Die documenta 14 zwischen Kritik, Krise, Politik und Zusammenhalt

documenta 14 Kunstwerk Zelt aus Marmor Rebecca Belmore

Von Athen lernen – so lautet das offizielle Motto der am Samstag in Kassel eröffneten documenta 14 – der weltweit größten und bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bis zum 17. September 2017 können Besucher dort internationale Werke bestaunen. Wie das Motto bereits impliziert, findet die Ausstellung in diesem Jahr erstmals an einem zweiten gleichberechtigten Standort statt: in Athen. Der Kurator und künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk, gibt Aussicht auf einen “bedeutungsvollen und spannenden Lernprozess”, der uns helfen soll, die Welt um uns herum zu verstehen und durch unterschiedliche Perspektiven zu beleuchten.

Doch in Griechenland machte sich bereits zum dortigen Start der Ausstellung im April Protest breit. So begegneten dem internationalen Kunstpublikum in den Straßen Anti-documenta-Graffitis, wie “crapumenta 14”. Das “crap” in der Abwandlung von documenta, steht übersetzt für “Mist”, “Scheiß” oder “Unsinn”. Auf einer anderen Mauer fragt sich ein Sprayer: „The crisis of a commodity or the commodity of crisis?“ Der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis lies in diesem Zusammenhang das Wort „Krisentourismus“ fallen. Der ehemalige Syriza-Abgeordnete Zoe Konstantopoulou geht noch einen Schritt weiter in Richtung deutsch-griechischer Vergangenheit und twittert vernichtend: „Die Nazis kommen wieder, nur mit anderen Mitteln.“

Kunst auf Kosten anderer? Missbrauch von Leid und Armut? Oder eine Bekämpfung eben dieser? – Was bedeutet die Wahl Athens als zweite Ausstellungsstadt der documenta 14? Wir haben einige Stimmen gesammelt.

Klingt der Leitsatz der documenta 14 im ersten Moment noch positiv und lehrreich, ist er im Nachgeschmack doch etwas irritierend, vor dem Hintergrund der aktuellen und internationalen gesellschaftlichen sowie politischen Situation, Griechenlands Schuldenkrise, der Flüchtlingsthematik und europäischer Instabilität, für manch einen gar provokativ. Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Steinmeier in einer Rede zur Ausstellung: “(…) der Titel dieser documenta zielt auf die Gegenwart, auf die politischen und ökonomischen Gräben zwischen uns, die wir – so verstehe ich die Botschaft – zu überwinden haben.” Für Szymczyk, der das Motto formulierte, steht Athen für die globale Finanzkrise sowie die Krise Europas. Die documenta könne in diesem Zusammenhang die Teilung Europas erforschen und eine Kooperation auf Augenhöhe ermöglichen. Für ihn ist die Lage Europas viel zu heiß, als dass die documenta sie eiskalt ignorieren könnte und das internationale Publikum allein im beschaulichen und netten Kassel willkommen geheißen werden sollte.

Hier liegt auch der Ursprung für die Wahl der Hauptstadt Griechenlands als zweiten Ort der Kunstausstellung: „Ich wurde gebeten, einen Vorschlag für die documenta in Kassel einzureichen. Und das rief bei mir gleich viele Fragen hervor: Warum die documenta? Warum in Kassel? In mir waren plötzlich jede Menge Warums. Und ich wäre unzufrieden damit gewesen, eine irgendwie nette und intelligente Ausstellung für eine mir vorgegebene Stadt vorzuschlagen, während die Situation politisch und wirtschaftlich langsam heiß wurde – insbesondere im Süden Europas. Also begann ich, mich nach einer Möglichkeit umzuschauen, den ursprünglichen Spielort in Kassel beizubehalten und gleichzeitig auch einen ganz anderen Standpunkt zu finden, von dem aus man die Dinge anders sehen und lesen kann“, so der polnische Kurator Szymczyk.

Ein Widerspruch in sich?

Die Glaubwürdigkeit dieser Intention, einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe, wird in Frage gestellt und stößt auf Gegenwind. 34 Millionen Euro stehen der documenta über einen Zeitraum von fünf Jahren als finanzielle Mittel zur Verfügung. Kritikern missfällt es, dass eine derartig kostspielige und noch dazu deutsche Kunstausstellung ausgerechnet mit dem von Finanznöten geplagten Griechenland und im Lichte der deutsch-europäischen Sparpolitik eine Kooperation eingeht. Doch vielleicht ist genau das ein einseitiges Vorurteil über ein angebliches Vorurteil, ein Tunnelblick, der Deutschland als aktiv und Griechenland als passiv betitelt. Bundespräsident Steinmeier verweist in seiner Rede auf das Symbol der documenta, die Eule: “Die Demokratie, davon bin ich überzeugt, lebt von einer Perspektive, die möglichst viel und mit großer Tiefenschärfe in den Blick nimmt, wie die Eule, die uns hier als Symbol der documenta allerorten begegnet. Die Eule kann ihren Kopf um 270 Grad drehen. Ich will diese Übung niemandem zur Nachahmung empfehlen. Aber wir können lernen, uns umschauen, einander wahrnehmen und genauer hinschauen – das können wir sehr wohl. Und das sollten wir auch, wenn wir asymmetrische, einseitige Beziehungen zwischen unseren Ländern vermeiden wollen.”

Flucht und Migration als internationale Themen

Auch wenn diese Ansicht fast schon simpel klingt, ist sie doch heute wichtiger denn je, auch wenn gegenseitige Unvoreingenommenheit selbstverständlich sein sollte, ist sie es heute immer seltener. Insbesondere aktuelle Themen, wie Flucht und Migration, die uns alle indirekt betreffen, erfordern eine gegenseitige Unterstützung der Länder und werden von der documenta aufgegriffen. So zeigt beispielsweise die Künstlerin Rebecca Belmore auf dem Philopappos-Hügel, gegenüber der berühmten Akropolis, symbolisch zum Thema Flucht ein Zelt aus Marmor. Ein Zelt kreierte auch Künstler Mounira Al Solh aus dem Libanon und beschichtete die Innenwand mit den Erlebnissen von Geflüchteten aus Unterkünften in Kassel. Diese Beispiele zeigen, dass das Leben und die Kunst keine Grenzen kennen und wie Geschichte, Kreativität und gesellschaftliche sowie politische Themen vereinbar sind.

International oder regional?

Neben der politischen Dimension sehen einige griechische Stimmen die Kunst des eigenen Landes nicht genug gewürdigt und unterstellen der documenta in Athen eine Art unglaubwürdige Parallelwelt zu sein, die der wahren Kunst Griechenlands keine Plattform bietet: „(…) natürlich gibt’s auf der documenta tolle Kunst zu sehen. Aber man muss sich mal das große Ganze angucken. Ich war bei der Eröffnung im Museum für Zeitgenössische Kunst: Da waren viele Leute aus der internationalen Kunstszene, mit ihren schicken Klamotten. Und vor den Türen des Museums: Da war das richtige Athen, mit seinen Gerüchen, seinen Geräuschen, seinen Problemen. Aber drinnen hat man davon rein gar nichts gespürt. Diese Ausstellung hätte genauso gut in Zürich, in Basel oder sonst wo stattfinden können”, so die die Künstlerin Poka-Yio.

Viele Griechen sind enttäuscht, dass vergleichsweise wenig griechische Künstler an der documenta teilnehmen. Sie gingen davon aus, die documenta würde vollkommen in die künstlerische Szene Athens eintauchen. Doch sie ist und bleibt eben eine internationale Kunstausstellung: „Die documenta gehört vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen.“, so Adam Szymczyk. Die Leiterin des documenta Büros in Athen, Marina Fokidis, entgegnet dem außerdem, dass die documenta für viele griechische Künstler eine große Chance darstellt, neue Kontakte und ein internationales Netzwerk zu knüpfen.

Eine Symbiose

Für die Galeristin Marina Athanassiadou kann die documenta in Griechenland neue Impulse geben und einen Fortschritt einleiten: „Ich glaube, es ist das erste Mal, dass hier in Athen die Straßen für ein Kunst-Event gesperrt werden. Sonst passiert das nur, weil wieder irgendwo demonstriert wird: Wenn’s um die Finanzkrise geht oder um die Europäische Union. Wir haben die Nase voll von diesen Demos. Und jetzt findet mitten auf dem Syntagma-Platz plötzlich eine Kunst-Performance statt. Das macht die Leute neugierig, weil es etwas Neues ist. Sie gehen hin und fragen, was da los ist. Und wer fragt, der lernt.“
Doch auch für das Herzstück der documenta und ihre Mutterstadt Kassel, kann Athen eine Bereicherung sein. Vinzenz Brinkmann sieht in Athen für die Kunstausstellung eine Chance: „Szymczyk rettet die Idee der documenta“. Der Archäologe spricht von zu überwindenden „Abnützungsfaktoren“. Seiner Meinung nach sei die documenta ursprünglich „aus der Irritation heraus“ entstanden. Dadurch, dass die Ausstellung durch den Ort Athen erweitert wurde, hat der Kurator „der Idee des Widerständigen neue Kraft gegeben“, sagt er. Statt Abstumpfung, Oberflächlichkeit und Event: Tiefe, Intention und ein Verlassen der Komfortzone. Statt Krisentourismus, Krisenbewusstsein und ein gemeinsames Reflektieren über mögliche Lösungen.

Demnach sollte nicht gefragt werden: Athen als zusätzlicher Ausstellungsort der documenta – ja oder nein? Und schon gar nicht: Kassel oder Athen? Auch sollte das Novum der aktuellen documenta 14 nicht als Wettbewerb zwischen Kassel und Athen angesehen werden. Zugegeben: das Motto “von Athen lernen” impliziert zunächst eine Ironie und für manch einen vielleicht sogar eine Demütigung der Griechen, sollte aber nicht als solche aufgefasst werden. Denn die Intention ist nach Betrachtung der Schilderungen eine andere: gegenseitige Bereicherung. Das klingt vielleicht etwas optimistisch und einfach. Aber manchmal liegt genau in diesem “weniger ist mehr” die Kunst.

Das dachte sich auch der kosovarische Künstler Sokol Beqiri und pflanzte im Rahmen der documenta eine kleine Eiche auf das Gelände der Technischen Universität in Athen, ein griechisches Bäumchen, veredelt mit den Ästen jener Eichen, die vor mehr als 30 Jahren von dem deutschen Künstler Joseph Beuys in Kassel gepflanzt wurden.

Die documenta 14
documenta14.de
Kassel: 10. Juni – 17. September 2017
Athen: 08. April – 16. Juli 2017

 

Bild 1: @Fanis Vlastaras; documenta 14; Künstlerin: Rebecca Belmore, Biinjiya’iing Onji (Von innen), 2017, Marmor, Filopappou-Hügel, Athen
Bild 2: @heb_beh
Bild 3: @Dimitris Parthimos; documenta 14; Künstler: Sokol Beqiri, Adonis, 2017, gepropfter Baum und Marmor, Polytechnion, Athen

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