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Theater 2.0:
Eine Bühne zwischen Virtualität und Realität

Wir waren im Theater … und eigentlich auch wieder nicht. Denn es handelte sich um keine gewöhnliche Vorstellung. Gespielt wurde nicht etwa auf einer klassischen Bühne, sondern ortsunabhängig, online, in einem Livestream des World Wide Web. Theater 2.0, das Web als neue Bühne, funktioniert das?

Online-Theater.live – so nennt sich das Projekt, welches von den Schauspielern Caspar Weimann und Saladin Dellers gemeinsam mit NUU, einer experimentellen Plattform für junge Künstler, “ins Netz gerufen” wurde. Dabei geht es nicht darum, ein Stück aufzuzeichnen und in den Medien zu verbreiten, sondern es online entstehen und sich entwickeln zu lassen. Eine Gruppe junger Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kreieren ein mobiles, eigens fürs Internet inszeniertes Online-Erlebnis: Die Schauspieler sind unterwegs, filmen sich mit verschiedenen Medien und übertragen die Inhalte per Livestream in dein Wohnzimmer. Teile der Story werden mit dem Online-Publikum im Foyer, einem parallel laufenden Chat, besprochen und final gestaltet. Jeder kann kostenlos zuschauen und mitkommentieren. Das Netz und seine User werden dadurch selbst Teil der Inszenierung. In dieser Situation ist Spontanität, Improvisation und Interaktion gefragt. Doch ist das noch Theater? Oder schon Film? Ein Event? Eine Live-Sendung wie im TV? Die Macher der gestrigen Aufführung “follower” nennen es ein “on-the-road-multicam-live-improfilm-theater”. Was für eine Wortneuschöpfung! Schon diese Bezeichnung erweckt den Eindruck, als fiele es auch den Künstlern schwer, eine Einordnung vorzunehmen. Aber vielleicht ist es genau diese Vernetzung und Kombination von Stilen und Techniken, die das Ganze zu etwas Besonderem und einer neuen Form der Kunst macht?

So auch das Stück Follower?

Kurz vor 21 Uhr: Noch schnell etwas zu Abend gegessen, den Akku des Laptops aufgeladen, und ab auf die Couch im Schlabberlook. Ein ganz besonders gemütlicher Theaterbesuch. Gespannt sitze ich vor dem Bildschirm und starte den Livestream. Im Foyer, dem Chat, ist noch nicht so viel los, es wird sich begrüßt und das Gefühl der Neugierde geteilt. Ein für das Projekt typisch neon-grünfarbiger Cursor vor schwarzem Hintergrund, begleitet von einem sich aufbauenden elektronischen Hintergrundton nährt die gespannte Erwartungshaltung. Dann geht es auch schon los. Der Dreh mit Kamera im Selfiestickmodus beginnt. Die Anzahl der Viewer: 34. Die Szenerie: zwei Schauspieler, ein Mozart mit billiger Perücke auf dem Kopf und einer Scherpe um den Hals, eine Nixe mit gleichermaßen verkitschtem Kostüm vor dem Hintergrund wild zusammengewürfelter und improvisiert wirkender Kulissen (ein roter Samtvorhang, goldenes Lametta und ein Papp-Zeppellin sprechen für sich). Hilfe, ist das Kunst? Erkenne ich den hohen Anspruch dieses Werkes nicht? Doch wie so oft im Leben ist es nicht immer nur der erste Eindruck, der zählt. Eine kurze überspitzt-kitschige und übertrieben gespielte Szene und einen Kamerawechsel später wird klar: dies ist nur ein Spiel im Spiel. Denn im Mittelpunkt des Abends steht der Schauspielstudent Benjamin.

Eine Story von und mit den Digital Natives unserer Zeit

Er ist mit Ellie (der Nixe) zusammen. Oder doch nicht? Angesichts dessen, dass Ben den ganzen Abend über unbedingt zu seiner Verflossenen Lena möchte, ist dies dem Zuschauer nicht einhundertprozentig klar. Es wirkt so, als wollten die Macher die Auswirkungen der Online- auf die Offline-Welt darstellen sowie stereotypen Mann unserer Generation Y: dynamisch, abenteuerlustig, auf der Suche nach sich selbst, in der Vergangenheit schwelgend, in die Zukunft blickend, träumerisch und ernüchtert zugleich. Während er nicht so recht weiß, was er will und sich alle Optionen offen hält, vergisst er dabei manchmal die Gegenwart und läuft so Gefahr, die Zukunft mit Ellie zu gefährden. Die Künstler selbst beschreiben es so: “es dreht sich hierbei um das Verhältnis eines Menschen zum System Internet und zum Strom seiner Zeit. Wohin können die Möglichkeiten des anarchistischen und fast gesetzlosen Raumes Internet Menschen und ihre Gefühle treiben – vor allem im Bezug auf ihre Alltagsumgebung Stadt. Was bietet mehr? Das Internet oder das urbane Umfeld?”

Der digitale Raum: Durch ihn ist es möglich, mit jedem jederzeit vernetzt zu sein und zu bleiben. Alte Kontakte können aufgewärmt, neue schnell geschlossen werden. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie zwischen Realität und Virtualität. Die im Stück vielfältig eingesetzten Medien und Plattformen unterstreichen diese Tendenz. Es wird mit Smartphones gefilmt. Das Publikum kann die Handlung dabei auf mehreren Ebenen verfolgen: Es kann beispielsweise sehen, wie Ben die Kamera auf sich und Ellie hält, während er selbst gefilmt wird.

Theater Online

 

Und auch die Locations werden gewechselt: eben noch in der Natur, nun im Keller, eben noch mit dem Auto, nun mit dem Roller durch die Stadt, eben noch die Kameraperspektive vom trockenen Ufer aus und im nächsten Moment mit Ben im kalten Nass des Flusses, eben noch auf der Straße, dann im Bildschirm. So gibt es Szenen, in denen in den Screen eines Handys geschaltet wird, sodass der Zuschauer verfolgen kann, wie der Protagonist googelt, seine Anrufliste checkt oder sich in Ellies Vlog auf Youtube klickt. Doch Inhalte, Handlungen und Stimmungen wechseln sich ab. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist mal harmonisch, mal chaotisch, mal feindselig, ernst und dann wieder glücklich. Eben liegen die Protagonisten noch halb nackt im Bett, dann ermorden sie im Affekt eine Frau.

Theater Online

 

Überraschend und unterhaltsam waren außerdem die Kommentare im Foyer. Der Chat wird beispielsweise für inhaltliche Nachfragen genutzt (“wer ist der gruselige Typ?”), für Wertungen (“lahm”), für technische Fragen oder einfach einem Austausch über das Theater genutzt. Ein Zuschauer merkte sogar: “die sind gerade bei mir vorbei gefahren”. Dies zeigt eine neue Dimension, in welcher das Online-Theater stattfindet. Nicht der Zuschauer kommt zum Theater, sondern das Theater zum Zuschauer – manchmal sogar wortwörtlich ;). Am Ende kam es auch zu Aufrufen und Storywünschen wie: “Küssen!”. Genau das dachten sich wahrscheinlich viele Zuschauer, denn die Situation war dramaturgisch daraufhin ausgelegt. Es schien als würde es jeden Moment passieren. Und dann wurde die Situation doch wieder entschärft, dem Wunsch nicht stattgegeben. Sehr unterhaltsam war es ebenfalls, dass auch das Produktionsteam (Bühnenbild: “eigentlich haben wir Feierabend”) sowie die Figuren selbst (Lena: “ich warte auf dich”) antworteten. Und auch hier wechselten die Perspektiven: einerseits die Sicht des Produktionsteams, andererseits die der Figuren.

Theater Online

 

Derartige Veränderungen sind durch ihre Unvorhersehbarkeit spannend. Auch externe, von den Schauspielern nicht beeinflussbare, Gegebenheiten haben ihren ganz eigenen Reiz. So sind die Blicke der vorbeilaufenden und nichtsahnenden Passanten einfach nur zu köstlich. Wirklich nichtsahnend? Gleichzeitig fragt man sich: Ist das Gezeigte wirklich Realität oder doch Inszenierung? Schwimmt dieser eine Mann dort zufällig durch das Bild oder wurde er gezielt platziert?

Spontan und unberechenbar

Doch all die Dynamiken führen zugegebener maßen dazu, dass man gezwungen ist, das Ganze mit höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der parallel laufende Chat ist interessant, aber das Multitasking-Talent, das einem hier abverlangt wird, ist selbst für mich als weibliche Zuschauerin nicht immer einfach abzurufen. Hinzu kamen Probleme beim Verbindungsaufbau: Der Livestream blieb immer mal wieder stehen. Im Foyer bestätigten manche Zuschauer, dass die Übertragung nicht flüssig sei. Auch akustisch waren die Schauspieler nicht immer optimal zu verstehen. Mitten in der Geschichte stürzte dann auch noch die Website ab. Das bemerkte auch der Protagonist selbst, als er die Zuschauer fragen wollte, was er in seiner Situation nun tun solle. Doch hey – wir befinden uns in den Weiten des Internets. Als Digital Native habe ich gleich mal auf der Facebook Seite des Projektes geschaut und siehe da: Ein Alternativ-Link zu einem neuen Livestream stand bereits zur Verfügung. Die Technik des Online-Theaters – Fluch und Segen zugleich – irgendwie eine Ironie des Schicksals.

An dieser Stelle kann ein weiterer Vorteil des Online-Theaters greifen: Ich habe die Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können (ohne, dass mich jemand komisch anschaut und ich dadurch peinlich berührt bin). Dennoch bin ich drangeblieben. Zum einen, weil die Übertragung besser wurde und zum anderen, wollte ich dann doch wissen, wie es ausgeht. Am Ende scheint es, als habe Ben sich gegen eine Flucht und für eine Zukunft mit Ellie entschieden. Doch sicher kann sich der Zuschauer im Online-Theater nie sein und das in jeder Hinsicht.

Letztlich muss man auch bedenken: Es ist live. Und immer, wenn Technik mit im Spiel ist, können zusätzlich Probleme auftreten. Bei dem Versuch ein Fazit zu ziehen, fällt eine eindeutige Positionierung nicht leicht. Diese Form des Theaters ist nicht besser oder schlechter als eine klassische Vorführung in einem Saal. Es erzeugt einfach eine andere, ganze eigene Dynamik und Stimmung. Und es führt zu einer anderen Form der Nähe. Wir haben es hier nicht mit einer unmittelbaren physischen Anwesenheit des Publikums zu tun. Das Online-Theaterstück in den eigenen vier Wänden hat seine Vorteile: Man kann parallel andere Sachen erledigen, wird nicht von anderen Zuschauerreaktionen angesteckt oder abgelenkt und niemand vermiest einem durch seine Größe die Sicht auf das Geschehen. Der Zuschauer ist allein vor dem Rechner und doch sozial vernetzt. Die Nähe entsteht durch das Schreiben im Chat. Dennoch besteht jederzeit die Möglichkeit die Rolle eines externen Beobachters am Geschehen einzunehmen. Und auch die Künstler und ihr Werk kommen dem Zuschauer noch näher als in der Realität. Das Publikum wird quasi ein digitaler Co-Produzent.

Im Programm des Online-Theaters stehen momentan die Stücke “Follower” und “Werther”. Laut den Initiatoren werden zukünftig auch andere Performances und Veranstaltungen im Livestream übertragen.

Bei all dem hin und her, zwischen Liebe und Mord, Flucht und Rückkehr, bei all den Smartphones, Screens, On- und Offline-Situationen sowie ihren Zusammenhängen, gab es eine skurrile Konstante: einen Blumenstrauß, den Ben stets mit sich trug.

Vielleicht eine versteckte Botschaft?

  1. Juli 2017: Werther
  2. Juli 2017: Follower

Vorhang auf, Livestream frei! 😉

Bilder: @onlinetheater.live

Die Fête de la Musique 2017 im Überblick:
digital und mit unseren Tipps für Berlin

Ob piano oder forte, ob Rock oder Pop, ob Solist oder Band, ob drinnen oder draußen, ob Profi oder Hobby-Musiker – bei der Fête de la Musique ist für jeden Geschmack etwas dabei! Alle Jahre wieder feiern Menschen weltweit, zum Sommeranfang am 21.06., das Fest der Musik, the Worldwide Music Day. In den Straßen der insgesamt 540 teilnehmenden Städte, davon 300 in Europa und 47 in Deutschland, finden sich Musikliebhaber zusammen und lassen sich von Klängen unterschiedlichster Natur treiben – den ganzen Tag, zum Nulltarif.

Auch Berlin zelebriert die Liebe zur Musik auf über 100 Bühnen in unterschiedlichen Spots, in allen 12 Bezirken der Stadt. In diesem Jahr sprechen die Veranstalter von einer Rekord-Beteiligung. So sind am Mittwoch über 25 neue Locations mit dabei. Da kann man schon einmal die Übersicht verlieren. Die kostenlose App FETEberlin (erhältlich für iOS und Android) versucht dem entgegenzuwirken. Wir haben sie getestet, verraten Euch, ob sich ein Download zur optimalen Vorbereitung auf Mittwoch lohnt und geben Euch alle weiteren Infos in die Hand, um den Tag musikalisch auskosten zu können.

App FETEberlin

Die App macht Angaben zur Geschichte des musikalischen Festes und klärt über die Regeln zur Straßenmusik auf: Wer darf wann, wie und was musizieren. Die integrierte FdM-Berlin Map verschafft dem Nutzer zunächst einmal einen Überblick über alle Bühnen sowie das jeweilige Programm vor Ort. Wird eine der Locations ausgewählt, so erhält man die wichtigsten Informationen: die Agenda, inklusive Uhrzeiten, Künstler sowie Angaben zum Gerne. Wer lieber direkt nach Bezirk, Bandname, Bühne, Stilrichtung (z.B. Hip Hop, Rock, Raggae, Indie) und/oder Eventart (z.B. Open Air, Indoor, Fête de la Nuit) filtern möchte, kann dies in einer gesonderten Suchmaske ebenfalls tun.

Die YouTube-Playlist FETE-Künstler 2017, auf welche die App verweist, ist gespickt mit den Musikvideos teilnehmender Künstler – so kann man sich bereits im Vorfeld erkundigen, welche Acts interessant und einen Besuch wert sind.

Mithilfe der App können sich die Nutzer einen guten Überblick über die musikalischen Highlights und die benötigten Informationen verschaffen – insbesondere für Kurzentschlossene eine schnelle und effektive Möglichkeit, sich musikalisch durch den Tag zu manövrieren. So findet jeder für seinen individuellen Musikgeschmack die richtigen Locations. Bedenken sollte man jedoch, wie bei allen Veranstaltungen dieser Größenordnung auch, dass in den Ballungszentren die benötigte Internetverbindung schwächeln kann.

Unsere Tipps für Eure Fête de la Musique 2017

Für den ersten Überblick geben wir euch schon einmal einige Tipps für die Fête de la Musique in Berlin mit. Bisher meint es der Wetterbericht gut mit uns, sodass sich die letzten Sonnenstrahlen beispielsweise gut im Birgit & Bier genießen lassen: Auf zwei Open Air Floors wird unter Beweis gestellt, dass auch an ein und demselben Standort unterschiedliche Geschmäcker auf ihre Kosten kommen können. So treten hier die Künstler The Blue Ones (Blues), Rosie and the Amateurs of Speed (Folk), B6BBO (Power Polka), SwingSchlampen (Swing), RasgaRasga (Gipsy, Balkan) sowie Mike Book, DirrtyDishes, Daniel Jaeger und Mr. Schug (Dance, Electro) auf.

Auch auf dem RAW-Gelände im “Badehaus x Cassiopeia Openair” gibt es einen bunten Musik-Mix: Von HipHop, Soul und Funk über Pop, Indie, Alternative oder Garage ist alles dabei.

Der Mauerpark ist jedes mal aufs neue Highlight der Fête de la Musique in Berlin. Im Programm der Red Bull Music Academy stehen Auftritte von Cuthead, Alis, Jameszoo, Dorian Concept, Thundercat und Flying Lotus. In der Vergangenheit besuchten die Mauerpark-Bühne ca. 15.000 Besucher. Leider bleibt uns dabei aber auch eine schlechte Nachricht nicht erspart: Kurz nach der Fête de la Musique beginnen im Mauerpark zwei Jahre andauernde Bauarbeiten. In diesem Zeitraum ist der Park zwar zugänglich, Veranstaltungen dieser Art können dort jedoch nicht mehr stattfinden. Ein Argument mehr, die Location auf dem Plan zu haben – so als Abschied.

Auch leise Töne

Fête de la Musique = laute Party-Sounds? Nicht nur! Schließlich lebt das Fest von seiner musikalischen Vielfalt! So kommen auch die leisen Töne nicht zu kurz. Wer möchte, kann sich zum Beispiel beim Event “Yoga meets Music at BeachMitte”, passend zum gleichzeitig stattfindenden internationalen Yoga-Tag, entspannen. Meditieren statt tanzen – auch das ist möglich.

Wer es lieber klassisch mag, sollte den Tag im Nikolaiviertel verbringen – hier spielen hauptsächlich traditionell klassische Musiker. Auch der Berliner Dom ist mit zahlreichen Chören ein geeigneter Anlaufpunkt – von Barock bis Filmmusik ist hier alles vertreten.

Bis die Wolken wieder lila sind

Um 22 Uhr muss das musikalische Erlebnis noch lange nicht vorbei sein. Beim sich anschließenden Fête de la Nuit kann bis in die Nacht hinein getanzt und musiziert werden. Insgesamt setzen 25 Standorte ihr Programm indoor fort, darunter: Gretchen, Yaam, Kesselhaus-French Night, Tresor Club, Ritter Butzke, Hafenbar Tegel, Mein Haus am See, Musik & Frieden sowie der Void Club Berlin.

 

Die Fête de la Musique Berlin – am Mittwoch, den 21.06.2017
Wetterprognose: sonnig, 25 Grad

– Musik in unseren Ohren!

 

Bild: @Fete berlin,  Fotograf: Dirk Mathesius

Die documenta 14 zwischen Kritik, Krise, Politik und Zusammenhalt

Von Athen lernen – so lautet das offizielle Motto der am Samstag in Kassel eröffneten documenta 14 – der weltweit größten und bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bis zum 17. September 2017 können Besucher dort internationale Werke bestaunen. Wie das Motto bereits impliziert, findet die Ausstellung in diesem Jahr erstmals an einem zweiten gleichberechtigten Standort statt: in Athen. Der Kurator und künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, gibt Aussicht auf einen “bedeutungsvollen und spannenden Lernprozess”, der uns helfen soll, die Welt um uns herum zu verstehen und durch unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten.

Doch in Griechenland machte sich bereits zum dortigen Start der Ausstellung im April Protest breit. So begegneten dem internationalen Kunstpublikum in den Straßen Anti-documenta-Graffitis, wie “crapumenta 14”. Das “crap” in der Abwandlung von documenta, steht übersetzt für “Mist”, “Scheiß” oder “Unsinn”. Auf einer anderen Mauer fragt sich ein Sprayer: „The crisis of a commodity or the commodity of crisis?“ Der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis lies in diesem Zusammenhang das Wort „Krisentourismus“ fallen. Der ehemalige Syriza-Abgeordnete Zoe Konstantopoulou geht noch einen Schritt weiter in Richtung deutsch-griechischer Vergangenheit und twittert vernichtend: „Die Nazis kommen wieder, nur mit anderen Mitteln.“

Kunst auf Kosten anderer? Missbrauch von Leid und Armut? Oder eine Bekämpfung eben dieser? – Was bedeutet die Wahl Athens als zweite Ausstellungsstadt der documenta 14? Wir haben einige Stimmen gesammelt.

Klingt der Leitsatz der documenta 14 im ersten Moment noch positiv und lehrreich, ist er im Nachgeschmack doch etwas irritierend, vor dem Hintergrund der aktuellen und internationalen gesellschaftlichen sowie politischen Situation, Griechenlands Schuldenkrise, der Flüchtlingsthematik und europäischer Instabilität, für manch einen gar provokativ. Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Steinmeier in einer Rede zur Ausstellung: “(…) der Titel dieser documenta zielt auf die Gegenwart, auf die politischen und ökonomischen Gräben zwischen uns, die wir – so verstehe ich die Botschaft – zu überwinden haben.” Für Szymczyk, der das Motto formulierte, steht Athen für die globale Finanzkrise sowie die Krise Europas. Die documenta könne in diesem Zusammenhang die Teilung Europas erforschen und eine Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen. Für ihn ist die Lage Europas viel zu heiß, als dass die documenta sie eiskalt ignorieren könnte und das internationale Publikum allein im beschaulichen und netten Kassel willkommen geheißen werden sollte.

Hier liegt auch der Ursprung für die Wahl der Hauptstadt Griechenlands als zweiten Ort der Kunstausstellung: „Ich wurde gebeten, einen Vorschlag für die documenta in Kassel einzureichen. Und das rief bei mir gleich viele Fragen hervor: Warum die documenta? Warum in Kassel? In mir waren plötzlich jede Menge Warums. Und ich wäre unzufrieden damit gewesen, eine irgendwie nette und intelligente Ausstellung für eine mir vorgegebene Stadt vorzuschlagen, während die Situation politisch und wirtschaftlich langsam heiß wurde – insbesondere im Süden Europas. Also begann ich, mich nach einer Möglichkeit umzuschauen, den ursprünglichen Spielort in Kassel beizubehalten und gleichzeitig auch einen ganz anderen Standpunkt zu finden, von dem aus man die Dinge anders sehen und lesen kann“, so der polnische Kurator Szymczyk.

Ein Widerspruch in sich?

Die Glaubwürdigkeit dieser Intention, einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe, wird in Frage gestellt und stößt auf Gegenwind. 34 Millionen Euro stehen der documenta über einen Zeitraum von fünf Jahren als finanzielle Mittel zur Verfügung. Kritikern missfällt es, dass eine derartig kostspielige und noch dazu deutsche Kunstausstellung ausgerechnet mit dem von Finanznöten geplagten Griechenland und im Lichte der deutsch-europäischen Sparpolitik eine Kooperation eingeht. Doch vielleicht ist genau das ein einseitiges Vorurteil über ein angebliches Vorurteil, ein Tunnelblick, der Deutschland als aktiv und Griechenland als passiv betitelt. Bundespräsident Steinmeier verweist in seiner Rede auf das Symbol der documenta, die Eule: “Die Demokratie, davon bin ich überzeugt, lebt von einer Perspektive, die möglichst viel und mit großer Tiefenschärfe in den Blick nimmt, wie die Eule, die uns hier als Symbol der documenta allerorten begegnet. Die Eule kann ihren Kopf um 270 Grad drehen. Ich will diese Übung niemandem zur Nachahmung empfehlen. Aber wir können lernen, uns umschauen, einander wahrnehmen und genauer hinschauen – das können wir sehr wohl. Und das sollten wir auch, wenn wir asymmetrische, einseitige Beziehungen zwischen unseren Ländern vermeiden wollen.”

Flucht und Migration als internationale Themen

Auch wenn diese Ansicht fast schon simpel klingt, ist sie doch heute wichtiger denn je, auch wenn gegenseitige Unvoreingenommenheit selbstverständlich sein sollte, ist sie es heute immer seltener. Insbesondere aktuelle Themen, wie Flucht und Migration, die uns alle indirekt betreffen, erfordern eine gegenseitige Unterstützung der Länder und werden von der documenta aufgegriffen. So zeigt beispielsweise die Künstlerin Rebecca Belmore auf dem Philopappos-Hügel, gegenüber der berühmten Akropolis, symbolisch zum Thema Flucht ein Zelt aus Marmor. Ein Zelt kreierte auch Künstler Mounira Al Solh aus dem Libanon und beschichtete die Innenwand mit den Erlebnissen von Geflüchteten aus Unterkünften in Kassel. Diese Beispiele zeigen, dass das Leben und die Kunst keine Grenzen kennen und wie Geschichte, Kreativität und gesellschaftliche sowie politische Themen vereinbar sind.

International oder regional?

Neben der politischen Dimension sehen einige griechische Stimmen die Kunst des eigenen Landes nicht genug gewürdigt und unterstellen der documenta in Athen eine Art unglaubwürdige Parallelwelt zu sein, die der wahren Kunst Griechenlands keine Plattform bietet: „(…) natürlich gibt’s auf der documenta tolle Kunst zu sehen. Aber man muss sich mal das große Ganze angucken. Ich war bei der Eröffnung im Museum für Zeitgenössische Kunst: Da waren viele Leute aus der internationalen Kunstszene, mit ihren schicken Klamotten. Und vor den Türen des Museums: Da war das richtige Athen, mit seinen Gerüchen, seinen Geräuschen, seinen Problemen. Aber drinnen hat man davon rein gar nichts gespürt. Diese Ausstellung hätte genauso gut in Zürich, in Basel oder sonst wo stattfinden können”, so die die Künstlerin Poka-Yio.

Viele Griechen sind enttäuscht, dass vergleichsweise wenig griechische Künstler an der documenta teilnehmen. Sie gingen davon aus, die documenta würde vollkommen in die künstlerische Szene Athens eintauchen. Doch sie ist und bleibt eben eine internationale Kunstausstellung: „Die documenta gehört vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen.“, so Adam Szymczyk. Die Leiterin des documenta Büros in Athen, Marina Fokidis, entgegnet dem außerdem, dass die documenta für viele griechische Künstler eine große Chance darstellt, neue Kontakte und ein internationales Netzwerk zu knüpfen.

Eine Symbiose

Für die Galeristin Marina Athanassiadou kann die documenta in Griechenland neue Impulse geben und einen Fortschritt einleiten: „Ich glaube, es ist das erste Mal, dass hier in Athen die Straßen für ein Kunst-Event gesperrt werden. Sonst passiert das nur, weil wieder irgendwo demonstriert wird: Wenn’s um die Finanzkrise geht oder um die Europäische Union. Wir haben die Nase voll von diesen Demos. Und jetzt findet mitten auf dem Syntagma-Platz plötzlich eine Kunst-Performance statt. Das macht die Leute neugierig, weil es etwas Neues ist. Sie gehen hin und fragen, was da los ist. Und wer fragt, der lernt.“
Doch auch für das Herzstück der documenta und ihre Mutterstadt Kassel, kann Athen eine Bereicherung sein. Vinzenz Brinkmann sieht in Athen für die Kunstausstellung eine Chance: „Szymczyk rettet die Idee der documenta“. Der Archäologe spricht von zu überwindenden „Abnützungsfaktoren“. Seiner Meinung nach sei die documenta ursprünglich „aus der Irritation heraus“ entstanden. Dadurch, dass die Ausstellung durch den Ort Athen erweitert wurde, hat der Kurator „der Idee des Widerständigen neue Kraft gegeben“, sagt er. Statt Abstumpfung, Oberflächlichkeit und Event: Tiefe, Intention und ein Verlassen der Komfortzone. Statt Krisentourismus, Krisenbewusstsein und ein gemeinsames Reflektieren über mögliche Lösungen.

Demnach sollte nicht gefragt werden: Athen als zusätzlicher Ausstellungsort der documenta – ja oder nein? Und schon gar nicht: Kassel oder Athen? Auch sollte das Novum der aktuellen documenta 14 nicht als Wettbewerb zwischen Kassel und Athen angesehen werden. Zugegeben: das Motto “von Athen lernen” impliziert zunächst eine Ironie und für manch einen vielleicht sogar eine Demütigung der Griechen, sollte aber nicht als solche aufgefasst werden. Denn die Intention ist nach Betrachtung der Schilderungen eine andere: gegenseitige Bereicherung. Das klingt vielleicht etwas optimistisch und einfach. Aber manchmal liegt genau in diesem “weniger ist mehr” die Kunst.

Das dachte sich auch der kosovarische Künstler Sokol Beqiri und pflanzte im Rahmen der documenta eine kleine Eiche auf das Gelände der Technischen Universität in Athen, ein griechisches Bäumchen, veredelt mit den Ästen jener Eichen, die vor mehr als 30 Jahren von dem deutschen Künstler Joseph Beuys in Kassel gepflanzt wurden.

Die documenta 14
documenta14.de
Kassel: 10. Juni – 17. September 2017
Athen: 08. April – 16. Juli 2017

 

Bild 1: @Fanis Vlastaras; documenta 14; Künstlerin: Rebecca Belmore, Biinjiya’iing Onji (Von innen), 2017, Marmor, Filopappou-Hügel, Athen
Bild 2: @heb_beh
Bild 3: @Dimitris Parthimos; documenta 14; Künstler: Sokol Beqiri, Adonis, 2017, gepropfter Baum und Marmor, Polytechnion, Athen

Ein Blick in die digitale Zukunft – Die CeBIT 2017

Ende März ist es wieder soweit: Die CeBIT öffnet ihre Türen. Vom 20. – 24. März präsentieren über 3000 Aussteller, darunter über 450 Start-Ups und namenhaften Unternehmen, die neuesten technologischen Innovationen der letzten Monate. Partnerland ist in diesem Jahr Japan.

AI, humanoide Roboter, IoT und Virtual Reality – das sind die Kernthemen in diesem Jahr

Klar ist: Das Angebot der CeBIT an neuer Technik, visionären Ideen und aktuellen Forschungsergebnissen ist so umfangreich, dass es sich nicht in einige wenige Kategorien einteilen lässt. Dennoch bilden klare Schwerpunkte heraus.

Artificial Intelligence – Chancen und Risiken

Das Thema Artificial Intelligence begleitet uns schon einige Zeit und so scheint es nur folgerichtig, dass die Errungenschaften der Forschung in Bezug auf das Denken von Maschinen ein zentraler Punkt der diesjährigen CeBIT ist. Dabei finden auch Innovationen aus dem Bereich der Medizin einen Platz. Künstliche Intelligenz beschränkt sich längst nicht nur auf Aufwendungen im Alltag. Sie wird in Zukunft alle Lebensbereiche durchdringen und „erweitern“. Neben der Bewunderung dessen, was heute schon möglich ist, soll das Thema aber auch kritisch beleuchtet werden. Dazu haben die Organisatoren Experten auf dem Gebiet als Sprecher eingeladen. Bei ihren Vorträgen soll es auch um die Problematiken gehen, die sich in Zukunft aufgrund der neuen Errungenschaften zeigen werden. Wird unsere Arbeitskraft überflüssig? Schafft sich der Mensch selber einen intelligenten Feind?

Der Roboter als Freund und Helfer

Neben der Künstlichen Intelligenz zieht eine andere Technologie die Aufmerksamkeit auf sich: humanoide Roboter. In Deutschland sind diese im öffentlichen Leben noch kaum anzutreffen, in Japan hingegen gehören sie bereits dazu. Sie leiten Passagiere am Flughafen zum richtigen Gate und sind in der Lage Stimmen und Bilder so genau zu verarbeiten, das eine Interaktion ermöglicht wird. Auch in anderen Bereichen, etwa in der Altenpflege, sind Roboter auf dem Vormarsch.

Die vollständige Vernetzung – das Internet of Things

Auch die Möglichkeiten des vernetzen Leben sollen in diesem Jahr wieder zu bestaunen sein. Mit dem Internet of Things soll unser Alltag ein neues Gesicht bekommen. Neben Anwendungen die sich dem Smart Home zuordnen lassen, stehen zunehmend auch die Möglichkeiten in Bezug auf den Verkehr und Infrastrukturen im Fokus. Das US-amerikanische Unternehmen Cisco schätzt, dass 2015 mehr als 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden. Nun stellt sich zunehmend die Frage nach der Sicherheit einer so umfangreichen Vernetzung. Auch das Thema der Digital Security soll deshalb von Experten auf der CeBIT beleuchtet werden.

Virtual Reality – nicht nur für Spiele

Virtual Reality (VR) wird vor allem mit der Gamer-Szene in Verbindung gebracht. Auch im medizinischen Bereich werden die ersten Anwendungen getestet, die für die Ausbildung beispielsweise von Chirurgen genutzt werden können. Zunehmend erschließt nun noch eine andere Branche den Markt: der Tourismus. So können die Brillen auch genutzt werden um potenzielle Urlauber schon vorab durch die Hotelanlage zu führen. Einer Studie zufolge gehen über 70 Prozent der Unternehmen aus der Tourismusbranche davon aus, dass die Erkundung des geplanten Urlaubsziels vor der Buchung schon 2025 verbreitet sein wird.

Eine Erweiterung von VR stellt zudem die Augmented Reality (AR) dar. Bei diesen Anwendungen wird dem realen Umfeld noch etwas hinzugefügt. Etwa so, wie dies bei dem Augmented-Reality- Spiel Pokémon Go der Fall ist. Auch hier bietet die CeBIT eine Bühne für alle neuen Weiterentwicklungen.

Japan ist das Partnerland der diesjährigen CeBIT

Keine Nation ist so digitalisiert wie Japan. Das Land, das 127 Millionen Menschen zählt, präsentiert sich an der Spitze in Sachen Technik und Digitalisierung. Was bei uns noch als Zukunftsmusik gehandelt wird, ist in der japanischen Gesellschaft längst angekommen. Schon heute kommen in Japan 211 Roboter auf 10 000 Mitarbeiter. Die Japaner gehören zu den am stärksten Vernetzen Bevölkerungen der Welt und investieren jährlich Milliarden in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist Japan auch für die deutsche Wirtschaft insbesondere im Hinblick auf neue Innovationen ein wichtiger Partner.

Inhaltlich wird es in jedem Fall einige interessante Beiträge von Seiten der japanischen Kollegen geben. So wird beispielsweise der Direktor des Intelligent Robotics Laboratory des Departments of Adaptive Machine Systems der Universität Ösaka einen Vortrag zu der vieldiskutierten Frage halten, ob der Mensch sich selber abschafft.

Vom Experten bis zum Neugierigen

Ein jeder, der sich auf dem Gebiet der Technik, IT und Digitalisierung bewegt, wird auf der CeBIT noch neue Erkenntnisse gewinnen können und die Möglichkeit haben, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Aber auch all jene, die neugierig sind auf die neuen Entwicklungen und auf alles, was heute schon möglich ist, werden auf ihre Kosten kommen. Wie in den letzten Jahren, kann auch in diesem Jahr wieder für fünf Tage ein Blick in die nahe und ferne Zukunft geworfen werden.

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