In ein russisches Gefängnis eintauchen:
Pussy Riot – Geschichte als immersives Theater

Pussy Riot Anhänger vor Gerichtsgebäude in bunte Kleidung verhüllt; Bild zum Artikel über immersives Theater - die Geschichte der Band

Sich für einen Moment in die Lage eines russischen Regimekritikers versetzen, in der Kirche vor einem Altar protestieren, vor Gericht angeklagt und in ein russisches Gefängnis eingesperrt werden – das alles könnten die Besucher durch ein geplantes immersives Theater bald hautnah miterleben. Die Kreml-kritische Punkband Pussy Riot möchte dem Publikum ihre Geschichte erlebbar machen und konzipierte ein immersives und experimentelles Theater-Projekt mit dem Titel „Inside Pussy Riot“.

Politische Kritik durch immersives Theater

Die Band ist für ihre regimekritischen Auftritte bekannt. Insbesondere das Punk-Gebet in einer Moskauer Kirche sorgte 2012 für weltweite Aufmerksamkeit. Pussy Riot protestierte dabei vor dem Altar gegen die Allianz von Kirche und Staat. Die Aktion kostete die Bandmitglieder zwei Jahre Haft. Die Frauen wurden jedoch vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Nach ihrer Inhaftierung kritisieren sie die dort vorhandenen schlechten Lebensbedingungen für Frauen und plädieren für einen humaneren russischen Strafvollzug. Mit einem immersiven Theaterstück möchte die Band nun zeigen, “was es bedeutet in Russland Regimekritiker zu sein“ – so Pussy-Riot-Mitglied Nadeschda Tolokonnikowa. Den Frauen ist es ein Anliegen zu verdeutlichen, warum es so wichtig ist, die eigenen Freiheiten zu schützen. Dies erzielen sie, indem sie ihre Erlebnisse mit den Zuschauern ungeschönt teilen: „Wir nehmen euch mit auf eine Reise, die vom Kirchenaltar bis in die Tiefen des Kremls selbst führt. Hoffentlich ist das eine Reise, die ihr nur einmal in eurem Leben machen müsst“.

Sich wie ein Angeklagter und Gefangener fühlen

Die Immersivität des Stückes, also die Partizipation des Publikums, wird weniger durch die Technik als durch eine Live-Performance erzeugt. Die in kleine Gruppen aufgeteilten Zuschauer werden in den nachgestellten Umgebungen, basierend auf den Erfahrungen der Band, wie russische Regimekritiker behandelt – inklusive Prozess im Gerichtssaal und Inhaftierungen in einsamen Gefängniszellen. Die Band erhofft sich durch die neue Plattform und die damit verbundene Abkehr von einer rein passiven Rezeption, ihre Anliegen in neue Dimensionen heben zu können:  “What if we combined the aesthetic effect of the immersive theater with our activist approach? Could it actually enhance our political agenda?”.

Auf, statt vor der Bühne

Inspiration holten sich die Mitglieder bei konzeptionellen Künstlern, wie Ilya und Emilia Kabakov, welche dem westlichen Publikum sowjetische, kommunale Lebensbedingungen aufzeigten. Auch der Künstler Ai Wei Wei und die Nachstellung seiner Gefangenschaft, gaben den russischen Musikerinnen Impulse für ein derartiges Projekt. Nicht zuletzt war das immersive Theaterstück ‚Sleep No More‘ aus New York eine große Inspirationsquelle. Bei dieser Aufführung fällt eine klassische 4-Wand-Raumaufteilung weg und der Zuschauer bewegt sich spielerisch in und mit den Kulissen.

Die interaktive Darstellung „Inside Pussy Riot“ soll gemeinsam mit der Theatergruppe Les Enfants Terribles entstehen und im November in der Saatchi Gallery in London aufgeführt werden. Das Projekt kann auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter unterstützt werden. Von den erhofften 60.000 Pfund, kamen bis jetzt 38.347 Pfund zusammen. Inwieweit die realen Bedingungen durch immersives Theater nachgestellt und nachempfunden werden können, bleibt abzuwarten. Die Idee klingt in jedem Fall spannend.

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