielern Caspar Weimann und Saladin Dellers gemeinsam mit NUU, einer experimentellen Plattform für junge Künstler, “ins Netz gerufen” wurde. Dabei geht es nicht darum, ein Stück aufzuzeichnen und in den Medien zu verbreiten, sondern es online entstehen und sich entwickeln zu lassen. Eine Gruppe junger Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kreieren ein mobiles, eigens fürs Internet inszeniertes Online-Erlebnis: Die Schauspieler sind unterwegs, filmen sich mit verschiedenen Medien und übertragen die Inhalte per Livestream in dein Wohnzimmer. Teile der Story werden mit dem Online-Publikum im Foyer, einem parallel laufenden Chat, besprochen und final gestaltet. Jeder kann kostenlos zuschauen und mitkommentieren. Das Netz und seine User werden dadurch selbst Teil der Inszenierung. In dieser Situation ist Spontanität, Improvisation und Interaktion gefragt. Doch ist das noch Theater? Oder schon Film? Ein Event? Eine Live-Sendung wie im TV? Die Macher der gestrigen Aufführung “follower” nennen es ein “on-the-road-multicam-live-improfilm-theater”. Was für eine Wortneuschöpfung! Schon diese Bezeichnung erweckt den Eindruck, als fiele es auch den Künstlern schwer, eine Einordnung vorzunehmen. Aber vielleicht ist es genau diese Vernetzung und Kombination von Stilen und Techniken, die das Ganze zu etwas Besonderem und einer neuen Form der Kunst macht?

So auch das Stück Follower?

Kurz vor 21 Uhr: Noch schnell etwas zu Abend gegessen, den Akku des Laptops aufgeladen, und ab auf die Couch im Schlabberlook. Ein ganz besonders gemütlicher Theaterbesuch. Gespannt sitze ich vor dem Bildschirm und starte den Livestream. Im Foyer, dem Chat, ist noch nicht so viel los, es wird sich begrüßt und das Gefühl der Neugierde geteilt. Ein für das Projekt typisch neon-grünfarbiger Cursor vor schwarzem Hintergrund, begleitet von einem sich aufbauenden elektronischen Hintergrundton, nährt die gespannte Erwartungshaltung. Dann geht es auch schon los. Der Dreh mit Kamera im Selfiestickmodus beginnt. Die Anzahl der Viewer: 34. Die Szenerie: zwei Schauspieler, ein Mozart mit billiger Perücke auf dem Kopf und einer Scherpe um den Hals, eine Nixe, mit gleichermaßen verkitschtem Kostüm, vor dem Hintergrund wild zusammengewürfelter und improvisiert wirkender Kulissen (ein roter Samtvorhang, goldenes Lametta und ein Papp-Zeppellin sprechen für sich). Hilfe, ist das Kunst? Erkenne ich den hohen Anspruch dieses Werkes nicht? Doch wie so oft im Leben ist es nicht immer nur der erste Eindruck, der zählt. Eine kurze überspitzt-kitschige und übertrieben gespielte Szene und einen Kamerawechsel später wird klar: dies ist nur ein Spiel im Spiel. Denn im Mittelpunkt des Abends steht der Schauspielstudent Benjamin.

Eine Story von und mit den Digital Natives unserer Zeit

Er ist mit Ellie (der Nixe) zusammen. Oder doch nicht? Angesichts dessen, dass Ben den ganzen Abend über unbedingt zu seiner Verflossenen Lena möchte, ist dies dem Zuschauer nicht hundertprozentig klar. Es wirkt so, als wollten die Macher die Auswirkungen der Online- auf die Offline-Welt sowie den stereotypen Mann unserer Generation Y darstellen: dynamisch, abenteuerlustig, auf der Suche nach sich selbst, in der Vergangenheit schwelgend, in die Zukunft blickend, träumerisch und ernüchtert zugleich. Während er nicht so recht weiß, was er will und sich alle Optionen offen hält, vergisst er dabei manchmal die Gegenwart und läuft so Gefahr, die Zukunft mit Ellie zu gefährden. Die Künstler selbst beschreiben es so: “es dreht sich hierbei um das Verhältnis eines Menschen zum System Internet und zum Strom seiner Zeit. Wohin können die Möglichkeiten des anarchistischen und fast gesetzlosen Raumes Internet Menschen und ihre Gefühle treiben – vor allem im Bezug auf ihre Alltagsumgebung Stadt. Was bietet mehr? Das Internet oder das urbane Umfeld?”

Der digitale Raum: Durch ihn ist es möglich, mit jedem jederzeit vernetzt zu sein und zu bleiben. Alte Kontakte können aufgewärmt, neue schnell geschlossen werden. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie zwischen Realität und Virtualität. Die im Stück vielfältig eingesetzten Medien und Plattformen unterstreichen diese Tendenz. Es wird mit Smartphones gefilmt. Das Publikum kann die Handlung dabei auf mehreren Ebenen verfolgen: Es kann beispielsweise sehen, wie Ben die Kamera auf sich und Ellie hält, während er selbst gefilmt wird.

Theater Online Szene in der mit Smartphone gefilmt wird, daneben das Chatfenster
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams mit Chatkommentaren)

 

Und auch die Locations werden gewechselt: eben noch in der Natur, nun im Keller, eben noch mit dem Auto, nun mit dem Roller durch die Stadt, eben noch die Kameraperspektive vom trockenen Ufer aus und im nächsten Moment mit Ben im kalten Nass des Flusses, eben noch auf der Straße, dann im Bildschirm. So gibt es Szenen, in denen in den Screen eines Handys geschaltet wird, sodass der Zuschauer verfolgen kann, wie der Protagonist googelt, seine Anrufliste checkt oder sich in Ellies Vlog auf Youtube klickt. Doch Inhalte, Handlungen und Stimmungen wechseln sich ab. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist mal harmonisch, mal chaotisch, mal feindselig, ernst und dann wieder glücklich. Eben liegen die Protagonisten noch halb nackt im Bett, dann ermorden sie im Affekt eine Frau.

Online Theater Szene zwei Personen mit bunten Kostümen auf Couch berühren sich
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams)

 

Überraschend und unterhaltsam waren außerdem die Kommentare im Foyer. Der Chat wird beispielsweise für inhaltliche Nachfragen genutzt (“wer ist der gruselige Typ?”), für Wertungen (“lahm”), für technische Fragen oder einfach für einen Austausch über das Theater genutzt. Ein Zuschauer merkte sogar: “die sind gerade bei mir vorbei gefahren”. Dies zeigt eine neue Dimension, in welcher das Online-Theater stattfindet. Nicht der Zuschauer kommt zum Theater, sondern das Theater zum Zuschauer – manchmal sogar wortwörtlich. Am Ende kam es auch zu Aufrufen und Storywünschen wie: “Küssen!”. Genau das dachten sich wahrscheinlich viele Zuschauer, denn die Situation war dramaturgisch daraufhin ausgelegt. Es schien als würde es jeden Moment passieren. Und dann wurde die Situation doch wieder entschärft, dem Wunsch nicht stattgegeben. Sehr unterhaltsam war es ebenfalls, dass auch das Produktionsteam (Bühnenbild: “eigentlich haben wir Feierabend”) sowie die Figuren selbst (Lena: “ich warte auf dich”) antworteten. Und auch hier wechselten die Perspektiven: einerseits die Sicht des Produktionsteams, andererseits die der Figuren.

Online Theater Szene in der mit Smartphones gefilmt wird gruselige Gestalt kommt von hinten
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams mit Chatkommentaren)

 

Derartige Veränderungen sind durch ihre Unvorhersehbarkeit spannend. Auch externe, von den Schauspielern nicht beeinflussbare, Gegebenheiten haben ihren ganz eigenen Reiz. So sind die Blicke der vorbeilaufenden und nichtsahnenden Passanten einfach nur zu köstlich. Wirklich nichtsahnend? Gleichzeitig fragt man sich: Ist das Gezeigte wirklich Realität oder doch Inszenierung? Schwimmt dieser eine Mann dort zufällig durch das Bild oder wurde er gezielt platziert?

Spontan und unberechenbar

Doch all die Dynamiken führen zugegebenermaßen dazu, dass man gezwungen ist, das Ganze mit höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der parallel laufende Chat ist interessant, aber das Multitasking-Talent, das einem hier abverlangt wird, ist selbst für mich als weibliche Zuschauerin nicht immer einfach abzurufen. Hinzu kamen Probleme beim Verbindungsaufbau: Der Livestream blieb immer mal wieder stehen. Im Foyer bestätigten manche Zuschauer, dass die Übertragung nicht flüssig sei. Auch akustisch waren die Schauspieler nicht immer optimal zu verstehen. Mitten in der Geschichte stürzte dann auch noch die Website ab. Das bemerkte auch der Protagonist selbst, als er die Zuschauer fragen wollte, was er in seiner Situation nun tun solle. Doch hey – wir befinden uns in den Weiten des Internets. Als Digital Native habe ich gleich mal auf der Facebook Seite des Projektes geschaut und siehe da: Ein Alternativ-Link zu einem neuen Livestream stand bereits zur Verfügung. Die Technik des Online-Theaters – Fluch und Segen zugleich – irgendwie eine Ironie des Schicksals.

An dieser Stelle kann ein weiterer Vorteil des Online-Theaters greifen: Ich habe die Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können (ohne, dass mich jemand komisch anschaut und ich dadurch peinlich berührt bin). Dennoch bin ich dran geblieben. Zum einen, weil die Übertragung besser wurde und zum anderen, wollte ich dann doch wissen, wie es ausgeht. Am Ende scheint es, als habe Ben sich gegen eine Flucht und für eine Zukunft mit Ellie entschieden. Doch sicher kann sich der Zuschauer im Online-Theater nie sein und das in jeder Hinsicht.

Letztlich muss man auch bedenken: Es ist live. Und immer, wenn Technik mit im Spiel ist, können zusätzlich Probleme auftreten. Bei dem Versuch, ein Fazit zu ziehen, fällt eine eindeutige Positionierung nicht leicht. Diese Form des Theaters ist nicht besser oder schlechter als eine klassische Vorführung in einem Saal. Es erzeugt einfach eine andere, ganze eigene Dynamik und Stimmung. Und es führt zu einer anderen Form der Nähe. Wir haben es hier nicht mit einer unmittelbaren physischen Anwesenheit des Publikums zu tun. Das Online-Theaterstück in den eigenen vier Wänden hat seine Vorteile: Man kann parallel andere Sachen erledigen, wird nicht von anderen Zuschauerreaktionen angesteckt oder abgelenkt und niemand vermiest einem durch seine Größe die Sicht auf das Geschehen. Der Zuschauer ist allein vor dem Rechner und doch sozial vernetzt. Die Nähe entsteht durch das Schreiben im Chat. Dennoch besteht jederzeit die Möglichkeit, die Rolle eines externen Beobachters am Geschehen einzunehmen. Und auch die Künstler und ihr Werk kommen dem Zuschauer noch näher als in der Realität. Das Publikum wird quasi ein digitaler Co-Produzent.

Im Programm des Online-Theaters stehen momentan die Stücke “Follower” und “Werther”. Laut den Initiatoren werden zukünftig auch andere Performances und Veranstaltungen im Livestream übertragen.

Bei all dem hin und her zwischen Liebe und Mord, Flucht und Rückkehr, bei all den Smartphones, Screens, On- und Offline-Situationen sowie ihren Zusammenhängen, gab es eine skurrile Konstante: einen Blumenstrauß, den Ben stets mit sich trug.

Vielleicht eine versteckte Botschaft?

Vorhang auf, Livestream frei! Zum Beispiel am:

  1. Juli 2017: Werther
  2. Juli 2017: Follower

Webseite: onlinetheater.live

Bilder: @onlinetheater.live