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Kinder Dreirad an Laterne angeschlossen auf dem Bürgersteig zum Thema Berliner Kindheitsgeschichten

Berliner Kindheiten:
Ein Blog von Johannes Zillhardt

Die Berliner beklagen ja immer, dass es keine Berliner mehr gibt und, dass sie die letzten ihrer Art sind – so Johannes Zillhardt. Dem möchte er mit seinem Blog Berliner Kindheiten entgegenwirken. Hier sammelt Johannes die Kindheitsgeschichten der Stadt. Johannes Zillhardt ist freier Redakteur und Dozent für kulturelle Bildung an einer Berliner Berufsschule. Er selbst kommt aus Essen, lebt aber aktuell in Wedding. Uns hat er von den Erinnerungen und Wohnzimmergesprächen der Stadt erzählt.

Wie bist Du auf die Idee gekommen Berliner Kindheitsgeschichten zu sammeln?

Ich habe früher in der Böckhstraße in Kreuzberg gewohnt. Meine Nachbarin war Frau Gasche, Jahrgang 27. Sie ging zwei Mal am Tag mit ihrem Hund Janni Gassi. Auf dem Rückweg hat sie jedes Mal geklingelt oder geklopft und einen Vorwand gefunden, warum jetzt ganz dringend jemand hoch kommen müsste. Ich war eigentlich jeden Tag einmal bei ihr. Sie war eine süße Frau und irgendwie auch einfach cool. Wir hatten Briefkästen, wo die Post direkt in die Wohnung geworfen wird. Sie hat dann den Briefkastenschlitz immer hochgeklappt und ”huhu Hannes bist du da? Ich brauche was, ick seh Euch doch, ick seh Euch doch” gerufen. Irgendwann hat sie mir die Story erzählt, dass sie in meiner Küche geboren ist und, dass sie in ihrem ganzen Leben quasi nur ein Mal ein Stockwerk nach oben gezogen ist. Sie hat als Näherin für H&M am Heinrich-Heine-Platz gearbeitet, aber ansonsten fand eigentlich alles in diesem Haus statt. Dann haben wir uns zum Kartenspielen verabredet. Sie hat von ihrer Kindheit erzählt und davon, wie Kreuzberg früher aussah. Die Kamera lief die ganze Zeit mit. Nach und nach hat das dann immer lauter gerufen “mach was damit”. Und dann habe ich angefangen andere Kindheiten zu sammeln und habe bei Leuten rumgefragt, ob sie in Berlin geboren sind. Weil die Berliner beklagen sich ja immer, dass es keine Berliner mehr gibt und, dass sie die letzten ihrer Art sind. Gut, dachte ich – dann werden die jetzt gesammelt.

Gibt es eine Geschichte, die Dich besonders gepackt hat?

Ich mag die Storys alle gerne. Es gibt keine spektakulären Geschichten. Es sind alles eher alltägliche Sachen. Es gibt Personen, die mir sehr am Herzen liegen. Zum Beispiel eben Frau Gasche. Die hat eigentlich eine ganz harte, triste Kindheit gehabt. Keiner wollte sie. Sie wurde immer abgeschoben, aber es war eine extrem witzige und lebensfreudige Frau. Im Interview mit Wolle, habe ich ihn gefragt, ob er ein eigenes Kinderzimmer hatte. Da sprang er sofort in die Szene rein und spielte seinen Vater: “Wie? Eigenes Zimmer? Du? Hast ja wohl nen Schatten oder wat?”. Solche Personen berühren mich. Die Geschichten selber sind auch toll, aber noch mehr mag ich die Art der Leute, wie sie die Storys erzählen.

Warum hast du Dich für einen Blog als Medium der Veröffentlichung entschieden? Oder hattest du auch noch andere Ideen?

Die Kernidee war eigentlich kein Block. Es gibt einen Amerikaner, „Studs“ Terkel, der hat ziemlich dicke Bücherbände über Amerika verfasst. Der eine Band heißt „Work“. Da erzählen 200 Amerikaner von ihrer Arbeit. Der andere Band heißt „Dreams“. Da erzählen 200 Amerikaner von ihren Träumen. Es gibt verschiedene Bände, wo er ganz verschiedene Leute in Amerika thematisch ‘abinterviewt’. Da kann man Ewigkeiten mit verbringen, weil man da ganz toll amerikanisches Alltagsenglisch lernen kann. Es hat mich immer geärgert, dass es das im deutschen Raum nicht gibt. Das war mein ganz privater Säulenheiliger. Die Idee war von Anfang an so ein Lesebuch zu haben, aus 100 Jahrgängen und aus jedem Jahrgang einen zu finden, der seine Kindheit erzählt und, dass neben 80-Jährigen auch 16-Jährige erzählen. Der Blog ist jetzt eher so dazwischen. Das ist wie so eine lange Werbekampagne für das Buch irgendwann, aber der Blog bringt im Augenblick extrem viel Spaß. Seitdem ich es online gestellt habe, haben mir bestimmt schon 500 Leute gemailt, die so etwas schreiben wie: „Hey das würde ich auch gerne machen“, oder „ich erinnere mich auch“, oder „kannst du mal bei Frau so und so nachfragen, ich habe mal in der gleichen Straße gewohnt – erinnert die sich auch an folgende Sache?“. Auf einmal hast du ein Vielfaches an Kommunikation oder an Anstößen. Es wächst und das ist das Entscheidende.

Zeichnen sich zwischen den Bezirken Unterschiede ab?

Man merkt, wo die Leute herkommen. Das ist auch von den sozialen Lagen in den Bezirken und der Zeit, in der sie dort gelebt haben, abhängig. Wolle zu Beispiel, ein Arbeiterkind aus dem Wedding, der Berlinert ganz anders, sitzt nie still und raucht. Und dann ein Steglitzer, Akademiker-Sohn, bürgerlich, der sitzt mit einer ganz anderen Haltung da. Der ist gesetzter und nicht so impulsiv. Schon bevor das Interview losging, hat er sich ein paar Punkte gesetzt, die er auf hochdeutsch erzählt. Das ist auch spannend, aber eben eine ganz andere Welt.  Auch das Alter hat einen Einfluss. Umso jünger die Leute sind, desto mehr muss ich dabei helfen zu erinnern. Mit 20 denkt man noch nicht so viel über die Kindheit nach, sondern ist eher noch dabei das eigene Leben selbst aktiv zu gestalten. Ab 80 haben die Leute richtig Spaß daran da einzusteigen. Da merkst du auch: Die gucken anders. Irgendwann schweifen die Blicke an die Zimmerdecke ab und du merkst die sind jetzt nicht mehr bei dir, sondern in der Wohnung, von der sie gerade erzählen, oder sehen die Leute live vor sich. Das ist eine schöner Moment im Interview: Wenn du merkst, die sind wirklich in der Szene drin. 

Was ist typisch für die Berliner Kindheit?

So eine Art Standardkindheit gibt es eher nicht. Eigentlich haben alle einen gewissen Berlin-Stolz. Für viele ist es etwas Besonderes Berliner zu sein. Auch innerhalb von Berlin herrscht ein Kietzstolz. Es gibt natürlich ein paar historische Marken, die viele erlebt haben. Bei einigen ist es der Mauerbau oder das Kriegsende, bei anderen der Mauerfall, die Wende. Die Loveparade ist bei den Jüngeren ein Fixum, das sie miterlebt haben. Die Erlebnisse in der Stadt sind meistens sehr entscheidend in der Erinnerung.  Ich finde die älteren Generationen der Westberliner sind immer spezieller, weil die noch ein starkes gemeinsam geteiltes Inselgefühl haben. Die Ostberliner teilen häufig die zwei Identitäten. Das merkt man schon, dass das teilweise zwei voneinander getrennte Blöcke sind.

 
Und was sagt Wolle zu der Idee? Ihm hat die digitale Konservierung seiner Kindheit Spaß gemacht: „Das ist ein Projekt, dem ich uneingeschränkt zustimmen konnte. Da kam er dann an, mit seiner Kamera und hat die aufgebaut und los ging es.  Auf manche Sachen wäre ich so auch nicht gekommen, so Fragen wie, an welchen Geruch oder welches Geräusch erinnerst du dich?“

Bist Du selbst Berliner, oder kennst jemanden, der ein waschechter Ur-Berliner ist? Dann melde Dich bei Johannes  auf facebook oder per Mail an: berliner.kindheiten@gmail.com. Zur Zeit werden insbesondere noch Berliner aus den 1910er und 1920er Jahrgängen, sowie aus Ost-Berlin gesucht. 

Vogelperspektive auf Berlin im Herbst, Straße des 17. Juni; zum Artikel Top 10 Berlin Events im Oktober

Top 10 Berlin Events im Oktober

Wilhelm Busch dichtete einst: “Der schöne Sommer ging von hinnen, der Herbst, der reiche, zog ins Land. Nun weben all die guten Spinnen so manches feines Festgewand.” Das Wetter hat uns in diesem Jahr tatsächlich des Öfteren im Stich gelassen. Auch wenn Hoffnung auf einen goldenen Herbst besteht, wird es Zeit für Indoor-Kultur im Festgewand. An dieser Stelle möchten wir euch Kunstleben Berlin empfehlen – ein Netzwerk von Kunstschaffenden, die kulturelle Higlights sowie aktuelle Events vorstellen. Hier lassen auch wir uns gerne inspirieren. Inspirierend sind allerdings auch die Berlin Events im Oktober.

Kürbis hier, Kürbis da, Kürbis-Tralala

Herbstzeit ist Kürbiszeit! Schöneberg huldigt das Gewächs mit einem Kürbisfest und hochwertigen Produkten.  Es mag zunächst an ein Dorfritual mit Kürbiskanone erinnern, hat jedoch echten Kiezcharakter. Kunsthandwerker, Designer, Händler und Gastronomen widmen sich mit einem vielfältigen Angebot, bestehend aus 12.000 Kürbissen in verschiedensten Sorten, voll und ganz den großen und kleinen Gewächsen. Es wird Kürbismarmelade, Kürbiskuchen, Kürbissuppe, Kürbissekt sowie Kürbislasagne geben – eben alles, was das Kürbisherz begehrt. Die Schlemmermeile wird zudem von Musik begleitet.

Wo?  Akazien und Belziger Straße, Berlin

Wann? 30. September – 01. Oktober

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Moralische Anstalt 2.0 – Theater trifft politische Bildung

Was passiert, wenn Theater auf Politik trifft? Mögliche Antworten lassen sich in dem Mobilize-Event “Moralische Anstalt 2.0” finden. Hier werden an insgesamt drei Abenden drei verschiedene Sichtweisen auf “die Potentiale des politisch involvierten Theaters” geworfen: Die politischen, pädagogischen und sozialen Effekte der Theaterkunst. Mit von der Partie sind unter anderem Kay Voges, (Intendant Schauspiel Dortmund), Dr. Ellen Ueberschär (Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung) sowie Ulrich Khuon (Präsident des Deutschen Bühnenvereins).

Wo? Heinrich-Böll-Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin

Wann? 01. – 03. Oktober

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The Independent Photographer: Berlin Photo Exhibition

“The Independent Photographer” ist ein Online-Netzwerk von Fotografen, welches unter gleichem Namen die besten Fotografen mit einem Award kürt. Die Werke sollen internationale Aufmerksamkeit erfahren. In der Berliner Eigenheim Galerie, werden die Bilder der Talente des Jahres aus über 35 Ländern ausgestellt. Der Eintritt ist frei.

Wo? Galerie Eigenheim Weimar/Berlin, Linienstrasse 130, 10115 Berlin

Wann? 05. – 09. Oktober

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Berlins erster Spöti

Im Sissi und Franz-Gewand geht es mit Falco im Ohr und Mozartkugel als Proviant in das Schillerkiez nach Neukölln. Denn dort verwandelt sich vom 5. bis zum 7. Oktober der „Kiezladen“: Ein Späti wird dann zu einem “Spöti”. Neben Tabak, Bier und Zeitung, gibt es typisch österreichische Musik, Drinks und Snacks, feines Backwerk und Kaffee. Der temporäre Österreich-Hotspot verrät außerdem Insider-Tipps für Reisende und ergründet den durchaus einzigartigen österreichischen Wortschatz. Auf dem Programm steht unter anderem die Pöetry-Slam-Comedy-Show „The Ultimate Schnitzelfication / Oba sowas von Schnitzel!“. Hier geben die Comedians und Poetry Slammer Bastian Mayerhofer, Georg Kostron und Samson den Humor der Österreicher zum Besten. Am Freitagabend tritt dann um 20 Uhr „Holler my dear“ mit der österreichischen Sängerin Laura in einem exklusiven Spöti-Konzert auf. Ihre Musik ist eine Mischung aus Akustik-Pop, Swing und Funk. In den kommenden Tagen werden auf der Veranstaltungsseite weitere Veranstaltungsdetails veröffentlicht. Vielleicht ist ja am Ende sogar ein gscheider Abschiedsbusserl drin?

Wo? Schillerpromenade 28, 12049 Berlin

Wann? 05. -07. Oktober

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Stadtrundfahrt mit Jazzbrunch

Beim Bahnfahren aus dem Fenster gucken und den Ausblick genießen. Macht das heute eigentlich noch Jemand? Die meisten starren doch auf Smartphone, Tablet und Co. und sehen das Verkehrsmittel eben lediglich als Mittel zum Zweck. Ein Ausblick kann sich jedoch lohnen. Insbesondere bei der Sonderfahrt der historischen Diesellok 119 158. Diese wird sich am 07. Oktober das vorerst letzte Mal in Bewegung setzen. Bei einer Stadtrundfahrt quer durch Berlin und das Umland, lässt sich die Stadt neu entdecken. Nebenher gibt es ein Berliner Brunchbuffet sowie spannende Streckengeschichten. Uncool? Wir finden: kultig.

Wo? Berlin macht Dampf, Betriebsbahnhof Schöneweide, 12439 Berlin

Wann? 07. Oktober

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Songslam statt Poetryslam

Poetryslam war gestern, am 11. Oktober heißt es im Heimathafen Neukölln: Songslam! Denn auch Lieder können Poesie sein und sich einen musikalisch-literarischen Schlagabtausch geben. Im Heimathafen Neukölln stellen sich insgesamt neun Songwriter und Musiker dem Urteil einer Jury. Casting-Show-Charakter? Nein, laut den Veranstaltern “zählt nur der Vortragende mit seinem Instrument und seinem eigenen Werk: keine Begleitung vom Band, keine Showtänzer und erst recht kein Dieter Bohlen der nach jedem Vortrag noch einen dummen Spruch macht.”

Wo? Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 12043 Berlin

Wann? 11. Oktober

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The Readymade Century 1917 – 2017

Readymades sind – wie das Wort bereits sagt -Alltagsgegenstände, die ihrem eigentlichen Kontext entnommen werden und dann wild  neu kombiniert werden. Geprägt wurde der Begriff von dem französischen Künstler Marcel Duchamp. Er wollte Werke schaffen, die keine Kunstwerke sind. Dafür trug er Gegenstände zusammen, die er ohne ästhetische Berücksichtigungen auswählte: „Ich schuf sie ohne Absicht, ohne jede andere Absicht, als Ideen abzustoßen. Jedes Readymade ist verschieden. Zwischen den […] Readymades findet man keinen gemeinsamen Nenner, außer daß sie manufakturierte Waren sind. Was das Aufspüren eines Leitgedankens betrifft: nein. Indifferenz. Indifferenz gegenüber dem Geschmack: Weder Geschmack im Sinne der fotografischen Reproduktion noch Geschmack im Sinn des gut gemachten Materials. Der gemeinsame Punkt ist Indifferenz.“ Demnach kommt es weniger auf den Gegenstand als auf die Idee dahinter an. Diese Ansichten nahmen viele weitere Künstler in ihrem Schaffen auf. Doch was bedeutet Ready-Made im Lichte der digitalen und globalen Veränderungen des 21. Jahrhunderts? Braucht es ein Update? Im Haus der Kulturen der Welt wird diesen und weiteren Fragen nachgegangen.

Wo? Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Wann? 12. – 13. Oktober

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The analogueNOW! Photo Weekend 2017

Die Fans der analogen Fotografie oder die, die es noch werden wollen, können sich im Oktober auf ein ganzes Analog-Wochenende freuen. analogueNOW! präsentiert Show & Tell-Runden, Workshops, Portfolio-Reviews, Netzwerktreffen und Konzerte. Für die meisten Programmpunkte ist eine vorherige und zumeist kostenpflichtige Anmeldung notwendig.

Wo? BLO-Ateliers, Kaskelstr. 55, 10317 Berlin

Wann? 13. – 15. Oktober

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Gaumenschmaus: Berlin Food Week

In der Woche vom 14. – 21. Oktober 2017 wandelt sich Berlin zur Food-Metropole. Da wird probiert, experimentiert und geschlemmt was das Zeug hält. Zur kulinarische Reise laden unter anderem Berliner Köche, Gastronomen, Food-Entrepreneure und Manufakturen mit verschiedenen Veranstaltungen. Beispielsweise wird es ein House of Food oder ein Stadtmenü mit Pilz-Parade geben.

Wo? In ganz Berlin verteilt

Wann? 14. – 21. Oktober

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Donald Trump als Schauspieler

Wusstet ihr, dass sich Donald Trump bereits einen Namen in der Filmbranche gemacht hat? Der amerikanische Präsident trat seit 1981 immerhin in 25 Film- und TV-Produktionen auf. Er gewann sogar einen Filmpreis. Der Haken an der ganzen Sache: Es handelt sich dabei um die Goldene Himbeere für die schlechteste männliche Nebenrolle. Der Filmwissenschaftler Urs Spörri analysiert in einem filmwissenschaftlichen Vortrag die schauspielerische Performance des mächtigsten Mannes der Welt. Im Anschluss zeigt das City Kino Wedding die Trump-Doku „Kings of Kallstadt“.

Wo? City Kino Wedding, Müllerstraße 74, 13349 Berlin

Wann? 18. Oktober

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Zettelhochburg Berlin:
Joab Nist über seinen Blog Notes of Berlin

Optimismus heißt umgekehrt Sumsi mit Po. Das sollte mal gesagt werden, steht auf einem der vielen Zettel die Joab Nist tagtäglich auf seinem Blog Notes of Berlin digital konserviert. Ob überklebte Straßennamen, behangene Postkästen, bemalte Toilettenkabinen, oder Notizen an Haustüren und Klingelschildern: In der Stadt Berlin herrscht die reinste Zettelwirtschaft. An kaum einem anderen Ort hinterlassen Menschen so viele Botschaften auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Wir haben mit Joab über die Faszination der lustigen Zettel gesprochen.

Wie bist du auf die Idee gekommen “Stadt-Zettel” zu sammeln und sie dann in einem Blog zu veröffentlichen?

Ich bin selber vor 12 Jahren von München nach Berlin gezogen. Ich fand es aufregend, durch die Kieze zu gehen und zu gucken, ob man da was findet, was Berlin für einen charakterisiert. Bei diesen Spaziergängen sind mir immer wieder solche Botschaften, meist Zettel, aufgefallen. Einige von denen waren für mich wie ein AHA-Effekt: Ja stimmt, genau das ist für mich Berlin. Das passt genau hier her! Das war für mich wie ein kleiner Reiseführer durch die Stadt – nur auf eine andere Weise erzählt.  Ich wollte immer mehr von diesen Zetteln entdecken. Dann habe ich mir gedacht: Wie spannend wäre das eigentlich, wenn ich Zettel finden und dokumentieren kann, die auch aus den Ecken der Stadt kommen, in denen ich mich nicht herum treibe? Da braucht es Mitstreiter. Außerdem fand ich, dass die Zettel eigentlich eine größere Öffentlichkeit verdienen. Die hängen ja nur kurz da und sind dann für immer weg. Eigentlich sind sie Originale und Unikate, wo irgendjemand eine Geschichte erzählt. Sie sollen relativ ungefiltert zeigen, was die Menschen hier bewegt. Dass das sehr oft skurril ist, liegt daran, dass die Protagonisten, die so einen Zettel schreiben, in dem Moment nicht so viel nachdenken. Es kommt halt einfach raus und das ist dann halt oft komisch, aber authentisch.

Was sind das für Botschaften?

Eigentlich die komplette Alltagskultur. Also alle Dinge, die einem so täglich in der Großstadt begegnen. Dass jemand gerade verzweifelt einen Job sucht oder jemanden irgendwo gesehen hat und ihn wiedersehen möchte. Die Stadt ist zu groß dafür, er muss einen Zettel schreiben. Oder man beschwert sich über seinen Nachbarn, der sehr skurril ist. Ganz viele Zettel kommen aus Hausfluren und großen Mietshäusern. In Berlin ist es irgendwie gang und gäbe, dass man nicht klingelt, sondern sich Zettel schreibt, um sich über etwas zu beschweren oder um eine Party anzukündigen. Auf der Straße ist auch die Liebe ein ganz großes Thema. Ganz viele Menschen sehen sich irgendwo, haben die Nummern nicht ausgetauscht, sich nicht angesprochen und wollen sich wiederfinden. In einem Ballungsraum wie Berlin musst du dann halt zum Beispiel einen Zettel schreiben und den da aushängen, wo du die Person das letzte mal gesehen hast, damit du sie wiederfinden kannst. Da bringt dir auch ein Post auf Facebook nichts. Du erreichst mehr Leute, aber nicht die Person, die zufällig auch in diesem Kiez wohnt. Neben Diebstahl ist Sex ein riesen Thema. Wir haben wahnsinnig viele Zettel, wo man die Nachbarn rummachen hört. Es gibt auch politische Botschaften. Lost and found ist natürlich auch ein Klassiker.

Hast du ein paar Beispiele beziehungsweise Highlights, die dir spontan einfallen?

Wenn jemand seinen Stoffbären verloren hat und dann steht auf dem Zettel: “Finderlohn 500 Euro”, dann denkst du dir: War das was drin? Oder ist der was wert? Es gibt auch genau das Gegenteil: “Katze verloren. Finderlohn: Sieben Euro”. Warum Sieben? Ist dir dein Tier nicht mehr wert? Der eine verliert sein Geld, der andere seine Steuererklärung, der Dritte seinen Hamster, den er kurz bei der Bushaltestelle abgesetzt hat, um mal eben in den Späti zu gehen. Dann war der Hamster weg.

Warum gibt es so viele Zettel in Berlin, obwohl vieles nur noch digital stattfindet? Wo liegt der Reiz?

Es ist ein Kommunikationsmedium, was du heute trotz Internet quasi als Gegenentwurf noch nutzt. Wenn du zum Beispiel jemanden suchst und im Internet postet, bringt dir das ja nicht so viel. Wenn du nur deine Leute im Kiez ansprechen möchtest – im Sinne von “mein Fahrrad wurde gestohlen, bitte haltet die Augen offen”. Dann macht es einfach Sinn, das noch auf die alte Art und Weise zu kommunizieren. Ich glaube trotz Apps und der Digitalisierung, sind wir ja alle noch mit Papier und Stift aufgewachsen. Und das wird auch die nächsten Jahre noch so sein und das sollten wir auch nicht verlernen. Ich glaube, dass sich das auch ein bisschen initiiert und zum Mitmachen einlädt. Es hat auf jeden Fall eine viel persönlichere Note, als wenn du einfach irgendwo bei WG-Gesucht dein Inserat aufgibst oder einen Facebook-Post machst. Und es sind die Themen, die wir alle kennen: Fahrraddiebstahl, Liebeskummer, nervende Nachbarn. Das ist eines der Geheimnisse, warum das Projekt so gut funktioniert: Man kann sich damit sehr einfach identifizieren. Du brauchst kein großartiges Vorwissen. Du musst auch gar nicht aus Berlin kommen. Du musst Berlin auch nicht mögen, du kannst Berlin hassen. Denn diese Themen gibt es  teilweise auch in anderen Städten. Die Idee ist aber schon, damit Berlin zu charakterisieren und nicht die Zettel an sich. Deshalb ja Notes of Berlin.

Warum denkst du, dass ausgerechnet Berlin so zugekleistert wird?

In Gesamtdeutschland ist Berlin das Mecker der Zettelwirtschaft. Im öffentlichen Stadtbild kann man hier und da mal etwas hinterlassen, ohne, dass das Ordnungsamt gleich um die Ecke kommt. Das ist in München zum Beispiel anders. Das ist eine sehr saubere Stadt. Da siehst du nicht an irgendwelchen Laternen oder Ampelmasten Sachen kleben. Das ist auch verboten. Hier in Berlin sind ja quasi Schichten von Jahren, die sich außen herumwickeln. Es gibt Streetart, Graffiti, Guerilla Gardening – alles so Sachen, wo man auch im öffentlichen Raum mitgestaltend tätig ist. Das prägt glaube ich auch schon so ein bisschen das Gefühl “okay ich kann dort auch einen Zettel hinkleben. Das macht doch jeder”. Alle machen hier irgendetwas. Und das hast du im Vergleich mit anderen deutschen Städten nicht in dem Ausmaß.

Was verraten die Notizen über die Menschen in Berlin?

Es gibt dir einen Einblick: Wovor haben die Menschen Angst? Was treibt sie um? Ist es die Wohnungsnot? Es gibt auch Leute, die sich darüber beschweren, dass das Haus immer internationaler wird. Dann kriegt man auch oft den Eindruck, Berlin ist die Stadt der Singles, Berlin ist einsam und anonym: Wieso suchen die sich alle? Wieso sprechen sie sich nicht an? Wieso hat niemand irgendjemanden? Man merkt auch, dass viele schon manchmal ein bisschen gestresst sind. Man reagiert oft ein bisschen über,  man toleriert vielleicht viel, aber irgendwann reicht es einem. Und man nimmt einfach kein Blatt vor den Mund. Wenn du irgendetwas zu sagen hast, dann sagst du es – auch ungefragt.  Und ich glaube das ist auch wichtig in so einer Großstadt wie Berlin, dass man sich halt irgendwie Gehör verschafft, auch wenn es anonym ist. Dass du irgendwie raus kannst, du brauchst irgendein Ventil.

Und das ist dann der Zettel?!

Genau, vor allem wenn wir von Beschwerden sprechen. Es zeigt aber auch, wie kreativ Berlin ist. Es gibt Zettel, die sind unfassbar talentiert gezeichnet, geschrieben, richtig um die Ecke gedacht und mit so viel Leidenschaft verfasst. Auch die Leute, die mit einem gewissen Ideal hier herkommen oder einen gewissen Lebensstil leben wollen, spiegeln sich in den Zetteln wieder. Und Naivität. Deswegen ist es wie ein Querschnitt durch all die verschiedenen Bezirke und Mietshäuser. Es sind nicht nur die Hipster aus Neukölln oder Kreuzberg, die da Texten. Was auch wieder zeigt, dass es nicht nur ein Phänomen von jungen oder alten Leuten ist, so einen Zettel zu schreiben. Es ist ein Gesellschaftsding.

Du verbreitest die Zettel auch auf Instagram und Facebook. Warum teilen die Nutzer deine Blog-Inhalte dort so leidenschaftlich?

Weil du die Situation oft nachvollziehen kannst. Das sind so radikale Alltagsthemen, eines davon trifft dich immer irgendwie. Dann willst du das auch mit anderen teilen. Deswegen läuft das so gut auf den sozialen Netzwerken. Leute kommentieren auch viel. Bei manchen Posts entstehen ganz lange Kommunikationsstränge. Das ist auch ziemlich spannend, weil du siehst, was die Menschen umtreibt. Sonst gibt es keine Möglichkeit oder keinen Grund, über solche Themen zu sprechen, weil es keine Plattform dafür gibt. Und weil es eigentlich zu alltagsbezogen ist. Wenn du aber Zettel quasi als Auslöser hast, dann kannst du das Thema auch ein bisschen mehr aufmachen. Deswegen ist es auch oft so, dass so ein Zettel manchmal eine Initialzündung ist. Da kommentieren auf einmal 50 Leute zum Thema zugezogen in Berlin oder zur Ghettofizierung, obwohl das gar nicht impliziert war.

Es gibt bereits Bücher und Kalender über das Zettelphänomen. Und auch ein Film wird kommen. Hast du noch weitere Zukunftspläne?

Neuerdings mache ich Live-Lesungen, mit einem „Best of“ der Zettel. Die werden auf Leinwand projiziert und ich interpretiere sie ein bisschen. Mir macht das auch noch mehr Spaß als zu posten, weil ich ja die Reaktionen der Menschen sehe. Dann wird es auch wieder Offline-Ausstellungen geben. Zum Beispiel hat das “The House” Projekt stattgefunden. Das war ein großes urban art Event in Berlin. Da hatte ich zweieinhalbtausend Zettel ausgedruckt und alle in einem Raum an die Wand geklebt. Was sehr spannend war, weil man den Zettel offline wieder dahin bringt, wo er eigentlich herkommt, er durch den Ausdruck wieder haptisch wird. Das ist auf ganzen Wänden gebündelt und du hast nicht wie im Internet einen Zettel, auf den du klickst. Das ist toll, wenn du spürst, wie die Leute dann darüber reden, sich hier und da anstupsen. Du bewegst dich in diesem Raum und da wo dein Auge hinfällt, liest du ein bisschen was, du musst aber auch nicht alles lesen. Du bist dann in so einem Kosmos gefangen.

Hier eine kleine Auswahl an amüsanten Zetteln:

Titelbild: @Leon Kopplow

Sound und Videokunst von Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, documenta 14

Documenta 17: Unbekannte Sprachen
in Schallwellen und Videokunst übersetzt

Mit “Lost and Found” präsentiert die Künstlerin Susan Hiller auf der documenta 14 in Kassel eine 20-minütige Videoinstallation. Darin setzt sie sich mit fast verschwundenen, vergessenen, gefährdeten, seltenen oder wiederbelebten Sprachen auseinander. Das akustisch Fremde wird durch sichtbare Schallwellen und Übersetzungen erlebbar gemacht – durch die Ansprache verschiedener Sinne vielleicht sogar vertraut?!

Neue alte Sprachen akustisch visuell entdecken

In der Videoinstallation “Lost and Found” auf der documenta 14 erklingen 23 unbekannte und besondere Sprachen. Die Redner entstammen der jeweiligen Kultur und erzählen von ihrer Herkunft, Familiengeschichte, der Sprache und ihrer Verbreitung. “Kaurna” ist zum Beispiel eine Sprache, die wiederentdeckt wurde. Der Redner heißt im Englischen Vincent Buckskin, in Kaurna wird er hingegen übersetzt “the Rock” genannt. So viel zum Hören. Sehen kann der Betrachter eine sich zum Sound bewegende Schallwelle auf einem schwarzen Bildschirm. Der grüne Graph eines Oszilloskop (elektronisches Gerät, das Spannung über einen zeitlichen Verlauf darstellt) folgt den Sound-Frequenzen durchgehend und schlägt entsprechend aus. Durch englische Untertitel wird dem Betrachter das Gesagte übersetzt.

Richard Grayson sieht in dem Werk eine “Technik, die die Stimmen der Toten vernehmbar macht. Werden sie gehört, so kehren sie unter die Lebenden zurück, um artikuliert zu werden, um die Kartierungen und Erfahrungen jener Welten zum Ausdruck zu bringen, die in diesen Sprachen enthalten und beschrieben sind”.

Videokunst: Screens des Kunstwerkes Lost and Found
Susan Hiller, Lost and Found (2016), Videoinstallation, Farbe, Ton, 20 min (Loop), © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, courtesy Susan Hiller und Lisson Gallery, London, New York, Milan

Susan Hiller verbindet Sound und Videokunst

Susan Hiller ist eine US-amerikanische Künstlerin. Sie widmet sich der Malerei, Objekt-Kunst, Installation sowie der Fotografie. In den Fokus ihres künstlerischen Schaffens gerieten zunehmend innovative Experimente mit audiovisuellen Techniken. Viele ihrer Arbeiten sind Multiscreen-Videos, die zahlreiche andere Künstler inspirieren. Thematisch beschäftigt sie sich vor allem mit den kulturellen Gegebenheiten und Veränderungen. Susan erforschte in ihrer Kunst unter anderem auch spirituelle und paranormale Aktivitäten. So zum Beispiel in der Audio-Skulptur “Witness”. Deren Gegenstand sind mündliche Aussagen von Menschen, die nach eigenen Angaben Außerirdischen begegnet sind und davon berichten. In der mehrkanaligen Videoinstallation “Channels” (bestehend aus 106 (Röhren-)Fernsehern, 9 Media Playern, 7 DVD-Playern u. A.) thematisiert sie im Flackern zahlreicher Medien Nahtoderfahrungen.

100 Protestsongs auf der documenta 13

Die Künstlerin war bereits 2012 auf der documenta vertreten. Dort zeigte sie das akustisch-optische Kunstwerk “Die Gedanken sind frei”. In der Installation war eine Musikbox mit einer persönlichen Zusammenstellung von Liedern integriert. Die Songtexte feiern die Freiheit und stellen einen Protest gegen das Vergessen und Aufgeben dar. Einer der Musiker: Johnny Cash, der für die unterdrückten Rechte der „American Indians“ singt.

Titelbild: @Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, Kassel, documenta 14, © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Liz Eve

Scrabble Wort Like zum Artikel mit dem Thema: Neue Wörter im Duden 2017

Neue Wörter im Duden 2017:
berlinern und facebooken

Ketschup und Majonäse sind (in dieser Schreibweise) aus, jetzt gibt es Low Carb. Alle paar Jahre wird er aktualisiert, morgen ist es wieder soweit: Der neue Duden erscheint in der 27. Auflage. Das Nachschlagewerk wurde überarbeitet und um 5.000 neue Wörter erweitert. Diese drehen sich um die Gegenwartssprache, Veränderungen im Wortschatz sowie aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Vom “Selfiestick” über das “Kopfkino” bis hin zur “Flüchtlingskrise” und der “Filterblase” ist so einiges dabei. Für manche ist es, nach der Bibel, das wichtigste Buch, für andere einfach nur ein dicker Wälzer. Die Redaktionsleiterin Dr. Kathrin Kunkel-Razum sagt, dass man zeigen möchte, “was man mit Sprache alles machen kann – eben nicht nur relativ dröge Wörterbücher“.

“Besonders berlinisch”: Es ist nie zu spät für den Späti

Berlin erobert den Duden! Vielleicht liegt das auch ein wenig daran, dass die Redaktion des Nachschlagewerkes kürzlich von Mannheim in die Hauptstadt gezogen ist!? Wir Berliner und Brandenburger kennen ihn natürlich – unseren Späti. Doch für all diejenigen, die dabei an einen notorischen Zuspätkommer denken, denen erklärt der Duden nun gerne: Späti = eine Spätverkaufsstelle. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Kathrin Kunkel-Razum vom Dudenverlag ist ganz entzückt vom Berliner Wortschatz: „Das macht mir selber Spaß. Das gehört zu Berlin. Diese Abkürzung auf -i ist auch sehr schön, das klingt einfach nett“. Auch das das Wort “Icke” – nicht einfach nur irgendein dialektisches Personalpronomen, sondern Kult! Deshalb taucht auch diese Mundart nun im Duden-Verzeichnis auf. “Ick, betont oft icke (ugs., besonders berlinisch für ich)”, heißt es dort.

Neue Wörter im „Digi-Duden“: Die Reaktionen im Netz

Auch das Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung kommt an der fortschreitenden Digitalisierung nicht vorbei – inklusive englisch-amerikanischer Bezeichnungen: Selfie, Selfiestick, Tablet, Social Bot, pixelig, Datenbrille, Emoji, Filterblase, liken, Cyberkrieg, facebooken, entfreunden, Livestream, Klickzahl und Darknet sind nur einige Beispiele.

Der Duden legt mit den Begriffen verpeilen, rumeiern, abgezockt, futschikato, Tüddelkram, runterwürgen, Honk und Ramschniveau auch zu einem lockeren Small-Talk auf. Die Netzgemeinde reagiert insgesamt gespalten auf Jumpsuit, Schmähgedicht, Veggie und Co.

Die einen finden es witzig…

Andere sind sogar überrascht…

Oder einfach nur erfreut…



Doch auch die „Hater“ bleiben nicht aus und sehen ihre „Work-Life-Balance“ gestört…




Dass die Begriffe im Duden nicht nur flüchtige Modewörter sind, weiß kaum jemand. Denn welche Wörter es in das Verzeichnis schaffen, liegt nicht in der Entscheidungsmacht einer Person und ist keine Frage des individuellen Geschmacks. Vielmehr bestimmt der alltägliche Sprachgebrauch die Auswahl: „Im Prinzip reden aber 80 Millionen Menschen mit“, so Kunkel-Razum. In eine elektronische Textsammlung werden unterschiedlichste Artikel, Gebrauchsanweisungen, Romane und anderes Material eingepflegt. Computerlinguisten filtern dann neue Begriffe heraus. Aus diesem Pool wiederum, bestimmen die Redakteure die finalen Kandidaten.

Duden – Die deutsche Rechtschreibung. 27. Auflage, 1264 Seiten. 26 Euro, ISBN 978-3-411-04017-9. Erstverkaufstag 9. August

P.S.: Neue Wörter gibt es natürlich auch online auf duden.de

Litfaßsäule mit Plakaten und Anzeigen. In der Mitte das Cover des Buches Das Stammeln der Wahrsagerin über eBay-Geschichten

Hochzeitskleid, garantiert ungetragen:
Sarah Khan über eBay-Geschichten

Der Verkauf eines ungebrauchten Brautkleides, einer Pferdebuchsammlung zur Absicherung der Rente, ein Designersofa, das lange Zeit nicht einmal jemand geschenkt haben will – auf eBay-Kleinanzeigen tummeln sich nicht nur Kauf-und Verkaufsangebote, sondern auch jede Menge Geschichten.  Sarah Khan hat ein Buch über die Storys hinter den Inseraten geschrieben – “Das Stammeln der Wahrsagerin: Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen”. NeoAvantgarde hat sich mit der Autorin getroffen.

Welche Arten von Geschichten beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich. Es sind nur acht Geschichten und es hat fast so ein bisschen den Charakter eines Plattenalbums. Jede Geschichte steht für eine eigene Idee. Das Buch fängt relativ heiter an, mit einer eher witzigen Geschichte, mit jemanden, der sein Designersofa aus den 90ern verschenken will, weil er seine Wohnung MidCentury original einrichten will. Es stört und dann fängt das Sofa auch noch an zu sprechen und erinnert ihn an seine soziale Verantwortung. Und dann muss er sich mit einem Interessenten abquälen, der sich nicht entscheiden kann. Das ist eher heiter, aber danach geht es ja gleich weiter. Da gibt es eine traurige Geschichte von einer Frau, die die Wohnung ihres verstorbenen Sohnes ausräumen muss. Von jedem einzelnen Gegenstand nimmt sie einzeln Abschied, schreibt über jeden Gegenstand einen Text und wohnt monatelang in dieser Wohnung bis alles verkauft ist. Das war eine Geschichte, die mir schwer gefallen ist zu schreiben.

Heißt das, Sie haben auch fiktive Elemente mit einfließen lassen?

Ja – wenn es geholfen hat ein bestimmtes Anliegen zu unterstreichen. Dass es zum Beispiel nicht so einfach ist, Sachen wegzugeben oder zu verschenken oder loszuwerden. Man kann das natürlich entsorgen oder entsorgen lassen. Das kostet Geld. Wenn man es verschenken will, kostet es Zeit. Viele Dinge haben ja auch ihren objektiven Wert. Aber viele Details sind immer super interessant und könnte ich mir nie ausdenken.

Sie haben ursprünglich selbst bei eBay-Kleinanzeigen Produkte für Ihr Wochenendhaus gesucht. An welcher Stelle wurde Ihnen bewusst, dass sich hinter den Anzeigen interessante Geschichten verbergen könnten?

Erst einmal bin ich auf die Sprache abgefahren. Ich habe gemerkt, dass viele Leute eine sehr volkstümliche Sprache pflegen. Das hat mich ziemlich begeistert. Das ist so ein rauer, raffer Ton, den es in der Literatur nicht mehr so viel gibt. Das waren dann für mich teilweise literarische Kleinoden, wie: “Bitte zu zweit kommen. Kein ‘Fass mal mit an’”. Das fand ich irgendwie faszinierend, dass die Leute dann auch einfach so ihre ganzen Befindlichkeiten anmerken: “Ich verkaufe zwei Edelsteintöpfe für zehn Euro. Der eine müsste noch geschruppt werden, aber wer keinen zusammenhängenden Satz schreiben kann, braucht sich gar nicht erst melden”. Da habe ich dann auch erst einmal versucht, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen und habe denen teilweise auch frech zurückgeschrieben und einfach nur sprachlich darauf reagiert – ohne gleich die Idee gehabt zu haben, die zu treffen,  zu begleiten oder über Monate sprechen zu wollen. Einfach nur: Was passiert wenn man denen schreibt? Die guten Geschichten waren nicht unbedingt da, wo die Dinge waren, die ich für mein Haus brauchte. Ich musste ganz viele Leute immer wieder anschreiben und kontaktieren.

Wie haben die Nutzer auf Ihre Anfrage reagiert?

Der Anbieter diktiert wie das läuft. Aber ich habe auch viele angefragt, die dann gesagt haben: „Nein ist nicht“. Und andere waren ganz begeistert und haben gleich etwas mit mir ausgemacht und haben mich auch zurückgerufen.

Wie gestaltete sich die persönliche Kommunikation mit den Personen – im Gegensatz zur Online-Kommunikation?

Komischerweise habe ich oft das Gefühl gehabt, dass mir Leute sehr schnell alles mögliche erzählen. Was mich jetzt fast ein bisschen ängstigt, weil man dann sehr viele Geheimnisse von anderen Menschen mit sich herum trägt. Berlin ist riesig groß, man findet immer Verbindungen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich selber geografische Zweige habe. Es war fast wie ein Orakel meines eigenen Lebens, wenn ich Leute über eBay-Kleinanzeigen kennengelernt habe, dass man doch irgendwo im Hintergrund gemeinsame Bekanntschaften hat oder gemeinsame Menschen kennt und so einen kleinen Einblick hat. Und dann weiß man teilweise auch Sachen, die man gar nicht wissen wollte.

Also offenbaren sich Beziehungsräume?

Es gibt sicher viele, die das sehr systematisch benutzen für jeden Aspekt ihres Lebens. Und ich habe auch gemerkt, ich selbst mache es auch sehr oft: wenn ich irgendetwas brauche oder ein Bedürfnis habe, dann gehe ich auf dieses Portal. Das ist total interessant. Man kann Menschen darüber kennen lernen, man kann ausmüllen, man kann verschenken und man kann tauschen. Aber das ist auch interessant: was verschenken die Leute, was gilt heute als verschenkt und welche komischen Bedingungen und Ruppigkeiten sind daran geknüpft? Oder wie gehen Leute mit illegalen Zwischenräumen um? Wenn die quasi gewerblich Sachen in ihrer Wohnung verkaufen: Was ist der Unterschied zu Jemanden, der einen Laden hat? Das merkt man auch: die Leute sind dann hochgradig nervös und wollen einem auch nicht viel erzählen. Die meisten sind aber sehr privat. In Berlin ist es ja eh immer alles ziemlich offen. Manche sind so: „Komm erstmal rein, trink einen Kaffee, zieh dir die Schuhe aus“.

Ein bisschen habe ich auch das Gefühl, das Buch handelt von den Problemen, die die Leute heute mit Geld und Arbeit haben. Viele sind ja heute freiberuflich, prekär, ziehen oft um, müssen Sachen wieder einrichten und aufgeben. Und eBay-Kleinanzeigen ist auch IKEA-Friedhof.

Die Plattform könnte als digitaler Trödelmarkt bezeichnet werden. Was glauben Sie, ist der Unterschied? Wie verhalten sich die Menschen im Gegensatz zum realen Marktbesuch? Dort hat man ja beispielsweise wenig Möglichkeiten der Rückversicherung oder Recherche.

Dass man ins Private geht, also die Auflösung. Die Industrialisierung hat gebracht, dass die Menschen nicht mehr Zuhause, im Gehöft oder in einem Hof gearbeitet haben. In der bürgerlichen Kultur gab es das Haus mit Bediensteten. Der Mann ging morgens in die Fabrik als Direktor oder als Arbeiter. Und die Frau war dann sozusagen einsam, fing an zu lesen, sich zu bilden und so weiter. Und jetzt gibt es ja seit einigen Jahrzehnten wieder dieses Homeoffice, Freiberuflichkeit, dass man das gar nicht mehr so richtig trennen kann, wo man arbeitet und, ob man gerade lebt oder arbeitet. Und jetzt werden auch die Wohnräume zu Geschäftsräumen. Man bringt völlig fremde Leute über eine Verabredung im Internet in sein Haus und verkauft alte Sachen von sich. Und dann gibt es sozusagen eine kurze Begegnung. Die meisten Leute sind ja auch nicht so wie ich, dass sie sich dann hinsetzen und sagen “erzähl mal”. Viele sind sehr knapp und distanziert. Das bin ich nicht, ich bin eine Autorin, ich will das alles hören. Es belastet mich teilweise auch oder wird mir zu viel oder denke mir, was soll der banale Kram. Aber letztendlich kann man in diesen banalen Geschichten oft interessante Sachen finden, das glaube ich zutiefst. Das ist eigentlich das Entscheidende. Früher gab es Künstler, die sich eine Ladenwohnung gemietet haben, in der sie lebten und den ganzen Tag war Verkaufsausstellung. Du konntest reingehen und sagen “komm lass uns ein Bier trinken und jetzt kaufe ich dir eine Kaffeekanne ab”. Oder es gab Boutiquen in London oder so, das waren einzelne Kunstwerke. Heute macht das jeder: Das Konzept, dass das eigene Haus nicht nur bei Airbnb ist, dass man diese Grenzen nicht mehr hat.

Was glauben Sie, warum sich die Nutzer dazu verleiten lassen, ihre persönlichen Geschichten anzudeuten? Bei eBay zählt ja eigentlich eher der schnelle und praktische Kauf und Verkauf.

Genau, aber man sagt eben auch, es ist kein Anbieten wie “Sauer-Bier”. Also es muss ja schon etwas Geliebtes sein. Es kommt aus einer anderen Zeit. Es steht für etwas und da reichen solche Kategorien wie neu oder alt gar nicht mehr, weil Dinge dann einen Wert aufladen können, wenn sie alt sind oder wenn sie gewisse Spuren haben oder aus einer bestimmten Mache kommen, die heute nicht mehr produziert wird. Aber man begibt sich immer häufiger auch in die Verkäufer-Perspektive. Was machen denn Verkäufer, wenn sie Dinge anpreisen? Sie schmeicheln, sie stellen die Dinge in das richtige Licht, sie erzählen auch irgendwo eine Geschichte. Diese Idee, dass man durch Dinge erst lebt, also durch den Besitz und die Ingebrauchnahme von Dingen. Das Problem ist nur, und das zeige ich ja auch an einer Geschichte, dass wenn da keiner ist, wenn man einsam ist: du kannst dir einen Tischgrill kaufen, aber du kannst dir nicht die Menschen kaufen, die mit dir Grillen.

Bei eBay ist es schon eher nüchtern und man kann nicht sofort hingehen. Dort ist es eher ein Einblick in viele Wohnzimmer. Wenn man irgendwo in Deutschland mal reist und man fährt an kleine Orte oder Städte: Ich finde das so interessant, sich dann die eBay-Kleinanzeigen aus dem Ort anzusehen. Dann sieht man so viele Wohnzimmer. Es sind sozusagen Museen des Alltags. Die Leute fotografieren Sachen, im Hintergrund sieht man das Fenster, sieht man die Straßen, man kann das teilweise total zuordnen, man sieht Garagen, man sieht ein Zimmer, man sieht wie Leute ihre Klamotten einräumen oder nicht einräumen und Haustiere. Man sieht sehr selten Menschen. Bei Hochzeitsfotos ist es oft so, dass die Gesichter ausgeschnitten sind. Ansonsten ist das einfach eine richtig interessante, kulturwissenschaftliche Quelle. Man kann sehr viele Bilder, Geschichten, Poesie und so weiter finden.

Könnte man Ihrer Meinung nach sagen, dass die Anonymität des Netzes unbewusst zu einer großen Intimität verleitet?

Man spricht erst einmal in einen Raum hinein. Wenn ich Sachen von meinen Kindern verkaufe, ertappe ich mich dabei, dass ich sage “meine Tochter hat das total gerne gespielt, das ist vollständig, das begeistert jede Fünfjährige“ oder so. Und auf einmal wird man so vertrauensselig, obwohl da gar keiner steht. Also wenn da einer stehen würde, mich anschaut, dann würde ich das wahrscheinlich nicht machen. Deshalb spricht einiges für diese Theorie. Es ist ein interessanter Effekt aus diesem Widerspruch heraus. Dazu kommt eben, dass außer der Privatheit eigentlich nichts anderes für die Dinge sprechen kann – außer das Anfüllen der Dinge mit der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen Emotionalität. Also wir beleben, wir beseelen diese Dinge mit unseren Empfehlungen und die Empfehlungen kommen aus unserer Ingebrauchnahme. Und die Gebrauchnahme ist natürlich so, dass sie fast keine Spuren hinterlassen hat, also fast wie neu ist, nur wenig getragen – aber gleichzeitig heiß geliebt: “Meine heiß geliebten Gummistiefel, die ich nur zwei Mal getragen habe, aber jetzt ziehe ich nach Südspanien, wo es nie regnet”. Solche Muster hat man ständig. Also es ist nichts Individuelles in dem Sinne oft zu finden, also selten. Und dann merkt man, dass es da eine Störung gibt. Und darauf habe ich am ehesten noch reagiert, dass es sozusagen manchmal Abweichungen von diesen Mustern gegeben hat.

Die von Ihnen gewählten Inserate haben einen gemeinsamen Nenner: Sie stammen von Berlinern. Haben sie den Eindruck, dass Berlin eine besondere Stadt mit besonderen Geschichten ist?

Ja – da bin ich mir ganz sicher, weil hier einfach eine enorm große und auch eine in ständigen Veränderungen befindliche Stadt ist und viele zuziehen, wegziehen, arm sind. Es betrifft ja nicht nur Arme, einfach, dass die Menschen hier sehr offen sind. Dass es sozusagen einen hohen Umschlag-Rhythmus gibt. Und gerade erben unheimlich viele Menschen Sachen, die man heute nicht mehr benutzt, riesige Schrankwände, Aquarien, solche Dinge, die zu einer ganz anderen, viel gefestigteren Lebensweise gehören, zu der alten Bundesrepublik oder zur DDR. Also wo die Leute wirklich mit 15, 20 ihr Leben durchplanen konnten. Und heute ist es nicht mehr so. Die ganzen schweren Möbel unserer vorherigen Generationen sind schon jetzt eine enorme Belastung für Menschen, weil sie gar nicht mehr so ein gesetteltes Leben führen können. Und nicht jedes Mal einen Schwertransport organisieren wollen. Wir haben viele Singles, wir haben viele Leute, die ziehen zusammen und trennen sich wieder, müssen Familien über zwei, drei Haushalte organisieren. Es sind heute einfach andere Bedingungen. Viele Leute sind so froh, nur dass sie die Sachen los sind, dass sie sie verschenken können. Und auf dem Land ist es nicht so. Man hat viel größere Wege, man möchte nicht, dass die Nachbarn zu viel sehen. Weil es ja auch wirklich, gerade im Bereich der Geheimnisse, zu Konflikten kommen könnte. Man möchte auch nicht zu nah sein, weil man dann auch abhängig oder ausgeliefert wäre. Denn Nähe bedeutet Information, bedeutet, es könnte Klatsch geben usw.. Man baut viel mehr an einem Bild von einem, was die anderen haben, weil sie einen sozusagen ständig spiegeln. In Berlin versendet es sich, es diffundiert, es löst sich viel stärker im allgemeinen Getöse auf. Das empfinden ja auch sehr viele als angenehm am städtischen Wohnen, dass man sich nicht so von den anderen beobachtet fühlen muss, wie man es im Dorf tut. Und entsprechend gehemmter sind die Menschen in den Dörfern und haben ja auch ganz andere historische Erfahrungen.

Im Netz ist es erstmal oberflächlich. In dem Moment, wo man sich trifft und begegnet, ist es wieder die ganz normale menschliche Begegnung und es gibt solche und solche. Das Portal ist nur eine Möglichkeit der absoluten Vernetzung mit Leuten.