Kategorie: Vernetzt

Reise-Collage, in welcher ein Paar die Arme um sich legt; aus der Fotokunst von Half Half Travel

Half Half Travel: Eine Fernbeziehung
als Fotokunst auf Instagram

Getrennt und doch zusammen: Die Fotografen Rebecca Siegel und Dan Gold führen eine Fernbeziehung, die es in sich hat. Beide umreisen die Welt – jedoch nicht zusammen, sondern voneinander getrennt. Eine Liebe auf Distanz aufrechtzuerhalten, ist alles andere als einfach. In ihrem Blog und gleichnamigen Instagram Account „Half Half Travel“, zeigt das Paar eine kreative Möglichkeit mit der räumlichen Trennung umzugehen. Die beiden lichten sich jeweils an dem Ort, an dem sie sich gerade befinden ab, halbieren die Fotografien in der Mitte und fügen die Hälften zu einem neuen Bild zusammen. Nicht trotz, sondern gerade wegen der Darstellung der unterschiedlichen Aufenthaltsorte, erschaffen sie so gemeinsam einzigartige Collagen.

Die Sehnsucht nach der Ferne

Rebecca und Dan lernen sich im Dezember 2015 in New York kennen und lieben. Beide haben den Wunsch für einige Zeit ins Ausland zu gehen. Er will ein Jahr lang durch Europa, Afrika und Südamerika reisen und dabei jeden Monat eine neue Stadt entdecken. Rebecca lebt aktuell in New York. Nachdem sie fast drei Jahre lang in Hongkong und China verbrachte, möchte sie nun noch mehr vom Rest der Welt sehen und diese auf eigene Faust erkunden. Zwei Menschen, zwei unterschiedliche Lebenspläne: Ist die junge Liebe dadurch von vornherein chancenlos?

Getrennt reisen, zusammen fotografieren

Für Rebecca und Dan nicht. Die beiden möchten – trotz der räumlichen Trennung – weder sich als Paar, noch ihre individuellen Träume und Wünsche aufgeben. In der heutigen Zeit hilft ihnen dabei das World Wide Web. Auf kreative und bezaubernde Art und Weise zeigen sie online, dass Liebe keine Grenzen kennt. Sie bedienen sich ihrer Reisebildarchive, wählen zueinander passende Fotografien aus und fügen diese durch digitale Bildbearbeitung liniengetreu zu einem neuen Motiv zusammen. Indem sich die Atmosphären der unterschiedlichen Orte zu einer Einheit verbinden, entstehen interessante Kombinationen. Was Rebecca und Dan über ihre Beziehung hinaus offensichtlich vereint, ist die Liebe zur Fotografie und zum Reisen. Was sie trennt, sind eben genau diese 1000 Kilometer Entfernung. In den Bildern verbinden sich die Welten von Rebecca und Dan. Durch ihre Fotokunst kommen sich die beiden wieder ein Stück näher.

Schwarz-weiß Bild zwei Boxer, Schiedsrichter hält einen Arm hoch, Bild zum Wahlkampf 2017 Artikel

Wahlkampf 2017:
Vom TV-Duell bis hin zum Cyberputsch

Der politische Wahlkampf wurde in dieser Woche wortwörtlich genommen. In diversen Duellen setzten die Parteien ihre Schachzüge: „Die Partei“ knackte die Facebook-Gruppen von AfD-Anhängern, die Kanzlerkandidaten trafen im TV-Duell aufeinander und auch Politiker anderer Parteien gaben sich im Fernsehen einen Schlagabtausch. Das Duell von Merkel und Schulz empfanden viele allerdings eher als ein schlechtes Duett. In den sozialen Netzwerken wurde hingegen heiß diskutiert und kommentiert – nicht selten mit einem zwinkernden Auge.

Spaß und Ernst zugleich: „Die Partei“ verschafft sich Kontrolle über AfD-Gruppen auf Facebook

Anfang der Woche sorgte “Die Partei” für großes Aufsehen im Netz. Die Satirepartei hat 31 AfD-nahe Gruppen auf Facebook gehackt. In den bis dahin geschlossen und geheimen Gruppen tauschten sich AfD-Anhänger aus. Die Namen der Facebook-Gruppen geben bereits einen Einblick in deren Inhalte: „Heimat-Liebe“, „Dr. Frauke Petry – FanCLUB“ oder „AfD 51 %“. Die Satiriker behaupten sogar, sie wurden ursprünglich mit Bots (Computerprogrammen) erstellt und künstlich mit Inhalten bestückt.

„Die Partei“ hat diese Gruppen nach eigenen Angaben über Monate hinweg infiltriert und sich das Vertrauen der Administratoren erschlichen. Diese warf man daraufhin raus und ernannte eigene Seiten-Administratoren. Der Modus wurde auf „öffentlich“ umgestellt. Nun kann jeder sehen, was dort geschrieben wurde. Die Partei ließ es sich außerdem nicht entgehen, weitere Veränderungen im Detail vorzunehmen: So wurde beispielsweise aus  der Gruppe „Antifa – Die Wahrheit!“,  „I <3 Antifa“, aus „Deutschland ohne Islam“ die Gruppe mit dem Namen „Kopftuchpflicht für Deutschland“. AfD-Anhänger sind von dieser Aktion natürlich wenig begeistert und weisen die Verantwortung von sich. So amüsant diese Aktion auch ist, offenbart sie erschreckende Inhalte. Einige davon stellt Shahak Shapira, Satiriker und Mitglied von „Die Partei“, in einem Bekennervideo auf Facebook vor:

Eklat in ZDF-Sendung zum Wahlkampf 2017

In der Live-Sendung „Wie geht’s, Deutschland?“ wurden Politiker mit Bürgerfragen konfrontiert, die aus einer Reportage stammen.  An der Diskussionsrunde im ZDF nahmen Ursula von der Leyen (CDU), Andreas Scheuer (CSU), Heiko Maas (SPD), Katja Kipping (Die Linke), Jürgen Trittin (Die Grünen),  Katja Suding (FDP) und Alice Weidel (AfD) teil. Letztere verließ nach einem Wortgefecht mit Andreas Scheuer abrupt das Studio. Dieser hatte zuvor AfD-Mitglied Björn Höcke als rechtsradikal bezeichnet.

 

Kurz darauf wetterte sie auf Twitter, insbesondere gegen die ZDF-Moderatorin Slomka. In den sozialen Netzwerken werten einige User Weidels Abgang als Inszenierung zum Zwecke der Aufmerksamkeitsgenerierung.

Merkel vs. Schulz im TV: Duell oder Duett?

Im Kanzlerduell ging es dagegen entspannter zu. Bereits vor dem Aufeinandertreffen von Angela Merkel und Martin Schulz waren die Erwartungen daran nicht sehr hoch. Die Grünen nutzten dies für einen belustigenden Post:

Für viele bestätigte sich dies. Denn ein wirklicher Schlagabtausch kam den meisten Nutzern zufolge nicht wirklich in Gange:

Das Netz spricht eher von einem Duett, statt von einem Duell. Ihrer Meinung nach, hielten sich die Meinungsverschiedenheiten der beiden in Grenzen.

Nutzer zeigten sich insbesondere von den Inhalten enttäuscht.

Kein Wunder, dass viele User nach dem Duell nur noch ratloser sind.

Durchblick im Parteien-Dschungel?
Wahl-App im Tinder-Style und ein Musikomat

Wer die Wahl hat, hat die Qual, heißt es so schön. Oder doch nicht? Zahlreiche Apps zur Bundestagswahl 2017 versprechen die passende Partei zu finden, die die eigenen Werte und Vorstellungen vertritt. Der Klassiker unter ihnen ist der Wahl-O-Mat. Neue Anwendungen nutzen nun ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Eine von ihnen tindert: Die App WahlSwiper, erhältlich für iOS und Android, geht nach dem Auswahlprinzip der bekannten Dating-App vor. Leere Versprechungen oder ein Traum-Match? Und was hören die Politiker eigentlich so unter der Dusche?

Die veröffentlichten Programme der Parteien sollten die Grundlage für eine gut überlegte Wahlentscheidung sein. Doch die 113 Seiten der SPD oder die 75 Seiten der Union wirken allein durch ihren Umfang nicht besonders einladend. Wer liest sich schon gerne derartige Wälzer durch? Da fehlt einem dann doch meist entweder Zeit oder Muse. Diversen Apps gelingt es nun, mal mehr und mal weniger, Licht ins Programm-Wirrwarr zu bringen. Unterhaltsam sind die folgenden in jedem Falle.

Politisches Tindern mit neuer Wahl-App 

Der WahlSwiper nutzt das Prinzip von Tinder und vereinfacht den Entscheidungsprozess auf spielerische Art und Weise. Nacheinander werden dem Nutzer 30 Fragen aus unterschiedlichen Rubriken wie zum Beispiel Arbeit, Bildung, Umwelt, Außenpolitik, Gesundheit sowie Familie und Gesellschaft gestellt. Aus dem Themenfeld Internet erscheint die Frage: “Sollen soziale Netzwerke zur Löschung von Desinformationen wie “Fake News” gesetzlich verpflichtet werden?” Ein Wisch nach links steht für Nein, mit rechts bekundet man seine Zustimmung. Wem etwas unklar ist, dem wird die Frage in einem kurzen Video noch einmal ausführlicher erklärt. Wer sich “verwischt” hat, kann auch noch einmal zurück gehen und seine Wahl ändern. Und wer sich unschlüssig ist, der kann einzelne Fragen überspringen. Im Endergebnis wird dann ein Ranking erstellt, dass mittels prozentualer Gewichtung anzeigt, inwieweit die eigenen Vorstellungen mit den Plänen und Leitsätzen der einzelnen Parteien übereinstimmen.

Parteifilter nach Musikgeschmack: Was hören Merkel, Schulz und Co.?

Wer sich jetzt noch nicht verliebt hat, kann ja mal in sich horchen – und in die Playlisten der Parteien. Denn Deezer hat sich zur Bundestagswahl mit dem Musikomat eine kleine Spielerei ausgedacht. Auf der Website kann man herausfinden, mit welcher Partei der eigene Musikgeschmack am meisten übereinstimmt. Dafür beantworten die Nutzer Fragen rund um ihre musikalischen Vorlieben und Momente. Die zur Auswahl stehenden Antworten sind natürlich mit Beispielsongs unterlegt. On top wurde zu jeder Partei eine Playlist angelegt. Die Zusammenstellungen kommen von den Parteizentralen höchst persönlich. Der Musikstreaming-Dienst-Anbieter bat CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke je eine Playlist mit 17 Musiktiteln zu erstellen. Die Parteimitglieder waren eingeladen den Lieblingssong des Vorsitzenden, die Musik für eine Wahlparty und inoffizielle Parteihymnen anzugeben. Die CDU geht da schon mal „Atemlos durch die Nacht“, und die FDP mag Techno, die Linke Punk.

Hier eine kleine Auswahl was bei den Parteien sonst noch so läuft:

SPD

Auf Der Guten Seite – Sportfreunde Stiller
Sexy And I Know It – LMFAO
Angie (2005 Digital Remaster) – The Rolling Stones

CDU

Einigkeit und Recht und Freiheit – Berliner Philharmoniker 
Tage wie diese – Die Toten Hosen
Thunderstruck – AC/DC

Die Grünen

Haus am See – Peter Fox
We Are Family – Sister Sledge
BE DEUTSCH! – Jan Böhmermann

Die Linke

Im Zweifel für den Zweifel – Tocotronic
Ein ehrenwertes Haus – Udo Jürgens
We Are Your Friends (Original Mix) – Simian

FDP

Alles neu – Peter Fox
No Roots – Alice Merton
Despacito Luis Fonsi – Daddy Yankee

Das angebliche Lieblingslied von Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir lieben die Stürme“ von Ronny. Martin Schulz hört laut SPD am liebsten „Penny Lane“ von den Beatles.

Wahlkampf 2017: Wenn Politiker chatten
und Merkel ihr Lieblings-Emoji verrät

Eine neue WhatsApp-Nachricht von Katrin Göring-Eckardt oder eine neue Facebook- Nachricht vom CSU-Chat-Bot Leo: Politiker setzen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit mal mehr und mal weniger auf Chatrooms. So auch im Wahlkampf 2017. Das Potential sozialer Netzwerke liegt in der Interaktion mit den potentiellen Wählern. Doch wird dieses auch wirklich ausgeschöpft? Heiß diskutiert wurde in dieser Woche außerdem das YouTube-Interview mit Angela Merkel, in welchem sie ihr Lieblings-Emoji verrät.

Wie interaktiv sind die Parteien auf sozialen Netzwerken im Wahlkampf 2017?

Schaut man sich die Social Media-Profile der Parteien an, so lässt sich feststellen, dass der Großteil von ihnen – bis auf einige Kommentar-Reaktionen – eher publiziert als interagiert. Dabei liegt genau darin der Mehrwert sozialer Medien, der somit ungenutzt bleibt: „Da haben die deutschen Parteien nicht verstanden, dass im Web 2.0 nicht einfach nur Platz für Pressemitteilungen ist, sondern, dass dort Gespräch stattfindet sollte“, sagt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler und Wahlkampf-Experte von der Universität Hohenheim. Natürlich ist klar, dass es Personal und Kosten erfordert, interaktiver zu werden. Es braucht große Teams, die sich mit den Fragen und Anregungen der Nutzer beschäftigen. Doch diese Investition könnte sich auszahlen.

Gute Ansätze, schwache Umsetzungen

Katrin und Cem als WhatsApp-Kontakte

Die Grünen rücken die Nummern von Katrin: +49 176 34365582 und Cem: +49 176 34345240 raus. Die potentiellen Wähler werden eingeladen, mit den Spitzenkandidaten per WhatsApp zu chatten, Fragen zu stellen und Anregungen zu hinterlassen. Wir haben es mal ausprobiert, Katrin in unser Telefonbuch eingespeichert und das Gespräch – wie angegeben – mit einem “Start” begonnen. Wir erhalten direkt eine Begrüßungsnachricht von ihrem Team zurück. Eher eine Art Newsletter? Auf Fragen um die Bedeutung der sozialen Medien für die Partei, wird aber leider nur auf das Programm verwiesen. Und Cem hat unsere Statement-Bitte bezüglich eines Digitalministers bislang noch nicht einmal gelesen. Die grauen Häkchen verraten es: Er ist die ganze Zeit online, aber schreibt nicht. Anlass genug, um beleidigt zu sein?

CSU-Leo im Facebook-Messenger-Chat

Dann unterhalten wir uns doch einfach mal mit dem Chat-Bot der CSU: Leo. Leo wird als kleiner blauer Roboter im Messenger Chat von Facebook vorgestellt – natürlich im gewohnt modernen “graphic-design-is-my-passion-Look”. Nutzer können ihm Fragen zur Partei stellen. Leider erkennt er aber die Wenigsten davon. Hinter dem Ganzen sitzt ein Team, welches im Vorfeld Antworten auf bestimmte Stichwörter programmiert. Irgendwie werden wir nicht warm miteinander. Um uns besser kennenzulernen, schlägt Leo mir ein Speedinterview vor. Na dann mal los. Auf mein Lieblingsessen folgt “I mog a g’scheite Schweinshaxn”, auf die Lieblingssendung ein “Also ich schaue am liebsten politische Talkshows, da geht’s immer richtig zur Sache 😉” und musikalisch gesehen kriege ich dann die Bayernhymne präsentiert. Kritik an der politischen Konkurrenz bleibt ebenfalls nicht aus: Fragt man nach einer anderen Partei, bekommt diese via Memes und GIF’s ihr Fett weg.

 

Durch stetiges Nachfragen, wird auch zu politisch relevanten Themen-Antworten geleitet. Die Reaktionen verweisen auch auf andere Accounts der Partei – wie zum Beispiel Instagram. Insgesamt eher eine vorgefertigte nette Spielerei als eine wirkliche Interaktion.

Die Technik steht in Sachen automatischer Antworten-Generierung aber auch noch am Anfang. Eine umfassende zukünftige Nutzung von Social Bots lehnen CSU und andere Parteien hingegen ab.

Neues Format: YouTuber fragen…die Kanzlerin

Am Mittwoch stellte sich Angela Merkel den Fragen von vier jungen YouTubern – live aus dem YouTube-Space in Berlin. MrWissen2Go, ItsColeslaw, Alexi Bexi und Ischtar Isik bringen darin Themen zur Sprache, die sowohl eine politische Relevanz haben als auch die eigenen Erfahrungen abdecken. Durch YouTube will die Kanzlerin mit der Jugend ins Gespräch kommen.

Man sprach über ernste Themen und zog eine Schnute:

Und über Smileys:

“Haben Sie einen Lieblings-Emoji?” Merkel lächelt: “Smiley! Wenn es mit Hut kommt, dann noch ein kleines Herzchen dran. Und wenn mal nicht sowas Gutes war, dann kann man auch eine Schnute nehmen”.

Steht gerade mal kein Treffen mit der Kanzlerin an,  dann geben die YouTuber in ihren Videos Shopping-, Lifestyle- oder Technik-Tipps. Wie Merkel diesen Job auffasst, wird in folgender Anmerkung deutlich. Eine Twitter-Nutzerin kommentiert das Ganze dann auf ihre Art:

 

Twitter-Reaktionen als Bestandteil des Interviews

Unter dem #DeineWahl konnte auf Twitter und YouTube fleißig mitdiskutiert werden. Zwischen den Gesprächen haben die Moderatoren ausgewählte und auch kritische Kommentare vorgelesen und stellten die Ergebnisse, der von den Projektinitiatoren veranlassten, Online-Umfragen vor. Diese wurden dann wiederum im Gespräch mit Merkel aufgegriffen.

Hier merkt eine Userin ebenfalls an, dass die Partei zwar neue Medien nutzt, um jüngere Generationen anzusprechen, aber dort keine wirklichen Inhalte platziert. Die Bundeskanzlerin bestätigt diese Zunahme und ermuntert dazu, sich auf Instagram oder Facebook zu melden, wenn Inhalte nicht ausreichen. Es kriegt fast jeder eine Antwort, der sich bei der Bundesregierung meldet, heißt es weiter.

„Deine Wahl“ zwischen Innovation und Kritik

Die Nutzerkommentare des YouTube-Interviews explodierten. In dem über 60-minütigen Video wurden allerdings nur wenige ausgewählte präsentiert. Bislang wurde das Video 1.175.103 Millionen mal aufgerufen. Das neue Format kommt bei einigen Nutzern gut an, wird allerdings vor allem von den Medien auch kritisiert. Bestand doch die Hoffnung, dass das Live-Event zu einem mutigen Kreuzverhör junger Menschen mutiert, so entpuppten sich die Fragen als Standardinhalte, die man auch tagtäglich im Fernsehen oder in der Zeitung zu sehen bekommt – so deren Fazit. Zwar ist das Format ähnlich innovativ, wie die von uns vorgestellte Gesprächsrunde „Frag selbst„, weil es User-Kommentare direkt mit einbezieht sowie Interview, Video-Kommentar und Meinung bündelt. Der Großteil der Fragestellungen sei aber bereits vielfach diskutiert worden und nichts Neues. Lieblings-Smiley und Lieblings-T-Shirt-Druck bildeten die Ausnahmen, waren aber eher unterhaltend als nützlich.

Und was sagt es uns, dass genau diese Fragen am meisten kommentiert wurden?

 

Außenansicht der Uffizi Gallerie in Florenz zum Artikel Übersetzungsapps in Museen

Die Kunst der Sprache:
Übersetzungsapps in der Uffizi Galerie

Es ist August und wie jedes Jahr lockt die Toskana Touristenmassen aus aller Welt an. NeoAvantgarde war mit dabei und hat neben imposanter Kunst und leckerem Wein auch neue Übersetzungsapps entdecken können.

Ein Besuch in der Galerie der Uffizien

Es ist 8 Uhr, die Uffizi Galerie in Florenz soll in 15 Minuten öffnen. Der Innenhof ist bereits gefüllt mit zahlreichen Touristen aus aller Welt, Militär und einigen Mitarbeitern, die versuchen, schon mal etwas Ordnung zu bringen. Eine Sicherheitskontrolle und eineinhalb Stunden später bin ich drin. Gemeinsam mit den Massen ströme ich in die mit Gold verzierten Hallen der Galerie. Von ihren Wänden schauen die Ahnen der Medici-Familie auf einen herab. Los geht es im zweiten Stock, hier wird sich von oben nach unten gearbeitet. Die bekanntesten Künstler Italiens und der Welt hängen und stehen hier teilweise auf engstem Raum. Zu den Stars der Ausstellung gehören Botticelli’s Venus, der Medici-Liebling Michelangelo, Leonardo da Vinci und Caravaggio. Die Leute drängen sich mit ihren iPads, iPhones und Spiegelreflexkameras vor die Meisterwerke um diese festzuhalten: Für sich und ihre Facebook-Profile. Es ist fast eine Art Hobby von mir geworden, in Museen und Galerien nicht nur die Werke zu betrachten, sondern auch die Besucher zu beobachten. Neben einfarbig angezogenen Hipstern und Prada-Intellektuellen gab es auch einige asiatische Reisegruppen.

Übersetzungsapps in einem Museum – das neue Zeitalter der Kommunikation

Vor der besagten Venus von Botticelli konnte ich deshalb beobachten, wie eine Frau aus Korea ihr Smartphone zückte und es auf den Erklärungstext neben dem Bild hielt. Wir dachten zunächst, dass sie (wie erstaunlich viele Besucher) nun den Text abfotografiert. Dann bemerkte ich allerdings, wie sich der eingescannte Text auf dem Bildschirm ihres Smartphones, Zeile für Zeile in koreanische Schriftzeichen verwandelte. Am Ende eines jeden Satzes stellten sich die Satzzeichen dann in die (scheinbar) richtige Reihenfolge um. Sowas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Ich starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Die App erkennt die Wörter und kann sie dann sinngemäß umstellen und richtig übersetzen. Einen ähnlichen Moment hatte ich in Rio, wo mir die Google-Sprach-App gezeigt worden ist. Diese erkennt das gesprochene Wort und gibt es dann in der gewünschten Sprache durch den Lautsprecher wieder. So steht dem Turm zu Babel heute wohl nichts mehr im Wege.

Solltet ihr demnächst auch mal auf eine internationale künstlerische oder kulturelle Erkundungstour gehen, dann geben wir euch folgende Apps mit an die Hand:

Mehr als nur Übersetzungsapps

Korean Talking Translator

Es klingt zwar so, als würde die App Korean Talking Translator nur koreanisch übersetzen, tatsächlich erkennt sie aber über 30 (Fremd)Sprachen. Zwischen ihnen lässt sich intuitiv und schnell wechseln. Außerdem ist eine Spracherkennung und Grammatikkorrektur integriert. On top gibt es immer ein Wort des Tages, wobei einem täglich aus jeder Sprache ein neuer Begriff, inklusive Beispielsatz, vorgeschlagen wird. Trotz kleinerer Übersetzungsmängel bei einzelnen Worten, ist diese Anwendung alles in allem eine umfassende und praktische Möglichkeit, fremdsprachliche und besonders auch umfassende Texte schnell und einfach entziffern zu können.

Scanner- & Übersetzer-App

Die App Scanner & Übersetzer kommt bereits in ihrem Namen auf den Punkt: Sie scannt via Foto alle gedruckten Schriftstücke mit Textbausteinen. Dies können zum Beispiel Dokumente, Urkunden, Bücher, Schilder oder Anleitungen sein. Die Worte werden dann automatisch erkannt und je nach Wunsch in eine von 90 Sprachen übersetzt.

Wie speziell für Museen entwickelte Apps einen Galeriebesuch nicht nur erleichtern, sondern auch highlighten, könnt ihr in unserem Artikel „Galerie to go: Wenn Museen digital gehen“ nachlesen.

Monoton, modern, moralisch fragwürdig:
Die Wahlplakate zur Bundestagswahl 2017

Auch wenn ihr ihnen vielleicht noch nicht begegnet seid: Spätestens in den kommenden Wochen werden euch wieder an zahlreichen Straßenecken Politiker von ihren Wahlplakaten entgegen lächeln. Zwar versuchen die Parteien die Gunst der Wähler zunehmend auch durch Online-Aktivitäten zu gewinnen, hauptsächlich setzt man aber immer noch auf die klassische Wahlkampfwerbung. Wir zeigen euch die doch erstaunlich aufschlussreichen Wahlplakate der Fraktionen und die bisherigen Reaktionen der Netzgemeinde.

CDU/CSU – alles beim alten

Im “real life” besucht die CDU momentan eine sechsstellige Zahl an Wahlberechtigten. Eine eigens dafür entwickelte Software zeigt der Partei an, wo sich ein Besuch lohnt. Was den Werbe-Etat betrifft, hält sich die Union bedeckt. In Sachen Plakatwerbung geht die CDU gewohnte Wege: Man nehme immer mal wieder ein Merkel-Porträt, die Kampagnen- und Deutschlandfarben schwarz-rot-gold und einen vertrauensvollen und netten Spruch wie „Sicherheit und Ordnung“, „eine starke Wirtschaft und sichere Arbeit“ oder „mehr Respekt vor Familien”. Der CDU-Slogan zur Bundestagswahl 2017 “Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben” ist ebenfalls auf vielen Plakaten zu finden. Die Abbildungen vermitteln den Eindruck, dass alles seinen gewohnten und bewährten Gang geht. Ob das nun gut oder schlecht ist, bleibt jedem selbst überlassen. Wenn die Kanzlerin im Fokus steht, darf ihre berühmte Halskette natürlich nicht fehlen. Auf einem der Plakate trägt sie schwarz-türkis-violette Quarzsteine! Dabei mag Schwarz für die Union stehen, Türkis vielleicht für die CSU. Nur, was hat es mit der Farbe Violett auf sich?

SPD – nah am Menschen

Für den Bundestagswahlkampf 2017 engagierte die SPD die Werbeagentur KNSK, zu deren Kunden unter anderem Evonik und der BVB zählen. Die Agentur begleitete bereits den Europa-Wahlkampf von Martin Schulz. Tobias Nehren ist verantwortlich für die Digitalkampagne, in der auch aktuelle Netztrends aufgegriffen und gekonnt für die SPD verarbeitet werden sollen. Um eine breite Masse zu erreichen, setzt auch die SPD nach wie vor auf klassische Werbung. Von TV-Auftritten über Kundgebungen, bis hin zu einer großen Haustürwahlkampfaktion, wird das gesamte Spektrum bedient. Auf den Themenplakaten der SPD dominieren Menschen: Arbeiter, Kinder und Rentner in Großaufnahmen. In der heißen Phase soll Martin Schulz mit dem Motto „Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt“ in den Fokus gesetzt werden. Die SPD versucht mit Plakaten wie „Die Zukunft braucht neue Ideen“ und mit einem freundlich dreinschauenden Kanzlerkandidaten Sympathiepunkte zu sammeln. Auch die SPD macht keine näheren Angaben zum Werbebudget.

DIE GRÜNEN – hip statt Hippie?!

Eigens für den Wahlkampf der Grünen schlossen sich erfahrene Werber zu der Agentur “Ziemlich beste Antworten” zusammen. Das Budget umfasst 5,5 Millionen Euro. Den digitalen Wahlkampf will man insbesondere in der heißen Schlussphase noch einmal richtig ankurbeln. Zuvor wird unter anderem durch Wahlplakate versucht, eine breite Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Vergleich zu 2013 verdreifachen sie die Zahl der großflächigen Plakate.

In Sachen Neon-Design sind die Grünen Vorreiter. Die Partei präsentiert sich peppig und modern. Auch textlich gelingt es, ernste Botschaften spielerisch zu verpacken. Mit dem Hippie-Image wird aufgeräumt. Die junge Zielgruppe diskutiert schließlich eher digital über Genderfragen, Cannabis-Legalisierung, Tinder und Co.. Der zentrale Wahlkampf-Slogan fehlt selbstverständlich auch auf den Plakaten nicht: „Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts“. Damit besinnt sich die Partei auf ihren Ursprungsgedanken und verpackt diesen modern.

DIE LINKE – kurz und bündig, aber auch anders?

Die Linke, will nach eigenen Angaben, neue Wege gehen und Überraschungsmomente kreieren. Passend dazu ist auf dem ersten Großplakat zu lesen: „Keine Lust auf Weiterso – Die Linke“. Leitagentur ist DiG Trialon. Der Wahlkampfetat beträgt 6,5 Millionen Euro, von denen 450.000 Euro für den Online-Wahlkampf eingesetzt werden. Die insgesamt geplanten 400.000 Plakate behandeln thematisch das Programm der Partei: Kinderarmut, gute Löhne, Frieden, Renten, Pflege und Gesundheit, bezahlbare Mieten, gegen Hetze von rechts sowie Pro-Millionärssteuer. Mit Großbuchstaben, Balken, bunten Farben und schmissigen Symbolen versucht man, die Themen-Agenda und Partei-Versprechen mit klaren Aussagen publik zu machen.

FDP – très chic

Ein Mann posiert mit Dreitagebart und weißem Hemd mal mit, mal ohne Sakko – in jedem Falle ohne Krawatte – auf einem schwarz-weiß-Foto. Huiuiui, eine neue Hugo Boss Werbung? Nein – ein FDP-Wahlplakat! Modisch, smart und kompetent – so präsentiert die Partei ihren Spitzenkandidaten Christian Lindner. Dieser ziert die Plakate wie ein bekanntes Model. Lindner soll der moderne und modische Held sein, der die FDP voranbringen soll. Für die Liberalen arbeitet die Werbeagentur Heimat. Ist Lindner mal nicht präsent, so gibt es beispielsweise eine Darstellung mit der Aufschrift „Denken wir neu“. Der Hintergrund füllt sich mit dem gesamten und kleingedruckten FDP-Programm. Auch die FDP bleibt bei Neonfarben und unterstreicht mit digitalen Bezügen und frischen Gestaltungsideen ihre Modernität sowie den Fortschrittsgedanken. Auf einem der Plakate heißt es: “Die Digitalisierung ändert alles. Wann ändert sich die Politik?” Daneben: eine Auflistung digitalisierter Lebensbereiche und der zentralen Botschaft: Politik muss auch digital denken. Das Ganze wirkt wie die Rückseite eines Albumcovers – natürlich inklusive dem modischen Macher Christian Lindner.

AFD – ohne Worte

Von der AfD ist man ja schon einiges gewohnt – oder auch nicht. Mit ihren aktuellen Plakaten hat die Partei abermals bewiesen, dass sie nie müde wird, Debatten auszulösen. Auf einer der Abbildungen posiert Frauke Petry mit ihrem frisch geborenen Kind im Arm. Das Baby ist darauf deutlich zu erkennen. Dies löste im Netz eine Diskussion um die Persönlichkeitsrechte von Kindern und die Instrumentalisierung des Nachwuchses aus. Ein himmelblauer Farbverlauf und eine schützende Frauke Petry kommen zunächst im unschuldigen Gewand daher. Insbesondere die dazugehörigen Sprüche „Was ist Ihr Grund, für Deutschland zu kämpfen?“ und “Trau dich, Deutschland” bereiten vielen ein flaues Gefühl im Magen. In einem weiteren Plakat fordern sie ihre Wähler sogar dazu auf, die „neuen Deutschen“ lieber selbst zu machen.

Die Netzgemeinde reagiert entsetzt. Einige Nutzer versuchen, dem Ganzen mit Humor entgegenzutreten: “Sollte die Dame nicht hinter dem Herd stehen? Nach dem Wahlprogramm soll doch der Mann das Geld nach Hause bringen”. Die aus dem Fernsehen bekannte Deko-Queen Tine Wittler äußert sich auf Facebook ebenfalls kritisch: „Eine Instrumentierung, die wie in diesem Fall durch die etwaige familiäre Verbindung mit der abgebildeten Mutter ggf. auch noch nach vielen Jahren eine Identifizierung des Kindes möglich macht und im engen Zusammenhang mit einer politischen Haltung steht, die gelinde gesagt polarisiert, ist aber meiner Meinung nach von der Sache her problematischer […]“. „DIE PARTEI“ reagiert mit einer satirischen Nachstellung des Plakates, auf dem es nun heißt: “Irgendwas mit Deutschland”.

Die Kampagne unter der Überschrift „Trau dich, Deutschland!“ stieß sogar parteiintern auf Kritik. Die Spitzenkandidatin Alice Weidel empfand die Aussage dann doch als zu hart. Nach einer Auseinandersetzung im Bundesvorstand hat man beschlossen, unterschiedliche Plakatreihen zu entwickeln.

Die Neurologie-Kultur:
Wie der Mensch Geschmack und Identität durch das Internet neu programmiert

Die Neurologie-Kultur steht am Anfang der Kulturprodukte einer Gesellschaft. Kunst entsteht aus dem Denken des Menschen.  Was ist meine Identität? Was ist meine Rolle in der Gesellschaft? Was ist mein Wert? Während diese und andere Fragen in der Vergangenheit vorrangig im zwischenmenschlichen Umgang beantwortet wurden und sich in einem öffentlichen Meinungsbild einer Gesellschaft wiederfanden, funktioniert die Suche nach Antworten heute anders. Das soziale Verhalten und somit die Identitätsfindung werden durch die Digitalisierung neu definiert, denn Information sowie Informationstechnologie sind demokratisiert.

Der Neurowissenschaftler Gary Small von der Universität Los Angeles geht davon aus, dass durch die Kommunikation im Rahmen einer digitalen Vernetzung und das Internet bestimmte neuronale Bahnen gestärkt und andere geschwächt werden. Laut Smalls führt der verstärkte Umgang mit digitalen Medien zu einer “Schwächung der neuronalen Schaltkreise, die für den zwischenmenschlichen Kontakt zuständig sind“. Auf der anderen Seite profitiert der menschliche Verstand von der Mediennutzung: Die mentale Kapazität und die Schnelligkeit von Gehirnprozessen steigern sich. Inwieweit sich welche Charakteristiken bei dem einzelnen Menschen ausbilden, hängt von sozialen, emotionalen und genetischen Prädispositionen ab. In jedem Fall ist die Kunst um ein Motiv reicher geworden: Gemeinschaft in Zeiten der Isolation.

Es ergibt schon Sinn: Junge Menschen mit einem mangelndem Selbstbewusstsein suchen nach Bestätigung – und zwar dort, wo sich die eigene Peergroup aufhält. Und zwar am besten anonym und unnahbar. Der amerikanische Psychologe E. M. Clerkin erkennt in der Suche junger Menschen nach Anerkennung in den sozialen Medien einen Teufelskreis. Einerseits wird nach Bestätigung gesucht, andererseits wird durch die Isolation ein mangelndes Selbstwertgefühl verstärkt. Dass Menschen den sozialen Kontakt brauchen, um glücklich zu sein, hat bereits Susan Pinker in ihrem Buch “The Village Effect” öffentlichkeitswirksam festgehalten und kurzerhand die Botschaft verkündet: Das gute Leben liegt offline. Ebenso erklärt Small, dass eine übermäßige Nutzung digitaler Medien den Menschen in eine soziale Unbeholfenheit steuern würde; der Mensch verlerne, Informationen von anderen Menschen gleichermaßen anzunehmen, und Gesichtsausdrücke sowie Körpersprache zu interpretieren. Eine noch stärkere Isolation sei die Folge.

Die Hirnforschung hat längst erkannt, dass die kognitive und affektive Auseinandersetzung mit bestimmten Inhalten zur Manifestation von neuen Gedankenmustern führt. Dabei spielt nicht nur das Was, sondern auch das Wie eine wesentliche Rolle bei der mentalen Verarbeitung von Emotionen. Ohne ein soziales Netzwerk vergrößert sich die Dissonanz zwischen sozialem Bedürfnis und Verhalten. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl sind besonders anfällig für ein starkes, emotionales Echo in den sozialen Medien, welches den Mangel an sozialen Kontakten kompensieren soll. Eine digitale Abwärtsspirale ist die Folge. Mit der Entwicklung neuer Gedankenmuster verändert sich die Wahrnehmung und Bewertung von Inhalten, Informationen und Ästhetik. Die Aufmerksamkeitsspannen werden kürzer; lediglich Inhalte, welche die Gedankenmuster bedienen, sind inspirierend. Trends müssen entsprechende Stimuli bieten, um sich dann zu einem kurzweiligen Hype zu entwickeln.

Wenn Kunstwerke Kulturprodukte einer Gesellschaft sind, welche dessen Werte und Weltbilder darstellen, dann spiegeln sie ebenso die menschliche Identität der jeweiligen Generation wieder. Mit der Digitalisierung ist die Sinnsuche individualisiert worden, die Wege der Meinungsbildung sind vielfältig. Jeder kann schreiben, sagen und ausstrahlen was und wo immer er will. Zeitgleich haben alle Kulturprodukte eines gemein: Der Mensch im Kontext seiner Umwelt. Sozialkritische und flüchtige Kunst ist das Ergebnis – so zum Beispiel bei Banksy oder Marina Abramović. Nicht nur in Social Media, sondern der Kommunikation insgesamt stellt sich das Bedürfnis nach wahrhaftigen Emotionen in den Vordergrund. Fakten geraten in den Hintergrund. Stattdessen dominiert das Empfinden bei der Wahrnehmung als Indikator für den Wahrheitsgehalt und die Relevanz einer Information. Gleiches scheint sich auch in der Politik widerzuspiegeln. Doch wie bei jeder Bewegung wird es vermutlich auch hier ein nüchternes Erwachen geben.

Skizze von Kanzlerin Merkel zum Artikel Wahlkampf 2017

Wahlkampf 2017:
Kreatives Ping Pong und digitale Zukunft

So langsam fahren die Parteien ihre Geschütze auf und werden im Wahlkampf 2017 online durchaus kreativ. Die Bürger können sich in zahlreichen TV-Gesprächen, Live-Events und Online-Befragungen ein Bild über die jeweiligen Ansichten verschaffen. In den sozialen Netzwerken sticheln sich die Parteien gerne gegenseitig ins Aus. Digital wollen sie alle sein.

Was gibt es Neues der Parteien im Wahlkampf 2017?

CDU: Digital und an der Ostsee


Lässig und mit Technik-Brille lächelt Angela Merkel für den digitalen Fortschritt in die Kamera. Die CDU geht thematisch in Richtung Digitalisierung und möchte unter anderem mit einem elektronischen Bürgerkonto punkten. Unter dem Motto “Chancen im digitalen Zeitalter nutzen”, wird der technologische Fortschritt zur Chefsache erklärt. So soll ein „Staatsminister für Digitalpolitik“ die digitale Zukunft Deutschlands gestalten.

Ansonsten ist auf Facebook der seltsame Hashtag #fedidwgugl (zur Kampagne „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“) immer noch präsent. Angies Geburtstag wird auch gefeiert und das CDU-TV begleitet sie auf ihrer Sommertour an der Nord- und Ostsee. Zwischen Strandmuschel und Hafen möchte die Kanzlerin mit den Urlaubern in entspannter Atmosphäre über die Themen des Regierungsprogrammes sprechen. Ihrer Meinung nach ist dieser Rahmen dafür besonders geeignet, da die Menschen in ihrem Urlaub über das Leben und ihre Zukunft nachdenken. Weiterhin haben diese wohl “etwas mehr Muße auch über diese Dinge nachzudenken, ruhig zuzuhören”. Auch hier verweist die Partei auf Facebook immer wieder auf die politischen Erfolge der letzten Jahre. Dabei wird auf Artikel der eigenen Website verwiesen. Das CDU-TV hat auch ein paar, natürlich ausschließlich positive Stimmen, von dem doch eher älteren Publikum eingefangen.

Auf kritische Stimmen zur Flüchtlingsthematik kontert die CDU fokussiert und sachlich: “Der Schutz der Außengrenzen Europas steht in unserem Regierungsprogramm. Nachzulesen auf Seite 56 zum Beispiel. Auch haben wir in der fast hinter uns liegenden Legislatur viel dafür getan – bei gleichzeitiger Verantwortung für Flüchtlinge!”. Doch hey, was ist denn das? Wir haben auch mal witzige Reaktionen der Social-Media-Verantwortlichen entdeckt, sogar ein Meme war dabei. Unter dem Post zur Wohnungsbauförderung und Mieter-Entlastung kommentiert der Nutzer Andre Schwirz: “Ja ist klar! Alles wegen unseren neuen ’Facharbeitern’! Vorher war kein Geld da! Komisch! Denke an Mütterrente etc. Was hat da die CDU gejammert!!! Also mit der Heuchelei seid ihr ‘SPITZE’! Unglaublich”. Die CDU kontert mit einem The Muppets-Meme in welchem die Figur Beaker sein bekanntes MIMIMI von sich gibt.

Die CSU: #CSUtv-Tipp, #graphicdesignismypassion #Familiengarantie

“Ois guade!” wünscht die CSU der Kanzlerin auf Facebook. Zum Thema Fernsehen hat die CSU ebenfalls einiges mitzuteilen. Ob Bayerns Finanzminister im ZDF, Angela Merkel in der ARD oder Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im BR – Die CSU verteilt fleißig TV-Tipps. Außerdem verdeutlicht sie in Fotocollagen, welche Punkte sie in den nächsten Jahren in einem Regierungsvertrag verankern möchte. Jedes der Bilder wird mit einem entsprechen “Garantiestempel” versehen. Unter “Familiengarantie” findet sich beispielsweise ein Versprechen auf Kindergelderhöhung.

In einem Post kommt besonders gut zur Geltung, dass sich die CDU offenbar dem Hashtag #graphicdesignismypassion verschrieben hat – klassische Ein- und Überblendungen, minutiös ausgeschnittene Gesichter und das Logo der Partei hinter dem Grafik-Schein der aufgehenden Sonne.

SPD: “Das moderne Deutschland”

Im Fokus der SPD stand die Veranstaltung “Das moderne Deutschland. Zukunft – Gerechtigkeit – Europa”, bei der Martin Schulz und die Partei ihren Zukunftsplan vorstellten.  Dabei ging es unter anderem um die Chancen der digitalen Revolution. Das Event wurde live auf Facebook übertragen. Hier postet die SPD seitdem immer mal wieder einige von Schulz Statements als kurze Videos. In seiner Rede spielt er bewusst mit Aussagen der Kanzlerin. Auf Facebook werden die Formulierungen dann gegenübergestellt. Zum Beispiel: “Nicht fehlendes Geld ist das Problem, sondern die langsame Planung” (Merkel) vs. “Wenn es den Schulen ins Dach rein regnet, dann brauchen sie kein Planungsverfahren, dann brauchen sie einen Handwerker” (Schulz).

Die SPD weiß auch den Zwist der Schwesterparteien CDU und CSU für sich zu nutzen. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, dachte sich die Partei wohl im folgenden Video:

FDP: Uni-Veranstaltung eskaliert – das Netz feiert Lindners Reaktion

Es ist kein Geheimnis, dass Christian Lindner das Zugpferd der FDP ist. In ihn setzen die Parteimitglieder die Hoffnung, wieder voll durchstarten und modernen Wind in die Fraktion bringen zu können. Seine Schlagfertigkeit bewies er erst kürzlich auf einer Veranstaltung der Uni Bochum.

Hier störten einige Studenten seine Rede, indem sie mit Transparenten in der Hand die Bühne stürmten und mit lauten Zwischenrufen ihrer Meinung Luft machten. Sie protestierten gegen die Einführung von Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer in Nordrhein-Westfalen. Der Parteivorsitzende ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, konterte geschickt und ließ das Thema einer gesunden Diskussionskultur aufkommen. So erinnert er die Protestler an das Prinzip der Toleranz gegenüber anderen Meinungen: “Wo kommen wir denn da eigentlich hin, dass ihr nur glaubt, andere Argumente niederbrüllen zu können? Wir sind in einer Demokratie. Da lassen wir uns nicht niederbrüllen”. Die Demonstranten blieben hartnäckig und fuhren Lindner immer wieder ins Wort. “Jetzt mal still. Wir sind hier nicht in Hamburg”, so der FDP Vorsitzende. Als die protestierenden Studenten einige Zeit später von der Bühne gehen, merkt Lindner an: “Wollt ihr nicht oben bleiben? Jetzt aber mal Durchhaltefähigkeit. Ich habe Toleranz gegenüber eurer Meinung, aber dass ihr euch eine andere Meinung noch nicht einmal anhören wollt, sondern gehen wollt, spricht nicht für euch. Ihr könnt euch ja abwechseln, die Plakate hoch zu halten, aber nicht runter gehen. Wenn man schon Veranstaltungen stören will, dann bitte richtig”. Es folgte Applaus und lautes Gelächter. Darüberhinaus entgegnet Lindner dem Protest mit sachlichen Argumenten und lenkt den Fokus auf das allgemeine Gerechtigkeitsproblem in Sachen Hochschulzugang. Er verweist darauf, dass Kinder, deren Eltern über weniger finanzielle Mittel verfügen, gegenüber Akademiker-Kindern schlechtere Chancen auf einen Studienplatz hätten. Die protestierenden Studenten wurden immer ruhiger, Zwischenrufe seltener. Nun meldet man sich oder schreibt die Anliegen auf die vorhandene Tafel.

Im Internet und in den Medien wurde seine Reaktion gefeiert, das dazugehörige YouTube-Video bislang über 300.000 Mal aufgerufen.

Witzig ist auch eine scheinbar neue Video-Reihe, welche die FDP in ihren Social-Media Kanälen teilt. Darin kritisiert die Partei die für den normalen Bürger offensichtlich unlesbaren und unverständlichen Gesetzestexte. Lindner befragt Alexa, den digitalen Amazon-Sprachassistenten, in Folge 1: “Was ist das Katasterfortschreibungsgebührenwiedereinführungsgesetz?”. Die FDP schreibt dazu “Wenn selbst Alexa Christian Lindner keine Antwort darauf geben kann, müssen nicht wir nachsitzen, sondern die Gesetzgebung”.

Die Linke: Wenig Online-Wahlkampf und dennoch stärkste Facebook-Partei

Sarah Wagenknecht stellte sich in dem neuen Social-Media-Format zum Wahlkampf “Frag selbst” bereits den Fragen der Nutzer. Das Gespräch ist online abrufbar. Ansonsten kritisiert die Partei  vor allem CDU und SPD für die Entwicklungen der letzten Jahre und die aktuellen Programme, schließt aber nach eigenen Angaben auch andere Parteien mit ein. Die Lösungsvorschläge der Linken werden mit Collagen illustriert. Eine davon: auf der Facebook Seite springt einem sofort ein Cannabis-Blatt ins Auge. Darunter das von Zigarettenschachteln bekannte Warnhinweiskästchen mit der Inschrift: “Die Erlaubnis zum Konsum von Cannabis gefährdet die Geschäfte der Drogenmafia”.

Da die Partei nach eigener Aussage keine Spenden von Unternehmen und Lobbyisten annimmt, ruft sie online außerdem zur Spende von 10 Euro auf. Von den gewünschten 10.000 Euro sind bisher 22%, genauer gesagt 2.209 Euro zusammengekommen.

Den Linken wirft man immer wieder einen desillusionierten, naiven, besserwisserischen, wenn auch wohlmeinenden, Glauben an das Steuerbare in der Welt vor. Die Welt titelt beispielsweise: “Die Linke, selbstgerecht wie der deutsche Spießer”. Die Zeit veröffentlichte nun online den Artikel“Warum es eine Linke braucht”. In einem Video plädiert der ehemalige Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi für mehr Kompromissfähigkeit der Partei und sieht genau darin den Schlüssel für einen erfolgreichen Wahlkampf.


All zu aktiv scheint die Partei in Sachen Online-Wahlkampf nicht werden zu wollen. „Ich bin kein Online-Fanatiker“, erklärte Matthias Höhn, der Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter der Linken. Von dem Wahlkampfbudget in Höhe von 6,5 Millionen Euro sind für Online-Kampagnen nur 450.000 Euro vorgesehen. Ansprechen wolle man damit gut gebildete Großstädter unter 30. Diese bilden allerdings nur 6 % der Wählerschaft. Vom Medium Fernsehen versprechen sich die Verantwortlichen mehr. Dennoch ist man stolz darauf, die Partei mit den meisten Facebook-Fans zu sein.

Die Grünen: Winter is leaving und intelligent vernetzte Mobilität

Die Fraktion greift den aktuell wieder aufgeflammten Hype um die amerikanische Serie Game of Thrones auf, um spielerisch auf den Klimawandel und den notwendigen Schutz aufmerksam zu machen. So nimmt die Partei den Start, der von vielen so herbeigesehnten, neuen Staffel zum Anlass auf Facebook zu titeln: “Winter is leaving, Klimaschutz jetzt”.


Neben Forderungen zum Klimaschutz, dem Tierschutz und der Agrarpolitik, präsentiert die Partei ihr Konzept eines grünen Mobilpasses. In einem Erklärvideo zeigen sie wie ÖPNV, das Fahrrad und Auto miteinander verknüpft werden sollen und sie so für mehr Mobilität sorgen möchten. Eine App zeigt in Echtzeit Verbindungen mit allen für den Trip benötigten Verkehrsmitteln an. Diese sind dann in einem Schritt buchbar. Schüler, Senioren, junge Familien und Menschen mit wenig Einkommen sollen zusätzliche Vergünstigungen erhalten.

Die Grünen kündigen außerdem ihren Haustürwahlkampf an und laden zur Teilnahme ein.

 

Und so verteilen sich die aktuellen Likes auf Facebook:

CDU: 137.418 Personen

CSU: 178.488 Personen

SPD: 145.321 Personen

DIE GRÜNEN: 144.577 Personen

DIE LINKE: 199.391 Personen

FDP: 99.074 Personen

 

blaue Rubbellose in einem Automat mit dem Gewinn von Followern zum Artikel Likes kaufen

Von einer Kunstaktion zur Realität:
Mit einem Automaten Likes kaufen

Hauptgewinn: 25.000 Follower. Der Künstler Dries Depoorter möchte Kritik am Selbstdarstellungswahn nehmen und kreierte einen Rubbellosautomaten, bei welchem man die Chance hat, Follower für seine Social-Media-Accounts abzusahnen. Eine Kunstaktion, die nun – etwas abgewandelt – bittere Realität geworden ist. In einem Moskauer Shoppingcenter steht ein Automat, mit dem man Follower und Likes erwerben kann. Die Einkaufsliste für das Wochenende: Bananen, Taschentücher, das hübsche Hemd aus dem Schaufenster, Salz, Zucker, eine Zahnbürste und . . . ein paar Herzen und Follower, per App zum Mitnehmen? Sich Ansehen und Beliebtheit quasi im Vorbeigehen erwerben zu können, ist erschreckend. Für die einen sind diese Mitbringsel eine gelungene Investition, für uns ein Fehlkauf.

Ausbleibende Bestätigung in Zeiten von Social Media

Location und Outfit sind gewählt, das Licht passt, das perfekte Foto ist geschossen, mit einem idealen Filter veredelt, dazu eine Prise Hashtags und eine schmissige Beschreibung. Das Ganze zur richtigen Uhrzeit “gegart”, hochgeladen – und fertig ist das Social Media optimierte Foto. Da kann es ja nur “Gefällt mir” – Angaben regnen. Vielleicht springen ja auch ein paar neue Follower dabei heraus. Nachdem einige Minuten, sogar Stunden, vergangen sind und die Likes ausbleiben, stellt sich bei dem ein oder anderen schnell ein leises Grummeln in der Magengegend ein. Der Social Media und Selfie-Optimierungswahn führt dazu, dass ausbleibende “Gefällt mir” – Angaben bereits reichen, um am Selbstwertgefühl der Nutzer zu kratzen.

Kunstaktion übt mit einem Rubbelllosautomaten Kritik

Automat mit dem man sich Rubbellose ziehen kann. Gewinn: Follower; zum Artikel über Likes kaufen

Einige User versuchen, dies zu kompensieren, indem sie sich Likes und Follower kaufen. Der Medienkünstler Dries Depoorter wollte diese Möglichkeit in das Bewusstsein der Menschen rufen und konzipierte dafür eine Follower-Maschine. An dem im Trademark kunstenfestival in Belgien aufgestellten „Scratch and be popular!“-Automaten können Rubbellose gekauft werden. Als Gewinn winken Follower für Twitter und Instagram.  Neben dem Hauptgewinn gibt es auch Preise die 100 oder 1000 Follower umfassen. Das Kunstwerk impliziert Kritik an der Kapitalisierung des Sozialen.

Mit Snatap-Automaten Follower und Likes kaufen

Was in Belgien als eine Kunstaktion begann, wurde in Russland nun erschreckende Realität: Ein Snatap-Automat, an dem man sich im Einkaufscenter Likes und Follower für Instagram und das russische Facebook-Pendant VKontakte erwerben kann. Ausgestattet mit einem 42-Zoll-Display gibt die Maschine einen Überblick über die eigenen Fotos und Posts auf den entsprechenden Plattformen.

Die Konditionen für die neuen Freundschaftsdienste: 150.000 Follower und 1500 Likes pro Post für 850 Dollar. 100 Likes sind somit schon für umgerechnet 77 Cent, 100 Follower für nur 1,50 Euro erhältlich. Die Ergebnisse können direkt nach der Transaktion begutachtet werden. Aufgestellt werden die Automaten von der gleichnamigen Firma Snatap. Laut Unternehmen stecken hinter den Accounts keine Fakes, sondern echte Menschen, welche dafür entweder Geld oder Likes als Gegenleistung erhalten. Die Entwickler gehen deshalb nicht davon aus, dass dies gegen die Nutzungsrichtlinien der Sozialen Plattformen verstößt.

Polaroid-Maschine und Werbemittel

Der Verkauf von Herzchen und Likes macht aber nur einen kleinen Teil der Einnahmen aus. Zusätzlich können Nutzer von Instagram und anderen Netzwerken mithilfe des Automaten Fotos im Polaroid-Stil ausdrucken und auf Magnettäfelchen produzieren lassen. Zum Geschäftsmodell von Snatap gehört es, die Automaten zu vermieten. Einerseits sollen sie als Verkaufsstandort, anderseits als Marketing-Instrument dienen. Laut Pedestrian Daily liegt der Haken für die Nutzer darin, dass nach Anmeldung die eigenen Freunde hinzugefügt und Anfragen verschickt werden.

Bald auch in Deutschland?

Nach Angaben des Unternehmens existieren in Russland bereits etwa 20 Snataps, drei in der Ukraine, einer in Ägypten und einer im kanadischen Toronto. Noch in diesem Jahr sollen je zwei Automaten in den USA, Polen und ja, auch bei uns in Deutschland folgen. Wo genau ist noch unbekannt und möchte das Unternehmen nicht mitteilen.

Kapitalismus at it’s best and beyond

Eigentlich wollen wir das auch gar nicht wissen. Der Ausdruck von Social-Media Fotos im angesagten Polaroid-Look mag ja noch ganz nett sein, aber der Handel mit Likes und Followern gibt zu denken. Es ist nicht verwunderlich, dass das Geschäft nun eine Debatte auslöst. Ist es wirklich erstrebenswert, sich Anerkennung und Selbstdarstellung zu erkaufen? Ist es nicht viel schöner, Herzen zu erhalten, die auch von Herzen kommen? Der Optimierungswahn wird gefördert, Selbst- und Fremdwahrnehmung verzerrt und der Geldbeutel geschmälert. Das Geschäft mit sozialer Zustimmung mag lukrativ sein, ethisch ist es aber ein Reinfall.

Der Erwerb von Likes und Followern ist eigentlich nichts Neues. Mit dem Aufstellen von Snatap-Automaten eröffnet sich jedoch eine weitere Dimension: Soziale Zustimmung kann in sekundenschnelle, zwischen Toilettenpapier und Smoothie, erkauft werden. Der Mensch und seine Beziehungen werden nach diesem Prinzip zur schnellen Ware. Der russische Journalist Wassily Sonkin beschreibt diese Entwicklung wie folgt: „Willkommen in einer neuen Phase des Kapitalismus”. Traurig, aber wahr.

Bilder: @Kristof Vrancken (Fotograf), @Dries Depoorter (Künstler)

Video: @Louise Matsakis (YouTube)

Chip unter der Haut: Bargeldlos in die Zukunft

Die Schweden zeigen es der Welt: Um die 2000 Menschen haben sich dort einen Mikrochip in die Hand implantieren lassen, um beliebige Daten darauf abzuspeichern. Egal ob der Zugangscode zum Hotelzimmer, zum Spind im Fitnessstudio oder zum Büro in der Firma: Der Chip dient vielen Schweden bereits heute als ein digitaler Schlüsselbund. Nun soll er auch die Brieftasche ersetzen. Seit Juni 2017 können sich die Fahrgäste der schwedischen Staatsbahn ihre Online-Tickets auf den Chip spielen lassen. Wenn der Kontrolleur kommt, reicht eine Handbewegung am Lesegerät. Gleiches lässt sich auch mit dem Boardingpass am Flughafen umsetzen. Bald soll der Chip auch mit dem Bankkonto verknüpft werden, um das bargeldlose Bezahlen zu ermöglichen. Die technischen Voraussetzungen sind der Theorie nach schon vorhanden.

Massentaugliche Implantate nur eine Frage der Zeit?

Die kontaktlose Übermittlung von Informationen über den Chip basiert auf der Nearfield Communication (NFC, deutsch: Nahfeld Kommunikation) – einem internationalen Übertragungsstandard für die Übermittlung von Daten durch elektromagnetische Induktion. Diese Technik wird bereits für kontaktlose Transaktionen in Geschäften mit NFC-Kartenlesegeräten eingesetzt. In Deutschland können Kunden bei Beträgen von bis zu 25 Euro ihre Kreditkarte an das Lesegerät halten und bezahlen, ohne dass sie eine PIN-Nummer eingeben müssen.

Gleiches soll nun bald per Implantat an der Kasse möglich sein – wenn es nach Hannes Sjöblad geht. Er ist Mitgründer des Clubs BioNyfiken, welcher die Chip-Innovation propagiert und sich für das Experimentieren mit der Technologie ausspricht. Immerhin zahlen bereits heute nur noch 2 % der Schweden mit Bargeld. Für Sjöblad ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein kontaktloses Bezahlsystem über Implantate massentauglich umgesetzt wird. Daher sollten sich die Menschen bereits heute mit der Technologie auseinandersetzen und lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Der Mikrochip ist so groß wie ein Reiskorn und wird mit einer speziellen Spritze in die Hand zwischen Daumen und Zeigefinger injiziert. Ein kräftiges Zwicken und dann ein Pflaster: Fertig ist das Implantat. Patrick Kramer ist Chef des Hamburger Unternehmens Digiwell und gilt als Pionier der Haut-Chip-Technologie. Bei ihm gibt es das Implantat schon für 49 Euro zu kaufen. Er schätzt, dass weltweit mittlerweile um die 50.000 Menschen ein Implantat besitzen. Er gibt sich zuversichtlich; das sei bloß der Anfang.

Datenklau und Überwachung sind Risiken, welche von Kritikern massiv bemängelt werden. So sei es zum Beispiel Hackern gelungen, die Chip-Daten im Vorbeigehen auszulesen. Kramer weist hingegen auf einen neuen Chip namens VivoKey hin, welcher es erlaubt, kryptographische Daten zu speichern und sich so vor Datenklau zu schützen. Wohin der Weg auch gehen mag, die Frage nach dem “ob” scheint sich niemand mehr zu stellen. Vielmehr arbeiten die Forscher an der technischen Optimierung und dem Schutz für den Nutzer.