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Lichterkette-Berlin-Events

Die Top 5 Berlin Events im August

Die Tage werden wieder kürzer, draußen herrscht Dauerregen und ehe man sich versieht ist  der Spätsommer am Start. Als sei dies noch nicht genug, befinden wir uns mitten im berühmten Sommerloch. Was treiben wir jetzt, wo Theater und Co. eine Pause einlegen? Keine Zeit zum Trübsal blasen: Wir haben Euch die besten Berlin Events in Sachen Kunst und Kultur im August zusammengetragen – gute Laune garantiert!

Tanz im August: TALOS

TANZ IM AUGUST ist ein Internationales Festival des zeitgenössischen Tanzes, welches vom 12. August bis zum 4. September stattfindet. Das umfangreiche Programm spielt sich auf zahlreichen Bühnen in unterschiedlichen Locations ab.

Im Rahmen des Festivals wird das Solo TALOS uraufgeführt. Darin beschäftigt sich der israelische Choreograf Arkadi Zaides mit Migrationsbewegungen, sowie der Zukunft der Grenzen. Die Darstellung bezieht sich auf das EU-geförderte Technologieprojekt “TALOS”. Dies ist ein mobiles Robotersystem, das einen illegalen Grenzübertritt erkennen und verhindern soll. Der Choreograf und sein interdisziplinäres Team verdeutlichen mithilfe von Interviews, Filmmaterial und Dokumenten die Auswirkungen des Konzeptes und werfen dabei ethische Fragen auf.

Wann? 30. August – 02. September Wo? Haus der Berliner Festspiele

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Das Pop-Kultur Festival

Bei dem internationalen Pop-Kultur Festival, einem Projekt der Musicboard Berlin GmbH, ist der Name Programm. In der Kulturbrauerei werden über 70 Konzerte, DJ-Sets, Ausstellungen, Installationen, Talks und Filme rund um die Themen Popkultur und Popmusik stattfinden. Den Veranstaltern ist es wichtig, neue experimentelle Produktions-, Arbeits- und Aufführungspraktiken sowie Performances zu integrieren. Unter den Künstlern befinden sich auch viele Newcomer.

Wo? Berlin Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin 

Wann? 23. August – 25. August; 18:00 Uhr – 06:00 Uhr 

Wer? u.a. Alexis Taylor (Hot Chip), Komponistin Anna Meredith, Entertainer Erobique, Liars, Newcomerin Ilgen-Nur, Grime-Queen Lady Leshurr, Mercury-Music-Prize-Träger Young Fathers

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Klunkerkranich: Berlin Sessions X

In der Hoffnung auf eine laue Sommernacht, veranstaltet Klunkerkranich die sechste Fortsetzung der musikalischen Reihe Berlin Sessions X. Mit einem Drink in der Hand und guter Musik im Ohr kann der Ausblick über die Hauptstadt genossen werden. Voraussetzung: Das herbeigesehnte Ende der Berliner Sintflut-Tage sowie Sommer, Sonne,  Sonnenschein!

Wo? Klunkerkranich, Karl-Marx-Str. 66, 12053 Berlin

Wann? 23. – 24. August, 16:00 Uhr – 02:00 Uhr 

Wer? Lion Sphere, Unknown Neighbour and Påla

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20 Jahre Lange Nacht der Museen

80 Museen, 800 Events, 1 Ticket – die lange Nacht der Museen ist jedes Jahr aufs Neue ein Highlight des Berliner Kultursommers. Auch in anderen Städten und Ländern öffnen sich für eine Nacht die Türen dieser kulturellen Orte – inklusive spannender Aktionen, Führungen, Darbietungen sowie musikalischer Untermalung. Und wo wurde die Idee vor 20 Jahren erfunden? Na klar, in Berlin. Anlässlich dieses Jubiläums steht die Veranstaltung 2017, vom 19. – 20. August, unter dem Motto „Made in Berlin“. Passend dazu ist das Programm in diesem Jahr von berühmten Berliner Persönlichkeiten sowie Erfindungen geprägt und zeigt den Facettenreichtum der Stadt. Die Initiatoren versprechen Eindrücke “von Karl Friedrich Schinkel bis Käthe Kollwitz, von Marlene Dietrich bis Uli Richter, von KPM bis Currywurst”. Für Filmliebhaber lohnt sich außerdem ein Besuch der Open-Air-Filmreihe mit Künstlerporträts im schönen Hof des Podewils in Berlin-Mitte.

Die Anfahrtswege dürften ebenfalls kein Problem darstellen: Nachtschwärmer können mit dem Eintrittsticket alle öffentlichen Verkehrsmittel, inklusive extra eingesetzter Shuttles, nutzen. Die Website der Langen Nacht hilft bei der Vorbereitung eines Besuches. Dort kann nach Zeiten, Veranstaltungen, Museen, Themen und vielem mehr gefiltert und so eine persönliche Route zusammengestellt werden. Die Tickets sind seit kurzem erhältlich. Bis zum 07. August gibt es das Ticket sogar zum Sparpreis.

Zur Website – Lange Nacht der Museen

Die UFA Filmnächte

“Kinogeschichte unter freiem Himmel mit Live-Musik” heißt es bei den UFA Filmnächten im August 2017. Zum siebten Mal zeigen Bertelsmann und UFA vom 22. bis zum 25. August 2017 teils rekonstruierte und digitalisierte Kino-Klassiker der Stummfilmzeit mit musikalischer Live-Begleitung – inklusive Orchesterbühne, DJ und Großleinwand. Eingebettet in den historischen Veranstaltungsort, dem Kolonnadenhof des Weltkulturerbes Museumsinsel, wird die Filmnacht so zu einem ganz besonderen kulturellen Ereignis. Anlässlich des 100sten Jubiläums der UFA wird außerdem der neuere Kinoerfolg “Der Medicus” von 2013 vom Neuen Kammerorchester Potsdam bespielt. Jeder Film wird von einem prominenten Paten aus der Branche eingeführt. Der Ticketvorverkauf läuft bereits. Wer am Eröffnungsabend nicht dabei sein kann, hat die Möglichkeit, das Event live und online auf arte zu verfolgen.

Wo? Kolonnadenhof der Museumsinsel Berlin Wann? 22. – 25. August, Einlass jeweils um 20:30 Uhr

Das war der UdK Rundgang 2017

Jedes Jahr öffnet die Universität der Künste, pünktlich zum Kultursommer Berlins, ihre Türen und lädt zum Rundgang. So konnten Kunstinteressierte auch am vergangenen Wochenende, vom 21. bis 23 Juli, wieder die Werkstätten, Ateliers, Studios und Proberäume der vier Fakultäten Bildende Kunst, Musik, Gestaltung und Darstellende Kunst sowie des Berlin Career College besichtigen. Das UdK Rundgang Motiv wurde in diesem Jahr von der Grafik- und Kommunikationsdesign-Studentin Lena Drießen entworfen. Es ist geprägt von blauen Tapes, welche sich in verschiedensten Klebevarianten durch die Gebäude ziehen, Kunstwerke verbinden und so “für eine gelebte Vielfalt des künstlerischen Schaffens an der Universität” stehen. Von dieser bunten Mischung konnten wir uns bei unserem Besuch selbst überzeugen. Zwar war die Präsentation digitaler Kunstwerke recht übersichtlich, digitale Elemente waren jedoch an jeder Ecke zu finden.

UdK-Rundgang-2017
UdK Tag der offenen Tür 2017 – Informationsstand mit Rundgang-Plakaten

Installation “Great Days” – wie leben wir?  

Great Days: Installation Vorderseite

In ihrer Installation “Great Days”, welche aus drei Videoarbeiten besteht, beschäftigt sich Tingwei Li mit Fragen wie: “Are we getting ready for the great days or are we living in the great days, or would the great days never come back again”? Die Künstlerin verweist in ihrem Werk auf eine Welt mit schier endlosen Möglichkeiten, in der der Mensch zunehmend zur Ware und Informationen massenhaft vervielfältigt werden. Auf einem Mac zeigt sie sechs verschiedene Video-Episoden. Darüber der Schriftzug “Come and choose your very own narratives”. Besucher können eines der Videos anklicken. Es erscheinen Alltagsaufnahmen. Im Hintergrund sind eigene Gedanken zu den besagten Themen zu hören. Ein Beispiel:

“Actually life can produce its own without external force. Your life seems like taking your chance. Progress extending far into the future. Dams and aqueducts. The amazing strength. Organizing our deepest wishes as a mother foresightedly visits a store that will be closed tomorrow. Contemporary life is so good. Glitches in the system as yet unapprehended. People can brainwash themselves. The greatest days are waiting for us. For I do not deny that I am a little out of temper.

Die Rückseite der dahinterstehenden weißen Wand ist grün gestrichen. An ihr ist ein Smartphone befestigt. Auf dem Display spielt eine Animation, in welcher ein grüner Apfel geschält wird, von dem am Ende eine graue Hülle übrig bleibt. Hinter der Trennwand befinden sich auch die entsprechenden Schäler, welche selbst mit Hilfe eines 3D-Druckers entstanden sind. Zu dem Werk gehören außerdem vier Plakate mit Apfelscheiben und Apfelschäler im Werbestil. Auf einem der Plakate ist die Frucht in den Schäler geklemmt und bereit zur Verarbeitung. Darunter steht: “Forward moving”. Als ergänzendes Element ist ein Video zu sehen, in welchem die Künstlerin mit dem Smartphone durch die Stadt läuft. Der Bildschirm bleibt dabei konstant grün.

1 + 1 = 1

Video-Installation „Putri Ayu Lestari vs. DWARPHS. If you don’t know ayu now you do“, Liesel Burisch

In der Werkstatt für digitale Medien präsentiert Liesel Burisch ihre Abschlussarbeit: eine Video-Installation mit Live-Performance. Auf zwei Leinwänden werden separat, aber nebeneinander, gleichzeitig zwei Filme abgespielt. Der Raum wurde abgedunkelt und mit zahlreichen Lautsprechern versehen. Auf dem rechten Video ist ein Pärchen auf einem durch Gassen, Städten und Landschaften fahrenden Moped zu beobachten. Auf der linken Seite bespielt eine Band mit lautem Sound und tiefen Bässen das erste Video. Mit vollem Körpereinsatz beobachten die Musiker das Video und erzeugen durch die musikalische Unterlegung neue Dynamiken des rechten Videos. Den Künstlern bei diesem Prozess zuzusehen, ist ebenfalls interessant zu beobachten.

Handyfotos vom Winde verweht

„Mein Vater“, Handyaufnahme 2017, Agrina Vllasaliu

Agrina Vllasaliu kombiniert die neue mit der älteren Technik und erzeugt so einen eigenen Charme. An der Wand ist ein alter Videoprojektor angebracht. Dieser wirft verschiedene Bilder, die die Künstlerin mit dem Handy geschossen hat, auf eine dünne milchige Folie. Das A5-Blatt hängt von der Decke und bewegt sich mit dem Wind. Dadurch widerfährt den projizierten Bildern eine immer neue Darstellungsweise: Mal sieht man sie ganz, mal etwas verzerrt, mal nur halb, schwächer oder stärker. Unterstreicht dies die Flüchtigkeit im Universum der tausenden von Smartphone-Bildern?

Broken Google Earth 3D

Maike Gerten macht aus Google Earth (3D) Kunst, indem sie die Oberflächen von derartigen Darstellungen durchbricht. In dem Video “Space in between” spaltet sie den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA auf, dekonstruiert ihn und lässt eine Kamera durch eben diese Linie fahren, die dem Grenzverlauf folgt. Gerten: “Wird diese Oberfläche durchbrochen, befindet man sich innerhalb des konstruierten Objekts, das von innen durchsichtig ist”.

„Boder Line“ (Video auf Tablet, lackierter Tisch), Maike Gerten

In einem weiteren Video “Border Line” zieht Maike Gerten eine digitale Grenzlinie per Hand. Die Künstlerin sagt zur Entstehung: “Die Grenzziehung fand vor dem Set eines Greenscreens statt, sodass die Linie auf verschiedenen Orten gezogen werden kann. Der grüne Tisch, auf dem das Video gezeigt wird, verweist auf dessen Entstehung”.

Konsumkultur vs. Realität

Video-Installation, Svenja Grothusen

Auf zwei Screens stellt die Künstlerin Svenja Grothusen der scheinbar perfekten, in Wirklichkeit aber optimierten und bearbeiteten, Welt der Konsumbranche die Bilder der Wirklichkeit gegenüber. So ist beispielsweise neben Werbe- und Musikvideo-Ausschnitten, neben einer sich räkelnden Jennifer Lopez, eine junge Frau vor dem Wandspiegel eines Badezimmers zu sehen. Etwas überspitzt dargestellt, versucht sie sich Haarteile mehr oder weniger gekonnt um den Kopf zu wickeln.

Eine schlafende Frau im Bett, eine sowjetische Tischkultur-Ecke, ein Tampon-Vorhang, Kupferstich, Lithografiewerkstatt und vieles mehr findet ihr in unserer Galerie zum UdK Rundgang.

UdK Rundgang: Bereich Kunst im Kontext; Installation mit Fotostreifen; Projekt mit Bernauer Schülern; "Ver(sch)wende deine Zeit! Fotografie, Narration und Theater der Unterdrückten" - Katrina Blach

 

Titelbild: Kennet Lekko

Immersion: Tragen von Virtual Reality Brille

Theater und Immersion, Innen und Außen:
Neue Erlebniswelten

Wenn sich das immersive Theater mit dem virtuellen Raum verbindet, eröffnen sich neue Erlebniswelten. Am Mittwoch Abend besuchten wir in Berlin eine Diskussionsrunde zum Thema “Immersives Theater und virtuelle Räume”. Mit dabei waren Kay Voges (Intendant Schauspiel Dortmund), Kay Meseberg (Projektleiter ARTE 360/VR), Mona el Gammal (Szenografin) und Thomas Oberender (Intendant Berliner Festspiele). Gemeinsam wurde anhand von den aktuellen Virtual-Reality-Projekten „RHIZOMAT VR“ und „THE MEMORIES OF BORDERLINE“ versucht, einen Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der neuen Medien sowie ihren Einfluss auf das Theater zu werfen. Immersion im Theater beschreibt dabei eine partizipatorische Darstellungsform.

Rhizomat VR

Das Projekt „RHIZOMAT VR“ entstand in einer Zusammenarbeit von ARTE und den Berliner Festspielen. Der narrative Space basiert auf der Inszenierung “HAUS//NUMMER/NULL” der Szenografin Mona el Gammal. In der analogen Version hat das Projektteam in einem ehemaligen DDR-Fernmeldeamt ein “Institut für Methodik” (IFM) konstruiert. In dem erzählerischen Raum „RHIZOMAT” hat man die Welt eines monopolisierenden und über alles und jeden herrschenden Privatunternehmens inszeniert. Der Zuschauer kann die Zukunft einer überwachten und kontrollierten Gesellschaft erleben. Nach Anmeldung stellten die Berliner Festspiele ein Ticket mit einem Code zur Verfügung. Mit diesem konnte der Nutzer sich auf der IFM-Website anmelden, musste sich für eine “Standarduntersuchung” registrieren und sehr persönliche Fragen beantworten. Dann erhielt er vom IFM einen Code mit einer konkreten Zeitangabe, musste sich zu einer bestimmten Adresse begeben und hat 50 Minuten allein in diesem Gebäude in einer Geschichte verbracht. Im Verlauf bekam er einen handschriftlichen Code für den Zugang zu einem intrafiktionalen Forum. Dort konnte der Teilnehmende Informationen zum aktuellen Zustand der Gesellschaft einsehen sowie entsprechende Lösungsansätze finden.

360°-Virtual Reality-Film als neue Erzählform

Der narrative Ort wurde nun, zusammen mit ARTE, zusätzlich in den digitalen Raum verlängert. Dafür wurde gemeinsam mit INVR.SPACE ein 360° -Virtual Reality-Film produziert. Mittels der kostenlosen ARTE360-App sowie VR-Zubehör, kann der Zuschauer in das Experiment einer neuen filmischen Erzählweise eintauchen. Der Betrachter steht dem Stück nicht gegenüber, sondern tritt hinein. Auch wenn der Zuschauer viele Freiheiten hat, zum Beispiel individuelle Blickwinkel wählen kann, gibt es eine klare Regie. Diese ist allerdings als Live-Regie dem individuellen Tempo des Zuschauers angepasst. Denn jeder erlebt und bewegt sich anders. Jeder Zuschauer kommt mit einer eigenen Biografie und erlebt individuell. Es handelt sich demnach um einen Erfahrungs- und Konstruktionsraum.

Eine vollständige Immersion?

Das Problem ist laut Szenografin, dass im Gegensatz zur analogen Situation, Abstriche hinsichtlich der Sinneswahrnehmungen gemacht werden müssen. Es ist beispielsweise nicht klar und bestimmbar, was der Zuschauer riecht und fühlt. Ein weiteres Problem war, dass der Zuschauer sich nicht physisch im Raum bewegen konnte. Dies haben die Verantwortlichen gelöst, indem sich die Räume um den Besucher herum bewegen. Die VR-Brille wird sogar selbst zum Protagonisten. Es geht darum, die Brille abzunehmen, um wieder hinsehen zu können.

Der Projektleiter spricht von einem “Paradigmenwechsel. Weg vom Klassischen, eine Antenne und ganz viele Fernseher und die Leute sitzen davor, hin zu einer Reihe von Antennen mit verschiedenen Devices, Gegenständen und Bildschirmen, auf denen man das sieht. Und da wiederum ist VR und 360 Grad schon noch eine sehr exemplarische Technologie, weil das eigentlich das erste interaktive Medium ist, was auf verschiedenen Plattformen darstellbar und publizierbar ist”.

The Memories of Borderline

Ebenfalls zum Leben erweckt wird die Umgebung des VR-Theaterstückes „THE MEMORIES OF BORDERLINE“. Das Projekt wurde vom Schauspiel Dortmund in Kooperation mit CyberRäuber kreiert. Die Besucher können sich per Vive-Brille in einem visuell-akustischen 3D-Raum selbstbestimmt durch die Kulissen der Inszenierung “Die Borderline Prozession” von Kay Vogues bewegen. Das ursprüngliche Theaterstück zeichnet sich insbesondere durch seine runde, durch eine Betonwand getrennte, Bühne aus, um welche sich eine Kamera bewegt und immer wieder verschiedenste Blickwinkel auf die einzelnen Räume, auf das Innen und Außen, wirft. Die Bilder werden dabei über der Bühne mit Texten und anderen Elementen kombiniert und präsentiert. Für das VR-Werk kamen Laserscans des Bühnenbildes, eine volumetrische Aufzeichnung der Schauspieler, 360° und 180°-Filmaufnahmen sowie -Stills zum Einsatz. Bei diesem Projekt kann der Besucher auf und in die Bühne gehen und die Erzählregie selbst mitgestalten.

Die Zuschauer sind nicht mehr nur Zuschauer, die sich in ihrem Sessel zurücklehnen. Sie sind selbst Teil der dynamischen Inszenierung. Regisseure, Schauspieler und Publikum spielen gleichzeitig und mit einem direkten Live-Feedback. Die Initiatoren beider Projekte bezeichnen ihr Werk als unvollständig und in einem ständigen Prozess.

VR-Theater: Eine Revolution?

In dem Gespräch kommt das Thema der medialen Entwicklung auf. Kay Vogues vergleicht die aktuellen Entwicklungen mit der Revolution des Buchdruckes, oder der Fotografie. So führten diese zu Veränderungen verschiedenster Natur. Und immer gab es mehr oder weniger begründete Sorgen über mögliche Auswirkungen. Er führt fort: “Jetzt haben wir VR und wieder eine Sprache. Der Körper verabschiedet sich noch mehr. Er ist auf einmal wie herüber gebeamt in eine andere Welt, in eine andere Zeit und wieder ist es eine neue Sprache. Und das ist Pionierarbeit. Und ich habe das Gefühl, das ist so ein Moment wie beim Buchdruck. Jetzt sitzen wir da und fragen: Was ist die Möglichkeit, was kann diese VR geben, was wir nicht können”. Oft wird gefragt “wie nah eigentlich immer die Virtualität, der Traum und das Spiel so zusammenhängt und auf einmal hat man ein Medium gefunden, wo das zusammenkommt, was sehr nah am Theater ist”, so der Intendant.

Virtual Reality: Chance oder Risiko?

In der Diskussion fragen sich die Gäste, ob Virtual Reality demnach eine Chance oder ein Risiko darstellt. Mona el Gammal bezieht sich auf den aktuellen Hype, beschreibt, dass Künstler ihre Vorstellungswelten durch VR mehr denn je ausleben können. Sie gibt jedoch Bedenken hinsichtlich psychisch negativer Auswirkungen und/oder Missverständnisse. Dabei betont sie: “Ich möchte das Medium nicht einfach verteufeln, aber ich finde schon, dass Virtual Reality noch einmal ein anderer Schritt ist, weil mein Körper verschwindet, weil ich keine Referenz mehr habe. Da ist nicht mehr der Screen, ich bin nicht mehr im Raum, ich bin nicht mehr mit anderen Menschen da, ich bin da alleine, ich sitze da auch teilweise fest”. Die Technik ist im permanenten Wandel. Die Gäste überlegen: Noch erfordert der virtuelle Erlebnisraum eine Brille, irgendwann könnte auch sie für ein derartiges Erlebnis nicht mehr nötig sein. Momentan gibt es auf der Bühne Schauspieler, irgendwann könnten auch diese durch ein Hologramm ergänzt oder gar ersetzt werden. Ob das wünschenswert wäre ist allerdings fraglich.

Der Projektleiter von ARTE 360/VR, Kay Meseberg ist der Meinung, dass gerade die Ungewissheit und Neuartigkeit diese Immersion so interessant macht: “Wir schauen uns diese Technik an, solange sie interessant ist und solang man dieses Momentum hat, dabei zu sein, wenn da etwas entsteht. Wenn das irgendwann zum Standard oder einem Massenmedium wird, dann wird das wahrscheinlich irgendwann auch wieder uninteressanter sein. Bei VR ist sowieso die große Frage: In welcher Art und Weise wird sich das, was jetzt noch absolute Nische ist, überhaupt irgendwann einmal dahin entwickelt, dass man dort von einem Massenmarkt oder großen Markt sprechen kann”. Für ihn kann man Virtual Reality, aufgrund von fehlender Komfortabilität und fehlenden Inhalten, noch nicht auf eine Stufe mit Kino, Fernsehen, Game Industrie und Radio stellen.

Es bleibt ein spannender Prozess. Ein Blick in die Welt des Virtual Reality-Theaters lohnt in jedem Fall!

 

Bild: @unsplash, Andrew Robles

Videos: @arte, @Cyberräuber

Digitaler Wahlkampf: Analog-Kamera mit Facebook Logo und Live Aufschrift vor dem Hintergrund der Natur

Digitaler Wahlkampf: „Frag selbst“
– ein neues Social-Media-Format

Vielleicht könnt ihr euch noch an das Gespräch zwischen Sigmar Gabriel und der Reinigungskraft Susanne Neumann erinnern. Als frisch gebackenes Parteimitglied wurde sie damals von Gabriel zu einem Diskussionsgespräch zum Thema Gerechtigkeit, auf öffentlicher Bühne, eingeladen. Dabei hielt sie kein Blatt vor den Mund, erzählte offen und beherzt von Problemen aus ihrem Leben und stellte kritische sowie realitätsnahe Fragen. Die Netzgemeinde feierte sie dafür. Dies lag sicher nicht zuletzt daran, dass die Bevölkerung bis heute zunehmend das Gefühl hat, die Politik kümmere sich eher wenig um die wahren Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens. Ein digitaler Wahlkampf  spielt bei der Bundestagswahl  2017 für die Parteien eine große Rolle.  Und er kann durch die Nutzung von Social-Media dem beschriebenen Gefühl entgegenwirken.

Digitaler Wahlkampf: Ein Facebook-Live Dialog

Den Wähler in den Mittelpunkt stellen – dies möchte das neue Social-Media-Format “Frag selbst”, initiiert vom ARD Hauptstadtstudio sowie der tagesschau. Die Nutzer können ihre Fragen im Vorfeld per Mail einreichen oder live auf Facebook in die Kommentare schreiben. Diese werden dann von den wöchentlich wechselnden Spitzenpolitikern im Livestream beantwortet. Dabei werden laut Aussagen der Moderatorin diejenigen Fragen ausgewählt, welche die meisten Likes erhalten. Eine Aufforderung dazu gibt es allerdings nicht. Ebenfalls offen bleibt, wie die Redakteure die Mails selektieren. Für Abwechslung sorgen einige Einspieler, welche Meinungen von Menschen in Fußgängerzonen auffangen sowie 60 sekündliche Frage/Antwort-Sprints, die der jeweilige Politiker nur mit “Ja”oder “Nein” beantworten darf.

Katrin Göring-Eckardt im Gespräch

Den Startschuss gab am Sonntag der Dialog mit Katrin Göring-Eckardt von den Grünen. Einem Facebook Live-Video entsprechend, erschienen während der Übertragung von den Usern gewählte Emoticons als Reaktion auf die gezeigten Inhalte. Im Falle von Göring-Eckardt waren das in erster Linie Wut-Smileys, was wahrscheinlich generell der Stimmung im Netz gegenüber der Politik entspricht und erstmal nicht besorgniserregend ist.

Kommen Wähler tatsächlich zu Wort?

Das neue Format greift den aktuellen Zeitgeist auf und gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich durch persönlich relevante Fragen ein Bild über die politischen Haltungen und Vorhaben der jeweiligen Parteien zu machen. Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel, welche das Live-Gespräch führt, bestätigt dies:

„Diese Wahl ist anders. Es wird so viel über Politik diskutiert wie selten und gleichzeitig haben viele das Gefühl, nicht gehört zu werden. Hier bestimmen die User, was und wie gefragt wird und ob sie die Antworten überzeugend finden. Das macht den Reiz unseres neuen Formates aus“.

Die Fragen sind aus der Realität gegriffen, die Politik ist so “nah am Volk”. Gleichzeitig bietet sich den Parteien ein großer Vorteil, neue Wähler auf neuen Wegen zu gewinnen, insbesondere Digital Natives. Doch inwieweit die individuellen Anliegen wirklich Gehör finden können, bleibt fraglich – Selektion bleibt Selektion. Dennoch hilft es, einen relevanten und vielleicht sogar entscheidenden Einblick zu gewinnen.

Seht und fragt selbst!

Vergangene Sendungen können auch im Nachhinein in der Mediathek oder auf Facebook angeschaut werden. Ansonsten könnt ihr “Frag selbst” auf folgenden Kanälen verfolgen: im Livestream auf www.frag-selbst.de und www.tagesschau.de sowie bei Facebook auf den Kanälen von tagesschau, ARD-Hauptstadtstudio, Bericht aus Berlin und Das Erste. Tagesschau24 überträgt das Gespräch im Fernsehprogramm.

Alle Termine im Überblick:

  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli, 19:00 Uhr
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): 9. Juli
  • Peter Altmaier (CDU): 16. Juli
  • Frauke Petry (AfD): 13. August
  • Horst Seehofer (CSU): 20. August
  • Martin Schulz (SPD); 27. August 2017
  • Christian Lindner (FDP): Termin noch offen

Hier könnt ihr eure Fragen stellen:

  • live per Facebook-Kommentar
  • Webseite www.frag-selbst.de
  • via Video an frag-selbst@tagesschau.de
  • Facebook Messenger (Tagesschau)

Bild: @unsplashSticker Mule

Online Theater Live Logo mit Cursor neon grün schwarzer Hintergrund

Onlinetheater:
Eine Bühne zwischen Virtualität und Realität

Wir waren im Theater … und eigentlich auch wieder nicht. Denn es handelte sich um keine gewöhnliche Vorstellung. Gespielt wurde nicht etwa auf einer klassischen Bühne, sondern ortsunabhängig, online, in einem Livestream des World Wide Web. Theater 2.0, das Web als neue Bühne, funktioniert das?

Online-Theater.live – so nennt sich das Projekt, welches von den Schauspielern Caspar Weimann und Saladin Dellers gemeinsam mit NUU, einer experimentellen Plattform für junge Künstler, “ins Netz gerufen” wurde. Dabei geht es nicht darum, ein Stück aufzuzeichnen und in den Medien zu verbreiten, sondern es online entstehen und sich entwickeln zu lassen. Eine Gruppe junger Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kreieren ein mobiles, eigens fürs Internet inszeniertes Online-Erlebnis: Die Schauspieler sind unterwegs, filmen sich mit verschiedenen Medien und übertragen die Inhalte per Livestream in dein Wohnzimmer. Teile der Story werden mit dem Online-Publikum im Foyer, einem parallel laufenden Chat, besprochen und final gestaltet. Jeder kann kostenlos zuschauen und mitkommentieren. Das Netz und seine User werden dadurch selbst Teil der Inszenierung. In dieser Situation ist Spontanität, Improvisation und Interaktion gefragt. Doch ist das noch Theater? Oder schon Film? Ein Event? Eine Live-Sendung wie im TV? Die Macher der gestrigen Aufführung “follower” nennen es ein “on-the-road-multicam-live-improfilm-theater”. Was für eine Wortneuschöpfung! Schon diese Bezeichnung erweckt den Eindruck, als fiele es auch den Künstlern schwer, eine Einordnung vorzunehmen. Aber vielleicht ist es genau diese Vernetzung und Kombination von Stilen und Techniken, die das Ganze zu etwas Besonderem und einer neuen Form der Kunst macht?

So auch das Stück Follower?

Kurz vor 21 Uhr: Noch schnell etwas zu Abend gegessen, den Akku des Laptops aufgeladen, und ab auf die Couch im Schlabberlook. Ein ganz besonders gemütlicher Theaterbesuch. Gespannt sitze ich vor dem Bildschirm und starte den Livestream. Im Foyer, dem Chat, ist noch nicht so viel los, es wird sich begrüßt und das Gefühl der Neugierde geteilt. Ein für das Projekt typisch neon-grünfarbiger Cursor vor schwarzem Hintergrund, begleitet von einem sich aufbauenden elektronischen Hintergrundton, nährt die gespannte Erwartungshaltung. Dann geht es auch schon los. Der Dreh mit Kamera im Selfiestickmodus beginnt. Die Anzahl der Viewer: 34. Die Szenerie: zwei Schauspieler, ein Mozart mit billiger Perücke auf dem Kopf und einer Scherpe um den Hals, eine Nixe, mit gleichermaßen verkitschtem Kostüm, vor dem Hintergrund wild zusammengewürfelter und improvisiert wirkender Kulissen (ein roter Samtvorhang, goldenes Lametta und ein Papp-Zeppellin sprechen für sich). Hilfe, ist das Kunst? Erkenne ich den hohen Anspruch dieses Werkes nicht? Doch wie so oft im Leben ist es nicht immer nur der erste Eindruck, der zählt. Eine kurze überspitzt-kitschige und übertrieben gespielte Szene und einen Kamerawechsel später wird klar: dies ist nur ein Spiel im Spiel. Denn im Mittelpunkt des Abends steht der Schauspielstudent Benjamin.

Eine Story von und mit den Digital Natives unserer Zeit

Er ist mit Ellie (der Nixe) zusammen. Oder doch nicht? Angesichts dessen, dass Ben den ganzen Abend über unbedingt zu seiner Verflossenen Lena möchte, ist dies dem Zuschauer nicht hundertprozentig klar. Es wirkt so, als wollten die Macher die Auswirkungen der Online- auf die Offline-Welt sowie den stereotypen Mann unserer Generation Y darstellen: dynamisch, abenteuerlustig, auf der Suche nach sich selbst, in der Vergangenheit schwelgend, in die Zukunft blickend, träumerisch und ernüchtert zugleich. Während er nicht so recht weiß, was er will und sich alle Optionen offen hält, vergisst er dabei manchmal die Gegenwart und läuft so Gefahr, die Zukunft mit Ellie zu gefährden. Die Künstler selbst beschreiben es so: “es dreht sich hierbei um das Verhältnis eines Menschen zum System Internet und zum Strom seiner Zeit. Wohin können die Möglichkeiten des anarchistischen und fast gesetzlosen Raumes Internet Menschen und ihre Gefühle treiben – vor allem im Bezug auf ihre Alltagsumgebung Stadt. Was bietet mehr? Das Internet oder das urbane Umfeld?”

Der digitale Raum: Durch ihn ist es möglich, mit jedem jederzeit vernetzt zu sein und zu bleiben. Alte Kontakte können aufgewärmt, neue schnell geschlossen werden. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie zwischen Realität und Virtualität. Die im Stück vielfältig eingesetzten Medien und Plattformen unterstreichen diese Tendenz. Es wird mit Smartphones gefilmt. Das Publikum kann die Handlung dabei auf mehreren Ebenen verfolgen: Es kann beispielsweise sehen, wie Ben die Kamera auf sich und Ellie hält, während er selbst gefilmt wird.

Theater Online Szene in der mit Smartphone gefilmt wird, daneben das Chatfenster
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams mit Chatkommentaren)

 

Und auch die Locations werden gewechselt: eben noch in der Natur, nun im Keller, eben noch mit dem Auto, nun mit dem Roller durch die Stadt, eben noch die Kameraperspektive vom trockenen Ufer aus und im nächsten Moment mit Ben im kalten Nass des Flusses, eben noch auf der Straße, dann im Bildschirm. So gibt es Szenen, in denen in den Screen eines Handys geschaltet wird, sodass der Zuschauer verfolgen kann, wie der Protagonist googelt, seine Anrufliste checkt oder sich in Ellies Vlog auf Youtube klickt. Doch Inhalte, Handlungen und Stimmungen wechseln sich ab. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist mal harmonisch, mal chaotisch, mal feindselig, ernst und dann wieder glücklich. Eben liegen die Protagonisten noch halb nackt im Bett, dann ermorden sie im Affekt eine Frau.

Online Theater Szene zwei Personen mit bunten Kostümen auf Couch berühren sich
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams)

 

Überraschend und unterhaltsam waren außerdem die Kommentare im Foyer. Der Chat wird beispielsweise für inhaltliche Nachfragen genutzt (“wer ist der gruselige Typ?”), für Wertungen (“lahm”), für technische Fragen oder einfach für einen Austausch über das Theater genutzt. Ein Zuschauer merkte sogar: “die sind gerade bei mir vorbei gefahren”. Dies zeigt eine neue Dimension, in welcher das Online-Theater stattfindet. Nicht der Zuschauer kommt zum Theater, sondern das Theater zum Zuschauer – manchmal sogar wortwörtlich. Am Ende kam es auch zu Aufrufen und Storywünschen wie: “Küssen!”. Genau das dachten sich wahrscheinlich viele Zuschauer, denn die Situation war dramaturgisch daraufhin ausgelegt. Es schien als würde es jeden Moment passieren. Und dann wurde die Situation doch wieder entschärft, dem Wunsch nicht stattgegeben. Sehr unterhaltsam war es ebenfalls, dass auch das Produktionsteam (Bühnenbild: “eigentlich haben wir Feierabend”) sowie die Figuren selbst (Lena: “ich warte auf dich”) antworteten. Und auch hier wechselten die Perspektiven: einerseits die Sicht des Produktionsteams, andererseits die der Figuren.

Online Theater Szene in der mit Smartphones gefilmt wird gruselige Gestalt kommt von hinten
Szene aus dem Online-Theater-Stück „Follower“ (Screenshot des Livestreams mit Chatkommentaren)

 

Derartige Veränderungen sind durch ihre Unvorhersehbarkeit spannend. Auch externe, von den Schauspielern nicht beeinflussbare, Gegebenheiten haben ihren ganz eigenen Reiz. So sind die Blicke der vorbeilaufenden und nichtsahnenden Passanten einfach nur zu köstlich. Wirklich nichtsahnend? Gleichzeitig fragt man sich: Ist das Gezeigte wirklich Realität oder doch Inszenierung? Schwimmt dieser eine Mann dort zufällig durch das Bild oder wurde er gezielt platziert?

Spontan und unberechenbar

Doch all die Dynamiken führen zugegebenermaßen dazu, dass man gezwungen ist, das Ganze mit höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der parallel laufende Chat ist interessant, aber das Multitasking-Talent, das einem hier abverlangt wird, ist selbst für mich als weibliche Zuschauerin nicht immer einfach abzurufen. Hinzu kamen Probleme beim Verbindungsaufbau: Der Livestream blieb immer mal wieder stehen. Im Foyer bestätigten manche Zuschauer, dass die Übertragung nicht flüssig sei. Auch akustisch waren die Schauspieler nicht immer optimal zu verstehen. Mitten in der Geschichte stürzte dann auch noch die Website ab. Das bemerkte auch der Protagonist selbst, als er die Zuschauer fragen wollte, was er in seiner Situation nun tun solle. Doch hey – wir befinden uns in den Weiten des Internets. Als Digital Native habe ich gleich mal auf der Facebook Seite des Projektes geschaut und siehe da: Ein Alternativ-Link zu einem neuen Livestream stand bereits zur Verfügung. Die Technik des Online-Theaters – Fluch und Segen zugleich – irgendwie eine Ironie des Schicksals.

An dieser Stelle kann ein weiterer Vorteil des Online-Theaters greifen: Ich habe die Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können (ohne, dass mich jemand komisch anschaut und ich dadurch peinlich berührt bin). Dennoch bin ich dran geblieben. Zum einen, weil die Übertragung besser wurde und zum anderen, wollte ich dann doch wissen, wie es ausgeht. Am Ende scheint es, als habe Ben sich gegen eine Flucht und für eine Zukunft mit Ellie entschieden. Doch sicher kann sich der Zuschauer im Online-Theater nie sein und das in jeder Hinsicht.

Letztlich muss man auch bedenken: Es ist live. Und immer, wenn Technik mit im Spiel ist, können zusätzlich Probleme auftreten. Bei dem Versuch, ein Fazit zu ziehen, fällt eine eindeutige Positionierung nicht leicht. Diese Form des Theaters ist nicht besser oder schlechter als eine klassische Vorführung in einem Saal. Es erzeugt einfach eine andere, ganze eigene Dynamik und Stimmung. Und es führt zu einer anderen Form der Nähe. Wir haben es hier nicht mit einer unmittelbaren physischen Anwesenheit des Publikums zu tun. Das Online-Theaterstück in den eigenen vier Wänden hat seine Vorteile: Man kann parallel andere Sachen erledigen, wird nicht von anderen Zuschauerreaktionen angesteckt oder abgelenkt und niemand vermiest einem durch seine Größe die Sicht auf das Geschehen. Der Zuschauer ist allein vor dem Rechner und doch sozial vernetzt. Die Nähe entsteht durch das Schreiben im Chat. Dennoch besteht jederzeit die Möglichkeit, die Rolle eines externen Beobachters am Geschehen einzunehmen. Und auch die Künstler und ihr Werk kommen dem Zuschauer noch näher als in der Realität. Das Publikum wird quasi ein digitaler Co-Produzent.

Im Programm des Online-Theaters stehen momentan die Stücke “Follower” und “Werther”. Laut den Initiatoren werden zukünftig auch andere Performances und Veranstaltungen im Livestream übertragen.

Bei all dem hin und her zwischen Liebe und Mord, Flucht und Rückkehr, bei all den Smartphones, Screens, On- und Offline-Situationen sowie ihren Zusammenhängen, gab es eine skurrile Konstante: einen Blumenstrauß, den Ben stets mit sich trug.

Vielleicht eine versteckte Botschaft?

Vorhang auf, Livestream frei! Zum Beispiel am:

  1. Juli 2017: Werther
  2. Juli 2017: Follower

Webseite: onlinetheater.live

Bilder: @onlinetheater.live

Konzert Bühne Fête de la Musique Berlin Menschenmasse

Die Fête de la Musique 2017 im Überblick:
digital und mit unseren Tipps für Berlin

Ob piano oder forte, ob Rock oder Pop, ob Solist oder Band, ob drinnen oder draußen, ob Profi oder Hobby-Musiker – bei der Fête de la Musique ist für jeden Geschmack etwas dabei! Alle Jahre wieder feiern Menschen weltweit, zum Sommeranfang am 21.06., das Fest der Musik, the Worldwide Music Day. In den Straßen der insgesamt 540 teilnehmenden Städte, davon 300 in Europa und 47 in Deutschland, finden sich Musikliebhaber zusammen und lassen sich von Klängen unterschiedlichster Natur treiben – den ganzen Tag, zum Nulltarif.

Auch Berlin zelebriert die Liebe zur Musik auf über 100 Bühnen in unterschiedlichen Spots, in allen 12 Bezirken der Stadt. In diesem Jahr sprechen die Veranstalter von einer Rekord-Beteiligung. So sind am Mittwoch über 25 neue Locations mit dabei. Da kann man schon einmal die Übersicht verlieren. Die kostenlose App FETEberlin (erhältlich für iOS und Android) versucht dem entgegenzuwirken. Wir haben sie getestet, verraten Euch, ob sich ein Download zur optimalen Vorbereitung auf Mittwoch lohnt und geben Euch alle weiteren Infos in die Hand, um den Tag musikalisch auskosten zu können.

App FETEberlin

Die App macht Angaben zur Geschichte des musikalischen Festes und klärt über die Regeln zur Straßenmusik auf: Wer darf wann, wie und was musizieren. Die integrierte FdM-Berlin Map verschafft dem Nutzer zunächst einmal einen Überblick über alle Bühnen sowie das jeweilige Programm vor Ort. Wird eine der Locations ausgewählt, so erhält man die wichtigsten Informationen: die Agenda, inklusive Uhrzeiten, Künstler sowie Angaben zum Gerne. Wer lieber direkt nach Bezirk, Bandname, Bühne, Stilrichtung (z.B. Hip Hop, Rock, Raggae, Indie) und/oder Eventart (z.B. Open Air, Indoor, Fête de la Nuit) filtern möchte, kann dies in einer gesonderten Suchmaske ebenfalls tun.

Die YouTube-Playlist FETE-Künstler 2017, auf welche die App verweist, ist gespickt mit den Musikvideos teilnehmender Künstler – so kann man sich bereits im Vorfeld erkundigen, welche Acts interessant und einen Besuch wert sind.

Mithilfe der App können sich die Nutzer einen guten Überblick über die musikalischen Highlights und die benötigten Informationen verschaffen – insbesondere für Kurzentschlossene eine schnelle und effektive Möglichkeit, sich musikalisch durch den Tag zu manövrieren. So findet jeder für seinen individuellen Musikgeschmack die richtigen Locations. Bedenken sollte man jedoch, wie bei allen Veranstaltungen dieser Größenordnung auch, dass in den Ballungszentren die benötigte Internetverbindung schwächeln kann.

Unsere Tipps für Eure Fête de la Musique 2017

Für den ersten Überblick geben wir euch schon einmal einige Tipps für die Fête de la Musique in Berlin mit. Bisher meint es der Wetterbericht gut mit uns, sodass sich die letzten Sonnenstrahlen beispielsweise gut im Birgit & Bier genießen lassen: Auf zwei Open Air Floors wird unter Beweis gestellt, dass auch an ein und demselben Standort unterschiedliche Geschmäcker auf ihre Kosten kommen können. So treten hier die Künstler The Blue Ones (Blues), Rosie and the Amateurs of Speed (Folk), B6BBO (Power Polka), SwingSchlampen (Swing), RasgaRasga (Gipsy, Balkan) sowie Mike Book, DirrtyDishes, Daniel Jaeger und Mr. Schug (Dance, Electro) auf.

Auch auf dem RAW-Gelände im “Badehaus x Cassiopeia Openair” gibt es einen bunten Musik-Mix: Von HipHop, Soul und Funk über Pop, Indie, Alternative oder Garage ist alles dabei.

Der Mauerpark ist jedes mal aufs neue Highlight der Fête de la Musique in Berlin. Im Programm der Red Bull Music Academy stehen Auftritte von Cuthead, Alis, Jameszoo, Dorian Concept, Thundercat und Flying Lotus. In der Vergangenheit besuchten die Mauerpark-Bühne ca. 15.000 Besucher. Leider bleibt uns dabei aber auch eine schlechte Nachricht nicht erspart: Kurz nach der Fête de la Musique beginnen im Mauerpark zwei Jahre andauernde Bauarbeiten. In diesem Zeitraum ist der Park zwar zugänglich, Veranstaltungen dieser Art können dort jedoch nicht mehr stattfinden. Ein Argument mehr, die Location auf dem Plan zu haben – so als Abschied.

Auch leise Töne

Fête de la Musique = laute Party-Sounds? Nicht nur! Schließlich lebt das Fest von seiner musikalischen Vielfalt! So kommen auch die leisen Töne nicht zu kurz. Wer möchte, kann sich zum Beispiel beim Event “Yoga meets Music at BeachMitte”, passend zum gleichzeitig stattfindenden internationalen Yoga-Tag, entspannen. Meditieren statt tanzen – auch das ist möglich.

Wer es lieber klassisch mag, sollte den Tag im Nikolaiviertel verbringen – hier spielen hauptsächlich traditionell klassische Musiker. Auch der Berliner Dom ist mit zahlreichen Chören ein geeigneter Anlaufpunkt – von Barock bis Filmmusik ist hier alles vertreten.

Bis die Wolken wieder lila sind

Um 22 Uhr muss das musikalische Erlebnis noch lange nicht vorbei sein. Beim sich anschließenden Fête de la Nuit kann bis in die Nacht hinein getanzt und musiziert werden. Insgesamt setzen 25 Standorte ihr Programm indoor fort, darunter: Gretchen, Yaam, Kesselhaus-French Night, Tresor Club, Ritter Butzke, Hafenbar Tegel, Mein Haus am See, Musik & Frieden sowie der Void Club Berlin.

 

Die Fête de la Musique Berlin – am Mittwoch, den 21.06.2017
Wetterprognose: sonnig, 25 Grad

– Musik in unseren Ohren!

 

Bild: @Fete berlin,  Fotograf: Dirk Mathesius

documenta 14 Kunstwerk Zelt aus Marmor Rebecca Belmore

Die documenta 14 zwischen Kritik, Krise, Politik und Zusammenhalt

Von Athen lernen – so lautet das offizielle Motto der am Samstag in Kassel eröffneten documenta 14 – der weltweit größten und bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bis zum 17. September 2017 können Besucher dort internationale Werke bestaunen. Wie das Motto bereits impliziert, findet die Ausstellung in diesem Jahr erstmals an einem zweiten gleichberechtigten Standort statt: in Athen. Der Kurator und künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, gibt Aussicht auf einen “bedeutungsvollen und spannenden Lernprozess”, der uns helfen soll, die Welt um uns herum zu verstehen und durch unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten.

Doch in Griechenland machte sich bereits zum dortigen Start der Ausstellung im April Protest breit. So begegneten dem internationalen Kunstpublikum in den Straßen Anti-documenta-Graffitis, wie “crapumenta 14”. Das “crap” in der Abwandlung von documenta, steht übersetzt für “Mist”, “Scheiß” oder “Unsinn”. Auf einer anderen Mauer fragt sich ein Sprayer: „The crisis of a commodity or the commodity of crisis?“ Der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis lies in diesem Zusammenhang das Wort „Krisentourismus“ fallen. Der ehemalige Syriza-Abgeordnete Zoe Konstantopoulou geht noch einen Schritt weiter in Richtung deutsch-griechischer Vergangenheit und twittert vernichtend: „Die Nazis kommen wieder, nur mit anderen Mitteln.“

Kunst auf Kosten anderer? Missbrauch von Leid und Armut? Oder eine Bekämpfung eben dieser? – Was bedeutet die Wahl Athens als zweite Ausstellungsstadt der documenta 14? Wir haben einige Stimmen gesammelt.

Klingt der Leitsatz der documenta 14 im ersten Moment noch positiv und lehrreich, ist er im Nachgeschmack doch etwas irritierend, vor dem Hintergrund der aktuellen und internationalen gesellschaftlichen sowie politischen Situation, Griechenlands Schuldenkrise, der Flüchtlingsthematik und europäischer Instabilität, für manch einen gar provokativ. Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Steinmeier in einer Rede zur Ausstellung: “(…) der Titel dieser documenta zielt auf die Gegenwart, auf die politischen und ökonomischen Gräben zwischen uns, die wir – so verstehe ich die Botschaft – zu überwinden haben.” Für Szymczyk, der das Motto formulierte, steht Athen für die globale Finanzkrise sowie die Krise Europas. Die documenta könne in diesem Zusammenhang die Teilung Europas erforschen und eine Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen. Für ihn ist die Lage Europas viel zu heiß, als dass die documenta sie eiskalt ignorieren könnte und das internationale Publikum allein im beschaulichen und netten Kassel willkommen geheißen werden sollte.

Hier liegt auch der Ursprung für die Wahl der Hauptstadt Griechenlands als zweiten Ort der Kunstausstellung: „Ich wurde gebeten, einen Vorschlag für die documenta in Kassel einzureichen. Und das rief bei mir gleich viele Fragen hervor: Warum die documenta? Warum in Kassel? In mir waren plötzlich jede Menge Warums. Und ich wäre unzufrieden damit gewesen, eine irgendwie nette und intelligente Ausstellung für eine mir vorgegebene Stadt vorzuschlagen, während die Situation politisch und wirtschaftlich langsam heiß wurde – insbesondere im Süden Europas. Also begann ich, mich nach einer Möglichkeit umzuschauen, den ursprünglichen Spielort in Kassel beizubehalten und gleichzeitig auch einen ganz anderen Standpunkt zu finden, von dem aus man die Dinge anders sehen und lesen kann“, so der polnische Kurator Szymczyk.

Ein Widerspruch in sich?

Die Glaubwürdigkeit dieser Intention, einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe, wird in Frage gestellt und stößt auf Gegenwind. 34 Millionen Euro stehen der documenta über einen Zeitraum von fünf Jahren als finanzielle Mittel zur Verfügung. Kritikern missfällt es, dass eine derartig kostspielige und noch dazu deutsche Kunstausstellung ausgerechnet mit dem von Finanznöten geplagten Griechenland und im Lichte der deutsch-europäischen Sparpolitik eine Kooperation eingeht. Doch vielleicht ist genau das ein einseitiges Vorurteil über ein angebliches Vorurteil, ein Tunnelblick, der Deutschland als aktiv und Griechenland als passiv betitelt. Bundespräsident Steinmeier verweist in seiner Rede auf das Symbol der documenta, die Eule: “Die Demokratie, davon bin ich überzeugt, lebt von einer Perspektive, die möglichst viel und mit großer Tiefenschärfe in den Blick nimmt, wie die Eule, die uns hier als Symbol der documenta allerorten begegnet. Die Eule kann ihren Kopf um 270 Grad drehen. Ich will diese Übung niemandem zur Nachahmung empfehlen. Aber wir können lernen, uns umschauen, einander wahrnehmen und genauer hinschauen – das können wir sehr wohl. Und das sollten wir auch, wenn wir asymmetrische, einseitige Beziehungen zwischen unseren Ländern vermeiden wollen.”

Flucht und Migration als internationale Themen

Auch wenn diese Ansicht fast schon simpel klingt, ist sie doch heute wichtiger denn je, auch wenn gegenseitige Unvoreingenommenheit selbstverständlich sein sollte, ist sie es heute immer seltener. Insbesondere aktuelle Themen, wie Flucht und Migration, die uns alle indirekt betreffen, erfordern eine gegenseitige Unterstützung der Länder und werden von der documenta aufgegriffen. So zeigt beispielsweise die Künstlerin Rebecca Belmore auf dem Philopappos-Hügel, gegenüber der berühmten Akropolis, symbolisch zum Thema Flucht ein Zelt aus Marmor. Ein Zelt kreierte auch Künstler Mounira Al Solh aus dem Libanon und beschichtete die Innenwand mit den Erlebnissen von Geflüchteten aus Unterkünften in Kassel. Diese Beispiele zeigen, dass das Leben und die Kunst keine Grenzen kennen und wie Geschichte, Kreativität und gesellschaftliche sowie politische Themen vereinbar sind.

International oder regional?

Neben der politischen Dimension sehen einige griechische Stimmen die Kunst des eigenen Landes nicht genug gewürdigt und unterstellen der documenta in Athen eine Art unglaubwürdige Parallelwelt zu sein, die der wahren Kunst Griechenlands keine Plattform bietet: „(…) natürlich gibt’s auf der documenta tolle Kunst zu sehen. Aber man muss sich mal das große Ganze angucken. Ich war bei der Eröffnung im Museum für Zeitgenössische Kunst: Da waren viele Leute aus der internationalen Kunstszene, mit ihren schicken Klamotten. Und vor den Türen des Museums: Da war das richtige Athen, mit seinen Gerüchen, seinen Geräuschen, seinen Problemen. Aber drinnen hat man davon rein gar nichts gespürt. Diese Ausstellung hätte genauso gut in Zürich, in Basel oder sonst wo stattfinden können”, so die die Künstlerin Poka-Yio.

Viele Griechen sind enttäuscht, dass vergleichsweise wenig griechische Künstler an der documenta teilnehmen. Sie gingen davon aus, die documenta würde vollkommen in die künstlerische Szene Athens eintauchen. Doch sie ist und bleibt eben eine internationale Kunstausstellung: „Die documenta gehört vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen.“, so Adam Szymczyk. Die Leiterin des documenta Büros in Athen, Marina Fokidis, entgegnet dem außerdem, dass die documenta für viele griechische Künstler eine große Chance darstellt, neue Kontakte und ein internationales Netzwerk zu knüpfen.

Eine Symbiose

Für die Galeristin Marina Athanassiadou kann die documenta in Griechenland neue Impulse geben und einen Fortschritt einleiten: „Ich glaube, es ist das erste Mal, dass hier in Athen die Straßen für ein Kunst-Event gesperrt werden. Sonst passiert das nur, weil wieder irgendwo demonstriert wird: Wenn’s um die Finanzkrise geht oder um die Europäische Union. Wir haben die Nase voll von diesen Demos. Und jetzt findet mitten auf dem Syntagma-Platz plötzlich eine Kunst-Performance statt. Das macht die Leute neugierig, weil es etwas Neues ist. Sie gehen hin und fragen, was da los ist. Und wer fragt, der lernt.“
Doch auch für das Herzstück der documenta und ihre Mutterstadt Kassel, kann Athen eine Bereicherung sein. Vinzenz Brinkmann sieht in Athen für die Kunstausstellung eine Chance: „Szymczyk rettet die Idee der documenta“. Der Archäologe spricht von zu überwindenden „Abnützungsfaktoren“. Seiner Meinung nach sei die documenta ursprünglich „aus der Irritation heraus“ entstanden. Dadurch, dass die Ausstellung durch den Ort Athen erweitert wurde, hat der Kurator „der Idee des Widerständigen neue Kraft gegeben“, sagt er. Statt Abstumpfung, Oberflächlichkeit und Event: Tiefe, Intention und ein Verlassen der Komfortzone. Statt Krisentourismus, Krisenbewusstsein und ein gemeinsames Reflektieren über mögliche Lösungen.

Demnach sollte nicht gefragt werden: Athen als zusätzlicher Ausstellungsort der documenta – ja oder nein? Und schon gar nicht: Kassel oder Athen? Auch sollte das Novum der aktuellen documenta 14 nicht als Wettbewerb zwischen Kassel und Athen angesehen werden. Zugegeben: das Motto “von Athen lernen” impliziert zunächst eine Ironie und für manch einen vielleicht sogar eine Demütigung der Griechen, sollte aber nicht als solche aufgefasst werden. Denn die Intention ist nach Betrachtung der Schilderungen eine andere: gegenseitige Bereicherung. Das klingt vielleicht etwas optimistisch und einfach. Aber manchmal liegt genau in diesem “weniger ist mehr” die Kunst.

Das dachte sich auch der kosovarische Künstler Sokol Beqiri und pflanzte im Rahmen der documenta eine kleine Eiche auf das Gelände der Technischen Universität in Athen, ein griechisches Bäumchen, veredelt mit den Ästen jener Eichen, die vor mehr als 30 Jahren von dem deutschen Künstler Joseph Beuys in Kassel gepflanzt wurden.

Die documenta 14
documenta14.de
Kassel: 10. Juni – 17. September 2017
Athen: 08. April – 16. Juli 2017

 

Bild 1: @Fanis Vlastaras; documenta 14; Künstlerin: Rebecca Belmore, Biinjiya’iing Onji (Von innen), 2017, Marmor, Filopappou-Hügel, Athen
Bild 2: @heb_beh
Bild 3: @Dimitris Parthimos; documenta 14; Künstler: Sokol Beqiri, Adonis, 2017, gepropfter Baum und Marmor, Polytechnion, Athen

weißes Roboter-Gesicht Nahaufnahme

Ein Blick in die digitale Zukunft – Die CeBIT 2017

Ende März ist es wieder soweit: Die CeBIT öffnet ihre Türen. Vom 20. – 24. März präsentieren über 3000 Aussteller, darunter über 450 Start-Ups und namenhaften Unternehmen, die neuesten technologischen Innovationen der letzten Monate. Partnerland ist in diesem Jahr Japan.

AI, humanoide Roboter, IoT und Virtual Reality – das sind die Kernthemen in diesem Jahr

Klar ist: Das Angebot der CeBIT an neuer Technik, visionären Ideen und aktuellen Forschungsergebnissen ist so umfangreich, dass es sich nicht in einige wenige Kategorien einteilen lässt. Dennoch bilden klare Schwerpunkte heraus.

Artificial Intelligence – Chancen und Risiken

Das Thema Artificial Intelligence begleitet uns schon einige Zeit und so scheint es nur folgerichtig, dass die Errungenschaften der Forschung in Bezug auf das Denken von Maschinen ein zentraler Punkt der diesjährigen CeBIT ist. Dabei finden auch Innovationen aus dem Bereich der Medizin einen Platz. Künstliche Intelligenz beschränkt sich längst nicht nur auf Aufwendungen im Alltag. Sie wird in Zukunft alle Lebensbereiche durchdringen und „erweitern“. Neben der Bewunderung dessen, was heute schon möglich ist, soll das Thema aber auch kritisch beleuchtet werden. Dazu haben die Organisatoren Experten auf dem Gebiet als Sprecher eingeladen. Bei ihren Vorträgen soll es auch um die Problematiken gehen, die sich in Zukunft aufgrund der neuen Errungenschaften zeigen werden. Wird unsere Arbeitskraft überflüssig? Schafft sich der Mensch selber einen intelligenten Feind?

Der Roboter als Freund und Helfer

Neben der Künstlichen Intelligenz zieht eine andere Technologie die Aufmerksamkeit auf sich: humanoide Roboter. In Deutschland sind diese im öffentlichen Leben noch kaum anzutreffen, in Japan hingegen gehören sie bereits dazu. Sie leiten Passagiere am Flughafen zum richtigen Gate und sind in der Lage Stimmen und Bilder so genau zu verarbeiten, das eine Interaktion ermöglicht wird. Auch in anderen Bereichen, etwa in der Altenpflege, sind Roboter auf dem Vormarsch.

Die vollständige Vernetzung – das Internet of Things

Auch die Möglichkeiten des vernetzen Leben sollen in diesem Jahr wieder zu bestaunen sein. Mit dem Internet of Things soll unser Alltag ein neues Gesicht bekommen. Neben Anwendungen die sich dem Smart Home zuordnen lassen, stehen zunehmend auch die Möglichkeiten in Bezug auf den Verkehr und Infrastrukturen im Fokus. Das US-amerikanische Unternehmen Cisco schätzt, dass 2015 mehr als 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein werden. Nun stellt sich zunehmend die Frage nach der Sicherheit einer so umfangreichen Vernetzung. Auch das Thema der Digital Security soll deshalb von Experten auf der CeBIT beleuchtet werden.

Virtual Reality – nicht nur für Spiele

Virtual Reality (VR) wird vor allem mit der Gamer-Szene in Verbindung gebracht. Auch im medizinischen Bereich werden die ersten Anwendungen getestet, die für die Ausbildung beispielsweise von Chirurgen genutzt werden können. Zunehmend erschließt nun noch eine andere Branche den Markt: der Tourismus. So können die Brillen auch genutzt werden um potenzielle Urlauber schon vorab durch die Hotelanlage zu führen. Einer Studie zufolge gehen über 70 Prozent der Unternehmen aus der Tourismusbranche davon aus, dass die Erkundung des geplanten Urlaubsziels vor der Buchung schon 2025 verbreitet sein wird.

Eine Erweiterung von VR stellt zudem die Augmented Reality (AR) dar. Bei diesen Anwendungen wird dem realen Umfeld noch etwas hinzugefügt. Etwa so, wie dies bei dem Augmented-Reality- Spiel Pokémon Go der Fall ist. Auch hier bietet die CeBIT eine Bühne für alle neuen Weiterentwicklungen.

Japan ist das Partnerland der diesjährigen CeBIT

Keine Nation ist so digitalisiert wie Japan. Das Land, das 127 Millionen Menschen zählt, präsentiert sich an der Spitze in Sachen Technik und Digitalisierung. Was bei uns noch als Zukunftsmusik gehandelt wird, ist in der japanischen Gesellschaft längst angekommen. Schon heute kommen in Japan 211 Roboter auf 10 000 Mitarbeiter. Die Japaner gehören zu den am stärksten Vernetzen Bevölkerungen der Welt und investieren jährlich Milliarden in die Forschung und Entwicklung neuer Technologien. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist Japan auch für die deutsche Wirtschaft insbesondere im Hinblick auf neue Innovationen ein wichtiger Partner.

Inhaltlich wird es in jedem Fall einige interessante Beiträge von Seiten der japanischen Kollegen geben. So wird beispielsweise der Direktor des Intelligent Robotics Laboratory des Departments of Adaptive Machine Systems der Universität Ösaka einen Vortrag zu der vieldiskutierten Frage halten, ob der Mensch sich selber abschafft.

Vom Experten bis zum Neugierigen

Ein jeder, der sich auf dem Gebiet der Technik, IT und Digitalisierung bewegt, wird auf der CeBIT noch neue Erkenntnisse gewinnen können und die Möglichkeit haben, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Aber auch all jene, die neugierig sind auf die neuen Entwicklungen und auf alles, was heute schon möglich ist, werden auf ihre Kosten kommen. Wie in den letzten Jahren, kann auch in diesem Jahr wieder für fünf Tage ein Blick in die nahe und ferne Zukunft geworfen werden.

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