Tag: Digitalisierung

Theater 2.0:
Eine Bühne zwischen Virtualität und Realität

Wir waren im Theater … und eigentlich auch wieder nicht. Denn es handelte sich um keine gewöhnliche Vorstellung. Gespielt wurde nicht etwa auf einer klassischen Bühne, sondern ortsunabhängig, online, in einem Livestream des World Wide Web. Theater 2.0, das Web als neue Bühne, funktioniert das?

Online-Theater.live – so nennt sich das Projekt, welches von den Schauspielern Caspar Weimann und Saladin Dellers gemeinsam mit NUU, einer experimentellen Plattform für junge Künstler, “ins Netz gerufen” wurde. Dabei geht es nicht darum, ein Stück aufzuzeichnen und in den Medien zu verbreiten, sondern es online entstehen und sich entwickeln zu lassen. Eine Gruppe junger Künstler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kreieren ein mobiles, eigens fürs Internet inszeniertes Online-Erlebnis: Die Schauspieler sind unterwegs, filmen sich mit verschiedenen Medien und übertragen die Inhalte per Livestream in dein Wohnzimmer. Teile der Story werden mit dem Online-Publikum im Foyer, einem parallel laufenden Chat, besprochen und final gestaltet. Jeder kann kostenlos zuschauen und mitkommentieren. Das Netz und seine User werden dadurch selbst Teil der Inszenierung. In dieser Situation ist Spontanität, Improvisation und Interaktion gefragt. Doch ist das noch Theater? Oder schon Film? Ein Event? Eine Live-Sendung wie im TV? Die Macher der gestrigen Aufführung “follower” nennen es ein “on-the-road-multicam-live-improfilm-theater”. Was für eine Wortneuschöpfung! Schon diese Bezeichnung erweckt den Eindruck, als fiele es auch den Künstlern schwer, eine Einordnung vorzunehmen. Aber vielleicht ist es genau diese Vernetzung und Kombination von Stilen und Techniken, die das Ganze zu etwas Besonderem und einer neuen Form der Kunst macht?

So auch das Stück Follower?

Kurz vor 21 Uhr: Noch schnell etwas zu Abend gegessen, den Akku des Laptops aufgeladen, und ab auf die Couch im Schlabberlook. Ein ganz besonders gemütlicher Theaterbesuch. Gespannt sitze ich vor dem Bildschirm und starte den Livestream. Im Foyer, dem Chat, ist noch nicht so viel los, es wird sich begrüßt und das Gefühl der Neugierde geteilt. Ein für das Projekt typisch neon-grünfarbiger Cursor vor schwarzem Hintergrund, begleitet von einem sich aufbauenden elektronischen Hintergrundton nährt die gespannte Erwartungshaltung. Dann geht es auch schon los. Der Dreh mit Kamera im Selfiestickmodus beginnt. Die Anzahl der Viewer: 34. Die Szenerie: zwei Schauspieler, ein Mozart mit billiger Perücke auf dem Kopf und einer Scherpe um den Hals, eine Nixe mit gleichermaßen verkitschtem Kostüm vor dem Hintergrund wild zusammengewürfelter und improvisiert wirkender Kulissen (ein roter Samtvorhang, goldenes Lametta und ein Papp-Zeppellin sprechen für sich). Hilfe, ist das Kunst? Erkenne ich den hohen Anspruch dieses Werkes nicht? Doch wie so oft im Leben ist es nicht immer nur der erste Eindruck, der zählt. Eine kurze überspitzt-kitschige und übertrieben gespielte Szene und einen Kamerawechsel später wird klar: dies ist nur ein Spiel im Spiel. Denn im Mittelpunkt des Abends steht der Schauspielstudent Benjamin.

Eine Story von und mit den Digital Natives unserer Zeit

Er ist mit Ellie (der Nixe) zusammen. Oder doch nicht? Angesichts dessen, dass Ben den ganzen Abend über unbedingt zu seiner Verflossenen Lena möchte, ist dies dem Zuschauer nicht einhundertprozentig klar. Es wirkt so, als wollten die Macher die Auswirkungen der Online- auf die Offline-Welt darstellen sowie stereotypen Mann unserer Generation Y: dynamisch, abenteuerlustig, auf der Suche nach sich selbst, in der Vergangenheit schwelgend, in die Zukunft blickend, träumerisch und ernüchtert zugleich. Während er nicht so recht weiß, was er will und sich alle Optionen offen hält, vergisst er dabei manchmal die Gegenwart und läuft so Gefahr, die Zukunft mit Ellie zu gefährden. Die Künstler selbst beschreiben es so: “es dreht sich hierbei um das Verhältnis eines Menschen zum System Internet und zum Strom seiner Zeit. Wohin können die Möglichkeiten des anarchistischen und fast gesetzlosen Raumes Internet Menschen und ihre Gefühle treiben – vor allem im Bezug auf ihre Alltagsumgebung Stadt. Was bietet mehr? Das Internet oder das urbane Umfeld?”

Der digitale Raum: Durch ihn ist es möglich, mit jedem jederzeit vernetzt zu sein und zu bleiben. Alte Kontakte können aufgewärmt, neue schnell geschlossen werden. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie zwischen Realität und Virtualität. Die im Stück vielfältig eingesetzten Medien und Plattformen unterstreichen diese Tendenz. Es wird mit Smartphones gefilmt. Das Publikum kann die Handlung dabei auf mehreren Ebenen verfolgen: Es kann beispielsweise sehen, wie Ben die Kamera auf sich und Ellie hält, während er selbst gefilmt wird.

Theater Online

 

Und auch die Locations werden gewechselt: eben noch in der Natur, nun im Keller, eben noch mit dem Auto, nun mit dem Roller durch die Stadt, eben noch die Kameraperspektive vom trockenen Ufer aus und im nächsten Moment mit Ben im kalten Nass des Flusses, eben noch auf der Straße, dann im Bildschirm. So gibt es Szenen, in denen in den Screen eines Handys geschaltet wird, sodass der Zuschauer verfolgen kann, wie der Protagonist googelt, seine Anrufliste checkt oder sich in Ellies Vlog auf Youtube klickt. Doch Inhalte, Handlungen und Stimmungen wechseln sich ab. Die Kommunikation zwischen den Protagonisten ist mal harmonisch, mal chaotisch, mal feindselig, ernst und dann wieder glücklich. Eben liegen die Protagonisten noch halb nackt im Bett, dann ermorden sie im Affekt eine Frau.

Theater Online

 

Überraschend und unterhaltsam waren außerdem die Kommentare im Foyer. Der Chat wird beispielsweise für inhaltliche Nachfragen genutzt (“wer ist der gruselige Typ?”), für Wertungen (“lahm”), für technische Fragen oder einfach einem Austausch über das Theater genutzt. Ein Zuschauer merkte sogar: “die sind gerade bei mir vorbei gefahren”. Dies zeigt eine neue Dimension, in welcher das Online-Theater stattfindet. Nicht der Zuschauer kommt zum Theater, sondern das Theater zum Zuschauer – manchmal sogar wortwörtlich ;). Am Ende kam es auch zu Aufrufen und Storywünschen wie: “Küssen!”. Genau das dachten sich wahrscheinlich viele Zuschauer, denn die Situation war dramaturgisch daraufhin ausgelegt. Es schien als würde es jeden Moment passieren. Und dann wurde die Situation doch wieder entschärft, dem Wunsch nicht stattgegeben. Sehr unterhaltsam war es ebenfalls, dass auch das Produktionsteam (Bühnenbild: “eigentlich haben wir Feierabend”) sowie die Figuren selbst (Lena: “ich warte auf dich”) antworteten. Und auch hier wechselten die Perspektiven: einerseits die Sicht des Produktionsteams, andererseits die der Figuren.

Theater Online

 

Derartige Veränderungen sind durch ihre Unvorhersehbarkeit spannend. Auch externe, von den Schauspielern nicht beeinflussbare, Gegebenheiten haben ihren ganz eigenen Reiz. So sind die Blicke der vorbeilaufenden und nichtsahnenden Passanten einfach nur zu köstlich. Wirklich nichtsahnend? Gleichzeitig fragt man sich: Ist das Gezeigte wirklich Realität oder doch Inszenierung? Schwimmt dieser eine Mann dort zufällig durch das Bild oder wurde er gezielt platziert?

Spontan und unberechenbar

Doch all die Dynamiken führen zugegebener maßen dazu, dass man gezwungen ist, das Ganze mit höchster Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der parallel laufende Chat ist interessant, aber das Multitasking-Talent, das einem hier abverlangt wird, ist selbst für mich als weibliche Zuschauerin nicht immer einfach abzurufen. Hinzu kamen Probleme beim Verbindungsaufbau: Der Livestream blieb immer mal wieder stehen. Im Foyer bestätigten manche Zuschauer, dass die Übertragung nicht flüssig sei. Auch akustisch waren die Schauspieler nicht immer optimal zu verstehen. Mitten in der Geschichte stürzte dann auch noch die Website ab. Das bemerkte auch der Protagonist selbst, als er die Zuschauer fragen wollte, was er in seiner Situation nun tun solle. Doch hey – wir befinden uns in den Weiten des Internets. Als Digital Native habe ich gleich mal auf der Facebook Seite des Projektes geschaut und siehe da: Ein Alternativ-Link zu einem neuen Livestream stand bereits zur Verfügung. Die Technik des Online-Theaters – Fluch und Segen zugleich – irgendwie eine Ironie des Schicksals.

An dieser Stelle kann ein weiterer Vorteil des Online-Theaters greifen: Ich habe die Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können (ohne, dass mich jemand komisch anschaut und ich dadurch peinlich berührt bin). Dennoch bin ich drangeblieben. Zum einen, weil die Übertragung besser wurde und zum anderen, wollte ich dann doch wissen, wie es ausgeht. Am Ende scheint es, als habe Ben sich gegen eine Flucht und für eine Zukunft mit Ellie entschieden. Doch sicher kann sich der Zuschauer im Online-Theater nie sein und das in jeder Hinsicht.

Letztlich muss man auch bedenken: Es ist live. Und immer, wenn Technik mit im Spiel ist, können zusätzlich Probleme auftreten. Bei dem Versuch ein Fazit zu ziehen, fällt eine eindeutige Positionierung nicht leicht. Diese Form des Theaters ist nicht besser oder schlechter als eine klassische Vorführung in einem Saal. Es erzeugt einfach eine andere, ganze eigene Dynamik und Stimmung. Und es führt zu einer anderen Form der Nähe. Wir haben es hier nicht mit einer unmittelbaren physischen Anwesenheit des Publikums zu tun. Das Online-Theaterstück in den eigenen vier Wänden hat seine Vorteile: Man kann parallel andere Sachen erledigen, wird nicht von anderen Zuschauerreaktionen angesteckt oder abgelenkt und niemand vermiest einem durch seine Größe die Sicht auf das Geschehen. Der Zuschauer ist allein vor dem Rechner und doch sozial vernetzt. Die Nähe entsteht durch das Schreiben im Chat. Dennoch besteht jederzeit die Möglichkeit die Rolle eines externen Beobachters am Geschehen einzunehmen. Und auch die Künstler und ihr Werk kommen dem Zuschauer noch näher als in der Realität. Das Publikum wird quasi ein digitaler Co-Produzent.

Im Programm des Online-Theaters stehen momentan die Stücke “Follower” und “Werther”. Laut den Initiatoren werden zukünftig auch andere Performances und Veranstaltungen im Livestream übertragen.

Bei all dem hin und her, zwischen Liebe und Mord, Flucht und Rückkehr, bei all den Smartphones, Screens, On- und Offline-Situationen sowie ihren Zusammenhängen, gab es eine skurrile Konstante: einen Blumenstrauß, den Ben stets mit sich trug.

Vielleicht eine versteckte Botschaft?

  1. Juli 2017: Werther
  2. Juli 2017: Follower

Vorhang auf, Livestream frei! 😉

Bilder: @onlinetheater.live

#btw 2017:
digitaler Wahlkampf zur Bundestagswahl

Der 24. September 2017 – Stichtag zur Bundestagswahl in Deutschland. Im Wahlkampf finden die Sozialen Medien dabei einen immer stärkeren Einzug. Diese haben auch während der amerikanischen Wahl in den Nachrichten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Und am Ende standen wir vor einem überraschenden Ergebnis: Donald Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt, wenn auch nur knapp. Was können wir auf den digitalen Kanälen der Parteien in Deutschland erwarten? Der Trump-Schock ist noch groß, die Bundestagswahl nah – Anlass genug, um den Wahlkampf des amerikanischen Präsidenten kurz Revue passieren zu lassen.

Donald Trump: Wahlsieg durch Social Media-Aktivitäten?

Trumps Vorgehen, seine Worte waren laut, emotional aufgeladen und provokant – und das vor allem im digitalen Raum! Er twitterte, postete und teilte, was das Zeug hielt! Die politischen Inhalte waren hingegen eher mau, die Wahlversprechen unrealistisch. Da stellt sich überspitzt die Frage: Hat sich Trump ins weiße Haus getwittert? In der Online-Kommunikation nahm der ehemalige Unternehmer kein Blatt vor den Mund und warf vor allem mit beleidigenden und übertriebenen Tweets, Hashtags und Facebook-Posts um sich. Dies waren nicht selten Trotzreaktionen aufgrund kritischer Stimmen. Kaum einer von uns konnte der Flut an Nachrichtenmeldungen darüber entgehen. Wenn Trumps Aussagen auch für Aufregung und Shitstorms sorgten, so erhielt er gerade dadurch eine immense Aufmerksamkeit – ganz nach dem Motto: Schlechte Presse ist besser als keine Presse. Seine Beiträge wurden zahlreich geteilt und kommentiert, eine virale Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Online-Präsenz sorgte somit auch offline für Gesprächsstoff. Eine entscheidende Rolle bei seinem Erfolgszug spielten auch diverse Denunzierungen politischer Gegner, in erster Linie natürlich der von Hillary Clinton und potentieller “Feinde”. Dafür nutzte er Fake-News und übte sich in Verschwörungstheorien. In einem dieser Vorwürfe, wettert er sogar gegen eben jene Medien, die ihm eigentlich als förderliche Lautsprecher und Plattformen dienen: „Wow, Twitter, Google and Facebook are burying the FBI criminal investigation of Clinton. Very dishonest media!“. Gleichzeitig inszeniert sich Donald Trump als Retter allen Übels, seine Botschaft: #makeamericagreatagain. Ob der Online-Wahlkampf Donald Trumps ihm tatsächlich den kleinen aber entscheidenden Vorsprung ermöglichte ist ungewiss. Die Resonanzräume, die er durch emotional aufgeladene Kommunikation eröffnete, legen allerdings die Vermutung nahe, dass ein Wahlkampf ohne das Netz für ihn schwieriger gewesen sein dürfte.

Facebook und Co. als ergänzendes Mittel im Wahlkampf

Der amerikanische Wahlkampf hat gezeigt: Die Online-Kommunikation erhält auch in der Politik einen immer höheren Stellenwert, eine immer größere Bedeutung, sie hat das Potential, den Ausgang einer Wahl entscheidend zu beeinflussen, sie kann (sowohl die Partei selbst, als auch die Gesellschaft) pushen oder schädigen. Es geht (leider?) nicht mehr nur um Inhalte, sondern auch um den Gesamteindruck und um einzelne Figuren, die leicht zu Helden auserkoren werden können. Besonders Social-Media Profile ermöglichen eine individuelle Präsentation und Stilisierung von Personen. Politiker können sich modern und “volksnah” geben und so neue Zielgruppen erreichen. Insbesondere Digital Natives informieren sich zunehmend im Netz. Die elektronische Demokratie ist somit eine wichtige Ergänzung zu anderen Medien wie Print oder TV. Dementsprechend kämpfen die Parteien heute mehr denn je online und mit digitalen Mitteln um die Gunst der Wähler.

Bundestagswahl: Beobachtung des Online-Wahlkampfes

Wie wird der Online-Wahlkampf hierzulande ablaufen? Trumps Vorgehen ist – was die Erhöhung der Reichweite betrifft – beachtenswert. Doch wie gelingt es, die benötigte Aufmerksamkeit zu generieren, ohne dabei reißerisch zu werden? Welche Strategien verfolgen SPD, CDU, Die Grünen und Co. und wie reagieren die potentiellen Wähler?

In den kommenden Wochen und Monaten werden wir uns die Websites und Social Media Profile der etablierten Parteien anschauen und dabei ihre Aktivitäten beobachten. Dabei interessiert uns der jeweilige Online-Auftritt. Wird eher auf Optik oder Inhalt wert gelegt? Wer wird wie angesprochen? Wer nicht? Was sagen die User? Wie reagiert man auf einen Shitstorm? #Mutti oder #Zeit für Martin? Welcher Kanzlerkandidat zeigt die stärkere Präsenz? Und welche Dynamiken entwickeln sich im heißen Endspurt? – mit diesen und vielen weiteren spannenden Fragen, werden wir uns bis zur Wahl im September beschäftigen.

Es bleibt also spannend. Sobald wir wissen, wer die neue Führungsspitze Deutschlands bildet, können wir ein Fazit in Bezug auf den deutschen Wahlkampf 2.0 ziehen. Welche Online-Strategien sind aufgegangen? Welchen Anteil am Erfolg haben die Aktivitäten im digitalen Raum möglicherweise gehabt? Ist die gewählte Partei auch in Sachen Social Media ein Vorreiter gewesen? Und was daraus können wir für die Zukunft mitnehmen?

 

Bild: @Bundesregierung (screenshot fb)

Die Fête de la Musique 2017 im Überblick:
digital und mit unseren Tipps für Berlin

Ob piano oder forte, ob Rock oder Pop, ob Solist oder Band, ob drinnen oder draußen, ob Profi oder Hobby-Musiker – bei der Fête de la Musique ist für jeden Geschmack etwas dabei! Alle Jahre wieder feiern Menschen weltweit, zum Sommeranfang am 21.06., das Fest der Musik, the Worldwide Music Day. In den Straßen der insgesamt 540 teilnehmenden Städte, davon 300 in Europa und 47 in Deutschland, finden sich Musikliebhaber zusammen und lassen sich von Klängen unterschiedlichster Natur treiben – den ganzen Tag, zum Nulltarif.

Auch Berlin zelebriert die Liebe zur Musik auf über 100 Bühnen in unterschiedlichen Spots, in allen 12 Bezirken der Stadt. In diesem Jahr sprechen die Veranstalter von einer Rekord-Beteiligung. So sind am Mittwoch über 25 neue Locations mit dabei. Da kann man schon einmal die Übersicht verlieren. Die kostenlose App FETEberlin (erhältlich für iOS und Android) versucht dem entgegenzuwirken. Wir haben sie getestet, verraten Euch, ob sich ein Download zur optimalen Vorbereitung auf Mittwoch lohnt und geben Euch alle weiteren Infos in die Hand, um den Tag musikalisch auskosten zu können.

App FETEberlin

Die App macht Angaben zur Geschichte des musikalischen Festes und klärt über die Regeln zur Straßenmusik auf: Wer darf wann, wie und was musizieren. Die integrierte FdM-Berlin Map verschafft dem Nutzer zunächst einmal einen Überblick über alle Bühnen sowie das jeweilige Programm vor Ort. Wird eine der Locations ausgewählt, so erhält man die wichtigsten Informationen: die Agenda, inklusive Uhrzeiten, Künstler sowie Angaben zum Gerne. Wer lieber direkt nach Bezirk, Bandname, Bühne, Stilrichtung (z.B. Hip Hop, Rock, Raggae, Indie) und/oder Eventart (z.B. Open Air, Indoor, Fête de la Nuit) filtern möchte, kann dies in einer gesonderten Suchmaske ebenfalls tun.

Die YouTube-Playlist FETE-Künstler 2017, auf welche die App verweist, ist gespickt mit den Musikvideos teilnehmender Künstler – so kann man sich bereits im Vorfeld erkundigen, welche Acts interessant und einen Besuch wert sind.

Mithilfe der App können sich die Nutzer einen guten Überblick über die musikalischen Highlights und die benötigten Informationen verschaffen – insbesondere für Kurzentschlossene eine schnelle und effektive Möglichkeit, sich musikalisch durch den Tag zu manövrieren. So findet jeder für seinen individuellen Musikgeschmack die richtigen Locations. Bedenken sollte man jedoch, wie bei allen Veranstaltungen dieser Größenordnung auch, dass in den Ballungszentren die benötigte Internetverbindung schwächeln kann.

Unsere Tipps für Eure Fête de la Musique 2017

Für den ersten Überblick geben wir euch schon einmal einige Tipps für die Fête de la Musique in Berlin mit. Bisher meint es der Wetterbericht gut mit uns, sodass sich die letzten Sonnenstrahlen beispielsweise gut im Birgit & Bier genießen lassen: Auf zwei Open Air Floors wird unter Beweis gestellt, dass auch an ein und demselben Standort unterschiedliche Geschmäcker auf ihre Kosten kommen können. So treten hier die Künstler The Blue Ones (Blues), Rosie and the Amateurs of Speed (Folk), B6BBO (Power Polka), SwingSchlampen (Swing), RasgaRasga (Gipsy, Balkan) sowie Mike Book, DirrtyDishes, Daniel Jaeger und Mr. Schug (Dance, Electro) auf.

Auch auf dem RAW-Gelände im “Badehaus x Cassiopeia Openair” gibt es einen bunten Musik-Mix: Von HipHop, Soul und Funk über Pop, Indie, Alternative oder Garage ist alles dabei.

Der Mauerpark ist jedes mal aufs neue Highlight der Fête de la Musique in Berlin. Im Programm der Red Bull Music Academy stehen Auftritte von Cuthead, Alis, Jameszoo, Dorian Concept, Thundercat und Flying Lotus. In der Vergangenheit besuchten die Mauerpark-Bühne ca. 15.000 Besucher. Leider bleibt uns dabei aber auch eine schlechte Nachricht nicht erspart: Kurz nach der Fête de la Musique beginnen im Mauerpark zwei Jahre andauernde Bauarbeiten. In diesem Zeitraum ist der Park zwar zugänglich, Veranstaltungen dieser Art können dort jedoch nicht mehr stattfinden. Ein Argument mehr, die Location auf dem Plan zu haben – so als Abschied.

Auch leise Töne

Fête de la Musique = laute Party-Sounds? Nicht nur! Schließlich lebt das Fest von seiner musikalischen Vielfalt! So kommen auch die leisen Töne nicht zu kurz. Wer möchte, kann sich zum Beispiel beim Event “Yoga meets Music at BeachMitte”, passend zum gleichzeitig stattfindenden internationalen Yoga-Tag, entspannen. Meditieren statt tanzen – auch das ist möglich.

Wer es lieber klassisch mag, sollte den Tag im Nikolaiviertel verbringen – hier spielen hauptsächlich traditionell klassische Musiker. Auch der Berliner Dom ist mit zahlreichen Chören ein geeigneter Anlaufpunkt – von Barock bis Filmmusik ist hier alles vertreten.

Bis die Wolken wieder lila sind

Um 22 Uhr muss das musikalische Erlebnis noch lange nicht vorbei sein. Beim sich anschließenden Fête de la Nuit kann bis in die Nacht hinein getanzt und musiziert werden. Insgesamt setzen 25 Standorte ihr Programm indoor fort, darunter: Gretchen, Yaam, Kesselhaus-French Night, Tresor Club, Ritter Butzke, Hafenbar Tegel, Mein Haus am See, Musik & Frieden sowie der Void Club Berlin.

 

Die Fête de la Musique Berlin – am Mittwoch, den 21.06.2017
Wetterprognose: sonnig, 25 Grad

– Musik in unseren Ohren!

 

Bild: @Fete berlin,  Fotograf: Dirk Mathesius

Post-Internet Show: eine (digitale) Spielwiese

Die  digitale Welt – für die meisten von uns gelebter Alltag. Dieser manifestiert sich auch im künstlerischen Bereich: Kreative bedienen sich digitaler Möglichkeiten, neuer Software, der Fotografie, des Filmes, sie erschaffen, verfeinern und verbreiten ihre Werke digital. Vor allem aber schöpfen sie aus dem unendlichen Fundus des Internets. Unabhängig davon, ob diese Online-Materialien nun bereits Kunst sind oder nicht, kreieren sie daraus etwas ganz Eigenes, eine neue Art der Kunst. Die Szene fasst diese Tendenz unter Begriffen wie “Post-Internet”, “New Aesthetic “ oder “Net-Art” zusammen. Eine “Nach-Netz-Nutzung” ist darunter jedoch nicht zu verstehen, viele Kunstliebhaber sehen in der Bezeichnung vielmehr eine Haltung.

Im Prinzip sind wir alle, Tag für Tag, digitale Bastler. Die Post-Internet-Art sollte und ist keiner Kunst-Elite vorbehalten, denn sie spielt sich im Online-Alltag ab.

Doch interessanter als eine Begriffsanalyse ist es, künstlerisch zu erkunden, was genau wir mit dem Internet machen und, im Gegensatz dazu, das Netz mit uns. Das dachten sich auch die Initiatoren der Ausstellung Post-Internet Show, welche diese Woche stattfand. 20 Studenten der Universität der Künste präsentierten während ihres Studiums entstandene Werke, die sich kreativ mit Digitalität und Realität sowie ihren Zusammenhängen auseinandersetzen. Die Ausstellung hat sich ausdrücklich nicht zum Ziel gesetzt, den Begriff Post-Internet akademisch zu analysieren, sondern verschiedene Sichtweisen auf unseren digitalen Alltag darzustellen. Dafür startete die Galerie designtransfer der UdK einen Open Call an alle Studierenden – fachbereichsübergreifend und ohne genauere Vorgaben oder Limitierungen: “Keine Definition des Begriffs vorzugeben lässt Raum für verschiedene Interpretationen, Haltungen, Formen und Disziplinen ohne auf eine bestimmte Ästhetik, ein spezifisches Medium, eine einheitliche Aussage oder allgemeine Bedeutung zu beschränken”, so die Veranstalter.

Wir waren vor Ort, sind in die Spielwiese Internet-Post-Show eingetaucht und waren überrascht, wie unterschiedlich, vielfältig und interessant die Perspektiven der Künstler ausfallen. Diese möchten wir Euch nicht vorenthalten und geben einen kleinen Einblick in ausgewählte Werke:

#WE_Selected – Inia Steinbach

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Inia Steinbach – „#WE_Selected“

Die Künstlerin Inia Steinbach verdeutlicht wie real unser virtuelles Ich letztlich ist. Als Social Media Nutzer teilen wir täglich mehr oder weniger Informationen über unser Leben und unsere Person. Dazu gehören vor allem Bilder: Wir machen Selfies, fotografieren uns beim Joggen, beim Mittagessen, mit unserem Partner, im Schwimmbad, auf der Uni-Party oder beim Feierabendbierchen. Und auch die Bilder der Beiträge, die wir teilen, stehen mit uns in Verbindung. Inia Steinbach hat eine Jacke entworfen, ummantelt von Instagram-Bildern einer Person – im wahrsten Sinne des Wortes. Damit ruft sie dem Betrachter ins Bewusstsein, was er tagtäglich von sich preisgibt und wie öffentlich das virtuelle Profil ist. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. In der Projektbeschreibung heißt es:

“Mithilfe dieser Jacke steht einem nun nicht mehr bloß eine anonyme Person gegenüber, die gewohntermaßen kategorisiert und nach ihrem Aussehen, ihrem Akzent oder der Art ihrer Kleidung beurteilt werden kann. Vielmehr kommt es zu einer direkten Konfrontation zwischen dem, wie eine Person von außen wahrgenommen wird und dem, wie eine Person sich selbst aussucht, wahrgenommen zu werden. Die Jacke ist daher zweierlei zugleich: Aushängeschild und Rüstung, Eigenvermarktung und Schutzschild.”

LAYERS OF MYSELF, 2012 – 2017 – Astarte Posch

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Astarte Posch – „LAYERS OF MYSELF, 2012 – 2017“

Selfies – sie dominieren die Fotogalerien unserer Handys. Durch sie versuchen wir, uns von unserer Schokoladenseite zu zeigen. Die Lieblingsposition, der Lieblingswinkel: ein Sammelsurium von Selbstporträts, die am Ende doch irgendwie immer das Gleiche darstellen? Ist die Schnittmenge dieser idealen Kleinteile des eigenen Ichs am Ende eine entfremdete Bildhülle? Diese Frage stellte sich die Künstlerin des Werkes “Layers of myself” und legte all ihre Selfies, die sie in den Jahren 2012 – 2017 angefertigt hatte übereinander. Die Überlagerung ist offensichtlich und doch wirkt das “Bild der Bilder” kompakt, so als wäre es EIN Bild, lediglich etwas verwackelt.  “Das bin ich, anscheinend”, resümiert die Studentin.

POLYLOGUE – Andreas Unteidig, Lutz Reiter, Fabrizio Lamoncha, Blanca Dominguez Cobreros

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Andreas Unteidig, Lutz Reiter, Fabrizio Lamoncha, Blanca Dominguez Cobreros – „POLYLOGUE“

„Polylogue“ ist eine interaktive Installation, bestehend aus zwei schwarzen durchsichtigen Boxen zwischen denen sich der Streifen einer Papierrolle in eine Richtung bewegt. Auf diese werden dann kontinuierlich Nachrichten von den Endgeräten der Besucher gedruckt, die sich mit dem entsprechenden Wi-Fi verbinden. Es öffnet sich online eine Seite, auf derer die Botschaften eingegeben werden können. Je mehr Menschen dies nutzen, desto dichter wird der Text. Es kann auch zu Überlagerungen kommen. Je mehr Gesprächsstoff, desto schnelllebiger ist also die einzelne Message. Die zweite Box spuckt am Ende den Papierstreifen recycelt aus. Das Projekt-Team sieht in „Polylogue“ “die Antithese zum ‚ewigen Gedächtnis‘ des Internets, da die Nachrichten und ihre Beziehungen nur situativ existieren. Im Gegensatz zu digitalen Nachrichten, die häufig über mehrere tausend Kilometer verschickt werden, reisen Nachrichten, die an Polylogue vermittelt werden, maximal 2 Meter, bis sie ihre finale Destination erreichen.” In diesem Kontext erhält die Flut an Textnachrichten und Chatverläufen eine neue Bedeutung. Gleichzeitig wird genau diese erlebbar.

GET THE PICTURE by Pascal Kress – Lucas Liccini

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Lucas Liccini – „GET THE PICTURE by Pascal Kress“

Das Projekt „Get the picture“ zeigt, zusammengefasst in einem Buch, Bilder aus dem Netz, welche unter einem bestimmten Suchbegriff auftauchten. So kommt es, dass wir zum Thema „Lust“ sowohl auf einen Liebesakt von zwei Nacktschnecken, als auch auf eine lassiv daher kommende Hausfrau gestoßen sind. Unter dem Stichwort “gut” findet sich sowohl ein Foto eines Modelleisenbahnliebhabers als auch eine Couch-Potato-Messie Situation, die nach einem heiteren Abend mit viel Bier aussieht. Lucas Liccini stellt hauptsächlich jeweils zwei Suchergebnisse zu einem Begriff gegenüber. Das Werk zeigt die Dynamiken des Netzes sowie der Bildassoziationen und “fragt nach Sichtbarkeit, Lebensdauer und der Notwendigkeit der Bilderflut, der wir tagtäglich auf unseren Bildschirmen begegnen. Was sagen uns diese Bilder in dem neuen Kontext des gedruckten Buches?”.

SWAPPED REALITY – Johannes Jakobi

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Johannes Jakobi – „SWAPPED REALITY“

Johannes Jakobi entwickelte zwei Virtual-Reality-Brillen, mit deren Hilfe man die Welt durch die Augen des anderen sehen kann. So wird das Sichtfeld des einen Trägers auf die Brille des anderen übertragen und umgekehrt. Der Nutzer kann sich somit sogar selbst von außen, durch die Wahrnehmung einer anderen Person betrachten und erleben. Verwirrend und spannend zu gleich!

LIQUID01 – Ray Washio

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Ray Washio – „LIQUID01“

Fotos können Momente festhalten, doch sie frieren sie auch ein. Der Student Ray Washio versucht “den Fotos dauerhaft Zeit einzuhauchen”, indem er Fotografien digital bearbeitet: “Es weht ein Wind. Diese Atmosphäre zwingt uns, die Zeit wahrzunehmen.” Die Fotos bleiben bestehen, lediglich einzelne Elemente, wie Brillengläser oder eine Einkaufstüte, wurden vom Künstler in Bewegung gesetzt und bilden so einen Kontrast zum restlichen Bildausschnitt.

UNCONSCIOUS – Ray Washio

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Ray Washio – „UNCONSCIOUS“

 

Google Maps arbeitet mit Algorithmen sowie einer automatischen Gesichtserkennung zwecks Anonymisierung.  Ray Washio versucht sich als Mensch in derartige Prozesse hineinzuversetzen und so die Wirkmechanismen derselbigen zu hinterfragen. Er fotografierte Personen in einer U-Bahn in Tokyo und anononymisierte sie manuell und digital durch Verfremdung. Der Künstler beschreibt:
“Der Unterschied zu einem automatisierten System, wie es Google Map verwendet, ist, dass ich dies manuell machte. Dieser Kontext erlaubte mir, wirklich zu hinterfragen: „Was ist Privatsphäre?“ und „Was bedeutet ein automatischer Versteck-Effekt – für uns und unsere Privatsphäre?“.

Datenschutz und Privatsphäre sind gut und wichtig, die auf den Fotografien verfremdeten Gesichter lassen dennoch auf irgendeine Art und Weise ein verstörendes Gefühl aufkommen und stimmen nachdenklich.

/r – Benedikt Rottstege

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Benedikt Rottstege – „/r“

 

„Betreten auf eigene Gefahr“ – kam uns in den Sinn, als wir uns dieses Projekt näher anschauten. Hier wird der Besucher schonungslos konfrontiert – mit den Bildern des  4chan Random-Boards. Dies ist eine der meist besuchten Internetseiten,  auf welcher die User Bilder aller Art anonym hochladen und kommentieren können. Es erscheinen ständig neue Bilder, sodass diese in der Masse an Daten schnell untergehen. Das Projekt „r/“ unterstreicht diese Kurzlebigkeit. Es speist den Bildschirm live, fortwährend und überlagernd mit all den Dingen, die die Nutzer des 4chan Random-Boards so interessieren. Welche das so sind? Ihr ahnt es schon…

A LOOP LOOPS – Hara Shin

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Hara Shin – „A LOOP LOOPS“

 

Das Netz: unendliche Weiten, riesige Datenmengen und das tagtäglich. Die Künstlerin lässt “unzählige Bilder von Monitoren als Miniaturbilder, Video Clips, GIF-Dateien, Pop-Up Werbung und private Bilder auf Online-Nachrichten-Seiten, Online Communities und Online Chats” erscheinen. Angezeigt werden ebenfalls fortlaufend die dazugehörigen HTML-Codes. Durch die Verbindungen derartiger Community-Fragmente wird deutlich, wie sich “die Grenzen ihrer eigenen Hierarchien” aufheben und so neue Kontexte entstehen.

‘ONLY A FAD’ – A modern reliquary – Isabella Asp Onsjö

Universität der Künste Berlin, designtransfer, Isabella Asp Onsjö – „‘ONLY A FAD’ – A modern reliquary“

Was, wenn es doch ein Nach-Internet gibt? Vielleicht ja auch nur eine ganz neue Form dessen? Wird das Internet verschwinden? Isabella Asp Onsjö fragt sich mit Blick in die Zukunft: “in der katholischen Kirche ist die Reliquie ein antikes Überbleibsel von etwas, das als heilig galt. Etwas, das so bedeutend ist, dass es das Potential hat, von Tausenden verehrt zu werden. Was wird von unserer Gesellschaft geschaffen, das in Zukunft diesen Status innehaben könnte?”. Sie materialisiert den Gedankengang das Internet sei eine längst vergangene Reliquie, indem sie ein Häuschen aus Ton konstruierte und es mit diversen HTML-Codes beschriftete. Das Haus ist in Anlehnung an eine Virtual-Reality-Brille gestaltet. Über das Dach kann der Betrachter in die Reliquie schauen. Darin zu sehen ist ein vor Jahrzehnten für und mit Kindern produziertes Erklärvideo über das Digitale sowie das Internet. Kann und wird das Netz jemals eine (moderne) Reliquie sein?

Unwahrscheinlich. Aber bei all den neuen Kunstformen, die sich daraus ergeben, ist dem Digitalen seine Bedeutsamkeit und Heiligkeit ganz eigener Art nicht abzusprechen. 

Bild: @Universität der Künste, designtransfer, Andy King

Das FridaMoji: geschmacklos oder innovativ?

Im Dschungel der Emoticons zieht eine Kunstikone ein: Frida Kahlo. Die sogenannten „FridaMojis“ sind ab sofort via App erhältlich.

Die Reaktionen der Netzgemeinde reichen von einem “wonderful”, “inspiring”, “creative”, bis hin zu: “what is this? it’s horrible… be ashamed! you created a frightening puffy alien but certainly not a ‘depiction’ of Frida”. Ist diese Kritik berechtigt oder entsteht hier nicht gar eine neue Art von Kunst?

Ein Bild der eigenen Geburt, auf welchem die Mutter bereits verstorben ist. Ein Bild des eigenen gespaltenen Brustkorbes, die Haut mit Nägeln besetzt, Totenmasken, Fleisch und Fischabfälle, in den Körper einverleibt – Frida Kahlos Werke sind nicht ohne! Es sind intime, nachdenkliche, ernste, ja zum Teil sogar brutale, verstörende, in erster Linie aber tiefgründige Abbildungen. Vielen ist die mexikanische Künstlerin vor allem durch ihre Monobraue bekannt. Ihre zahlreichen Selbstporträts zeigen sie meist vor dem Hintergrund farbenfroher Natur. Oft an ihrer Seite: Affen und Blumen. So wirken einige ihrer Bilder zwar auf den ersten Blick etwas naiv, bunt und verspielt, doch ein genauerer Blick offenbart letztlich in jedem ihrer Werke einen Schmerz, eine nachdenkliche Stimmung – und sei es allein der ernste Gesichtsausdruck der Malerin, der diese vermittelt.

Man stelle sich nun Frida Kahlo und ihre Kunstwerke als bunte, verspielte und knuffige Emojis vor, die im Gegensatz zu den Werken der Malerin primär positiv und leichte Ironie anmuten. Kulturell anspruchsvolle Gemälde, übersetzt in ein modernes Kommunikationsbeiwerk. Nicht möglich? Und ob! Das dachte sich sowohl die Instagram-Community als auch der in Los Angeles lebende Grafikdesigner Sam Cantor. Er und sein Team entwickelten, in Kooperation mit der Galerie Cantor Fine Art, eine Kollektion von über 160 sogenannten “FridaMojis”. Die Follower konnten zuvor in einer Online-Abstimmung auf Instagram unter mehreren Künstlern auswählen und so den Ausgangspunkt für das Projekt “Museumito” bestimmen. Die Entscheidung fiel auf die bekannte Malerin Frida Kahlo, deren Einzigartigkeit sich in den kreierten Emoticons widerspiegelt. Diese greifen die markanten Elemente der Originalbilder auf und denken ihre Bedeutungen weiter: einerseits, indem sie die Gedanken Frida Kahlos in den Kontext unseren heutigen Alltags stellen und sie andererseits zum Teil sogar emotional umkehren.

Die Trivialisierung einer Kultfigur?

Frida Kahlo hat mit ihren surrealistischen Werken Kunstgeschichte geschrieben und ist postum zu einer Kultfigur geworden. Heute sind ihre Bilder gefragt, Millionen wert. In den 70er Jahren wurde sie zum Vorbild der Frauenbewegung und weltbekannt. In ihren Bildern verarbeitete sie eigene Gedanken, Lebenskonflikte und Schicksalsschläge. Nicht zu verkennen ist auch ihre Bedeutung als Modeikone. Durch ihren unverkennbaren Look, in welchem sie folklorische und extravagante Elemente miteinander verband, sich aber auch mal in einem Hosenanzug präsentierte, gilt sie in der Branche bis heute als eine Inspiration.

Bei dieser Bedeutsamkeit werden kritische Stimmen laut, die eine Neuinterpretation von Frida Kahlos Bildern in Form von Emoticons ablehnen, da sie dem Schaffen der Künstlerin, ihrer Meinung nach, nicht gerecht werden. So argumentieren Gegner der FridaMoji, dass Emoticons doch lediglich einfache, schmückende Beiwerke von Textnachrichten und Online-Chats seien, welche Konversationen nicht ausmachen, sondern “nur” ausschmücken und eine technische Spielerei darstellen.

Ein Aufschrei der Kunstliebhaber:

Deborah Wood: “Even more trivialisation and commodification of a great artist -tacky.”

Elise Nicole: “Her life was short and filled with constant horrible pain and tragedies but hey let’s take the art she made and turn it into simple fun emojis! This is so insulting.”

Shania Naderipour: “Her work was really complex, and represented personal and political struggles on a deeply human level. This is so the antithesis of what she stood for I think. I don’t think she would have been pleased. Stop trying to profit on her pain.”

Richard Lawrence: “it feels strange… as if she’s just an eccentric character and is famous for her looks. so many people use her image on clothes and other products to make money, it’s annoying… the woman had the courage to bare her soul and now is turned into cute little creatures for people to use on their phones, perhaps to decorate shallow conversations. Poor Frida!”

Nein! Eine Hommage an eine Kultfigur!

Emoticons und Fridas Werke haben eine Gemeinsamkeit: Emoticons laden schriftliche Aussagen mit Emotionen auf, sie können Gestik und Mimik ersetzen und einer Textnachricht die finale Botschaft verleihen. Das Herzstück von Frida Kahlos Gemälden sind Emotionen, sie sind die Grundlage für ihr Schaffen. Dies sah auch FridaMoji-Macher Cantor als ausschlaggebenden Faktor an: “Frida was just perfect for the project. She conveyed her emotions so honestly and openly in her work. What better artist to translate into emoji, which we use to express emotion today?” Der Unterschied liegt darin, dass Emojis an sich spielerisch und lustig, Frida’s Werke hingegen „schwer“ wirken. Da kommt einem spontan das Gefühl auf, nicht zu wissen, ob man dieses Projekt gut oder schlecht finden soll und vor allem darf. Doch genau dieser Stilbruch ist eine neue Art der Kunst.

Eigentlich sind die Frida-Emoticons sogar eine Hommage, ein digitaler Feldzug der Erinnerung an die Künstlerin und ihr Werk. Sie rufen die Malerin auch zukünftigen Generationen ins Gedächtnis. Gleichzeitig stellen sie einen Versuch dar, ihre Gedanken neu zu beleuchten. Es heißt die Gedanken bestimmen unser Leben. In jedem Schmerz, jedem Scheitern, kann eine Chance liegen sich weiterzuentwickeln und so negative in positive Emotionen zu transformieren. Durch den Perspektivwechsel ergibt sich ein ganz eigener neuer künstlerischer Anspruch, der Fridas Schaffen ehrt und bewahrt, aber auch erweitert und dadurch bereichert.

Findet ihr auch? Klickt euch einfach mal selbst durch!

Die englischsprachige App FridaMoji ist für iOS erhältlich und leicht auf dem Smartphone zu installieren. Doch auch Android-Nutzer können hoffen: laut der Frida Kahlo Corporation ist ab nächster Woche eine Android-Version erhältlich. Der Download ist, ebenso wie die Verwendung von ausgewählten FridaMojis, kostenlos. Bei Bedarf, beziehungsweise auf Wunsch, können weitere Motive (auch als Paket) hinzugebucht werden. Die Vorschau von preisgebundenen Emojis ist umso verlockender, da die Auswahl der gebührenfreien Bilder doch leider etwas begrenzt ist.

Wer seinem Chatpartner FridaMojis schicken möchte, kann sich aus einem mehr oder weniger großen Pool bedienen. Zur Auswahl stehen unter anderem:

Las Fridas: Smiley-Klassiker im Frida Style
Queen of Pain: Frida’s Melancholie ist ein extra Bereich gewidmet
Los Animales: Affen – natürlich! Rehe und Pandas und Co.: viele süße Emojis, aber auch eine Kahlo als erlegter Hirsch
Viva La Vida: eine Rubrik, so bunt und detailliert wie das Leben

In der zuletzt aufgeführten Kategorie finden sich einige Abwandlungen ihrer bekanntesten Werke. In Anlehnung an Fridas „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar“, gibt es beispielsweise ein Emoji, in welchem sie sich, im Gegensatz zum Original,  gemeinsam mit ihrem Affen fröhlich und munter ans Werk macht, sich ihrer Haarpracht zu entledigen. Aus dieser Ironie ergibt sich so eine ganz eigene Kommunikationsform und -möglichkeit.

Emotionen zeigen! Mit Frida!

Was würde wohl Frida von all dem halten? Wahrscheinlich wäre sie über ihre neue Online-Präsenz erfreut, würde es als Querdenkerin begrüßen, zu neuen und ungewohnt gewohnten Ufern aufzubrechen. Vielleicht hätte man ihr gar ein Lächeln entlocken oder ihr helfen können, sich sogar selbst neu zu entdecken. Wir finden: Emoticons sind in der Online-Kommunikation essentiell, sie zeigen Emotionen, die nicht immer nur mit Worten beschreibbar sind. Frida’s Werke stehen für Emotionen. Warum also nicht beides kombinieren und Frida Kahlo’s Erbe bewahren, es neu erfinden und es zum Beispiel mit positiven Stimmungen aufladen?

Frida ist Kult! FridaMojis sind Online-Kult!

Video: @ Frida Kahlo Corporation, Museumito
Bild 1: @ Frida Kahlo Corporation, Museumito
Bild 2: @ Frida Kahlo Corporation, Museumito; flickr
Bild 3: @ Frida Kahlo Corporation, Museumito

Tipps für eine gelungene Video-Bewerbung

Video- statt Passbild! Immer mehr Unternehmen und Ausbildungsstätten bieten Bewerbern die Option an, sich via Bewegtbild bei ihnen zu bewerben, einige verlangen es sogar. Eine von Talentcube in Kooperation mit AUBI-plus entwickelte App ermöglicht genau dies. Mittels der kostenlosen und unkomplizierten Anwendung können sich Ausbildungsinteressierte direkt via Smartphone-Kamera online bei dem gewünschten Betrieb bewerben. Doch auch für eine Initiativbewerbung kann ein Vorstellungsvideo eine Chance bedeuten, sich von anderen Anwärtern auf einen Job- oder Ausbildungsplatz abzuheben und der Firma quasi “direkt ins Auge zu springen”.

Es ist eine Art Werbefilm über sich selbst: du bist der Regisseur, der Drehbuchautor, der Protagonist und Bühnenbildner deiner eigenen Video-Bewerbung. Das bedeutet, du hast die Möglichkeit, dich als die Person, die hinter den theoretischen Bewerbungsunterlagen steckt, erlebbar zu machen, den Freiraum, dich kreativ zu entfalten und dich von deiner besten Seite zu präsentieren. Doch diese Freiheiten bergen mindestens genauso viele Gefahren. Mit diesen Tipps vermeidest du mögliche Fehlerquellen und Patzer.

Zeitmanagement

Einige Unternehmen geben dir eine Zeitspanne vor, innerhalb derer du die Vorstellung deiner Person beendet haben musst. Deshalb solltest du vor dem Dreh einen Probedurchlauf starten, die Zeit stoppen und dein Timing anpassen.
Gibt es keine zeitlichen Vorgaben, solltest du darauf achten, dass dein Video nicht zu lang wird. Dies birgt die Gefahr, dass sich der Betrachter schnell langweilt oder sich weder die Zeit nehmen will, noch kann.

Authentizität & Vorbereitung

In diesem Zusammmenhang ist eine gute Vorbereitung das A & O einer gelungenen Video-Bewerbung. Lege dir im Vorfeld zurecht, was genau du sagen möchtest. Hierbei achte darauf, nicht einfach nur das wiederzugeben, was dem Personaler aus deiner schriftlichen Bewerbung bereits bekannt ist. Vielmehr solltest du das Video als Zusatz sehen und einen Mehrwert bieten. Dafür kannst du bei den Fakten ansetzen. Zum Beispiel: “In diesem Praktikum konnte ich mich intensiv mit dem Bearbeitungstool XY auseinandersetzen. Durch die Arbeit im Team habe ich dann auch gemerkt, dass ich leidenschaftlich gerne die Rolle des Koordinators einnehme, der alle Fäden zusammenhält”. Sei dabei ehrlich und authentisch – einfach du selbst!

Um sich nicht hetzen zu müssen, gilt generell: lieber weniger, dafür aber relevanten Inhalt.
Aufgrund von möglicher Nervosität ist es ratsam, dass du dir dazu Notizen machst.

Stimme & Körperhaltung

Deine Gedanken solltest du allerdings nur grob formulieren und in Stichpunkten festhalten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass du zum Ablesen tendierst. Wie in jeder anderen Präsentation auch, ist es immer besser, möglichst frei zu sprechen. Dabei stehst du – und das möglichst gerade: Brust raus, Bauch rein (aber bitte nicht verkrampft!). Dies vermittelt nicht nur dem Betrachter deine Präsenz und Tatkraft, sondern gibt auch dir ein selbstsicheres und positives Gefühl. Gleichzeitig ist der Klang deiner Stimme dadurch automatisch klar und souverän. Die Aussprache sollte deutlich, die Lautstärke normal und die Betonung der Sätze abwechslungsreich sein. Lass dich ebenfalls nicht dazu verleiten, durch den Text zu hetzen, um die Sache schnellstmöglich hinter dich zu bringen. Achte außerdem darauf, dass du einen Mittelweg zwischen wilder Gestikulation und unmotiviert herabfallenden Armen findest. Am besten handhabst du es in etwa wie “Angie”, die in ihrer bekannten Merkel-Raute-Handgeste ihre Daumen und Zeigefinger in Höhe der Taille zueinander führt (haargenau die gleiche Pose ist eventuell trotzdem nicht ratsam 😉 ). In jedem Falle ist aus der Psychologie bekannt, dass sich Arme und Hände bei einer Präsentation über den Hüften befinden sollten, um Kompetenz und Engagement auszudrücken. Wenn du dann auch noch Blickkontakt zur Kamera aufnimmst, freundlich schaust und dich authentisch präsentierst, kann nichts mehr schief gehen.

…wenn da nicht die Technik wäre

Ob du nun ein Technik-Nerd bist oder nicht, auch hier können potentielle Gefahrenquellen lauern.

Die Wahl des richtigen Mediums für deine Video-Bewerbung ist dir, sofern nichts anderes vorgegeben, letztlich selbst überlassen. Wenn du einen stabilen „Selfie-Arm“ hast und dich mit dem Smartphone wohlfühlst, dann nutze es. Die Entscheidung, ob du mit der Spiegelreflexkamera oder dem Smartphone filmst, sollte sich allerdings auch nach der Job-Position und/oder Branche richten. Wird ein Social Media Manager gesucht, so kann dich die Verwendung des Smartphones sogar auszeichnen. Für eine bessere Auflösung und Qualität sorgt die Verwendung einer professionellen Kamera. Daraus ergibt sich gleichzeitig die Frage, ob du den Selbstauslöser drückst oder dich von jemandem filmen lässt. Letzteres ist, wenn möglich, vorzuziehen, da du dich so voll und ganz auf deine Präsentation konzentrieren kannst. Stelle in jedem Fall im Vorfeld sicher, dass alles funktioniert und die Akkus ausreichend geladen sind. Weiterhin kann ein Stativ bei Kameranutzung für die gewünschte Stabilität sorgen. À propos Stabilität: erfolgt die Bewerbung via Internet, wird natürlich eine stabile WLAN-Verbindung benötigt.

Styling & Umgebung

Zu guter Letzt ist die Optik nicht zu unterschätzen – dies betrifft sowohl Frisur und Kleidung als auch die Umgebung, in der du dich befindest. Ziehe dir das an, was zur Branche und Position passt und worin du dich wohlfühlst. Dein Äußeres ist selbstverständlich gepflegt. Gleiches gilt für die Umgebung. Hierbei sollte die Wahl allerdings auf einen möglichst neutralen (du stehst im Fokus!) und vor allem ruhigen Ort fallen. Idealerweise drehst du bei dir Zuhause – schließe die Fenster, schalte nicht benötigte Medien aus, beziehungsweise stelle sie auf lautlos, gehe sicher, dass du keinen Paketboten erwartest oder deine Nachbarn Radau machen. Dann steht deiner gelungenen Video-Bewerbung nichts mehr im Wege.

And the Oscar goes to…

Bild: @pixabay

Internet-Institut in Berlin: Die Erforschung der digitalen Transformation

„Wir haben gute Chancen, dass sich hier ein Leuchtturm – nicht nur im deutschen Bereich – sondern auch international entwickelt.“, verkündet Bundesforschungsministerin Johanna Wanka. Sie bezieht sich dabei auf ein Prestigeprojekt der CDU und SPD, dessen Fundament bereits vor 4 Jahren im Koalitionsvertrag gelegt wurde. Nun ist es soweit: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ließ in einer aktuellen Pressemitteilung die Gründung eines staatlichen Forschungsinstituts verlauten. Das “Internet-Institut für vernetzte Gesellschaft” wird sich mit dem Internet aus gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und rechtlicher Perspektive auseinandersetzen.

Besser spät als nie: Mittlerweile existiert das World Wide Web seit 28 Jahren. Nun erhält es in Deutschland eine eigene Forschungseinrichtung. Berlin hat den Zuschlag als Standort bekommen. Eine 12-köpfige Jury entschied sich für ein Konsortium aus fünf Universitäten: die Humboldt-Universität zu Berlin, die Technische Universität Berlin, die Freie Universität Berlin, die Universität der Künste Berlin und die Universität Potsdam. Zu dem Zusammenschluss zählen ebenfalls zwei Forschungseinrichtungen: Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS).

Experten begrüßten den Entschluss, bezeichneten ihn allerdings als überfällig. Elite-Universitäten wie Stanford, Harvard oder Oxford erforschen bereits seit Jahrzehnten die Vernetzung durch das Internet und den digitalen Wandel. Den Vorwürfen zum Trotz entgegnete das Forschungsministerium, mit dem neuen Institut auch einen neuen, noch nie dagewesenen Beitrag zur Forschung von internationaler Bedeutung zu schaffen. Man wolle nicht die Vorbilder kopieren, sondern den Faden weiterspinnen. Der Fokus des neuen Instituts liege auf einer intensiven, interdisziplinären Erforschung der Digitalisierung. Mit den Forschungs-Projekten sollten Fragen zur Nutzbarkeit des Internets zum Wohle der Gesellschaft beantwortet werden.

50 Millionen Euro Fördermittel werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den ersten fünf Jahren für das neue Institut bereitgestellt – im Vergleich mit den Budgets ähnlicher Einrichtungen in Deutschland ist dies eine relativ hohe Summe. Das HIIG (Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft), welches von Google finanziert wird, erhielt in den ersten drei Jahren bloß 4,5 Millionen Euro. Allerdings kann das Institut auch hier nicht mit den Mitteln der internationalen Spitzeneinrichtungen mithalten. Die Jury-Mitglieder erhoffen sich von dem neuen Institut dennoch eine Strahlkraft, welche Deutschland international zugute kommt. Zudem könne das Institut auch zu einem positiven Entwurf für den digitalen Wandel in der Gesellschaft beitragen – und somit die innergesellschaftliche Auseinandersetzung positiv mitgestalten. Der zuletzt eher pessimistische Diskurs in der Öffentlichkeit wurde von Problem-Themen wie Hate-Speech, Fake-News oder Radikalisierung im Netz dominiert. Das Institut soll sich jedoch den Möglichkeiten und Chancen der Digitalisierung widmen. Wanka erhofft sich Impulse, Antworten und Lösungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft im digitalen Zeitalter. Im September sollen die ersten Stellen für das Institut ausgeschrieben werden.

 

Bild: @unsplash, Artem Sapegin

Wenn Personaler das eigene Social Media-Profil stalken

Ob das feuchtfröhliche Party-Bild vom letzten Wochenende, der aktuelle Beziehungsstatus, ein Bild des gestrigen Mittagsessen, oder kürzlich gelikte Personen, Marken und Unternehmen – tagtäglich teilen wir auf Social Media Plattformen mehr oder weniger Informationen über unser Leben. Doch sind wir uns auch immer wirklich darüber bewusst, wer in unserem Leben mitlesen kann? Freunde? Klar! Bekannte? Ja, wahrscheinlich. Die Außenwelt? Ja, es ist okay! Doch was passiert, wenn uns die Personalabteilung jenes Unternehmens googelt, bei welchem wir uns kürzlich beworben haben? Was ist öffentlich, was nicht? Was sagt das Profil über uns als Person aus? Und was bedeutet dies für den weiteren Bewerbungsprozess?

Personaler achten längst nicht mehr nur auf Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse. Sie bedienen sich der Möglichkeiten des Internets und der Digitalisierung. Immer mehr Firmen nutzen Social Media für ihre Unternehmenskommunikation. Doch Facebook, Twitter und Co. werden zunehmend auch für Recruiting-Zwecke eingesetzt. Nach einer vom Branchenverband Bitkom durchgeführten Studie informieren sich fast die Hälfte der befragten Personaler auf derartigen Plattformen über ihre Bewerber. 75 % sprechen dieser Verfahrensweise sogar eine zunehmende Bedeutung zu. Die in einer Bewerbung gelisteten Angaben können für die Verantwortlichen zwar aufschlussreich sein, geben allerdings wenig Auskunft über den Menschen dahinter. Nicht alle positiven oder auch negativen Eigenschaften lassen sich anhand einer schriftlichen Bewerbung ablesen. Insbesondere Soft Skills, wie die zwischenmenschliche Kommunikation, Ausdrucks- und Umgangsformen sowie Wertvorstellungen können wichtige Kompetenzen darstellen.

Zeig mir, wer du bist

Die Plattform Xing ist ein Beispiel dafür, wie Firmen und Interessenten bewusst aufeinander zugehen und Informationen miteinander teilen können. Die meisten Plattformen dienen jedoch privaten Zwecken und sind Ausdruck der eigenen Persönlichkeit in all ihren Facetten – zumindest dem Gefühl der meisten Nutzer nach. Sie sind private Räume, in denen User ihre Lebensereignisse teilen. Gerade deshalb geben sie interessante Aufschlüsse und tiefgründige Einblicke. So können sich allein schon im User-Namen Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmale widerspiegeln. Werden Kandidaten wie “mickeymouse85” oder “chillpaule” dadurch vielleicht direkt aussortiert oder erhalten diese dafür sogar einen Pluspunkt in Sachen Sympathie und Kreativität? Doch auch ein Blick in Details wie Fotos, Profilbeschreibungen oder Postings können im Run um die Jobs entscheidend sein. Derartige Informationen geben der Person ein Gesicht und ermöglichen Personalverantwortlichen einen Blick hinter die Fassade. Ähnlich wie Profiler des Kriminalamtes können sie den “Fall” in umfangreichem Maße analysieren: berufliche Angaben können abgeglichen, Rechtschreibung überprüft, Ausdrucksfähigkeit beurteilt werden. Welche Prioritäten setzt der Bewerber in seinem Leben, was macht er in seiner Freizeit? Was ist ihm wichtig? Veröffentlicht er gar brisante Informationen über ehemalige Arbeitgeber? Was teilt er und vor allem: was nicht?

Die Frage ist, ob dieses Bild wirklich der Persönlichkeit des Bewerbers entspricht. Derartige Plattformen sind Räume der Selbstdarstellung und verleiten dazu, ein Idealbild von sich zu kreieren, welches letztendlich nicht der wahren Identität entspricht. Zwar wird hierbei häufig weniger an zukünftige Arbeitgeber, als an die allgemeine Öffentlichkeit oder Freunde und Bekannte gedacht, aber genau darin kann psychologisch gesehen zusätzlich ein ausschlaggebender Faktor für die Personalabteilung liegen. Ist der Bewerber authentisch? Oder handelt er eher sozial erwünscht? Was gibt er von sich preis, was nicht? Dies zu erkennen benötigt allerdings einen geschulten Blick das Profil im Zusammenhang zu betrachten und ist als Kritikpunkt an einer Bewerberauswahl 2.0 zu werten.

Wo hört Privatsphäre auf und wo beginnt Öffentlichkeit?

Das Netz vergisst nie, heißt es so schön. Doch wenn wir ehrlich sind, sind wir in den meisten Fällen selbst dafür verantwortlich, was auf besagten Seiten über uns zu finden ist. Letztendlich liegt es in unserer Hand: Datenschutz- und Sicherheitseinstellungen ermöglichen nur das ganz offiziell Preis zu geben, was auch gewünscht ist. Es benötigt das Bewusstsein darüber, was wir mit wem teilen. Würden wir jedem beliebigen Menschen auf der Straße unser Familienfoto in die Hand drücken? Ist es wirklich nötig, dass jeder weiß was wir gestern zum Mittag gegessen haben oder wann wir schlafen gegangen sind?

Wenn jene Dinge unserer wahren Persönlichkeit entsprechen und wir sie aus voller Überzeugung und mit gutem Gewissen teilen können: Warum nicht? Es kommt immer auf das Maß an, auf die Mischung, vor allem aber auf die Authentizität!

Konnten wir den gewünschten Job ergattern, gehen wir mit dem Unternehmen eine Art Beziehung ein. Spinnt man das Ganze weiter, dann verhält es sich ähnlich wie bei einer Liebesbeziehung: wer nicht authentisch ist oder dem anderen etwas vormacht, der riskiert eine zukünftige Partnerschaft. Denn über kurz oder lang zeigen sich so oder so die wahren Persönlichkeitsmerkmale – und sei es in der Kennenlern- oder Probezeit. Natürlich ist es möglich, dass es gar nicht erst in diese Phase übergeht, weil das Unternehmen dem Bewerber bereits aufgrund seines Social Media Profiles einen „Korb“ gibt. Möglicherweise ist aber gerade dies auch eine Chance für Bewerber, die sich authentisch präsentieren: es passt einfach nicht, beide Seiten hätten sich gegenseitig nicht bereichert. Letztlich kommt es auch immer auf das jeweilige Unternehmen an: was auf Firma X verrückt, undiszipliniert und chaotisch wirkt, kann Firma Y als Zeichen der Kreativität sehen und werten. Was den Erfolg des einen Jobs potentiell gefährdet, kann den anderen zu neuen Höchstleistungen treiben. Nur wenn beide Parteien auch wirklich harmonieren, können sie sich bereichern und einen erfolgreichen Output generieren.

Freundschaftsanfrage bestätigt!?

 

Bild: @pixabay

Die digitale Identität: die Wechselwirkung zwischen On- und Offline

Wer sich die Möglichkeiten der Selbstinszenierung On- und Offline betrachtet, muss sich die Frage stellen, welches “Ich” authentisch sein kann. Sind die Avatare im Netz ein wahrhaftiges Abbild unserer Identität oder bloßes Wunschdenken? Ist unserer Auftreten in der Realität realer, weil es unmittelbarer ist? Dazu muss zwischen den vielen Handlungs-Situationen unterschieden werden – unserem Auftreten im Kontext der Familie, Freunde, Beruf, Vereinen … oder wenn wir alleine sind. Womöglich ergibt die Summe unserer Denk- und Handlungsmuster eine unbewusste Identität.

In einer digitalisierten Welt ist der Mensch nicht nur Mensch, sondern auch User. Ob auf Facebook, Instagram oder Linkedin: Es bietet sich eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Profilierung – mit unterschiedlichen Intentionen und Kommunikations-Codices. Kommunikationswissenschaftler haben ermittelt, dass sich der User dabei immer (unbewusst) an seinen Wunschbildern orientiert. Social Media ist ein Tool des Storytelling, und der User begreift sich als Erzähler seiner eigenen Geschichte. Er hat den Blick von außen auf sich Selbst erlernt und geht an seine Kommunikation mit folgender Prämisse ran: Welche Geschichte möchte ich erzählen und wie muss ich mich darstellen, damit ich Protagonist in dieser Geschichte sein kann. Das Selbstbild definiert sich im Netz also durch die eigene Identität und das soziale Selbstverständnis. Dieses Bild, welches im Social Media regelrecht konzipiert und strategisch kommuniziert wird, bietet dritten “Identitäts-Anbietern” – Influencern, Unternehmen, Menschen-Marken –  eine Projektionsfläche für die eigene Story. Das Geheimnis des Storytelling ist, Identitäten einen Kontext zur Identifikation und Weiterentwicklung zu bieten. So können Menschen Orientierung erhalten – gerade im Zeitalter des Informationsüberflusses.

Unabhängig von den Informationen, welche der User bewusst von sich preisgibt, bilden seine Meta-Daten eine objektive Komponente der digitalen Identität. Demografische Daten zu Orten und Zeiten, Nutzer-Geräten und Such-Anfragen ergeben ein sachliches Bild unserer Persönlichkeit, welches mehr oder minder von dem Selbstkonzept abweicht. Die Diskrepanz dieser beiden Bilder lässt auf Bedürfnisse, aber auch auf die Integrität des Users schließen. Im Netz lässt sich allerdings bloß ein digitales Verhalten erfassen und interpretieren. Experten streiten sich, ob es sich dabei um ein verzerrtes oder maximal authentisches Abbild unserer Identität handelt – gerade weil Menschen in keiner anderen Form so viele Informationen und Spuren hinterlassen, wie im digitalen Raum. Allerdings können auch hier bewusst Informationen gestreut und verfälscht werden. Die Medienkompetenz X.0 ist der Inbegriff der Wandelbarkeit des Menschen, welche nicht im digitalen Raum endet, sondern auch auf seine Offline-Identität zurück reflektiert. Wie wir uns darstellen, ist wie wir uns sehen, ist wie wir uns verhalten.

Was bedeuten also die Möglichkeiten der Selbstinszenierung für den Menschen? Offensichtlich ist die digitale Identität ein Ergebnis des Offline-Menschen. Dabei sind zwischenmenschliche Beziehungen der Schlüssel zum Selbstverständnis eines jeden Menschen. Sehnsüchte, welche durch die Selbstdarstellung im Netz komplementiert werden, ergeben sich aus den Erfahrungen und der Zufriedenheit des Menschen hinter dem Avatar. Alle diejenigen, welche ein bewusstes Storytelling im Netz betreiben und eine Community ansprechen, suchen dabei bewusst nach Sehnsüchten und Bedürfnissen, welche sie bedienen können. So gerät das Netz zu einem Marktplatz für Sinn und Bedeutung. Wer eine authentisch-schlüssige und emotional-ansprechende Botschaft stark kommunizieren kann, gewinnt das Vertrauen und den Glauben der Community. Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, der meint im Netz zu gestalten, wird allerdings schnell Teil einer audience. Dabei sind die Grenzen zwischen Consumer und Producer fließend. Am Ende sind jene User initiative Producer, welche Offline stark vernetzt sind.

Wie das Netz Kunst und Künstler neu definiert

In der Kunstgeschichte ist der Begriff des Genies fest verankert. Spätestens seit dem Zeitalter des “Sturm und Drang” wird der Schöpfer über sein Erzeugnis erhoben. Jene Ära huldigte dem Geist der Aufklärung, trug paradoxerweise jedoch auch zur Mystifizierung des Schaffungsprozesses der künstlerischen Klasse bei. Eine beinahe geschlossene Gesellschaft, welche aus Mentoren und deren Protegés bestand, entwickelte sich zu einem elitären System – eine sich selbst erhaltende Subkultur, in der bloß das berühmte “Vitamin B”, Kontakte und Empfehlungen, aufgenommen wurde. Denn Kunst machen und verkaufen konnten bisher nur diejenigen, welche Teil der Szene waren oder jemanden aus der Szene kannten. Inzwischen ist alles anders: Das romantisierte Bild der privilegierten Künstler-Bohemians mit einer einzigartigen Begabung, genügend Kontakten und Ressourcen hat seit der Digitalisierung keinen Bestand mehr. Das Netz, frei zugängliche Informationen und gestalterische Dienstprogramme haben zu einer Demokratisierung der Kunst geführt. Kunst ist nicht länger das Privileg weniger Auserwählter, sondern der Lifestyle vieler. Sie ist Teil dessen, was es heißt, User zu sein.

Das Verständnis von Kunst und Kreativität hat sich gewandelt. Inzwischen kann jeder Künstler sein. Im Internet ist das Urheberrecht bloß noch ein blasser Schatten, welcher bloß noch dem Geschäftsmodell der Kunsthändler dient, jedoch selbst bei Künstlern keine große Strahlkraft mehr besitzt. Copy Paste, Recycling, Remix: Das Original scheint es nicht mehr zu geben. Alles neue ist die Kombination von bereits existierendem. Schaffungsprozesse sind systematisiert und beliebig editierbar. Jeder kann sich ausprobieren, jeder kann sich bedienen; jeder besitzt eine Kamera, jeder ein Bildprogramm – oder zumindest Instagram oder (next level) die Prisma-App. So werden Künstler zu Kuratoren, welche dem, was sie mögen, einen eigenen Stempel aufdrücken. Künstler sind Sammler, die neu editieren – diese Definition kann auf jeden Menschen zutreffen, welcher die Möglichkeit dazu besitzt. Joseph Beuys hat mit folgendem Statement zu diesem Kunstverständnis beigetragen: “Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt…Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.”

Das Kommunikationsverhalten des Users hat sich mit den neuen Möglichkeiten gewandelt: Jeder kommuniziert durch Bilder. Der obligatorische Satz darunter wird zum Beiwerk – es sei denn, der User begreift sich als Poet. Hashtags geben den Wortkünstlern eine weitere Möglichkeit des kreativen Selbstausdrucks und bieten gleichzeitig eine strategische Maßnahme, um das eigene Werk zu positionieren und sichtbar zu machen. Und sie alle bedienen sich an dem Bilderschatz in der Cloud, nehmen sich, was sie brauchen und bereichern ihn mit den eigenen Kreationen. Wenn es eine Kunstrichtung gibt, welche das digitale Zeitalter hervorgebracht hat, dann lässt sie sich unter dem Begriff Mashup zusammenfassen. Die neuen Möglichkeiten hinterfragen die Bedeutung der Kreativität und den Auftrag des Künstlers. Die Schule des Bauhaus hat deutlich gemacht, dass Kunst aus dem Alltag erwächst und ebenso die Lebenswirklichkeit des Menschen komplementiert. Selbst Gebrauchsgegenstände können Kunst sein – hier befindet sich die Schnittstelle zum Design. Durch digitale Prozesse entwickelt sich jedoch der Alltag selbst zu einem Ort der Kunst. Denn Mensch sein bedeutet heute User zu sein. Und der User ist nicht bloß mehr Consumer, sondern auch Producer – er ist Prosumer. Er gestaltet mit, nicht nur den Diskurs, sondern auch Ästhetik und kreative Prozesse. Letztendlich erfüllt sich, was viele Künstler zuvor propagierten und sich wünschten: Der aktive Betrachter.

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Durch die Vermengung von Selfmade-Kunst der Iphone-Dilettanten mit den Werken und Analysen gebildeter Künstler entsteht, welches die Avantgarde einst zu erreichen versuchte: die Auflösung von autoritären Strukturen. Schließlich kann jeder kreativ sein, denn jeder kann persönlich sein. Der Mensch ist das Unikat, welches dem Werk die Bedeutung schenkt.