„Eine andere Magie“:
Artur Kowallick über analoge und digitale Fotografie

Artur Kowallick fotografiert mit Camera Minutera; Artikel über analoge und digitale Fotografie

Bildermacher – so nennt sich der Fotograf Artur Kowallick, welchen wir Euch bereits in dem Artikel Die Top 5 Instagram Fotografen aus Berlin vorgestellt haben. Bei ihm ist der Name Programm: Er macht Bilder – mit der Camera Minutera, einem alten fotografischen Apparat. Sie ermöglicht die mobile Aufnahme von Porträts auf der Straße. Die Fotos können in wenigen Minuten entwickelt werden. Die entstandenen Werke veröffentlicht Artur unter anderem auf seinem Instagram-Account. Uns erzählt er von dem Zauber, den diese Kamera umgibt und was analoge und digitale Fotografie voneinander unterscheidet. Der Fotograf liebt sein iPad und spricht der Digitalfotografie ihre Daseinsberechtigung zu, sieht aber in den haptischen Bildern eine alte neue Wertigkeit.

Was ist die Camera Minutera und wofür wurde sie ursprünglich hergestellt?

Die Camera Minutera  ist über 100 Jahre alt. Seitlich sieht man die die Originalfotografien aus den 40er Jahren in Südfrankreich. Ursprünglich kommt sie aus dem indisch-afghanischen Raum. Die Kamera hat schon mindestens zwei Kriege erlebt. Was die auch schon an Menschen gesehen haben muss. Und das finde ich so schön, dass ich jetzt auch ein Teil dieser Geschichte bin. Und die Kamera nicht zum Beispiel bei einem Sammler gelandet ist, sondern ich sie dafür nutze, wirklich auf der Straße Bilder zu machen. Sie wird heute noch in Indien und Afghanistan verwendet, um Passfotos zu machen. Früher wurden zum Beispiel Touristen fotografiert. Man hat ganz gezielt Touristenattraktionen gesucht und die Leute dann dort fotografiert. Ich kenne auch einen Fotografen, der wohnt in Paris und der stellt sich beispielsweise vor das Centre Georges-Pompidou. In Berlin darfst du das aber nicht. Ich würde keine Genehmigung bekommen mit dieser Kamera in Berlin zu arbeiten, weil ich dann genauso unter Straßenhändler falle. Und das finde ich so absurd, weil ich glaube, das wäre so eine Bereicherung für das Stadtbild, wenn man sich vor das Brandenburger Tor stellt oder irgendwo anders und die Leute fotografiert. Das ist ja nicht Trash. Ich finde es schade. 

Ich wollte schon immer so eine Kamera haben. Ich fand einfach die Idee schön, zu sagen, ich kann jetzt hier auf der Straße stehen und ich kann Fotos machen, sie entwickeln und dir gleich geben, ich kann im Dschungel sein, ich kann in der Wüste sein. Am Anfang dachte ich mir so: “die Kamera ist der Star”, was sie immer noch ist. Und dann habe ich aber gemerkt, dass es mir auch keinen Spaß macht, nur nette Bilder zu machen. Es wird immer mehr zu meinem Projekt.

Wie kommen die Fotografien bei den Menschen an?

Über 90 Prozent der Leute sind total happy mit diesen Dingern. Was für eine Faszination das ist, das ist ganz komisch. Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, sind da teilweise Trauben von Leuten, die da rumstehen und gucken und etwas über die Kamera wissen wollen.

Manchmal habe ich auch Leute, die als Zuschauer stehen. Ich nehme immer eine Person, die ich for free als “face of the day” fotografiere. Wenn mir ein Gesicht einfach auffällt. Und das sind Sachen, die immer 100 Prozent klappen. Einmal hat mich sogar ein Mädchen gefragt “kann ich face of the day bei dir werden”? Ich finde das so niedlich und auch die Begeisterung der Leute für dieses Analoge. Und vor allem: Das findet ja in dieser Kamera statt. Das heißt, die Leute wissen eigentlich gar nicht genau, also wenn sie sich damit nicht auskennen, was dort eigentlich passiert. Und du holst dann nach so zweieinhalb Minuten plötzlich ein Negativ heraus. Das wird dann noch einmal abfotografiert. Und insgesamt 5 Minuten später ist dieses Bild fertig. Egal ob das Kinder sind, Erwachsene oder Jugendliche, das hat einfach eine ganz andere Magie, als wenn ich ich zum Beispiel mit dem Smartphone jetzt ein Foto von dir mache, dir das schicke und auf Instagram packe. Und das ist auch so ein unmittelbarer haptischer Vorgang. Ich selber fühle ja, gehe in die Chemikalien rein. Du riechst es ja auch.

Analoge vs. digitale Fotografie: Was macht für dich den Unterschied aus?

Ein Hauptargument dafür, dass die Bilder anders aussehen ist, dass ich zum Beispiel ganz bewusst möglichst lange Verschlusszeiten wähle. Bei den ersten Fotografien hatte man zwischen 15 und 30 Minuten Belichtungszeit. Das heißt du musstest eine Position einnehmen, die du halten kannst. Und ich mache das auch so , dass ich zwischen einer und  vielleicht sechs Sekunden belichte, den Leuten ganz klar sage, sie sollen nicht lächeln, sie sollen straight in die Kamera gucken und sich möglichst auch dessen bewusst sein, dass sie fotografiert werden. Ein Selbstbewusstsein in einem anderen Sinne, im Sinne von sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das ist ja etwas anderes, als wenn ich digital oder mit dem Handy knipse. Zwei Freunde fotografieren sich: Smiley machen, in die Kamera gucken und das ist nice. Wenn die Leute fragen, warum sie nicht lächeln dürfen, sage ich: “Wenn du so ein Foto möchtest, dann kannst du es mit deinem Handy machen”. Ich möchte ganz klar ein anderes Foto. Es macht ja keinen Sinn zu mir zu kommen und die selben Bilder zu machen, die ich selber eigentlich machen würde. Die Leute haben ja meistens auch eine Erwartung, ein Bild von sich wie sie glauben, auszusehen.  Und ich versuche da eigentlich ein bisschen gegen zu bürsten. Manche wissen im ersten Augenblick auch gar nicht so recht wie sie es finden. Dann sage ich: “gucke es dir Zuhause einfach mal in Ruhe an. Du wirst schon noch verstehen worum es geht”. Beim Digitalen ist es so, dass man viel zu viel macht, gerade was Instagram anbelangt: Es ist einfach inflationär. Wenn ich ein Bild betrachte oder poste, guck ich es mir – wenn überhaupt – fünf Sekunden an. In dem Augenblick habe ich schon wieder die nächsten 100 neuen Bilder, die kommen usw.. 

Du beschreibst, dass mit einem klassischen Fotoapparat oft mehr starke Bilder entstehen, als unter 1000 Digitalfotos zu finden sind. Woran liegt das?

Du hast in einem Film 36 Bilder, der auch was kostet. Das heißt du wirst dir, auch wenn du vielleicht nicht viel Geld hast, pro Monat beispielsweise vielleicht zwei Filme kaufen. Du weißt du musst mit diesen beiden Filmen klar kommen. Dann hast du ja immer noch zwischen jedem Bild dieses Transportieren. Das ist nicht nur einfach drauf los knipsen. Und dann ist der Film ja auch irgendwann einmal fertig und dann musst du, wenn du den abgibst, zwei, drei Tage warten oder du entwickelst es selber. Viele freuen sich so diebisch, dass sie warten müssen. Mir hat mal ein junges Mädchen gesagt: “Ich freue mich, dass ich wieder warten muss”. Die treffen sich ja teilweise zum Filme abholen und sind total happy, diese Papierbilder in der Hand zu haben. Das ist ja was anderes, wenn ich diese “real pictures” in der Hand halte, oder ob ich mich mit Freundinnen treffe und wir switchen jetzt mit dem iPad hin und her. Das kennt man auch von früher, von den Eltern zum Beispiel: Wenn man sich getroffen hat und Bilder angeguckt hat, wurden die Bilder so rumgereicht. Man kommt zusammen und sagt „hier guck mal da und dies und jenes“. Und du hast auch wirklich was in der Hand. Ich liebe auch mein iPad, aber das ist einfach was anderes. Was ich auch am Film mag, ist, dass du den ja entwickelst und dann machst du diese Dose auf und hast einfach ein Negativ in der Hand und nicht irgendeine Speicherkarte. Wenn man das Samsung-Handy aufschraubt, sind die Bilder ja nicht wirklich da. Solange du digitale Dateien nicht ausdruckst, ist das ja sowieso verloren, weil man das in so und so vielen Jahren wahrscheinlich gar nicht lesen wird. Ein Bekannter von mir, der auch Fotografie und digital unterrichtet, der rät: Gib jeden Monat 50 Euro aus und printe die Bilder aus. Mache wenigstens Ausdrucke daraus, sodass du wirklich was in der Hand hast, pack es in den Schuhkarton und vergiss es. 

Vielleicht bekomme ich nur zwei, drei Bilder, wenn überhaupt, vielleicht auch nur ein Bild. Und dann habe ich aber ein Bild, das meiner Meinung nach viel stärker sein wird, als wenn ich, was weiß ich, nicht wie viele Fotos mache. Weil es einfach wieder konzentrierter ist. Das heißt, du überlegst dir zwischen jeder Aufnahme: Drücke ich ab? Drücke ich nicht ab? Gerade die Beschränkung: Wenn du dir nur zwei Filme im Monat  leisten kannst, gehst du damit ganz anders um, weil das bekommt ja wieder einen Wert.

Denkst du, diese Art alte Fotografie zu nutzen, erlebt ihren zweiten Frühling?

Ja, es gibt einen ganz klaren Trend. Und wenn ich auch bedenke, wie viele, gerade auch junge Leute, wieder analog fotografieren. Zum Beispiel die Polaroid-Geschichte, aber auch mit normalen analogen Kameras, Mittelformatkameras, Kleinbildkameras. Es gibt auch sehr viele junge Leute, die das teilweise auf dem Flohmarkt kaufen, vom Opa oder Vater geschenkt bekommen und es einfach geil finden.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass die Fotografie eine lange Geschichte hat. Gut man kann sagen, das ist jetzt ein anderer Träger geworden. Aber es ist etwas anderes. Ich glaube, dass die das Gefühl haben, dass es so “real stuff” ist. Das ist wie wenn du mit einer Frau zusammen bist, die perfekt und schön aussieht oder eine Frau die natürlich ist. Ich würde mich nie in das Perfekte verlieben. Du hast eine Vorstellung, aber: Du lernst eine Frau kennen und dann denkst du dir irgendwie “die ist es”. Das ist dieses Authentische. Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, es ist alles nur noch light und politisch korrekt und so weiter. Und Film hat ja auch so eine bestimmte Ästhetik und das gehört auch dazu. Beim Digitalen ist es, finde ich persönlich, sehr glatt. Und was ich ganz absurd finde ist, wenn Leute versuchen, mit irgendwelchen Photoshop-Plugins die analogen Filme zu simulieren, also das Korn, die Farbe. Aber da frage ich mich: Warum nehmen die denn nicht den richtigen Film? Wenn ich es fake, ist es ja nicht das Richtige. Das versucht was zu imitieren, was es nicht ist. Mich hat einmal ein Bekannter gebeten, ob ich für ihn eine Belichtung machen kann, dass er eine graue Fläche fotografiert hat, dass er das Korn nehmen kann von dem Film, um es über seine digitalen Bilder zu legen. Ich habe gesagt: “Warum fotografierst du denn nicht auf Film?”. Da hat er keine Zeit. Ich finde, wenn es digital ist, dann kann es doch digital aussehen. Dann hat das einen bestimmten digitalen Look. Dann ist es ja auch okay. Das wäre genauso, wie wenn du anders herum versuchen würdest, analog digital zu imitieren. Das ist einfach nicht das Richtige. Es ist ja was Haptisches und im Labor riecht es nach Entwickler, nach Fixierer, du arbeitest bei so rotem Licht und entwickelst zum Beispiel deine Filme und nimmst sie aus der Spule raus und hast dann diese Negative. Ich mache das ja 30 Jahre, aber ich finde es immer noch magisch.

Ich habe auch die Serie “happy client”, worauf man ein wenig dieses vorher/nachher und den Vergleich zwischen digitalem und analogem Foto sieht. So sehen die Leute in real aus. Ich finde es auch schön, wenn ich diese Repro mache, dann hat man auch noch diesen Rahmen von den Repro-Stellen noch zu sehen. Das heißt, man hat praktisch so ein Bild im Bild. Und es ist dann auch wirklich nur mit dieser Kamera gemacht worden und nicht mit anderen. Dann hat es noch einmal sowas Einmaliges. Das Schöne bei den Kameras ist auch, dass sie nicht in Serie gebaut wurden. Das heißt, es gab dieses Modell wirklich nur einmal. Es gibt keine Marke.

Findest du auch, dass die Kamera bestimmte Charakterzüge herauskitzelt – obwohl sie nicht wie die hochauflösenden aktuellen Apparate arbeitet?

Ja, es bekommt eine ganz komische Tiefe finde ich. Ich bin oft wirklich baff, ehrlich gesagt. Ich weiß eigentlich vorher, ob es gut wird, aber wie es dann 100% konkret aussieht, lässt sich sehr schwer abschätzen. Es verstärkt so sehr Charaktere und wirkt fast so, als ob es gemeißelt wäre. Es hat so eine ganz andere Präsenz.  Beim Digitalen müsstest du das erst manipulieren oder nachträglich was rausholen. Ich finde es aber auch schön, dass du die Bilder nicht manipulieren kannst. Die kommen so raus wie sie rauskommen. Ich kann sie vielleicht ein bisschen heller oder dunkler machen, wenn ich will. In der Dunkelkammer kann ich aber nicht wie bei Photoshop einzelne Partien bearbeiten. Das Bild kommt so raus wie es ist. Bis zu einem gewissen Grad bin ich offen für Kritik, wenn jemand sagt es gefällt ihm nicht. Dann mache ich es auch noch einmal. Aber ab einem gewissen Punkt sage ich den Leuten “es ist so wie es ist”. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie man aussehen möchte, wo man sich gut fühlt, wo man seine Schokoladenseite hat.  Man möchte einfach einem Bild entsprechen, dass man von sich hat. Und ich sage häufig zu den Leuten, dass sie das möglichst als Bild, als eigenständige Fotografie sehen sollten und nicht unbedingt als Bild von sich selbst. Dann kriegst du glaube ich mehr Abstand zu dem, was du dort siehst und kannst es glaube ich auch eher annehmen. Ich habe einmal einen Mann fotografiert, der sich sein Foto angeguckt hat und meinte: “Sehe ich wirklich so aus?“ Also er sah auf dem Foto wirklich fertig aus. Er sah grundsätzlich fertig aus, aber auf dem Foto sah er noch 10 Jahre fertiger aus. Aber ich habe ihm auch gesagt “guck es dir Zuhause ab und zu mal an. Das Bild ist viel stärker als du”.

Und so ist es bei vielen dieser Fotos. Die Fotografien sind stärker. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Leute diese Präsenz im wirklichen Leben haben. Aber in diesem Moment bekommen sie mit dieser Kamera diese Präsenz, diese Kraft und diesen Ausdruck. Den müssen sie nicht zwangsläufig haben und das müssen sie auch gar nicht sein. Und das finde ich faszinierend, dass ich praktisch damit die Leute irgendwie überhöhe und zu etwas mache, was sie, wenn man es genau nimmt, eigentlich gar nicht sind. Das ist ganz eigenartig, aber es funktioniert irgendwie. Und das liebe ich.

Das ist das Interessante. Wenn man Fotos bekommt, so wie man aussieht: Das macht ja keinen Sinn, finde ich. Also wenn ich das als Fotograf mache. Wenn ich Schnappschüsse für meine Freundin oder meinen Freund mache, dann ist das ja auch gut. Dann muss es ja nicht mehr sein. Aber wenn du nachher auf den Bildern etwas siehst, was viel stärker ist als was du sonst glaubst. Irgendwo bist du das ja auch. Ich verstehe immer nicht wie das funktioniert, aber es ist so. Manchmal komme ich mir bei meiner eigenen Arbeit auch so vor, dass es eher mit Modellieren zu tun hat. Ich arbeite ja auch viel mit Tänzerinnen und Schauspielerinnen zusammen. Dadurch arbeitet man auch sehr körperlich. Ein Tänzer reagiert ganz anders als ein Normaler. Wenn man digitale Fotos machen würde, würdest du ständig alle paar Schüsse mit dem Modell auf das Display, den Rechner gucken und würdest gleich korrigieren usw.. Und so passiert es einfach. Man arbeitet drei, vier Stunden und hat erst einmal null Ergebnisse. Das heißt, du siehst gar nichts – außer, dass ich weiß, dass es im Kasten ist – aber auch wieder nicht. Und dann dauert die Entwicklung manchmal drei oder sechs Monate.

Es ist nicht das Eins zu Eins. Es geht darum, andere Ergebnisse zu bekommen.



Titelbild: @Andreas Waldeck

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