Kategorie: Digitale Kunst

Free the nipples: Eine liegende weibliche Silhouette, die sich die Hände vor die Brust hält

Free the Nipples:
Mit Kunst der Instagram-Zensur entgehen

Oberkörperfreie Männer sind auf Instagram zahlreich vertreten, oben ohne Fotos von Frauen eher seltener – diese werden zensiert. Nacktheit wird schnell als pornografisch empfunden, dabei kann sie sensibel und einzigartig schön sein. Die Kunst schafft nun unter dem Hashtag free the nipple nackte Tatsachen und zeigt, dass Brüste – ob nun groß oder klein, ob weiblich oder männlich – die schönste Leinwand der Welt sein können.

Nackte Doppelmoral auf Instagram

Ja – es gibt Millionen andere wichtige Themen auf dieser Welt als eine endlose Diskussion darüber, ob Nippel auf Instagram nun gezeigt werden dürfen oder nicht. Doch Gleichberechtigungs- und Gender-Fragen liegen auch vielen Nutzern, im wahrsten Sinne des Wortes, am Herzen. Schließlich zeigt sich Instagram mit seinen Richtlinien in Sachen Nacktheit nicht gerade fortschrittlich. Es mutet doch schon sehr skurril und antiquiert an, dass Männer auf dem Portal ihre Brustwarzen zeigen dürfen und Frauen nur nach einer Mastektomie und beim Stillen. Alles andere wird von dem Portal gelöscht. Auf Instagram gehen User wie auch Künstler mit dieser Einschränkung kreativ um und präsentieren auf ihren Accounts menschliche Kunstwerke – Nippelblitzer inklusive!

Free the nipples: Brustwarzen-Kunst auf Instagram

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Die Künstlerin Claudia Sahuquillo schmückt in ihrem Projekt „Skin is the new canvas“ (Deutsch: Haut ist die neue Leinwand) weibliche Körper mit Bodypaintings. Die Frauen sind nackt und wirken dennoch angezogen – jedoch nicht bekleidet sondern irgendwie umhüllt – in ihrer Natürlichkeit eingebettet. Damit zeigt Sahuquillo  die Ästhetik individueller Körper.

Kreative Instagram-Nutzer

Auf dem Instagram-Profil genderless nipples art findet sich eine Sammlung kreativer Brustwarzen-Kunstwerke. Ob mit oder ohne Piercing, ob behaart oder rasiert – hier werden Nippel bemalt, frisiert, umrandet und beklebt, was die Brust hält. Und jeder kann seinen Teil dazu beitragen, indem er oder sie die eigene Nippeltransformation einsendet.

 

Blitzeblank

Die Aktivisten versuchen es auf Instagram ebenfalls mit geschlechtsneutralen Brustwarzen. Dabei posten sie ausschließlich Nippel, die beispielsweise durch Zoom und Haarentfernung keinen Rückschluss auf das Geschlecht zulassen. Durch diese Reduzierung wird versucht, Instagram im Unklaren darüber zu lassen, ob es sich nun um männliche oder weibliche Brüste handelt. Durch die Verwirrung ist eine Zensur nach den Richtlinien der Plattform Ansichtssache.

Durch dieses – paradoxerweise – Nacktmachen sowie diverse Umstylings der intimen Zone, ensteht eine Legitmität für Instagram. Halleluja!

Aus“free the nipples“ ist eine ganze Bewegung  mit eigenem Instagram-Account geworden.

Sound und Videokunst von Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, documenta 14

Documenta ’17: Unbekannte Sprachen
in Schallwellen und Videokunst übersetzt

Mit “Lost and Found” präsentiert die Künstlerin Susan Hiller auf der documenta 14 in Kassel eine 20-minütige Videoinstallation. Darin setzt sie sich mit fast verschwundenen, vergessenen, gefährdeten, seltenen oder wiederbelebten Sprachen auseinander. Das akustisch Fremde wird durch sichtbare Schallwellen und Übersetzungen erlebbar gemacht – durch die Ansprache verschiedener Sinne vielleicht sogar vertraut?!

Neue alte Sprachen akustisch visuell entdecken

In der Videoinstallation “Lost and Found” auf der documenta 14 erklingen 23 unbekannte und besondere Sprachen. Die Redner entstammen der jeweiligen Kultur und erzählen von ihrer Herkunft, Familiengeschichte, der Sprache und ihrer Verbreitung. “Kaurna” ist zum Beispiel eine Sprache, die wiederentdeckt wurde. Der Redner heißt im Englischen Vincent Buckskin, in Kaurna wird er hingegen übersetzt “the Rock” genannt. So viel zum Hören. Sehen kann der Betrachter eine sich zum Sound bewegende Schallwelle auf einem schwarzen Bildschirm. Der grüne Graph eines Oszilloskop (elektronisches Gerät, das Spannung über einen zeitlichen Verlauf darstellt) folgt den Sound-Frequenzen durchgehend und schlägt entsprechend aus. Durch englische Untertitel wird dem Betrachter das Gesagte übersetzt.

Richard Grayson sieht in dem Werk eine “Technik, die die Stimmen der Toten vernehmbar macht. Werden sie gehört, so kehren sie unter die Lebenden zurück, um artikuliert zu werden, um die Kartierungen und Erfahrungen jener Welten zum Ausdruck zu bringen, die in diesen Sprachen enthalten und beschrieben sind”.

Videokunst: Screens des Kunstwerkes Lost and Found
Susan Hiller, Lost and Found (2016), Videoinstallation, Farbe, Ton, 20 min (Loop), © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, courtesy Susan Hiller und Lisson Gallery, London, New York, Milan

Susan Hiller verbindet Sound und Videokunst

Susan Hiller ist eine US-amerikanische Künstlerin. Sie widmet sich der Malerei, Objekt-Kunst, Installation sowie der Fotografie. In den Fokus ihres künstlerischen Schaffens gerieten zunehmend innovative Experimente mit audiovisuellen Techniken. Viele ihrer Arbeiten sind Multiscreen-Videos, die zahlreiche andere Künstler inspirieren. Thematisch beschäftigt sie sich vor allem mit den kulturellen Gegebenheiten und Veränderungen. Susan erforschte in ihrer Kunst unter anderem auch spirituelle und paranormale Aktivitäten. So zum Beispiel in der Audio-Skulptur “Witness”. Deren Gegenstand sind mündliche Aussagen von Menschen, die nach eigenen Angaben Außerirdischen begegnet sind und davon berichten. In der mehrkanaligen Videoinstallation “Channels” (bestehend aus 106 (Röhren-)Fernsehern, 9 Media Playern, 7 DVD-Playern u. A.) thematisiert sie im Flackern zahlreicher Medien Nahtoderfahrungen.

100 Protestsongs auf der documenta 13

Die Künstlerin war bereits 2012 auf der documenta vertreten. Dort zeigte sie das akustisch-optische Kunstwerk “Die Gedanken sind frei”. In der Installation war eine Musikbox mit einer persönlichen Zusammenstellung von Liedern integriert. Die Songtexte feiern die Freiheit und stellen einen Protest gegen das Vergessen und Aufgeben dar. Einer der Musiker: Johnny Cash, der für die unterdrückten Rechte der „American Indians“ singt.

Titelbild: @Susan Hiller, Lost and Found, 2016, Digitalvideo, Installationsansicht, Grimmwelt Kassel, Kassel, documenta 14, © Susan Hiller/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Liz Eve

Artur Kowallick fotografiert mit Camera Minutera; Artikel über analoge und digitale Fotografie

„Eine andere Magie“:
Artur Kowallick über analoge und digitale Fotografie

Bildermacher – so nennt sich der Fotograf Artur Kowallick, welchen wir Euch bereits in dem Artikel Die Top 5 Instagram Fotografen aus Berlin vorgestellt haben. Bei ihm ist der Name Programm: Er macht Bilder – mit der Camera Minutera, einem alten fotografischen Apparat. Sie ermöglicht die mobile Aufnahme von Porträts auf der Straße. Die Fotos können in wenigen Minuten entwickelt werden. Die entstandenen Werke veröffentlicht Artur unter anderem auf seinem Instagram-Account. Uns erzählt er von dem Zauber, den diese Kamera umgibt und was analoge und digitale Fotografie voneinander unterscheidet. Der Fotograf liebt sein iPad und spricht der Digitalfotografie ihre Daseinsberechtigung zu, sieht aber in den haptischen Bildern eine alte neue Wertigkeit.

Was ist die Camera Minutera und wofür wurde sie ursprünglich hergestellt?

Die Camera Minutera  ist über 100 Jahre alt. Seitlich sieht man die die Originalfotografien aus den 40er Jahren in Südfrankreich. Ursprünglich kommt sie aus dem indisch-afghanischen Raum. Die Kamera hat schon mindestens zwei Kriege erlebt. Was die auch schon an Menschen gesehen haben muss. Und das finde ich so schön, dass ich jetzt auch ein Teil dieser Geschichte bin. Und die Kamera nicht zum Beispiel bei einem Sammler gelandet ist, sondern ich sie dafür nutze, wirklich auf der Straße Bilder zu machen. Sie wird heute noch in Indien und Afghanistan verwendet, um Passfotos zu machen. Früher wurden zum Beispiel Touristen fotografiert. Man hat ganz gezielt Touristenattraktionen gesucht und die Leute dann dort fotografiert. Ich kenne auch einen Fotografen, der wohnt in Paris und der stellt sich beispielsweise vor das Centre Georges-Pompidou. In Berlin darfst du das aber nicht. Ich würde keine Genehmigung bekommen mit dieser Kamera in Berlin zu arbeiten, weil ich dann genauso unter Straßenhändler falle. Und das finde ich so absurd, weil ich glaube, das wäre so eine Bereicherung für das Stadtbild, wenn man sich vor das Brandenburger Tor stellt oder irgendwo anders und die Leute fotografiert. Das ist ja nicht Trash. Ich finde es schade. 

Ich wollte schon immer so eine Kamera haben. Ich fand einfach die Idee schön, zu sagen, ich kann jetzt hier auf der Straße stehen und ich kann Fotos machen, sie entwickeln und dir gleich geben, ich kann im Dschungel sein, ich kann in der Wüste sein. Am Anfang dachte ich mir so: “die Kamera ist der Star”, was sie immer noch ist. Und dann habe ich aber gemerkt, dass es mir auch keinen Spaß macht, nur nette Bilder zu machen. Es wird immer mehr zu meinem Projekt.

Wie kommen die Fotografien bei den Menschen an?

Über 90 Prozent der Leute sind total happy mit diesen Dingern. Was für eine Faszination das ist, das ist ganz komisch. Wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, sind da teilweise Trauben von Leuten, die da rumstehen und gucken und etwas über die Kamera wissen wollen.

Manchmal habe ich auch Leute, die als Zuschauer stehen. Ich nehme immer eine Person, die ich for free als “face of the day” fotografiere. Wenn mir ein Gesicht einfach auffällt. Und das sind Sachen, die immer 100 Prozent klappen. Einmal hat mich sogar ein Mädchen gefragt “kann ich face of the day bei dir werden”? Ich finde das so niedlich und auch die Begeisterung der Leute für dieses Analoge. Und vor allem: Das findet ja in dieser Kamera statt. Das heißt, die Leute wissen eigentlich gar nicht genau, also wenn sie sich damit nicht auskennen, was dort eigentlich passiert. Und du holst dann nach so zweieinhalb Minuten plötzlich ein Negativ heraus. Das wird dann noch einmal abfotografiert. Und insgesamt 5 Minuten später ist dieses Bild fertig. Egal ob das Kinder sind, Erwachsene oder Jugendliche, das hat einfach eine ganz andere Magie, als wenn ich ich zum Beispiel mit dem Smartphone jetzt ein Foto von dir mache, dir das schicke und auf Instagram packe. Und das ist auch so ein unmittelbarer haptischer Vorgang. Ich selber fühle ja, gehe in die Chemikalien rein. Du riechst es ja auch.

Analoge vs. digitale Fotografie: Was macht für dich den Unterschied aus?

Ein Hauptargument dafür, dass die Bilder anders aussehen ist, dass ich zum Beispiel ganz bewusst möglichst lange Verschlusszeiten wähle. Bei den ersten Fotografien hatte man zwischen 15 und 30 Minuten Belichtungszeit. Das heißt du musstest eine Position einnehmen, die du halten kannst. Und ich mache das auch so , dass ich zwischen einer und  vielleicht sechs Sekunden belichte, den Leuten ganz klar sage, sie sollen nicht lächeln, sie sollen straight in die Kamera gucken und sich möglichst auch dessen bewusst sein, dass sie fotografiert werden. Ein Selbstbewusstsein in einem anderen Sinne, im Sinne von sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das ist ja etwas anderes, als wenn ich digital oder mit dem Handy knipse. Zwei Freunde fotografieren sich: Smiley machen, in die Kamera gucken und das ist nice. Wenn die Leute fragen, warum sie nicht lächeln dürfen, sage ich: “Wenn du so ein Foto möchtest, dann kannst du es mit deinem Handy machen”. Ich möchte ganz klar ein anderes Foto. Es macht ja keinen Sinn zu mir zu kommen und die selben Bilder zu machen, die ich selber eigentlich machen würde. Die Leute haben ja meistens auch eine Erwartung, ein Bild von sich wie sie glauben, auszusehen.  Und ich versuche da eigentlich ein bisschen gegen zu bürsten. Manche wissen im ersten Augenblick auch gar nicht so recht wie sie es finden. Dann sage ich: “gucke es dir Zuhause einfach mal in Ruhe an. Du wirst schon noch verstehen worum es geht”. Beim Digitalen ist es so, dass man viel zu viel macht, gerade was Instagram anbelangt: Es ist einfach inflationär. Wenn ich ein Bild betrachte oder poste, guck ich es mir – wenn überhaupt – fünf Sekunden an. In dem Augenblick habe ich schon wieder die nächsten 100 neuen Bilder, die kommen usw.. 

Du beschreibst, dass mit einem klassischen Fotoapparat oft mehr starke Bilder entstehen, als unter 1000 Digitalfotos zu finden sind. Woran liegt das?

Du hast in einem Film 36 Bilder, der auch was kostet. Das heißt du wirst dir, auch wenn du vielleicht nicht viel Geld hast, pro Monat beispielsweise vielleicht zwei Filme kaufen. Du weißt du musst mit diesen beiden Filmen klar kommen. Dann hast du ja immer noch zwischen jedem Bild dieses Transportieren. Das ist nicht nur einfach drauf los knipsen. Und dann ist der Film ja auch irgendwann einmal fertig und dann musst du, wenn du den abgibst, zwei, drei Tage warten oder du entwickelst es selber. Viele freuen sich so diebisch, dass sie warten müssen. Mir hat mal ein junges Mädchen gesagt: “Ich freue mich, dass ich wieder warten muss”. Die treffen sich ja teilweise zum Filme abholen und sind total happy, diese Papierbilder in der Hand zu haben. Das ist ja was anderes, wenn ich diese “real pictures” in der Hand halte, oder ob ich mich mit Freundinnen treffe und wir switchen jetzt mit dem iPad hin und her. Das kennt man auch von früher, von den Eltern zum Beispiel: Wenn man sich getroffen hat und Bilder angeguckt hat, wurden die Bilder so rumgereicht. Man kommt zusammen und sagt „hier guck mal da und dies und jenes“. Und du hast auch wirklich was in der Hand. Ich liebe auch mein iPad, aber das ist einfach was anderes. Was ich auch am Film mag, ist, dass du den ja entwickelst und dann machst du diese Dose auf und hast einfach ein Negativ in der Hand und nicht irgendeine Speicherkarte. Wenn man das Samsung-Handy aufschraubt, sind die Bilder ja nicht wirklich da. Solange du digitale Dateien nicht ausdruckst, ist das ja sowieso verloren, weil man das in so und so vielen Jahren wahrscheinlich gar nicht lesen wird. Ein Bekannter von mir, der auch Fotografie und digital unterrichtet, der rät: Gib jeden Monat 50 Euro aus und printe die Bilder aus. Mache wenigstens Ausdrucke daraus, sodass du wirklich was in der Hand hast, pack es in den Schuhkarton und vergiss es. 

Vielleicht bekomme ich nur zwei, drei Bilder, wenn überhaupt, vielleicht auch nur ein Bild. Und dann habe ich aber ein Bild, das meiner Meinung nach viel stärker sein wird, als wenn ich, was weiß ich, nicht wie viele Fotos mache. Weil es einfach wieder konzentrierter ist. Das heißt, du überlegst dir zwischen jeder Aufnahme: Drücke ich ab? Drücke ich nicht ab? Gerade die Beschränkung: Wenn du dir nur zwei Filme im Monat  leisten kannst, gehst du damit ganz anders um, weil das bekommt ja wieder einen Wert.

Denkst du, diese Art alte Fotografie zu nutzen, erlebt ihren zweiten Frühling?

Ja, es gibt einen ganz klaren Trend. Und wenn ich auch bedenke, wie viele, gerade auch junge Leute, wieder analog fotografieren. Zum Beispiel die Polaroid-Geschichte, aber auch mit normalen analogen Kameras, Mittelformatkameras, Kleinbildkameras. Es gibt auch sehr viele junge Leute, die das teilweise auf dem Flohmarkt kaufen, vom Opa oder Vater geschenkt bekommen und es einfach geil finden.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass die Fotografie eine lange Geschichte hat. Gut man kann sagen, das ist jetzt ein anderer Träger geworden. Aber es ist etwas anderes. Ich glaube, dass die das Gefühl haben, dass es so “real stuff” ist. Das ist wie wenn du mit einer Frau zusammen bist, die perfekt und schön aussieht oder eine Frau die natürlich ist. Ich würde mich nie in das Perfekte verlieben. Du hast eine Vorstellung, aber: Du lernst eine Frau kennen und dann denkst du dir irgendwie “die ist es”. Das ist dieses Authentische. Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, es ist alles nur noch light und politisch korrekt und so weiter. Und Film hat ja auch so eine bestimmte Ästhetik und das gehört auch dazu. Beim Digitalen ist es, finde ich persönlich, sehr glatt. Und was ich ganz absurd finde ist, wenn Leute versuchen, mit irgendwelchen Photoshop-Plugins die analogen Filme zu simulieren, also das Korn, die Farbe. Aber da frage ich mich: Warum nehmen die denn nicht den richtigen Film? Wenn ich es fake, ist es ja nicht das Richtige. Das versucht was zu imitieren, was es nicht ist. Mich hat einmal ein Bekannter gebeten, ob ich für ihn eine Belichtung machen kann, dass er eine graue Fläche fotografiert hat, dass er das Korn nehmen kann von dem Film, um es über seine digitalen Bilder zu legen. Ich habe gesagt: “Warum fotografierst du denn nicht auf Film?”. Da hat er keine Zeit. Ich finde, wenn es digital ist, dann kann es doch digital aussehen. Dann hat das einen bestimmten digitalen Look. Dann ist es ja auch okay. Das wäre genauso, wie wenn du anders herum versuchen würdest, analog digital zu imitieren. Das ist einfach nicht das Richtige. Es ist ja was Haptisches und im Labor riecht es nach Entwickler, nach Fixierer, du arbeitest bei so rotem Licht und entwickelst zum Beispiel deine Filme und nimmst sie aus der Spule raus und hast dann diese Negative. Ich mache das ja 30 Jahre, aber ich finde es immer noch magisch.

Ich habe auch die Serie “happy client”, worauf man ein wenig dieses vorher/nachher und den Vergleich zwischen digitalem und analogem Foto sieht. So sehen die Leute in real aus. Ich finde es auch schön, wenn ich diese Repro mache, dann hat man auch noch diesen Rahmen von den Repro-Stellen noch zu sehen. Das heißt, man hat praktisch so ein Bild im Bild. Und es ist dann auch wirklich nur mit dieser Kamera gemacht worden und nicht mit anderen. Dann hat es noch einmal sowas Einmaliges. Das Schöne bei den Kameras ist auch, dass sie nicht in Serie gebaut wurden. Das heißt, es gab dieses Modell wirklich nur einmal. Es gibt keine Marke.

Findest du auch, dass die Kamera bestimmte Charakterzüge herauskitzelt – obwohl sie nicht wie die hochauflösenden aktuellen Apparate arbeitet?

Ja, es bekommt eine ganz komische Tiefe finde ich. Ich bin oft wirklich baff, ehrlich gesagt. Ich weiß eigentlich vorher, ob es gut wird, aber wie es dann 100% konkret aussieht, lässt sich sehr schwer abschätzen. Es verstärkt so sehr Charaktere und wirkt fast so, als ob es gemeißelt wäre. Es hat so eine ganz andere Präsenz.  Beim Digitalen müsstest du das erst manipulieren oder nachträglich was rausholen. Ich finde es aber auch schön, dass du die Bilder nicht manipulieren kannst. Die kommen so raus wie sie rauskommen. Ich kann sie vielleicht ein bisschen heller oder dunkler machen, wenn ich will. In der Dunkelkammer kann ich aber nicht wie bei Photoshop einzelne Partien bearbeiten. Das Bild kommt so raus wie es ist. Bis zu einem gewissen Grad bin ich offen für Kritik, wenn jemand sagt es gefällt ihm nicht. Dann mache ich es auch noch einmal. Aber ab einem gewissen Punkt sage ich den Leuten “es ist so wie es ist”. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie man aussehen möchte, wo man sich gut fühlt, wo man seine Schokoladenseite hat.  Man möchte einfach einem Bild entsprechen, dass man von sich hat. Und ich sage häufig zu den Leuten, dass sie das möglichst als Bild, als eigenständige Fotografie sehen sollten und nicht unbedingt als Bild von sich selbst. Dann kriegst du glaube ich mehr Abstand zu dem, was du dort siehst und kannst es glaube ich auch eher annehmen. Ich habe einmal einen Mann fotografiert, der sich sein Foto angeguckt hat und meinte: “Sehe ich wirklich so aus?“ Also er sah auf dem Foto wirklich fertig aus. Er sah grundsätzlich fertig aus, aber auf dem Foto sah er noch 10 Jahre fertiger aus. Aber ich habe ihm auch gesagt “guck es dir Zuhause ab und zu mal an. Das Bild ist viel stärker als du”.

Und so ist es bei vielen dieser Fotos. Die Fotografien sind stärker. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Leute diese Präsenz im wirklichen Leben haben. Aber in diesem Moment bekommen sie mit dieser Kamera diese Präsenz, diese Kraft und diesen Ausdruck. Den müssen sie nicht zwangsläufig haben und das müssen sie auch gar nicht sein. Und das finde ich faszinierend, dass ich praktisch damit die Leute irgendwie überhöhe und zu etwas mache, was sie, wenn man es genau nimmt, eigentlich gar nicht sind. Das ist ganz eigenartig, aber es funktioniert irgendwie. Und das liebe ich.

Das ist das Interessante. Wenn man Fotos bekommt, so wie man aussieht: Das macht ja keinen Sinn, finde ich. Also wenn ich das als Fotograf mache. Wenn ich Schnappschüsse für meine Freundin oder meinen Freund mache, dann ist das ja auch gut. Dann muss es ja nicht mehr sein. Aber wenn du nachher auf den Bildern etwas siehst, was viel stärker ist als was du sonst glaubst. Irgendwo bist du das ja auch. Ich verstehe immer nicht wie das funktioniert, aber es ist so. Manchmal komme ich mir bei meiner eigenen Arbeit auch so vor, dass es eher mit Modellieren zu tun hat. Ich arbeite ja auch viel mit Tänzerinnen und Schauspielerinnen zusammen. Dadurch arbeitet man auch sehr körperlich. Ein Tänzer reagiert ganz anders als ein Normaler. Wenn man digitale Fotos machen würde, würdest du ständig alle paar Schüsse mit dem Modell auf das Display, den Rechner gucken und würdest gleich korrigieren usw.. Und so passiert es einfach. Man arbeitet drei, vier Stunden und hat erst einmal null Ergebnisse. Das heißt, du siehst gar nichts – außer, dass ich weiß, dass es im Kasten ist – aber auch wieder nicht. Und dann dauert die Entwicklung manchmal drei oder sechs Monate.

Es ist nicht das Eins zu Eins. Es geht darum, andere Ergebnisse zu bekommen.



Titelbild: @Andreas Waldeck

Bilder aus Emojis: Porträt von Rihanna aus Emoticons

Yung Jake bastelt Bilder aus Emojis.
Probiert selbst!

Wer künstlerisch aktiv ist und ein leeres Blatt füllen möchte, greift zu Stift, Pinsel, Feder und Co.. Doch habt ihr auch schon einmal mit Emoticons per Mausklick gemalt? Der amerikanische Künstler und Rapper Yung Jake macht es vor und gestaltet Starporträts komplett aus Emojis. Mit dabei sind unter anderem: Sängerin Rihanna, It-Girl Kim Kardashian, Rapper Wiz Khalifa und Comedian Jerry Seinfeld.

Miley Cyrus: Eine Ansammlung von Tieren, Nahrungsmitteln und Warnsymbolen

Jake sucht und platziert die kleinen Bildchen nicht zufällig, sondern mit Bedacht sowie hin und wieder mit einem zwinkerndem Auge. So besteht die Zunge von Miley Cyrus beispielsweise aus vielen kleinen Schweinen. Von süßen Tieren, über Cookies, bis hin zu Warnschildern und “vs.-Zeichen” nutzt er die Bandbreite der Emoticons, um dem Imagewandel der Sängerin und Skandalnudel gerecht zu werden.

Schon im 16. Jahrhundert gestaltete der Renaissancekünstler Giuseppe Arcimboldo seine Werke auf ähnliche Art und Weise. Die Bilder setzen sich aus Obst, Gemüse und Pflanzen zusammen. Bei Arcimboldo wird die Nase zur Kartoffel, bei Yung Jake zum Smiley.

Bilder aus Emojis online zeichnen

Jakes Werke entstehen mit Hilfe der Website Emoji.ink. Dort kann der Nutzer aus zahlreichen Piktogrammen und Symbolen wählen und drauf los basteln. Sogar die Größe kann individuell bestimmt werden. Nur im Internet Explorer funktioniert das Malprogramm leider nicht.

Wir von NeoAvantgarde haben es auch mal ausprobiert.

Bilder aus Emojis: neoavantgarde Logo aus Emojis mithilfe der Website Emoji.ink.

Die Emoji-Kunst von Yung Jake könnt Ihr auf Digg.com sowie auf seinem Twitter-Account bestaunen.
Titelbild: @Yung JAke

Museen digital: Smartphone wird vor Gemälde gehalten

Galerie to go: Wenn Museen digital gehen

Verstaubt, langweilig, unnahbar und anspruchsvoll – so empfinden viele Menschen einen klassischen Museumsbesuch. Doch was passiert, wenn Galerien mit digitalen Erweiterungen arbeiten? Wenn sich Nutzer online zuschalten und historische Umgebungen virtuell betreten können? Immer mehr Museen und Kooperationspartner setzen auf neue digitale Erlebnismöglichkeiten. Sie bieten Apps, welche den Besuchern durch Bilderkennung, zusätzliche Infos, Videos und Interaktionen einen spielerischen Zugang zur Kunst eröffnen. Wir geben Euch Einblicke, wie Museen digital performen können.

Smartify – das Shazam für Museen und Kunstwerke

Museen digital: App auf dem Smartphone wird vor ein Kunstwerk im Raum gehalten
SMARTIFY ‘Black Shed Expanded’ by Nathaniel Rackowe, Sculpture in the City 2017

Die Anwendung Smartify funktioniert ähnlich wie die beliebte Musikerkennungs-App Shazam. Sie erkennt Kunstwerke auf Fotografien. Das funktioniert nicht nur im Museum. Wer auf der Straße ein interessantes künstlerisches Objekt entdeckt, vielleicht eine Statue oder eine Installation, der zückt die App und kann mehr erfahren. Die Software analysiert das geschossene Foto und liefert Zusatz-Informationen wie Größe, Jahr der Erstellung, Name, Details zum Autor, spannende Zusammenhänge, Audio- und Video-Kommentare der Museen und vieles mehr. Die Lieblings-Kunststücke können dann auf dem Smartphone in einer Art „Galerie to go“ gespeichert und bei Bedarf geteilt und kommentiert werden. Den Bewertungen einiger Nutzer zufolge, hapert es allerdings noch hier und da mit der technischen Funktionalität. Dies können wir bestätigen: Scan-Proben dauerten lange, oft ohne Ergebnis. Vielleicht liegt es daran, dass noch nicht viele Kunstwerke erfasst sind. Laut Hersteller will man zukünftig das künstlerische Netzwerk ausbauen und mit mehr Museen kooperieren. Vielleicht klappt dann auch die Bilderkennung besser.

Altes Handwerk und neuen „Homo Virtualis“ erleben

 

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Eine digitale Anwendung zur Bilderkennung gibt es jetzt auch in Russland. Die Tretyakov Gallery und das Pushkin Museum of Fine Arts integrieren eine neue App, welche die Kunstwerke digital erfasst und bei einem Besuch zusätzliche Infos liefert. Die Besonderheit hierbei ist es, den Entstehungsprozess der Werke virtuell zurückverfolgen zu können. So gibt es beispielsweise Vorher-/Nachher-Bilder von Restaurationen. An welcher Stelle des Werkes wurde Hand angelegt? Wo saß der erste Pinselstrich?

Im Pushkin Museum of Fine Arts widmet sich zur Zeit auch die Recycle Group der Digitalisierung unseres Lebens. “Homo Virtualis” heißt die Ausstellung, die dort noch bis zum 20.08. zu sehen ist. Die Künstler nutzen die Erweiterte Realität (augmented reality) und vollenden ihre Werke im Digitalen. In den Ausstellungsräumen sind Skulpturen zu sehen, die zunächst an die Werke alter Künstler erinnern. Jedoch bestehen die Objekte aus den modernen Materialien Polyurethane und Plastik. Sie sind sehr abstrakt, minimalistisch und meist einfarbig. Hält der Besucher die dazugehörige App vor das Werk, so verändert sich die Skulptur und wird virtuell erweitert. Körper werden komplettiert und beispielsweise im Stil einer Wärmebildkamera eingetönt. Der „homo virtualis“, ein digitales menschliches Gerüst, erscheint in typischer Smartphone-Pose. Mit der Verbindung von alten Darstellungsweisen und neuen Materialien sowie Techniken, wollen die Kuratoren zeigen “how art perception has been transformed in the age of mass media and social media”.

Städel Museum: Digitale Zeitreise in das Jahr 1878

Das Städel Museum in Frankfurt am Main ist, in Sachen digitaler Kunstgeschichte, ebenfalls ein Vorreiter. Auch hier besteht die Möglichkeit, sich den Museumsbesuch via App mit informativen und multimedialen Funktionen zu erleichtern. Favoriten können gespeichert und Themenlisten durchsucht werden. Das Museum sieht in der digitalen Erweiterung die Chance für „völlig neue Wege der Erforschung, Darstellung, Erzählung und Vermittlung von Kunst”. Für den Grimme Online Award nominiert ist der kostenlose Online-Kurs „Kunstgeschichte online – der Städel Kurs zur Moderne“ . Die Entwickler versprechen einen unterhaltsamen und neuartigen Einblick in die Kunstgeschichte. Er integriert Hintergrundinformationen zu Werken, Künstlern, Stilen, Filmen und historischen, kulturellen sowie politischen Zusammenhängen von 1750 bis heute.

Wie sah eine Galerie früher aus? Wie wirkte die Architektur auf die gezeigten Werke? Mit einer kostenlosen Virtual-Reality-Zeitreise- App, können Besucher außerdem die Museumsräume und ihre Vergangenheit erleben. Die historischen Sammlungsräume von 1878 sind via 3D Grafik und Virtual-Reality-Brille virtuell begehbar. Wenn Museen digital gehen, fehlt es oft noch an perfektionierter Technik und dadurch an virtueller Authentizität. Die Ideen machen aber Lust auf mehr.

Titelbild: @SMARTIFY  ‘The Laughing Cavalier’, The Wallace Collection

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017

Documenta 2017: Eine digitale Schachpartie
zwischen Athen und Kassel

Schachmatt – heißt es auf der Documenta 2017. Zum ersten Mal findet die Ausstellungsreihe in zwei Städten statt – Kassel und Athen. Wir berichteten bereits darüber. Der Künstler Bili Bidjocka thematisiert diese Aufteilung spielerisch in seinem Werk “The Chess Society”. Darin lässt er die Städte in einer Schachpartie gegeneinander antreten. Auch ihr könnt mitspielen, denn: Das Duell ist webbasiert.

Ein Flop unter dem Weihnachtsbaum

Bili Bidjocka ist ein zeitgenössischer Künstler, der für seine Skulpturen und Installationen bekannt ist. Geboren ist er in Kamerun, aufgewachsen in Frankreich – wo er auch heute noch arbeitet. Darüberhinaus hat es den Künstler nach Brüssel und New York verschlagen. Einige seiner Werke stellte er bereits im „New Museum of Contemporary Art“ aus. Bili Bidjocka kam schon früh und zunächst unfreiwillig mit dem Strategiespiel in Verbindung. Die Überraschung und Enttäuschung war groß, als er und sein Bruder in Kindertagen ein Schachspiel als Weihnachtsgeschenk erhielten. Sie kannten weder die Regeln, noch wussten sie so recht etwas anderes damit anzufangen. Doch die beiden freundeten sich zunehmend mit einem Match an und spielten hin und wieder eine Partie. Das digitale Schach-Kunstwerk widmet Bili Bidjocka seinem Bruder.

Die Installation einer virtuellen Schacharena

Den Eröffnungszug der Kunstausstellung, im Rahmen der Documenta 2017, durfte Athen setzen. Dort ist die Installation mittlerweile beendet. In Deutschland kann das Duell nach wie vor in einer Industriehalle auf dem Gelände der Universität Kassel bestaunt werden. Die Installation setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Auf einem Vorhang aus Fäden ist zu lesen: “J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage“ (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann). Hinter dem Schleier verbirgt sich ein abgedunkelter Raum mit einem tiefschwarzen Wasserbecken. In dessen Mitte wird ein gigantisches Schachspiel projiziert. Es scheint, als würde das Brett auf der Wasseroberfläche schweben. Wer den Prozess live vor Ort nicht nur beobachten, sondern selbst in den Genuss einer Partie kommen möchte, kann sich in einem abgetrennten Bereich an echte Schachbretter setzen.

Documenta 2017: Online-Demokratie am Zug

Das digitale Spielfeld speist sich aus den virtuellen Zügen, die Nutzer aus Athen und Kassel, beziehungsweise Griechenland und Deutschland, auf der Website von “The Chess Society” bestimmen. Alle 24 Stunden hat man die Möglichkeit, den nächsten Zug anzubieten. Die finale Handlung richtet sich dann – ganz demokratisch – nach der Mehrheit der Vorschläge. Die bisherigen Sätze und Ergebnisse sind ebenfalls im Internet einsehbar. Zusätzlich können sich die Nutzer austauschen und das Spiel in einem Chat kommentieren. Runde eins hat Athen gewonnen. Das zweite Match endet heute. Also haltet Euch ran und entscheidet die aktuelle Partie für Kassel.

Digitales Schachbrett auf der Documenta 2017
Bili Bidjocka, The Chess Society J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke

 

Installation The Chess Society Schachbrett in Bonn
Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage
(Ich glaube, es gibt eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen Schwarzen, der putzt), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA) – Pireos-Straße („Nikos-Kessanlis“-Ausstellungshalle), documenta 14 © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Stathis MamalakisBead curtain, chess board, chess tables, chairs, chess pieces and clocks, web-based game

 

Titelbild: @Bili Bidjocka, The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, Gottschalk-Halle (Universität Kassel), Kassel, documenta 14, © Bili Bidjocka/VG Bild-Kunst, Foto: Mathias Völzke

Wenn ein Museum digital Kunstwerke verschickt, sind vor allem Herzen gefragt.

Ein Museum digital erleben:
Kunstwerke per SMS

Im Archiv des Museum of Modern Art in San Francisco (SFMOMA) schlummern mehr als 34.000 wahre Schätze. Umso trauriger, dass die Besucher von der Kunstwerksammlung bisher nur etwa fünf Prozent zu sehen bekamen. Die Ausstellungsräume bieten einfach nicht genügend Platz. Mit dem Projekt „Send Me SFMOMA” wollen die Verantwortlichen diesen Umstand ändern. Die Idee ist es, das Museum digital erlebbar zu machen, indem Kunstwerke per SMS verschickt werden. Gleichzeitig möchte man auf eine „lustige, neue und sehr persönliche Art” den Zugang zur Archiv-Kunst ermöglichen.

Send me sunshine!

Wer in den USA eine SMS mit dem Stichwort „send me” sowie einem Schlagwort, einer Farbe oder einem Emoji versendet, der erhält ein Foto eines dazu passenden Kunstwerks aus der Museumssammlung direkt auf das eigene Smartphone. Die SMS-Antwort auf ein rotes Herz kann beispielsweise ein herzförmiges Werk des US-Pop-Art-Künstlers Jim Dine sein. Einen “Kaffee” gefällig? Die Antwort: Die Fotografie “Where we come from (Marie-Therese)” von Emily Jacir. Die Abbildung zeigt eine gesellige Kaffeerunde. Auf die Kurznachricht „Schick mir deutsche Kunst“, wird mit einem Poster des Grafikdesigners Otl Aicher von der Münchner Olympiade reagiert. Selbst bei einer Nachricht wie “send me something pink” lässt sich ein Kunstwerk mit pinken Einflüssen finden. Zum Großteil erhält das Museum Anfragen rund um positive Themen wie Liebe und Glück. In Sachen Emoticons sind vor allem Tiere, Regenbögen, Blumensträuße und Roboter vertreten.

Als das Museum digital ging, wurde es zum SMS-Hit

Die Kunstaktion, welche vor wenigen Wochen startete, ist erfolgreicher als von den Initiatoren zunächst angenommen. Bereits in den ersten vier Tagen gingen etwa 12.000 SMS ein. Mittlerweile hat das Museum mehr als zwei Millionen Kunstwerke digital verschickt. Ziel sei es nicht, jeder Person jedes einzelne Werk vorzustellen. Vielmehr geht es bei der Kunstidee darum, unentdeckte Werke spielerisch zu verbreiten und neue Netzwerke entstehen zu lassen: “What we have seen, and hope to continue to see, are thousands of people connecting with artwork in fun, new, and very personal ways“.

Unikate von Unikaten

Dass jede SMS somit etwas Besonderes, fast ein Unikat ist, beschreibt das Museum auf der Projektseite: “When you say ‘Send me a landscape’ you won’t get 791 landscapes, you’ll get a landscape chosen just for you. You may one day be able to visit your landscape in SFMOMA’s galleries, or you may be the only person to see it for years to come”.

Keine Außerirdischen im Museum of Modern Art

Doch die Suche ist nicht immer erfolgreich. Eine SMS mit dem Inhalt „Wir konnten nichts Passendes finden” erhält man sogar bei Künstlernamen wie Picasso – obwohl sich seine Werke in der Museumssammlung befinden. Und auch ein Alien-Emoticon kann nicht zugeordnet werden. Doch dazu gibt es tatsächlich nichts Geeignetes im Universum des Museums of Modern Art: „Wir haben buchstäblich keine Außerirdischen in unserer Kunstsammlung”, sagte der Mitarbeiter Winesmith der „New York Times”. Trotzdem: Dass das Museum digital agiert, ist modern, bringt frischen Wind in die Museumslandschaft und erzeugt Aufmerksamkeit.

Web: sfmoma.org
Bild: @pixabay

Kunstwerk auf der documenta in Kassel Videoprojektion auf großer Leinwand

Die documenta in Kassel:
Atlas Fractured – eine Videoprojektion

Hypnotisierende Klänge, diffuse Stimmen, zahlreiche Wortschnipsel und goldenes Licht begleiten die riesige Videoprojektion des Londoner Künstlers Theo Eshetu. Im Rahmen der documenta in Kassel zeigt er in der Neuen Galerie auf einer meterlangen Leinwand eine 35 minütige Videoprojektion mit zahlreichen Bild-Überlagerungen. In dem technischen Meisterwerk wird bedeckt, verhüllt, gemischt, gewischt und verwischt – mal langsam, mal schneller. Bei den Abbildungen handelt es sich in erster Linie um Gesichter. Der Künstler zieht dabei immer wieder ethnografische Bezüge. Damit setzt Eshetu dem Selfie-Optimierungswahn, der Fülle an Filteroptionen sowie der Bilderflut der sozialen Netzwerke, dem zunehmend Künstlichen, das Künstlerische entgegen.

Ein Bilderrausch der digitalen Kunst auf der documenta in Kassel

Die gewaltige und beeindruckende Leinwand kann sich selbst in der riesigen Halle der Neuen Galerie behaupten und setzt sich aus Werbebannern des Ethnologischen Museums Berlin zusammen. Der Künstler spielt damit auf ethnologische Stereotypen und koloniale Zusammenhänge an. Er gibt Raum für Interpretation und Diskussion und verweist auf die Geschichte der Kolonisation, in welcher die heiligen Kulturgüter der Völker in Museen verbannt wurden. Schicht um Schicht überlagern und überschneiden sich in der Videoprojektion kulturelle Figuren, Masken, Plastiken, Gemälde, Bildnisse von Göttern, Titanen und Ikonen mit filmischen Porträts und Bildnissen der Gegenwart. Statt als kleine Fragmente in den Weiten des Internets zu verkommen, geraten die Bilder und ihre Zusammenhänge in den Fokus. Aus Dahlemer Museen stammende Antik-Köpfe mischen sich mit Bildern lebender dunkelhäutiger Personen. Die ethnografischen Einflüsse und Vergleiche sind nicht zufällig – Der in London geborene Künstler hat holländische und äthiopische Wurzeln. Bereits in seinen ersten Videoarbeiten thematisierte er kulturelle Klischees und verarbeitete seine persönliche Sichtweise auf berühmte Bilder. Dies führt er hiermit auf der documenta in Kassel weiter.

Zwischen Göttern und Popstars

Atlas ist in der griechischen Mythologie ein Titan, der nach damaligen Ansichten unser Himmelsgewölbe stützte. Dieses trägt die mythologische Figur als Kugel auf den Schultern. Theo Eshetu überlagert das Abbild mit einem Foto unseres Planeten. Das Gewölbe transformiert sich im Anschluss in das dunkelhäutige Gesicht eines Mannes, welcher dem Betrachter direkt in die Augen schaut. In einer anderen Szene sieht der Besucher Hände, die ein Gesicht immer wieder wegwischen, bis irgendwann ein weiteres Gesicht zum Vorschein kommt. Augen vor, Augen in und Augen hinter Händen erzeugen neue Sichtweisen. An einem anderen Punkt taucht plötzlich der Popstar David Bowie auf. Das typische künstlerische Make-Up des Sängers mit weißer Schminke und dem markanten Blitz im Gesicht sticht hervor. Wer sind die bedeutenden Figuren unserer heutigen Zeit? Welche Bilder haben wir von Ikonen? Und wen bezeichnen wir überhaupt als eine Ikone?

Gedankliche Kettenreaktionen durch bildliche Zusammenhänge

Wie der Name “Atlas Fractured” bereits andeutet, geht es nicht nur um die kulturelle Vergangenheit, sondern um einen ganzen Atlas des Lebens und seiner menschlichen Bildnisse. Neben der kulturellen Vergangenheit handelt die Videoprojektion auch von den Bildern der heutigen Gesellschaft und vor allem von dem Dazwischen. Dem Künstler gelingt es, den Betrachter dazu zu bringen, Althergebrachtes und Bestehendes aus neuen Blickwinkeln heraus zu betrachten und zu hinterfragen. Theo Eshetu löst gedankliche Kettenreaktionen aus.

Wer sind wir? Wer sind wir als Menschen? Und: Wer wollen wir sein?
Welche Bilder haben wir in unseren Köpfen – von uns und von anderen?
Und was passiert, wenn sich die Bilder der Vergangenheit mit denen der Gegenwart überlagern?

Antworten kann jeder für sich selbst finden – bei einem Besuch der Neuen Galerie im Rahmen der documenta in Kassel.

Die documenta 14 findet in Deutschland noch bis zum 17. September 2017 statt.
Web: documenta 14

Bild: @Mathias Völzke (Fotograf); Künstler: Theo Eshetu; Werk: Atlas Fractured, 2017, auf Banner projiziertes Digitalvideo, Neue Neue Galerie (Neue Hauptpost), Kassel, documenta 14

Litfaßsäule mit Plakaten und Anzeigen. In der Mitte das Cover des Buches Das Stammeln der Wahrsagerin über eBay-Geschichten

Hochzeitskleid, garantiert ungetragen:
Sarah Khan über eBay-Geschichten

Der Verkauf eines ungebrauchten Brautkleides, einer Pferdebuchsammlung zur Absicherung der Rente, ein Designersofa, das lange Zeit nicht einmal jemand geschenkt haben will – auf eBay-Kleinanzeigen tummeln sich nicht nur Kauf-und Verkaufsangebote, sondern auch jede Menge Geschichten.  Sarah Khan hat ein Buch über die Storys hinter den Inseraten geschrieben – “Das Stammeln der Wahrsagerin: Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen”. NeoAvantgarde hat sich mit der Autorin getroffen.

Welche Arten von Geschichten beschreiben Sie in Ihrem Buch?

Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich. Es sind nur acht Geschichten und es hat fast so ein bisschen den Charakter eines Plattenalbums. Jede Geschichte steht für eine eigene Idee. Das Buch fängt relativ heiter an, mit einer eher witzigen Geschichte, mit jemanden, der sein Designersofa aus den 90ern verschenken will, weil er seine Wohnung MidCentury original einrichten will. Es stört und dann fängt das Sofa auch noch an zu sprechen und erinnert ihn an seine soziale Verantwortung. Und dann muss er sich mit einem Interessenten abquälen, der sich nicht entscheiden kann. Das ist eher heiter, aber danach geht es ja gleich weiter. Da gibt es eine traurige Geschichte von einer Frau, die die Wohnung ihres verstorbenen Sohnes ausräumen muss. Von jedem einzelnen Gegenstand nimmt sie einzeln Abschied, schreibt über jeden Gegenstand einen Text und wohnt monatelang in dieser Wohnung bis alles verkauft ist. Das war eine Geschichte, die mir schwer gefallen ist zu schreiben.

Heißt das, Sie haben auch fiktive Elemente mit einfließen lassen?

Ja – wenn es geholfen hat ein bestimmtes Anliegen zu unterstreichen. Dass es zum Beispiel nicht so einfach ist, Sachen wegzugeben oder zu verschenken oder loszuwerden. Man kann das natürlich entsorgen oder entsorgen lassen. Das kostet Geld. Wenn man es verschenken will, kostet es Zeit. Viele Dinge haben ja auch ihren objektiven Wert. Aber viele Details sind immer super interessant und könnte ich mir nie ausdenken.

Sie haben ursprünglich selbst bei eBay-Kleinanzeigen Produkte für Ihr Wochenendhaus gesucht. An welcher Stelle wurde Ihnen bewusst, dass sich hinter den Anzeigen interessante Geschichten verbergen könnten?

Erst einmal bin ich auf die Sprache abgefahren. Ich habe gemerkt, dass viele Leute eine sehr volkstümliche Sprache pflegen. Das hat mich ziemlich begeistert. Das ist so ein rauer, raffer Ton, den es in der Literatur nicht mehr so viel gibt. Das waren dann für mich teilweise literarische Kleinoden, wie: “Bitte zu zweit kommen. Kein ‘Fass mal mit an’”. Das fand ich irgendwie faszinierend, dass die Leute dann auch einfach so ihre ganzen Befindlichkeiten anmerken: “Ich verkaufe zwei Edelsteintöpfe für zehn Euro. Der eine müsste noch geschruppt werden, aber wer keinen zusammenhängenden Satz schreiben kann, braucht sich gar nicht erst melden”. Da habe ich dann auch erst einmal versucht, mit solchen Leuten ins Gespräch zu kommen und habe denen teilweise auch frech zurückgeschrieben und einfach nur sprachlich darauf reagiert – ohne gleich die Idee gehabt zu haben, die zu treffen,  zu begleiten oder über Monate sprechen zu wollen. Einfach nur: Was passiert wenn man denen schreibt? Die guten Geschichten waren nicht unbedingt da, wo die Dinge waren, die ich für mein Haus brauchte. Ich musste ganz viele Leute immer wieder anschreiben und kontaktieren.

Wie haben die Nutzer auf Ihre Anfrage reagiert?

Der Anbieter diktiert wie das läuft. Aber ich habe auch viele angefragt, die dann gesagt haben: „Nein ist nicht“. Und andere waren ganz begeistert und haben gleich etwas mit mir ausgemacht und haben mich auch zurückgerufen.

Wie gestaltete sich die persönliche Kommunikation mit den Personen – im Gegensatz zur Online-Kommunikation?

Komischerweise habe ich oft das Gefühl gehabt, dass mir Leute sehr schnell alles mögliche erzählen. Was mich jetzt fast ein bisschen ängstigt, weil man dann sehr viele Geheimnisse von anderen Menschen mit sich herum trägt. Berlin ist riesig groß, man findet immer Verbindungen. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich selber geografische Zweige habe. Es war fast wie ein Orakel meines eigenen Lebens, wenn ich Leute über eBay-Kleinanzeigen kennengelernt habe, dass man doch irgendwo im Hintergrund gemeinsame Bekanntschaften hat oder gemeinsame Menschen kennt und so einen kleinen Einblick hat. Und dann weiß man teilweise auch Sachen, die man gar nicht wissen wollte.

Also offenbaren sich Beziehungsräume?

Es gibt sicher viele, die das sehr systematisch benutzen für jeden Aspekt ihres Lebens. Und ich habe auch gemerkt, ich selbst mache es auch sehr oft: wenn ich irgendetwas brauche oder ein Bedürfnis habe, dann gehe ich auf dieses Portal. Das ist total interessant. Man kann Menschen darüber kennen lernen, man kann ausmüllen, man kann verschenken und man kann tauschen. Aber das ist auch interessant: was verschenken die Leute, was gilt heute als verschenkt und welche komischen Bedingungen und Ruppigkeiten sind daran geknüpft? Oder wie gehen Leute mit illegalen Zwischenräumen um? Wenn die quasi gewerblich Sachen in ihrer Wohnung verkaufen: Was ist der Unterschied zu Jemanden, der einen Laden hat? Das merkt man auch: die Leute sind dann hochgradig nervös und wollen einem auch nicht viel erzählen. Die meisten sind aber sehr privat. In Berlin ist es ja eh immer alles ziemlich offen. Manche sind so: „Komm erstmal rein, trink einen Kaffee, zieh dir die Schuhe aus“.

Ein bisschen habe ich auch das Gefühl, das Buch handelt von den Problemen, die die Leute heute mit Geld und Arbeit haben. Viele sind ja heute freiberuflich, prekär, ziehen oft um, müssen Sachen wieder einrichten und aufgeben. Und eBay-Kleinanzeigen ist auch IKEA-Friedhof.

Die Plattform könnte als digitaler Trödelmarkt bezeichnet werden. Was glauben Sie, ist der Unterschied? Wie verhalten sich die Menschen im Gegensatz zum realen Marktbesuch? Dort hat man ja beispielsweise wenig Möglichkeiten der Rückversicherung oder Recherche.

Dass man ins Private geht, also die Auflösung. Die Industrialisierung hat gebracht, dass die Menschen nicht mehr Zuhause, im Gehöft oder in einem Hof gearbeitet haben. In der bürgerlichen Kultur gab es das Haus mit Bediensteten. Der Mann ging morgens in die Fabrik als Direktor oder als Arbeiter. Und die Frau war dann sozusagen einsam, fing an zu lesen, sich zu bilden und so weiter. Und jetzt gibt es ja seit einigen Jahrzehnten wieder dieses Homeoffice, Freiberuflichkeit, dass man das gar nicht mehr so richtig trennen kann, wo man arbeitet und, ob man gerade lebt oder arbeitet. Und jetzt werden auch die Wohnräume zu Geschäftsräumen. Man bringt völlig fremde Leute über eine Verabredung im Internet in sein Haus und verkauft alte Sachen von sich. Und dann gibt es sozusagen eine kurze Begegnung. Die meisten Leute sind ja auch nicht so wie ich, dass sie sich dann hinsetzen und sagen “erzähl mal”. Viele sind sehr knapp und distanziert. Das bin ich nicht, ich bin eine Autorin, ich will das alles hören. Es belastet mich teilweise auch oder wird mir zu viel oder denke mir, was soll der banale Kram. Aber letztendlich kann man in diesen banalen Geschichten oft interessante Sachen finden, das glaube ich zutiefst. Das ist eigentlich das Entscheidende. Früher gab es Künstler, die sich eine Ladenwohnung gemietet haben, in der sie lebten und den ganzen Tag war Verkaufsausstellung. Du konntest reingehen und sagen “komm lass uns ein Bier trinken und jetzt kaufe ich dir eine Kaffeekanne ab”. Oder es gab Boutiquen in London oder so, das waren einzelne Kunstwerke. Heute macht das jeder: Das Konzept, dass das eigene Haus nicht nur bei Airbnb ist, dass man diese Grenzen nicht mehr hat.

Was glauben Sie, warum sich die Nutzer dazu verleiten lassen, ihre persönlichen Geschichten anzudeuten? Bei eBay zählt ja eigentlich eher der schnelle und praktische Kauf und Verkauf.

Genau, aber man sagt eben auch, es ist kein Anbieten wie “Sauer-Bier”. Also es muss ja schon etwas Geliebtes sein. Es kommt aus einer anderen Zeit. Es steht für etwas und da reichen solche Kategorien wie neu oder alt gar nicht mehr, weil Dinge dann einen Wert aufladen können, wenn sie alt sind oder wenn sie gewisse Spuren haben oder aus einer bestimmten Mache kommen, die heute nicht mehr produziert wird. Aber man begibt sich immer häufiger auch in die Verkäufer-Perspektive. Was machen denn Verkäufer, wenn sie Dinge anpreisen? Sie schmeicheln, sie stellen die Dinge in das richtige Licht, sie erzählen auch irgendwo eine Geschichte. Diese Idee, dass man durch Dinge erst lebt, also durch den Besitz und die Ingebrauchnahme von Dingen. Das Problem ist nur, und das zeige ich ja auch an einer Geschichte, dass wenn da keiner ist, wenn man einsam ist: du kannst dir einen Tischgrill kaufen, aber du kannst dir nicht die Menschen kaufen, die mit dir Grillen.

Bei eBay ist es schon eher nüchtern und man kann nicht sofort hingehen. Dort ist es eher ein Einblick in viele Wohnzimmer. Wenn man irgendwo in Deutschland mal reist und man fährt an kleine Orte oder Städte: Ich finde das so interessant, sich dann die eBay-Kleinanzeigen aus dem Ort anzusehen. Dann sieht man so viele Wohnzimmer. Es sind sozusagen Museen des Alltags. Die Leute fotografieren Sachen, im Hintergrund sieht man das Fenster, sieht man die Straßen, man kann das teilweise total zuordnen, man sieht Garagen, man sieht ein Zimmer, man sieht wie Leute ihre Klamotten einräumen oder nicht einräumen und Haustiere. Man sieht sehr selten Menschen. Bei Hochzeitsfotos ist es oft so, dass die Gesichter ausgeschnitten sind. Ansonsten ist das einfach eine richtig interessante, kulturwissenschaftliche Quelle. Man kann sehr viele Bilder, Geschichten, Poesie und so weiter finden.

Könnte man Ihrer Meinung nach sagen, dass die Anonymität des Netzes unbewusst zu einer großen Intimität verleitet?

Man spricht erst einmal in einen Raum hinein. Wenn ich Sachen von meinen Kindern verkaufe, ertappe ich mich dabei, dass ich sage “meine Tochter hat das total gerne gespielt, das ist vollständig, das begeistert jede Fünfjährige“ oder so. Und auf einmal wird man so vertrauensselig, obwohl da gar keiner steht. Also wenn da einer stehen würde, mich anschaut, dann würde ich das wahrscheinlich nicht machen. Deshalb spricht einiges für diese Theorie. Es ist ein interessanter Effekt aus diesem Widerspruch heraus. Dazu kommt eben, dass außer der Privatheit eigentlich nichts anderes für die Dinge sprechen kann – außer das Anfüllen der Dinge mit der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen Emotionalität. Also wir beleben, wir beseelen diese Dinge mit unseren Empfehlungen und die Empfehlungen kommen aus unserer Ingebrauchnahme. Und die Gebrauchnahme ist natürlich so, dass sie fast keine Spuren hinterlassen hat, also fast wie neu ist, nur wenig getragen – aber gleichzeitig heiß geliebt: “Meine heiß geliebten Gummistiefel, die ich nur zwei Mal getragen habe, aber jetzt ziehe ich nach Südspanien, wo es nie regnet”. Solche Muster hat man ständig. Also es ist nichts Individuelles in dem Sinne oft zu finden, also selten. Und dann merkt man, dass es da eine Störung gibt. Und darauf habe ich am ehesten noch reagiert, dass es sozusagen manchmal Abweichungen von diesen Mustern gegeben hat.

Die von Ihnen gewählten Inserate haben einen gemeinsamen Nenner: Sie stammen von Berlinern. Haben sie den Eindruck, dass Berlin eine besondere Stadt mit besonderen Geschichten ist?

Ja – da bin ich mir ganz sicher, weil hier einfach eine enorm große und auch eine in ständigen Veränderungen befindliche Stadt ist und viele zuziehen, wegziehen, arm sind. Es betrifft ja nicht nur Arme, einfach, dass die Menschen hier sehr offen sind. Dass es sozusagen einen hohen Umschlag-Rhythmus gibt. Und gerade erben unheimlich viele Menschen Sachen, die man heute nicht mehr benutzt, riesige Schrankwände, Aquarien, solche Dinge, die zu einer ganz anderen, viel gefestigteren Lebensweise gehören, zu der alten Bundesrepublik oder zur DDR. Also wo die Leute wirklich mit 15, 20 ihr Leben durchplanen konnten. Und heute ist es nicht mehr so. Die ganzen schweren Möbel unserer vorherigen Generationen sind schon jetzt eine enorme Belastung für Menschen, weil sie gar nicht mehr so ein gesetteltes Leben führen können. Und nicht jedes Mal einen Schwertransport organisieren wollen. Wir haben viele Singles, wir haben viele Leute, die ziehen zusammen und trennen sich wieder, müssen Familien über zwei, drei Haushalte organisieren. Es sind heute einfach andere Bedingungen. Viele Leute sind so froh, nur dass sie die Sachen los sind, dass sie sie verschenken können. Und auf dem Land ist es nicht so. Man hat viel größere Wege, man möchte nicht, dass die Nachbarn zu viel sehen. Weil es ja auch wirklich, gerade im Bereich der Geheimnisse, zu Konflikten kommen könnte. Man möchte auch nicht zu nah sein, weil man dann auch abhängig oder ausgeliefert wäre. Denn Nähe bedeutet Information, bedeutet, es könnte Klatsch geben usw.. Man baut viel mehr an einem Bild von einem, was die anderen haben, weil sie einen sozusagen ständig spiegeln. In Berlin versendet es sich, es diffundiert, es löst sich viel stärker im allgemeinen Getöse auf. Das empfinden ja auch sehr viele als angenehm am städtischen Wohnen, dass man sich nicht so von den anderen beobachtet fühlen muss, wie man es im Dorf tut. Und entsprechend gehemmter sind die Menschen in den Dörfern und haben ja auch ganz andere historische Erfahrungen.

Im Netz ist es erstmal oberflächlich. In dem Moment, wo man sich trifft und begegnet, ist es wieder die ganz normale menschliche Begegnung und es gibt solche und solche. Das Portal ist nur eine Möglichkeit der absoluten Vernetzung mit Leuten.

Instagram Trend Foto von dem bunt bemalten Dorf in Indonesien

Das Regenbogendorf:
Ein Armenviertel wird zum Instagram Trend

Von Wänden, Dächern, Geländern, oder Treppen, bis hin zu den kleinsten Pflastersteinen – in dem indonesischen Dorf Kampung Pelangi erstrahlt alles in den buntesten Farben. Verschiedene Künstler bemalten die ganze Umgebung in Regenbogenfarben. So erhielt der Ort Gunung Brintik seinen Beinamen Kampung Pelangi, übersetzt: das Regenbogendorf. Hier entdecken Besucher in und an jeder noch so kleinsten Ecke neue Bildmotive und Farbkombinationen. Kunterbunte Töpfe, Stühle, Regenschirme, Girlanden, Ballons und Fahnen schmücken – mit viel Liebe zum Detail – zusätzlich die Straßen von Kampung Pelangi. Besucher halten ihre Eindrücke auf Fotos fest und lösen so einen Instagram Trend aus. Ein kleines Dorf erlangt Weltruhm.

Ein Slum als Touristenattraktion: Doppelmoral?

Auf dem zweiten Blick stellt sich die Frage, ob das alles wirklich so schön und heiter empfunden werden sollte. Denn es handelt sich um ein Slum.  Ein Armenviertel sollte nicht als Touristen-Attraktion und Sehenswürdigkeit herhalten müssen. Schließlich versuchen die Menschen vor Ort tagtäglich, mit den einfachsten Mitteln, über die Runden zu kommen. Folgt das Projekt einzig und allein dem Motto: “Ich mal mir die Welt, wie sie mir gefällt”? Nicht ganz. Die Intention dahinter ist eine andere: durch die Umgestaltung der tristen Umgebung, soll dringend benötigte Hilfe geleistet werden. Die Idee kam von dem Schuldirektor Slamet Widodo. Zu „The Jakarta Post“ sagte er: „Hoffentlich wird Kampung Pelangi einst die größte und farbenfrohste Stadt Indonesiens werden“. Die indonesische Regierung unterstützte das Vorhaben mit umgerechnet 200.000 Euro. Der Tourismus solle angekurbelt und dem Dorf, mit seinen verwahrlosten Häusern sowie seiner schlechten Infrastruktur, dadurch geholfen werden.

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Ein buntes Dorf als Instagram Trend

Und tatsächlich: das kleine Viertel wurde in seinem neuen Look bekannt “wie ein bunter Hund”. Unter dem Hashtag #kampungpelangi, verbreiten auf Instagram immer mehr Nutzer Fotos ihres Regenbogen-Dorf-Besuches. Diese sind echte Hingucker und machen neugierig auf mehr. Dank der großen Aufmerksamkeit als Instagram Trend, wurde das Dorf zu einem echten Besuchermagneten. Durch Unterkünfte, Souvenirs, Streetfood und Führungen, können die Dorfbewohner wichtige Einkünfte erzielen und ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Regierung möchte nochmals rund 1 Million Euro in die Sanierung des Abwassersystems stecken.

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Demnach bleibt den Einwohnern des indonesischen Dorfes zu wünschen, dass der Besucherandrang anhält. Solange die Touristenströme keine neuen Probleme, wie eine Verschmutzung der Umgebung, Auflösung bestehender Kulturen und Traditionen, oder gar die Verdrängung von Einheimischen mit sich ziehen, gilt: mit Regenbögen Brücken bauen.

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Titelbild: @arieprakhman

Bilder:  @irfan_el_zayn, @dudisugandi, @nengpujii, @djoeraganlemak

Instagram-Video: @ady.sis