Fitnessarmbänder und Apps: erfinden wir uns gesund?

Fitness App auf einem Smartphone

Digitale Produkte erobern nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Gesundheit. Das Problem des chronischen Zeitmangels trifft auf technische Innovationen, welche uns den Zugang zu mehr Fitness im Leben erleichtern sollen. Skeptiker und Sportler sind sich uneinig: Verlassen wir uns zu sehr auf die liebe Technik oder bahnt sie uns den Weg zu mehr Sport im Alltag?

Wo führt der Weg hin?

Die Athleten sind begeistert. Fitnessapps wie Runtastic und mobile Devices wie das Microsoft Band ermöglichen maximale Gestaltungsfreiheiten des Trainingsplans. Wo immer und wann immer: Die Trainingsgestaltung ist nun mobil und ermöglicht kürzere und zielgerichtete Einheiten, wenn die Zeit mal knapp ist. Ein wichtiger Punkt für die Sportindustrie, welche den Herausforderungen eines immer schneller werdenden Lebenstils begegnen muss. Sie versucht die Lücke zwischen Arbeitsalltag und dem Bedürfnis nach mehr Fitness zu schließen. Experten erwarten das große Geschäft – die technische Evolution weckt scheinbar das Bedürfnis nach Selbstverbesserung.

Tragbare Fitness boomt und birgt das Heilsversprechen von einem besseren und längeren Leben. Das Marktforschungsinstitut CCS Insight erwartet hohe Absätze bei Sport-Technologien, welche in Kleidung und modischen Assecoires integriert sind. Der Umsatz soll bis zum Jahr 2018 um das zehnfache steigen. Die Liste der geplanten Fitness-Gadgets ist lang: integrierte Sensoren zur Auswertung der Bewegungsabläufe oder digitale Tattoos zur Überwachung der Körperfunktionen sind längst keine Science Fiction mehr. Die Privilegien der Spitzensportler sind jedoch schon mit der Appel Watch Sport im Heimtraining angekommen. Das Gerät soll mit seinen Apps das persönliche Bewegungsverhalten positiv beeinflussen und Auskunft über den Energiehaushalt des Trägers liefern. Mit Herzfrequenz- und Beschleunigungssensoren erhebt die Watch die Aktivitätsdaten und motiviert durch Status-Updates und virtuelle Medaillen zur kontinuierlichen Leistungssteigerung.

Auch das Geschäft mit den Apps boomt: Freeletics konnte innerhalb von zwei Jahren mehr als vier Millionen Nutzer für seine Mobile Software gewinnen – und versetzt dabei die Fitnessstudio-Welt fast in Panik. Die Universität der Bundeswehr hat in einer Studie 533 Personen im durchschnittlichen Alter von 30 Jahren zu den digitalen Fitnessageboten befragt und stellt fest: „Schon jetzt nutzen 40 Prozent der jungen Erwachsenen Angebote wie Apps, Online-Kurse oder -Tools.“ Studioketten stehen vor neuen Herausforderungen, denn mit der ermöglichten Flexibilität und Mobilität der Innovationen können sie nicht mithalten. Genau das wünschen sich die Verbraucher jedoch: Ein moderner Lebensstil erfordert mehr Unabhängigkeit in der Gestaltung eines jeden Lebensbereichs.

Inzwischen gibt es über 350.000 Produkte zur gesundheitlichen und sportlichen Selbstkontrolle auf dem Markt. Kaum ein Angebot wird einer Prüfung unterzogen. Demnach gelten viele Produkte als unseriös und der neue Fitnesswahn als digitaler Hokuspokus. Doch was ist dran an der Kritik der Sportwissenschaftler und Marktforscher? Experten halten Health Apps zur Erklärung von medizinischen Inhalten und zur Begleitung eines Therapieverlaufs für sinnvoll. Apps, die der Motivation zu mehr Bewegung dienen, sind ihrer Meinung nach ebenfalls eine gute Idee. Mediziner raten unsportlichen Menschen jedoch erst mal zu einem Gesundheitscheck beim Hausarzt, bevor sie sich von Maschinen zu Höchstleistungen anspornen lassen, denn der Service der Software oder einer Smart Watch ist begrenzt. Die Effektivität der digitalen Analysen wird von nebensächlichen Faktoren wie der Qualität der Hardware, ihre Positionierung und die Art der Anwendung stark beeinflusst. Abgesehen davon kann ein Gerät die persönliche Beratung durch Experten nicht ersetzen. Die Diagnose durch Technik scheitert also an der Individualität ihrer Nutzer.
Die Krankenkassen begreifen die neue Technik jedoch als Chance. Schließlich sammeln die Apps jede Menge Gesundheits- und Fitness-Daten. Software soll in Zukunft verstärkt benutzt werden, um die Versicherten zu einem gesünderen Lebensstil zu ermutigen. Jedoch warnen Verbraucherschützer vor dem Missbrauch durch Datenklau. Auch können die gesammelten Datensätze zur individualisierten Gestaltung von Tarifen für Versicherte führen und das solidarische Konzept der Versicherungen kippen.

Egal ob Vor- oder Nachteile – Mediziner, Sportler und Hersteller sind sich in einer Sache einig: Die neue Technik kann die Funktion von Organismen indirekt optimieren, jedoch nicht ersetzen. Agieren muss der Mensch schon selbst.

Copyright Foto: Nicola (flickr)

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